Gullivers Fesseln

Die Welt als Problemlösungsgemeinschaft

1. July 2008 - 0:00 | von Michèle Schmiegelow, Henrik Schmiegelow

Internationale Politik 7-8, Juli/August 2008, S. 18 - 27

Kategorie: Globale Fragen, Globale Institutionen, Europäische Union, Regionale Organisationen, Konflikte und Strategien, Weltweit

Die größten Probleme der Menschheit sind inzwischen global – Klimawandel, Ernährungskrise, Ressourcenknappheit etc. lassen sich nicht mehr mit politischen oder militärischen Mitteln einzelner „Mächte“ lösen, sondern nur noch gemeinsam. Der Zwang zur Zusammenarbeit wird die kommende Weltordnung entscheidend prägen.

Wie jeder Jahrhundertwechsel forderte auch der zum 21. die außenpolitischen Vordenker heraus. Sie lieferten eilfertig und gaben dem neuen Jahrhundert Adjektive wie „amerikanisch“,1 „pazifisch“,2 „asiatisch“,3 „unipolar“ (amerikanisch),4 „bipolar“ (Demokratien/Autokratien)5 oder „multipolar“ (USA, Russland, China, Indien, Japan).6Zum Trost Europas gab es sogar die These vom „europäischen“ Jahrhundert.7

Das Jahrzehnt von 1997 bis 2007 war dann jedoch von einem Strom so kontradiktorischer Ereignisse gekennzeichnet, dass die Halbwertzeit solcher Prognosen eher in der Maßeinheit des Monats als des Jahrhunderts geschätzt werden musste: die asiatische Finanzkrise 1997, die russische Finanzkrise verbunden mit dem Zusammenbruch des LTCM Fund 1998, die NATO-Intervention im Kosovo ohne Mandat des UN-Sicherheitsrats 1999, das Platzen der Technologieblase an der Wall Street 2000, der 11. September 2001, die Intervention der NATO in Afghanistan mit Mandat des UN-Sicherheitsrats 2001, der Beitritt Chinas zur WTO 2001, der Aufstieg Chinas seit 2001, die Kaschmir-Krise, dank funktionierender indisch-pakistanischer Nuklearabschreckung beigelegt 2002, der Bannfluch Präsident Bushs gegen Irak, Iran und Nordkorea als Achse des Bösen 2002, der Irak-Krieg ohne Mandat des UN-Sicherheitsrats 2003, die Spaltung Europa in ein „altes“ und „neues“ je nach Haltung zur neo-konservativen Bush-Administration 2003, der Aufstieg Indiens als Thema seit 2005, das Wiedererstarken Russlands seit 2006, das Profil der BRIC-Länder seit 2006, mit Chinas effektiver Unterstützung erfolgreicher Abschluss der Sechserverhandlungen (USA, China, Russland, Japan, Südkorea, Nordkorea) über Nordkoreas Denuklearisierung 2007, die US-Immobilienkrise 2007, das Anschwellen asiatischer und mittelöstlicher Staatsfonds und der Verfall des Dollarkurses seit 2007, der Durchbruch des Klimawandels als G-8-Thema 2007, die rasante Energie- und Nahrungsmittelverteuerung 2007/2008. Die Beschleunigung der Umwälzungen zwingt die Vordenker zum Nachdenken.

Außen- und Wirtschaftspolitiker, Politologen und Ökonomen haben Mühe, mit wissenschaftlicher Zuversicht Einfluss auf das sich immer schneller drehende Mühlrad der Geschichte der Gegenwart zu nehmen. Nicht, dass es an mutigen Beispielen der Suche nach neuen Konzepten zur Lösung der unerbittlich wachsenden Probleme fehlte. Das erste war die Reaktion führender Ökonomen in Asien auf die asiatische Finanzkrise von 1997. Als „spill-over“ aus der Krise fanden sie sich in der Überzeugung zusammen, dass Asiens Volkswirtschaften sich in Zukunft nur durch Währungskooperation und gemeinsame Finanzmarktinstitutionen nach Europas neofunktionalistischem Muster gegen die Volatilität der Kapitalströme der Wallstreet immunisieren könnten. Europa seinerseits reagierte mit gedanklichen Frontveränderungen auf den Irak-Krieg. Der aggressive Idealismus der amerikanischen Neokonservativen, der sich in diesem Krieg entlud, bewegte viele europäische „Transatlantiker“ dazu, am klassischen amerikanischen Idealismus, der die Weltordnung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und sogar die Integration Europas inspiriert hatte, zu zweifeln. Manchen erschien eine multipolare Weltordnung als Versicherung gegen allzu unilaterales Handeln des amerikanischen Hegemons.

Ein drittes Beispiel der Suche nach Problemlösungen ereignete sich auf globaler Ebene, nämlich im Vorfeld des G-8-Treffens in Heiligendamm. Trotz wachsender Grade wissenschaftlicher Verlässlichkeit der Prognosen über den Klimawandel war die Bush- Regierung bis wenige Tage vor dem Gipfel nicht bereit, das Thema in Fortentwicklung des Kyoto-Protokolls auf der Ebene der G-8 oder gar der Vereinten Nationen zu behandeln. Stattdessen schlug sie ein Treffen der wichtigsten CO2-Emittenten in Washington vor, was in der internationalen Presse als klassischer Spoiler diskutiert wurde. Den Staats- bzw Regierungschefs zweier asiatischer Mächte, die häufig als Mitglieder eines neuen multipolaren Systems genannt werden und darüber hinaus in einem traditionell spannungsreichen Verhältnis zueinander stehen – nämlich dem chinesischen Präsidenten Hu Jintao und dem damaligen japanischen Premierminister Shinzo Abe – gelang es schließlich, Präsident Bush dazu zu bewegen, in Heiligendamm einem Verhandlungsprozess zum Klimawandel auf UN-Ebene zuzustimmen.

Diese drei Beispiele verdeutlichen das Bedürfnis nach Klärung der philosophischen Grundlagen, historischen Leitbilder und Weltordnungsmuster der außenpolitischen Denkschulen, die in der westlichen Welt seit 300 Jahren, in anderen Weltteilen – mit vergleichbaren, aber in ihrem kulturellen Kontext eigenständigen Argumenten zum Teil schon sehr viel länger – miteinander konkurrieren. Die westliche Variante ist in Tabelle 1 schematisch dargestellt. In zahlreichen strategischen Variationen tauchen sie in nahezu allen Diskursen über die anzustrebende, tunlichst zu vermeidende oder gar zu bekämpfende Weltordnung des 21. Jahrhunderts auf.

Nach dem Irak-Krieg auf den ersten Blick weltweit diskreditiert scheint, wie gesagt, die Denkschule des Idealismus; die des Realismus hat Konjunktur. Damit wird man allerdings beiden nicht gerecht. Denn die neokonservative Kriegführung zur Verbreitung der Demokratie entspricht einer dritten Denkschule, einer ebenso aggressiven wie utopischen Mischung aus Idealismus und Realismus (Tabelle 1). Der amerikanische Diskurs steht inzwischen im Zeichen der Ernüchterung über Genesis und Folgen des Irak-Kriegs und ist gleichzeitig von Sorgen über die Krisenanfälligkeit der bis vor kurzem als unanfechtbar überlegen geltenden amerikanischen Finanzmärkte und Leitwährung geprägt. Unipolarität mit den USA als einziger Supermacht und Multipolarität, in der die USA wie Großbritannien im 19. Jahrhundert die Fäden der Balance of Power in der Hand hielten, erscheinen nunmehr als vorübergehende „Momente“, eine „nichtpolare“ Welt als das bessere Analyseniveau, um zu einer stabileren Verbindung von Weltwirtschaft und Weltpolitik zu gelangen (I).

Dass Multipolarität aus amerikanischer wie aus jeder anderen Sicht keine Antwort auf die nicht durch Diplomatie oder Krieg beherrschbaren Probleme der Weltwirtschaft, des Klimawandels, der Epidemien und anderen neuen Sicherheitsrisiken sein kann, ist Anlass für die Suche nach Problemlösungen aus den fruchtbarsten Erfahrungsreservoirs des klassischen Idealismus, nämlich der multilateralen Kooperation und funktionalen Integration. Bemerkenswert ist die Konvergenz des offenbar wiedererwachenden Interesses der USA an diesen Politikmustern mit der „Entdeckung“ und aktiven Nutzung dieser Muster in Asien, und zwar insbesondere durch drei asiatische „Machtzentren“ im Sinne des multipolaren Moments, nämlich China, Indien und Japan (II).

Als neue Weltordnung sollte man ein Konzept suchen, das heute verwertbare Tugenden des klassischen Idealismus und des politischen Realismus verbindet, ohne in den dogmatischen Streit seit John Locke und Thomas Hobbes zurückzufallen. Wir schlagen vor, für das Konzept der neuen Weltordnung auf alle Polaritäten, Aufstiegs- und Niedergangsprognosen und Hierarchien der „Macht“ in der Staatengemeinschaft zu verzichten. Die eingangs enumerierte Sequenz der Ereignisse von 1997 bis 2007 verdeutlicht eines: die Ohnmacht der „Macht“ eines einzelnen Nationalstaats im Sinne des Westfälischen Systems. Die Weltordnung, die die Welt braucht, ist eine globale Problemlösungsgemeinschaft (III).

I. Unipolarität, Multipolarität, Bipolarität, Nichtpolarität

Eine eindrucksvolle Serie von Aufsätzen von Richard Haass, zur Zeit des IrakKriegs Leiter des Planungsstabs im State Department und jetzt Präsident des Council on Foreign Relations, demonstriert in schneller Folge einen atemberaubenden Wandel der Analyse der nationalen Interessen Amerikas in der einen oder anderen denkbaren Weltordnung. Er reicht von der Selbsteinschätzung Amerikas als Anker der Unipolarität8 über von Washington in einem „Palmerstonian Moment“ aktiv nutzbare Multipolarität9 bis hin zu einer letztlich auch im Interesse der USA liegenden Nichtpolarität der Welt.10Schließlich bedarf es nur eines kurzen Innehaltens, um zu erkennen, dass Multipolarität ein Spieß ist, der von anderen „Machtzentren“ sehr leicht auch gegen Washington umgedreht werden kann. Das gilt insbesondere, wenn das neokonservative Spektrum neuerdings für eine „League of Democracies“ eintritt, die die chinesischen und russischen „Autokratien“ zu einer neuen Variante des bipolaren Wettkampfs der Systeme herausfordert. Russische und chinesische Politologen sind bereits mobilisiert, um der universalistischen Verbreitung westlicher Werte konfuzianische 11 oder solche der russisch-orthodoxen Kirche 12 entgegenzuhalten. Selbst auf die größte Demokratie der Welt, Indien, wird die „League of Democracies“ verzichten müssen. Zumindest ein einflussreicher Teil des indischen politischen Spektrums fühlt sich – trotz bilateraler Territorialkonflikte – China kulturell näher als dem „Westen“, zumindest in dessen neokonservativer Erscheinungsform des ebenso gewaltbereiten wie utopischen Idealismus.13 Dieser bewirkt das Gegenteil seiner Ziele, nämlich die Flucht des Restes der Welt in die Multipolarität und die Suche nach alternativen Normen in nationalen Kulturen. Damit verbunden sind die Risiken des Kulturrelativismus, der, wie die europäische Geschichte zeigt, seinerseits seine Gefahren birgt und kaum als normative Grundlage einer neuen Weltordnung dienen kann.

Robert Kagans Buch „Of Paradise and Power“ (2003) hatte darüber hinaus die offensichtlich unbeabsichtigte Wirkung, dass viele Bewohner des Europäischen Paradieses den politischen Realismus plötzlich für harmloser und friedensfördernder hielten als den Idealismus. Jacques Chirac konnte seine Absage an den Irak-Krieg mühelos mit der Erneuerung der alten gaullistischen Doktrin einer multipolaren Welt als Antithese zur „angelsächsischen“ Hegemonie unterlegen. Gerhard Schröder hatte es schwerer. Als deutscher Bundeskanzler konnte er sich kaum vom klassischen amerikanischen Idealismus, dem Nachkriegsdeutschland so viel verdankte, abwenden. Er erteilte stattdessen eine philosophische Absage an die Multipolarität: „Es gibt nur einen Pol, das ist der Pol der Freiheit.“ Es klang nach John Locke und Immanuel Kant und wirkte gleichzeitig wie ein Appell an die „Dangerous Nation“ (Kagan 2006), sich auf den klassischen amerikanischen Idealismus zurückzubesinnen.

Das Problem der Multipolarität ist, dass sie nur als Negation der Unipolarität, als Widerstand gegen ein bestehendes Imperium oder einen Hegemon Zugkraft entfalten kann. Das war schon so im Westfälischen Frieden, der dem universalen Anspruch des Heiligen Römischen Reiches ein Ende bereitete und das nach ihm benannte internationale System souveräner Nationalstaaten begründete. Das war wieder so, als de Gaulle seine Aufsehen erregende Anerkennung Chinas im Jahr 1964 unverkennbar als Negation sowohl des damaligen bipolaren Systems als auch der „angelsächsischen Hegemonie“ in der westlichen Hälfte desselben verstand.

Das einzige historische Beispiel erfolgreich durchgesetzter und zu einem internationalen System ausgebauter Multipolarität, nämlich das Westfälische, spricht nicht für ihre Eignung als positives Programm zwischenstaatlicher Friedenserhaltung. Während die teilnehmenden europäischen Staaten bemüht waren, den inneren Frieden, die innere Wirtschaftsentwicklung und das soziale Zusammenleben mehr oder weniger gedeihlich zu gestalten, betrachteten sie das internationale System als Freiraum für die Wahl zwischen Diplomatie oder Krieg, der sie sich mit Inbrunst und vorwiegend mit dem Ziel hingaben, die eigene Macht, das eigene Staatsgebiet, den eigenen Zugang zu wirtschaftlichen Ressourcen auf Kosten anderer Staaten des Systems oder der nicht über eigene Staatlichkeit verfügenden Kolonien zu vergrößern. In der weit überwiegenden Staatenpraxis war es ein Hobbesianisches System, in dem innerhalb der Staaten Hobbes’ Leviathan für Ordnung sorgte, zwischen den Staaten aber das Gesetz des Dschungels galt. Selbst die von angesehenen Realisten wie Henry Kissinger und Richard Haass als modellhafte Weltordnung gerühmte europäische Pentarchie (Großbritannien, Russland, Frankreich, Preußen, Österreich) „leistete“ sich im 18. und 19. Jahrhundert nicht weniger als 52 Kriege nur unter den fünf Mächten, von ihren Kriegen gegen andere Staaten oder nicht als Staaten anerkannte außereuropäische Gebiete ganz zu schweigen. Es erscheint fraglich, ob die von Lord Palmerston als im nationalen Interesse Großbritanniens liegend betrachtete Bereitschaft zum jederzeitigen Wechsel der Allianzen wirklich zur friedenserhaltenden Balance of Power beitrug (Schaubild 2).

Um zumindest zeitweise kriegsvermeidend funktionieren zu können, braucht jedes Balance-of-Power-System Staatsmänner von außerordentlicher analytischer Fähigkeit wie Palmerston, Bismarck und Kissinger. Sobald sie „von Bord gehen“ (wie Bismarck 1890 in der Karikatur des Punch), droht der Kollaps des Systems. Wirklich beruhigend konnte Richard Haass’ Plädoyer für einen „Palmerstonian Moment“ der nach dem Irak-Krieg auf ihre Unipolarität verzichtenden USA für den Rest der Welt also nicht sein.

Das gilt insbesondere für die EU, die trotz des Namens der „GASP“ keine eigene außenpolitische Kompetenz hat. Ohne Einverständnis der Mitgliedsstaaten kann sie nicht über Krieg oder Frieden entscheiden. Die wichtigste Hürde dafür wird stets sein, dass der deutsche Mitgliedsstaat ein Einverständnis durch den Bundestag demokratisch legitimieren lassen muss, wie frei von parlamentarischen Fesseln der Präsident der französischen V. Republik auch immer sein mag. Sie kann deswegen mit anderen nationalstaatlichen „Machtzentren“ wie China, Indien und Russland nicht „mithalten“. Das führt dazu, dass für Richard Haass sogar die NATO für die USA ihren Wert verliert und aus diesem Grund wechselnde Allianzen wie zu Palmerstons Zeiten vorzuziehen sind.14 In den meisten Aufzählungen der Zusammensetzung der globalen Pentarchie eines multipolaren Systems im 21. Jahrhundert kommt die EU daher nicht einmal vor, insbesondere nicht bei Kissinger. Die eigentliche weltpolitische Brisanz des „Palmerstonian Moment“ der heutigen USA sind die Wanderung der Pentarchie von Europa in den pazifischen Raum und der Umstand, dass die Mehrheit der fünf nunmehr drei asiatische Nationalstaaten sind, nämlich China, Indien und Japan (Schaubild 3).

II. Globale Konvergenz zu Multilateralismus und Funktionalismus

Das bedeutet jedoch nicht, dass die Entscheidung über die neue Weltordnung damit zugunsten der Multipolarität im Sinne eines globalisierten Westfälischen Systems gefallen ist. Denn gerade diese drei neuen Machtzentren sind treibende Kräfte für eine Renaissance des Multilateralismus und für eine vorausschauende Strategie funktionaler Integration Asiens. Je unilateraler die Bush-Administration handelte, desto multilateraler trat China auf der ganzen Welt auf.15 Im Falle der nordkoreanischen Nuklearkrise stimmte China erstmalig im UN-Sicherheitsrat der Verhängung von Sanktionen zu, und das gegen einen Nachbarn, der stets als sein Schutzbefohlener galt.16 Washington begann, sich in den Sechserverhandlungen über die Denuklearisierung dieses Mitglieds der Achse des Bösen auf China als Geburtshelfer der Problemlösung zu verlassen. So überrascht es nicht, dass Richard Haass im letzten Artikel seiner Serie – unter Hervorhebung der nordkoreanischen Lösung – für eine nichtpolare Welt plädiert.17

Ebenso wie die anderen Staaten Asiens, insbesondere die ASEAN-Staaten, haben zunächst vor allem Japan, dann zunehmend aber auch China die Erfahrungen Europas auf diesem Gebiet genauestens beobachtet, ihre eigenen Schlussfolgerungen – auch aus den Schwächen des europäischen Musters – gezogen und einen Prozess mit der Asien angemessenen eigenen Sequenz begonnen.18 Die funktionale Integration Asiens, die wie zuvor in Europa früheren Kriegsgegnern so große Vorteile bringt, dass es für Krieg zwischen ihnen keine vernünftige Kosten-Nutzen-Relation mehr gibt, ist das beste Beispiel für die Chance einer Weltordnung, die die Risiken des Westfälischen Systems überwindet.

Es ist darüber hinaus eines, das trotz des europäischen Musters nicht dem Vorwurf ausgesetzt ist, Ausfluss des Eurozentrismus oder einer aggressiven Expansion westlicher Werte zu sein. Kosten-Nutzen-Rechnungen sind glücklicherweise mit transkultureller Mathematik zu bewerkstelligen. Die Integration der chinesischen Volkswirtschaft in die Weltwirtschaft, insbesondere ihre unternehmerischen Verflechtungen mit der amerikanischen und japanischen Wirtschaft, legte nahe, dass chinesische Unternehmen darin keinen Widerspruch zu konfuzianischen Normen sehen. Russland, bisher vorwiegend von seinem Rohstoffreichtum lebend und sehr viel weniger in die Weltwirtschaft integriert als China, ist bereits dabei, aus diesem Beispiel Lehren zu ziehen. Während das Wiedererstarken Russlands seit 2006 zunächst zu bewusst „kantigen“ außenpolitischen Auftritten Putins führte, wird das Profil dieses Machtzentrums inzwischen durch den „Medvedev Moment“ verfeinert und der neue Präsident mit den Worten zitiert, Russland werde am Ende den Respekt der Welt „nicht durch Stärke, sondern durch verantwortliches Handeln“ gewinnen.19 Auch hier wird Kulturrelativismus letztlich nicht dem funktionalen Interessenkalkül entgegenstehen, so nationalistisch die Tradition der russisch-orthodoxen Kirche auch sein mag.

Mit derartigen Prozessen stehen die neuen Machtzentren nicht allein. Über die ganze Welt ziehen sich mehrschichtig überlappende Netze funktionaler Kooperation, von denen Schaubild 4 nur die wichtigsten regionalen Organisationen in Afrika (AU, SADC), Amerika (OAS, Mercosur, NAFTA, SICA), Asien (ASEAN, ASEAN+3, East Asian Summits), Eurasien (SCO), in der Golf-Region (GCC) und unter den pazifischen Anrainern (APEC, US-Japanischer Sicherheits- und Kooperationsvertrag) schematisch wiedergibt.

Solche funktionalen Netze mögen traditionellen Machtzentren suspekt erscheinen, weil sie wie die Fäden wirken, mit denen die Liliputaner Gulliver fesselten. So hat Washington zunächst mit gewisser Skepsis betrachtet, wie innerhalb der von ihm inspirierten APEC die Verflechtung zwischen ASEAN, China, Japan und Korea (ASEAN+3) ohne seine Beteiligung eine erstaunliche wirtschaftliche Integrationstiefe gewann. Dieser Skepsis nahm am 22. Mai 2008 Japans Premierminister Yasuo Fukuda (in Erneuerung der Fukuda-Doktrin seines Vaters Takeo Fukuda von 1977) den Wind aus den Segeln, indem er für die langfristige Entwicklung des Pazifiks zu einem „Binnenmeer“ in Analogie zum Mittelmeer des 17. Jahrhunderts warb. Er lud die nord- und lateinamerikanischen Anrainer ebenso dazu ein wie Australien, Neuseeland, die ASEAN- Staaten, China und Russland. Studentenaustausch nach dem Muster des europäischen Erasmus-Systems soll funktionale Integration auch in künftigen Generationen verankern.20Wenn auch nur mit der Blässe des Gedankens (und seiner beachtlichen Erfahrung) hat Europa also trotz allem einen gewissen Anteil an der Bewegung zu einer neuen Weltordnung.

Angesichts der Probleme, denen die Gesamtheit der interdependenten Welt ausgesetzt ist, wird „Macht“ im traditionellen Sinn zur Ohnmacht. Richard Haass hat dies am Beispiel der Machtlosigkeit der im Irak mit Hightech ausgerüsteten GIs gegenüber den mit Lowtech aus dem Hinterhalt operierenden Aufständischen hervorgehoben. Das Zurückschrecken Indiens und Pakistans vor dem tatsächlichen Einsatz von Millionen an der Grenze aufmarschierter Soldaten und dem Einsatz von Atomwaffen in der durch einen islamistischen Terroranschlag in Neu Delhi ausgelösten Kaschmir-Krise von 2002 ist ein weiteres Indiz.

Die periodischen Krisen der US-Finanzmärkte führen den Begriff „Wirtschaftsmacht“ ad absurdum. Henry Kissinger, der konservative politische Realist, nimmt die vom liberalen Ökonomen Joseph Stiglitz analysierten „Discontent“ der Verlierer der Globalisierung ernst, geißelt „verschwenderische und finstere Praktiken“, die zur US-Immobilienkrise (und anderen periodisch auftretenden Krisen) des globalen Finanzsystems führten und wirbt für eine Verbindung von wirtschaftlicher und politischer Weltordnung21 Das entfernt uns weit vom System des Westfälischen Friedens, dessen bester Analytiker Kissinger stets war, ebenso wie von allen anderen auf Machtzentren beruhenden Blaupausen der Weltordnung. Das Abschmelzen der Eiskappen der Arktis und Antarktis, globale Seuchen, die Verknappung endlicher Ressourcen etc. sind nicht mit politischen „Machtmitteln“ aufzuhalten. In der ganzen Welt wächst das Bewusstsein, bei der Suche nach Lösungen für globale Probleme in einem Boot zu sitzen.

III. Problemlösungsgemeinschaft als Weltordnung

Die Ernüchterung im außenpolitischen Diskurs der USA ist ein entscheidender Beitrag zu einer funktionaleren Weltordnung. Die Wiederbelebung des amerikanischen philosophischen Pragmatismus (Charles Peirce, William James und John Dewey) wäre wünschenswert. Er wäre ein wirksames Heilmittel gegen den gewaltgeneigten Utopismus der Neokonservativen, den der Ideengeschichtler John Gray in der Nähe der Methodik der marxistischen Weltrevolution sieht.22 Nicht minder beunruhigend ist der Einfluss des Chicagoer Philosophen Leo Strauss auf die Neokonservativen. Sein Diskurs über eine platonische Elite, die den ungebildeten Massen nicht stets die Wahrheit eröffnen sollte, war von der Warte des kritischen Rationalismus, der heute Standard der universalen Wissenschaftstheorie ist,23 und der politischen Philosophie der offenen Gesellschaft,24 die Nachkriegseuropa entscheidend prägte, ein atemberaubender Rückschritt.

Der Vorteil des amerikanischen philosophischen Pragmatismus ist, dass er die Praxis nicht in den Dienst einer dogmatische Bestätigung suchenden Theorie stellt, wie die Neokonservativen den Irak-Krieg, sondern umgekehrt in vollem Bewusstsein der Fehlbarkeit menschlicher Erkenntnis alle verfügbaren Theorien auf ihre Verwendbarkeit für die problemlösende Praxis prüft. Daran könnten sich auch europäische Transatlantiker orientieren. Die asiatischen Partner der USA hätten damit ohnehin kein Problem. Japanische Wirtschaftspolitiker haben aus dieser Philosophie eine überall in Asien anerkannte und als Muster verwertete Strategie gemacht.25

Die Weltordnung, die die Welt braucht, ist eine Problemlösungsgemeinschaft. Ihre transkulturelle Grundnorm muss heißen: Handle so, dass die Maxime deines Handelns mit dem Überleben der Menschheit vereinbar ist.26


Prof. Dr. MICHÈLE SCHMIEGELOW, geb. 1945, lehrt Politische Wissenschaft an der Université Catholique de Louvain.

HENRIK SCHMIEGELOW, geb. 1941, Botschafter a.D., ist Geschäftsführer der Schmiegelow Partner GbR für internationale Politikberatung.

  • 1. Bruce Cummings: Still the American Century, in Michael Cox, Ken Booth und Tim Dunne (Hrsg.): The Interregnum: Con-troversies in World Politics 1989–1999, New York 2002.
  • 2. Mark Borthwick: Pacific Century. The Emergence of Modern Pacific Asia, Boulder 1992.
  • 3. Theo Sommer: Is the 21st Century Going to be the Asian Century?, Asien, Juli 2006, S.70 ff.
  • 4. Charles Krauthammer: The Unipolar Moment, Foreign Affairs, 1–2/1991, S. 23–33.
  • 5. Robert Kagan: The World Divides – and Democracy is at Bay, The Sunday Times, 2.9.2007.
  • 6. Richard Haass: The Palmerstonian Moment, The National Interest online, 1.2.2008.
  • 7. Zaki Laïdi: How Europe Can Shape the Global System, Financial Times, 30.4.2008; „The Normative Empire“, www.telos-eu.com
  • 8. Richard Haass: The Case for Integration, National Interest online, 9.1.2005.
  • 9. Ders.: The Palmerstonian Moment, National Interest online, 1.2.2008.
  • 10. Ders.: What follows American Dominion?, Financial Times, 16.4.2008.
  • 11. Xiang Lanxin: What Prospects for Normative Foreign Policy in the New Multipolar World?, Paper presented at 29th session of the CEPS/IISS/DCAF/GCSP European Security Forum, Brussels, 26.5.2008.
  • 12. Andrey Makarychev: Rebranding Russia, Norms, Politics and Power, CEPS Working Document Nr. 283, Februar 2008.
  • 13. Radha Kumar: What Prospects for Normative Foreign Policy in the New Multipolar World?, Paper presented at 29th session of the CEPS/IISS/DCAF/GCSP European Security Forum, Brussels, 26.5.2008.
  • 14. Vgl. Richard Haass (Anm. 6).
  • 15. Henrik Schmiegelow: Asiens künftige Rolle als Ordnungsmacht, Internationale Politik (IP), Juli 2007, S. 66–72.
  • 16. Ebd.
  • 17. Richard Haass (Anm. 10).
  • 18. Michèle Schmiegelow und Henrik Schmiegelow: Der Weg zur asiatischen Gemeinschaft, IP, November 2007, S. 8–16; sowie Hitoshi Tanaka in dieser Ausgabe, S. 112–117.
  • 19. Nikolai Petro: Seizing the Medvedev Moment, International Herald Tribune, 14.3.2008.
  • 20. Rede von Yasuo Fukuda: When the Pacific Becomes an Inland Sea, bei der 14. internationalen Konferenz über die Zukunft Asiens, Tokio 22.5.2008.
  • 21. Henry Kissinger: Falling behind: Globalization and its Discontents, IHT, 30.5.2008.
  • 22. Besprochen in Frankfurter Allgemeine Zeitung: Der Übergang der Utopie zu den Neokons, 16.4.2008.
  • 23. Karl Popper: Conjectures and Refutations. The Growth of Scientific Knowledge, London 1963.
  • 24. Karl Popper: The Open Society and Its Enemies, London 1945.
  • 25. Henrik Schmiegelow und Michèle Schmiegelow: Strategic Pragmatism: Japanese Lessons in the Use of Economic Theory, New York 1989.
  • 26. Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation, Frankfurt a.M. 1979
 
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