Kein Lotse an Bord

Wer dominiert die multipolare Welt?

1. July 2008 - 0:00 | von Wolfgang Nowak

Internationale Politik 7-8, Juli/August 2008, S. 8 - 10

Kategorie: Global Institutions, Worldwide

Die ohnmächtige Supermacht: Keine der globalen Krisen vermögen die USA noch allein zu schultern. Doch wer tritt an ihre Stelle? Wer sind die Mächte von morgen? Wie sehen ihre Zukunftsentwürfe aus? Eine Konferenzreihe der Alfred Herrhausen Gesellschaft befragt dazu weltweit Denker und Lenker – und hofft auf Antworten, die alle teilen können.

„Americans ... can swim in only one sea. They have never developed the ability to move into other people’s worlds.“ Fareed Zakaria

Wir leben in einer Zeit ohne eine dominierende Macht, die ihren Vorstellungen über Klimawandel, Ressourcenverknappung, Nahrungsmittel- und Finanzkrise, atomare Nichtverbreitung und Failing States global Geltung verschaffen könnte. Auch die Vereinten Nationen sind dazu nicht in der Lage. So musste der britische Premier Gordon Brown auf der „Progressive Governance-Conference“ am 4. und 5. April in London feststellen, dass die nach 1945 entstandenen internationalen Organisationen den Problemen der heutigen Welt in keinster Weise mehr entsprechen.

Es ist nicht einmal lange her, dass der amerikanische Publizist Charles Krauthammer 1991 von dem Beginn einer Jahrzehnte dauernden Periode sprach, in der die USA das Zentrum der Welt sein würden. Noch 2003 bekräftigte der damalige US-Außenminister Colin Powell in Davos das Recht der Vereinigten Staaten auf einseitige militärische Aktionen, etwa im Irak.

Doch der Traum vom Zeitalter eines „freiheitlichen Imperialismus“, in dem die Werte und Ideale Amerikas durch imperiale Mittel umgesetzt werden, ist spätestens im Irak zerplatzt. Die Finanzkrise der letzten zwei Jahre hat zu einer weiteren Machtverschiebung geführt – von den USA und Europa nach Indien, China und Russland sowie in die arabischen Golf-Staaten. Die neue amerikanische Administration wird 2009 etliche anregende Publikationen über die nachamerikanische Welt vorfinden.

Lesenswert sind „The Post-American World“ von Fareed Zakaria, „The Second World“ von Parag Khanna, „The Great Experiment“ von Strobe Talbott sowie „Rivals“ von Bill Emmott und „The War for Wealth“ von Gabor Steingart. Alle Autoren gehen von einer multipolaren Welt aus, ohne jedoch in ihren Schlussfolgerungen übereinzustimmen. Bill Emmott, Fareed Zakaria und Gabor Steingart können sich eine amerikanische oder europäisch-amerikanische Führungsrolle vorstellen, Parag Khanna sieht einen neuen Wettbewerb zwischen Europa, China und den USA um die Gunst einer Reihe von Staaten wie Russland und Indien heraufziehen, die er der „Zweiten Welt“ zuordnet. Alle Autoren aber nähern sich den Realitäten unserer Welt mit erfreulich rücksichtslosem Blick, welcher den amerikanischen Neocons gänzlich abhandengekommen ist.

Bush sen. wird der Satz zugeschrieben: „We can’t make the wrong mistakes.“ Eine amerikanische Administration, die diese „wrong mistakes“ vermeiden möchte, wird ihre neue Rolle in einer multipolaren Welt noch finden müssen. Wer sind die bestimmenden, unabhängigen Mächte? Wohl die Vereinigten Staaten, Russland, Indien, China, Brasilien und die EU. Diese Länder sind immer stärker untereinander vernetzt. Die Finanzkrise hat gezeigt, wie verschachtelt die Abhängigkeiten inzwischen geworden sind. Abgesehen vielleicht von Europa vereinen diese Länder auf ihrem Staatsgebiet die so genannte Dritte, Zweite und Erste Welt. In der Megametropole Mumbai zum Beispiel prallen der größte Slum Asiens und ein bedeutendes wirtschaftliches Zentrum aufeinander. Eine Autofahrt durch Russland ist zugleich eine Reise von der Ersten in die Zweite und Dritte Welt. Und auch die Vereinigten Staaten lassen zu, dass in der reichsten Nation der Erde eine solche Welt entsteht.

Diese Länder sind weder miteinander verfeindet noch befreundet, doch konkurrieren sie als „Frenemies“ um verknappte Ressourcen. Gleichwohl vermittelten alle ihrer Bevölkerung die Zuversicht, dass die Zukunft letztlich ihnen gehört und der Weg dorthin den von ihnen vorgegebenen Regeln folgt. In einer multipolaren Welt begegnen wir multipolaren Zukunftsentwürfen. Es droht ein „clash of futures“: Nicht alle „Frenemies“ sind Demokratien im westlichen Sinne – die Erfolge Singapurs und Chinas sowie der Golf-Staaten machen deutlich, dass es nicht ausschließlich die Demokratie ist, die Wohlstand und soziale Gerechtigkeit garantiert. Das ist kein Grund zu Pessimismus. In den neuen Weltmächten setzen sich zunehmend die produktiven gegen die parasitären Eliten durch. Wo erstere die Oberhand gewinnen, wird es mehr Freiheit und mehr Gerechtigkeit geben. Ihr Ziel ist die Entwicklung der Wirtschaft und die Bekämpfung der sozialen Ungleichheit; sie wissen, wenn sich die Slums in Bewegung setzen, entstehen aus „failing cities“ „failing states“.

Mit den Augen der Anderen

Die Alfred Herrhausen Gesellschaft der Deutschen Bank beginnt in diesem Jahr in Moskau eine Serie von Konferenzen, in der die Zukunftsentwürfe jener Länder miteinander verglichen werden – in der Erwartung, dass sich Elemente für eine gemeinsame Zukunft finden lassen. In Moskau wird die neu gewählte russische Regierung ihr Programm für die nächsten fünf Jahre vorstellen. Aber welche Vorstellungen über eine positive Entwicklung Russlands gibt es aus chinesischer, indischer oder brasilianischer Sicht? Sich mit den Augen der Anderen zu sehen statt die Welt ausschließlich aus unserem west-/östlichen Blickwinkel zu interpretieren, ist eines der Ziele dieser Konferenzreihe. Im kommenden Jahr dann werden die USA unter ihrer neuen Administration und das sich immerfort selbst suchende und selbst verlierende Europa auf dem Prüfstand stehen, im Jahr 2010 schließlich wird die Konferenz in Indien und China stattfinden. Die Teilnehmer werden dabei immer auch aus dem arabischen, dem asiatisch-pazifischen Raum, aus Japan und Afrika kommen.

Neue Bündnisse der Länder unter- oder gegeneinander können die beschriebenen Probleme nicht lösen. In einer multipolaren Welt sind neue Formen internationaler Kooperation, Konsultation und Kompromissbildung notwendig. Es ist grotesk, dass Italien zur G-8 gehört, nicht aber China oder Brasilien. Welche Bedeutung hat ein Weltsicherheitsrat, in dem Indien, Brasilien und die EU nicht vertreten sind, dafür aber Frankreich und Großbritannien?

Notwendig sind neue Formen internationaler Governance: In einer Welt mit versiegenden Ressourcen und einem immer rasanter werdenden Klimawandel wächst die Bedrohung durch eine egoistische, nach Dominanz strebende Interessenpolitik. Ihr kann und muss mit einer neuen internationalen Balance und einem organisierten Interessenausgleich begegnet werden. Nur eine gemeinsame Zukunft, ein Wandel durch Annäherung, nicht aber ein „clash of futures“, bringt uns weiter. Blickt man auf die vergangenen zehn Jahre zurück, gibt es Anlass zu plausiblem Pessimismus. Für die kommenden zehn Jahre wird daher ein glaubwürdiger, wenn auch skeptischer Optimismus gebraucht.

WOLFGANG NOWAK, geb.1943, ist seit 2003 Sprecher der Geschäftsführung der Alfred Herrhausen Gesellschaft für internationalen Dialog. Zuvor war er Leiter der Grundsatzabteilung im Bundeskanzleramt.

 
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