Clio auf dem Balkan

Wie Geschichtsbücher den Weg zur Versöhnung in Südosteuropa ebnen

1. June 2008 - 0:00 | von Elizabeth Pond

Internationale Politik 6, Juni 2011, S. 68 - 71

Kategorie: Staatsaufbau, Staat und Gesellschaft, Politische Kultur, Geschichte, Balkan, Südosteuropa

Bisher war die Geschichte auf dem Balkan eher ein trennendes denn ein versöhnendes Element. Eine Gruppe von Historikern aus der Region will das jetzt ändern. Durch neue, gemeinsam produzierte Geschichtsbücher möchte man an die Stelle nationalistischer Geschichtsklitterung die Erziehung zu Verständnis und Toleranz setzen.

Es war nicht die Vergangenheit, welche die Völker auf dem westlichen Balkan dazu verurteilte, in den neunziger Jahren gegeneinander Krieg zu führen. Doch es waren die ethnozentrischen Geschichtsdiskurse voller Selbstverherrlichung und Selbstmitleid, die eine Rechtfertigung für das Blutvergießen lieferten. So beanspruchten etwa die Serben für sich das Recht, Hunderttausende ihrer Landsleute zu rächen, die im Zweiten Weltkrieg Opfer der faschistischen kroatischen Ustascha geworden waren – und forderten Revanche für die Niederlage Prinz Lazars 1389 auf dem Amselfeld im Kosovo. Die Kroaten machten die Serben für den Tod Hunderttausender ihrer Landsleute im Zweiten Weltkrieg verantwortlich. Die Albaner im Kosovo wiederum haderten mit ihrem Schicksal, ein Teil Serbiens zu sein – ein Erbe des Zusammenbruchs des Osmanischen Reiches.

Gegen derartige Versuche, die kollektive Erinnerung zum Schüren des Hasses zu missbrauchen, wendet sich ein Projekt von 16 Historikern und Pädagogen aus einem Dutzend Balkan-Staaten. Das Joint History Project (JHP) ist der vielleicht wagemutigste Vorstoß in Richtung nachhaltige Versöhnung, den die Region je erlebt hat. Ziel des Projekts ist es, für den Geschichtsunterricht an Schulen länderübergreifend gemeinsame Texte zu verwenden, die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven behandeln.

Der kroatische Präsident Stjepan Mesic spricht von einem „neuen Ausgangspunkt“, einem Pionierprojekt, das helfen könne, die überlieferten Geschichtsmythen zu entkräften, insbesondere diejenigen, die geeignet seien, Nachbarn gegeneinander aufzuhetzen. Auf diese Weise ließe sich der Weg für eine neue Generation bahnen, die den Konflikt in der Region beendet und „einen Beitrag zur Einigung Europas leistet“.

Mit Unterschieden umgehen

Seinen Anfang nahm das Projekt im Jahre 1998, als sich eine Gruppe engagierter Professoren und Lehrer zusammenfand, um gemeinsame Texte für weiterführende Schulen überall in der Region zu erarbeiten. Beispiele für Versuche dieser Art aus der jüngeren Vergangenheit waren nicht gerade geeignet, die Initiatoren zu ermutigen. So benötigten etwa französische und deutsche Historiker ein halbes Jahrhundert, um einen gemeinsamen Text für die weiterführenden Schulen zu verfassen, und dabei handelte es sich lediglich um den Zeitraum nach 1945.

So viel Zeit hat Südosteuropa nach der Barbarei der neunziger Jahre nicht. Anstatt ein einheitliches Buch zu produzieren, das die Schulen bestenfalls rechtzeitig erreichen würde, um den Urenkeln der heutigen Generation zugute zu kommen, wählte man ein verkürztes Verfahren und beschränkte sich auf Arbeitshefte als Ergänzung zu den bereits existierenden Lehrbüchern. Serbische, bosnische oder albanische Lehrer sollten also weiterhin die eigenen Texte zur Grundlage ihres Unterrichts machen, waren jedoch eingeladen, daneben die neuen übergreifenden Arbeitshefte zu benutzen. Dadurch, dass sich in diesen Arbeitsheften neben den Originaldokumenten auch Lithographien oder sogar spielerische Elemente finden, sind sie prädestiniert, auch jüngere Schüler an die unterschiedlichen Sichtweisen heranzuführen. Die Geschichte des Balkans sollte nicht länger als die eines „exotischen Pfades“ erzählt werden, wie es die Beobachter aus Nord- und Mitteleuropa taten, als sie die Region im 19. Jahrhundert besuchten, oder als Teil der westlichen Kalten-Kriegs-Forschung, sondern als ganz normaler Teil der europäischen Geschichte. Gleichzeitig galt es zu vermeiden, „ein falsches Bild der Harmonie zu zeichnen“, wie es im Vorwort zum ersten Arbeitsheft heißt. Den Schülern sollte beigebracht werden, mit „Unterschieden und Konflikten“ umzugehen; kritisches Denken und moralisches Urteilsvermögen sollten gefördert werden.

Nach einer zweijährigen Feldstudie zum Geschichtsunterricht in der Region entwickelte die Gruppe vier Arbeitshefte, die alle auf der Homepage des federführenden Center for Democracy and Reconciliation in Southeast Europe unter www.cdsee.org zum Download bereitstehen. Aus jedem Land sammelten Mitarbeiter Fotos, Vertragstexte und sonstige Dokumente für die englische Vorlage. Die Texte wurden von sechs Redakteuren, rund 70 Geschichtslehrern und fünf Experten überarbeitet, um sicherzustellen, dass entscheidende Ereignisse und Diskurse in genügendem Maße aus den unterschiedlichen Perspektiven dargestellt würden. Anschließend wurden die Arbeitshefte auf ihre Alltagstauglichkeit getestet, zunächst in Serbien. Diese Arbeitshefte behandeln kontrovers diskutierte Themen: das Osmanische Reich, Nationen und Staaten in Südosteuropa, die Balkan-Kriege Anfang des 20. Jahrhunderts, den Zweiten Weltkrieg. Sie wurden ins Serbische, Kroatische, Bosnische, Griechische, Albanische und Mazedonische übersetzt. Eine türkische Version wird in Kürze erhältlich sein.

Friedliche Koexistenz

Auch die Schulung von Lehrkräften und Ausbildern bildet einen Teil des Projekts; darüber hinaus möchte man die Zusammenarbeit der nationalen Bildungsministerien verbessern, um Netzwerke zu schaffen und dadurch, wie es heißt, die „bestehenden Netzwerke aus nationalistischer Ideologie und Staatsinteresse“ zu konterkarieren. Das erste Arbeitsheft deckt die sechs Jahrhunderte des Osmanischen Reiches ab, das die Grundlage für alles Folgende bildet. In der Geschichtsdidaktik, die sich in der Region im Zuge des nationalistischen Eifers des 19. Jahrhunderts entwickelt hatte, wurde die Osmanische Herrschaft für gewöhnlich als fremde Unterdrückung dargestellt. Kein Wunder, dass etwa der religiösen Toleranz gegenüber Juden und Christen ebenso wenig Anerkennung gezollt wurde wie der Offenheit, aufgrund derer letztlich sogar mehr Albanern und Bosniern als Türken der Aufstieg zu Großwesiren des Reiches ermöglicht wurde. Darüber hinaus standen eher militärische Konflikte und die große Politik im Mittelpunkt der nationalen historischen Überblicksdarstellungen als etwa die Sozialgeschichte. Hier versuchen die neuen Arbeitshefte, ein Gleichgewicht zu schaffen, indem sie einen Eindruck der alltäglichen friedlichen Koexistenz zwischen benachbarten, aber ethnisch unterschiedlichen Dörfern vermitteln, Mischehen thematisieren oder das religionsübergreifende Feiern religiöser Festtage schildern, z.B. gemeinsam in der Nachbarschaft ausgerichtete Weihnachts- und Ramadan-Feiern.

Eine derartige Neudeutung lässt bei gewissen Nationalisten die Wut hochkochen, wie die bulgarische Kunsthistorikerin Martina Baleva 2007 erfahren musste. Ihr Vergehen bestand darin zu erforschen, wie die osmanische Niederschlagung einer Revolte im Dorf Batak 1876 Teil des bulgarischen kollektiven Gedächtnisses wurde. Viele Fotografien, Gemälde und Schilderungen, auf denen die Legenden beruhen, stellten sich im Zuge ihrer Recherchen als nicht ganz korrekt heraus. Wegen dieses angeblichen Hochverrats und der Schmähung der Opfer von Batak erhielt sie Hunderte von Morddrohungen.

Von solchen Attacken scheint das Joint History Project bisher verschont geblieben zu sein. Natürlich, die Hauptverantwortlichen müssen sich mit Beschwerden und Skepsis auseinandersetzen, erhielten aber bislang keine Morddrohungen. Christina Koulouri, Professorin an der Universität des Peloponnes und Herausgeberin der Reihe, weist den Vorwurf, die JHP-Arbeitshefte könnten Konflikte verharmlosen, eindeutig zurück. Ganz im Gegenteil, zwei der Arbeitsbücher befassen sich ausschließlich mit Terror und den Gräueln des Krieges. „Wir haben versucht, verschiedene Möglichkeiten aufzuzeigen, Krieg im Unterricht zu behandeln, zu vermitteln, wie Kinder den Krieg erlebt haben, und nicht nur über Schlachten oder Verträge zu sprechen, sondern das alltägliche Leben im Krieg zu zeigen. Tatsächlich schafft das Verbindungen zwischen Menschen, auch wenn dies auf den ersten Blick paradox erscheint. Es bedeutet, sich in die Lage der anderen hineinzuversetzen. Es ist wichtig, Kindern deutlich zu machen, was Krieg bedeutet. Die Kinder von heute wissen das nicht.“ Zudem fänden die Arbeitshefte unter den Lehrern großen Anklang. Viele von ihnen seien in hohem Maße daran interessiert, neue Materialien zu bekommen und neue pädagogische Methoden zu erlernen. „Es gibt einen Kreis von Lehrern in der Region, die ihre Methoden, ihren pädagogischen Ansatz erneuern wollen. Sie wollen ins Klassenzimmer gehen und neue Dinge ausprobieren“, sagt sie.

In der dem Projekt vorgeschalteten Studie mit dem Titel „Clio in the Balkans“ werden die Hoffnungen und Bedenken der Initiatoren so ausgedrückt: „Gegenwärtig gibt es auf dem Balkan eine ‚kritische Masse‘ von engagierten Geschichtslehrern, die bereit sind, umzudenken. Unsere Initiative richtet sich in erster Linie an diese Lehrer, die nach Hilfe und Beratung suchen. Diese Menschen können als Multiplikatoren für eine Erneuerung des Geschichtsunterrichts fungieren … Die größten Widersacher dieses Projekts werden nicht politische oder ideologische Reaktionen sein, sondern Teilnahmslosigkeit und Desinteresse.“


ELIZABETH POND war verantwortliche Redakteurin der Global Edition der IP. Ihr jüngstes Buch: „Endgame in the Balkans: Regime Change, European Style“ (2006).

 
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