Krieg gewonnen, Frieden verloren

Buchkritik

1. January 2008 - 0:00 | von Joseph Croitoru

Internationale Politik 1, Januar 2008, S. 137 - 139

Kategorie: Humanitäre Intervention, Konflikte und Strategien, Demokratisierung/Politischer Systemwechsel, Krieg/Kriegführung, Naher und Mittlerer Osten/Nordafrika, Vereinigte Staaten von Amerika, Nordamerika, Irak

Dafür, dass sich die amerikanische Diskussion über den Irak-Konflikt für den Leser hierzulande vergleichsweise detailliert nachverfolgen lässt, sorgt eine Fülle von Übersetzungen – etwa die von Bob Woodwards neuestem Buch. Schwieriger ist es mit der Diskussion in der arabischen Welt. Drei Titel gewähren einen vertieften Einblick in die Debatte.

Bob Woodwards drittes Werk zum jüngsten Irak-Krieg, das nun in deutscher Übersetzung vorliegt, markiert als einen der Hauptverantwortlichen für das umstrittene amerikanische Vorgehen im Irak den Präsidenten George W. Bush. Dieser habe aus fast schon infantil-innerfamiliären Gründen die von seinem Vater seinerzeit unterlassene Zerschlagung der Saddam-Diktatur um jeden Preis – und in aller Schnelle – durchführen wollen und sich dabei auch noch religiös berufen gefühlt. Als besonders skrupellos und starrköpfig entlarvt Woodward jedoch Bushs damaligen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, der die Arbeit des oftmals weitaus kompetenteren Außenministeriums unter Colin Powell stets durchkreuzt und behindert habe.

Die Dominanz des Verteidigungsministeriums resultierte nicht zuletzt daraus, dass Bush jun. große Teile seiner treuesten Mannschaft aus jenen militärischen Seilschaften rekrutierte, auf die sich schon sein Vater gestützt hatte. Dass deren hauptsächlich im Vietnam-Fiasko und im zweiten GolfKrieg gewonnenen militärischen Erfahrungen bei der Invasion des Irak nur wenig nützlich waren, wird vom Autor zwar angedeutet, jedoch nicht eingehend analysiert. So muss als Erklärung für die Fehler der amerikanischen Irak-Politik das vom Weißen Haus diktierte überstürzte Tempo ausreichen; ein Tempo, das zu einem regelrechten Gewirr von Zuständigkeiten geführt habe. Woodwards Ausführungen zeigen allerdings deutlich, wie wenig man in Washington über die tatsächlichen Verhältnisse im Irak und vor allem über die irakischen Widerständler Bescheid wusste. Und dass man es dort schon bald mit einem wahrhaften Aufstand zu tun hatte, wurde ebenso wie die eigenen Fehlentscheidungen lange verdrängt.

Anders als Woodward geht der irakische Politiker Ali A. Allawi in seinem Buch vor, einer gelungenen und fundierten Geschichte des modernen Irak, die sich hauptsächlich den Jahren 2003 bis 2006 widmet. Dass Allawi den zwei ersten Übergangsregierungen des Irak als Verteidigungs- und Finanzminister angehört hatte, merkt man seinem ausgewogenen Werk kaum an. Allerdings hätte man sich hier ein wenig mehr Informationen über politische Interna gewünscht, die Allawi jedoch dem Leser vorenthält – offenbar aus Vorsicht, denn er agiert noch immer als Berater in der irakischen Politik. Indessen spart er nicht an Kritik, weder an den Amerikanern noch an der eigenen politischen Führungsriege.

Das amerikanische Befreiungsunternehmen hatte seiner Auffassung nach – in diesem Punkt stimmt er mit Woodward überein – von Anfang an unter dem Dauerkonflikt zwischen den „Realisten“ um Powell und den radikalen „Neokonservativen“ um Rumsfeld gelitten. Hinzu kam, dass es für die Zeit nach der Invasion kaum Pläne gab. Bei dem Versuch, im Land eine neue Verwaltung aufzubauen, wurden die tatsächlichen Machtverhältnisse vor Ort kaum berücksichtigt. So etwa die lokalen Führungsstrukturen der irakisch-schiitischen Gemeinden, die die Repressionen unter Saddam überlebt hatten und nun mit den häufig inkompetenten amerikanischen Besatzungsverwaltern leicht konkurrieren konnten. Ein weiteres Hindernis auf dem Weg zur Etablierung einer funktionierenden Übergangsverwaltung war die unzureichende Zahl von amerikanischen Soldaten, die eine effiziente Kontrolle des Landes von vornherein unmöglich machte.

Zu diesem Geburtsfehler gesellten sich bald weitere Missgriffe. Die radikale „Entbaathisierung“, sprich die vollständige Auflösung der irakischen Sicherheitsorgane sowie der Regierungspartei, auf der US-Verwalter Paul Bremer hartnäckig bestand, destabilisierte die Lage zusätzlich. Die Amerikaner hatten auch hier übersehen, dass die Baath längst zu einer tief verwurzelten Volkspartei geworden war, deren erzwungenes Ende das Land nur ins Chaos stürzen konnte. Und dass dieses Vorgehen gerade die dominierende Kraft des Saddam-Regimes, die Sunniten, noch stärker gegen die Amerikaner und die Koalition aufbringen würde, wurde ebenfalls nicht in Betracht gezogen.

Doch auch das Verhalten der führenden irakischen Elite war und ist Allawi zufolge alles andere als unproblematisch. Denn den Großteil des von den Amerikanern installierten Regierungsapparats bildeten heimgekehrte Exiliraker. Diese Heimkehrer – zu denen auch Allawi selbst zählt – kannten zwar die Lage im Land, wie sie ehedem war, mit der gänzlich veränderten Situation in der Endphase des Baath-Regimes waren sie aber nicht vertraut. Insofern wurde ihre Kompetenz von den Amerikanern überschätzt, die auch nicht erwartet hatten, dass die Heimkehrer so schnell dem Hang ihrer einheimischen Kollegen zum Nepotismus erliegen würden.

Über die Hintergründe des bewaffneten Aufstands im Irak wird weiter gerätselt. Dies tut auch Allawi, der dabei zwischen der These, eine solche Erhebung sei bereits unter Saddam vorbereitet worden, und der Auffassung, der aktive Widerstand habe sich erst nach der amerikanischen Invasion spontan entwickelt, hin und her schwankt. Der Autor neigt jedoch zu letzterer Einschätzung, da das Baath-Regime eine interne schiitische Rebellion weitaus stärker gefürchtet habe als eine militärische Intervention von außen. Gegen einen solchen Aufstand habe denn auch Saddam in seiner letzten Regierungsphase eine Spezialtruppe in urbanen Guerilla-Taktiken ausbilden lassen, deren Erfahrung einem Teil der Aufständischen – allerdings gegen einen anderen Gegner als ursprünglich geplant – schließlich zugute gekommen sein dürfte.

Die These vom angeblich im Voraus geplanten Aufstand scheint für Ahmed S. Hashim, Dozent am amerikanischen Naval War College, die plausiblere zu sein. Im Gegensatz zu Allawi ist Hashim der Auffassung, dass seit den neunziger Jahren auf der Verteidigungsagenda des Saddam-Regimes sehr wohl die Abwehr der Invasion einer fremden Militärmacht an erster Stelle gestanden habe und nicht die eines internen Aufstands. Folglich seien es auch ehemalige Baath-Sicherheitsfunktionäre gewesen, die zunächst den Kern der Aufstandsführung gebildet und alte Beziehungsnetze genutzt hätten, um den Kampf fortzusetzen. Ihre Kampfrhetorik trage denn auch typische Züge der alten Saddamschen Staatspropaganda: vom irakischen Patriotismus über den inszenierten eigenen Pseudoislamismus bis hin zur Verunglimpfung der Schiiten als „fünfter Kolonne“ des verhassten Nachbarn Iran.

Allerdings rät Hashim zu einer differenzierteren Betrachtung der Motive der Aufständischen. Häufig spiele neben Patriotismus und militantem Islamismus auch der – von den unwissenden amerikanischen Soldaten immer wieder verletzte – arabische Ehrenkodex und der damit verbundene Ruf nach Rache eine ebenso zentrale Rolle wie die Loyalität gegenüber den eigenen Stämmen, deren traditionell verankerter Einfluss von den Amerikanern nicht immer gebührend respektiert worden sei. Doch auch die sunnitischen Rebellen seien in zahlreiche miteinander konkurrierende Gruppen gespalten, von denen die ausländischen Dschihadisten wohl die unbeliebteste im Land sei. Dass die Amerikaner dieses breite Spektrum erst spät erkannt hätten und dass die Aufständischen offenbar über eine insgesamt bessere militärische Aufklärung verfügten, nennt der Autor als Gründe für die ungebrochene Effizienz ihres Untergrundkampfs.

Hashims einleuchtende Thesen über die Akteure des Aufstands und ihre Motive werden durch die Reportagen des arabischen Journalisten Zaki Chehab untermauert, der sich lange unter den irakischen Rebellen aufgehalten hat. Dort traf er stets auf militärisch gut ausgebildete Kämpfer unterschiedlicher Couleur. Auch Chehab zeigt deutlich, dass längst nicht alle Sunniten Anhänger Saddam Husseins sind und dass Islamist nicht in jedem Falle mit Dschihadist gleichzusetzen ist. Fast alle scheint jedoch die Überzeugung zu einen, dass die westlichen Invasoren aus dem Land gejagt werden müssen. Das macht ihre Bekämpfung ebenso schwierig wie der starke Rückhalt, den sie in der Bevölkerung haben, bedingt hauptsächlich durch lokale Clan- und Stammesstrukturen, die alle Regime des modernen Irak überlebt haben – und wohl weiter überdauern werden.

Bob Woodward: Die Macht der Verdrängung – George W. Bush, das Weiße Haus und der Irak – State of Denial. Stuttgart: DVA 2007, 700 Seiten, € 24,95

Ali A. Allawi: The Occupation of Iraq. Winning the War, Loosing the Peace. New Haven:Yale University Press 2007, 544 Seiten, $ 28,00

Ahmed S. Hashim: Insurgency and Counter-Insurgency in Iraq. London: Hurst & Company 2006, 212 Seiten, £ 20,00 Zaki Chehab: Iraq Ablaze. Inside the Insurgency, London: I.B. Tauris 2005, 220 Seiten, £ 20,00

Dr. JOSEPH CROITORU, geb. 1960, ist Autor der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit den Schwerpunkten Naher Osten und Osteuropa. Jüngste Veröffentlichung:„Hamas. Der islamische Kampf um Palästina“  (C. H. Beck 2007).

 
Aktuelle Ausgabe

IP Wirtschaft

 

ip archiv
Meistgelesen
  • Letzte Chance

    1. September 2019 - 0:00

  • Altes Problem

    28. August 2019 - 0:00

    Nationalismus und Gender: der Siegertext des Sylke Tempel Essaypreises

  • Krise ohne Grenzen

    1. September 2019 - 0:00

    China und die USA, Frankreich und Polen: Wie ist es um die Klimapolitik dieser vier Volkswirtschaften bestellt?