Rom – Byzanz – Istanbul – Wien – Brüssel

Über 2000 Jahre haben Imperien den Balkan regiert – ein Vorbild für die EU

1. June 2008 - 0:00 | von Alan Posener

Internationale Politik 6, Juni 2011, S. 32 - 36

Kategorie: Europäische Union, Nachbarschaftspolitik, Erweiterungsprozess, Geschichte, Politische Kultur, Europa, Balkan, Südosteuropa

Die „Europäisierung“ des Balkans im 19. Jahrhundert brachte keineswegs Fortschritt, sondern Kleinstaaterei, Rassen-Nationalismus und Zersplitterung. Ein Blick in die Geschichte der Region zeigt, dass es in zurückliegenden Epochen weitaus intelligentere Governance-Modelle gab. Von diesen Strukturen kann das „Imperium“ EU heute viel lernen.

In der kroatischen Hafenstadt Split an der Adria kann man den gewaltigen Palast des römischen Kaisers Diokletian bewundern. Diokletian stammte aus einfachen Verhältnissen. Er machte in der Armee Karriere, und die Armee wählte ihn zum Herrscher über das Reich, dessen Verwaltung er umfassend reformierte. Im Jahre 305 zog sich Diokletian aus der Politik zurück und verbrachte seinen Lebensabend in der riesigen Palastanlage, die er in der Nähe seines Geburtsorts Asphaltos erbauen ließ. (Der Ortsname „Split“ ist eine Verballhornung dieses Namens, so wie „Istanbul“ eine Verballhornung von „Konstantinopel“ ist: Durch das Kroatische und Türkische schimmert noch heute die Verkehrssprache Ostroms hindurch: das Griechische.)

In Konstantinopel wurde etwas mehr als 200 Jahre nach Diokletians Tod der Bauernsohn Justinian zum Kaiser gekrönt. Wie Diokletian stammte Justinian vom Balkan – wahrscheinlich aus dem heutigen Serbien. Bei seinem Regierungsantritt umfasste das Reich nur noch den südlichen Balkan, die heutige Türkei, den vorderen Orient und Ägypten. Der ganze Westen war an die Barbaren verloren gegangen. Justinian gelang es, Italien, Nordafrika und Teile Spaniens wieder zu erobern, Rom wieder zum Weltreich zu machen. Als Monument seiner Vision einer restauratio imperii im Zeichen des Christentums steht noch heute die Hagia Sophia in Istanbul – eine kaiserliche Großkirche, die bis heute das Modell zahlloser Moscheen in aller Welt abgibt.

Justinians Projekt einer Restauration des Imperium Romanum scheiterte an einem Floh: 541 brach in Ägypten die Pest aus. Überträger war der Rattenfloh, der mit seinem Wirt auf den Schiffen, die alle Ecken des Weltreichs miteinander verbanden, schon 542 Konstantinopel und kurz darauf alle wichtigen Hafenstädte erreichte. Bis zu 40 Prozent der Bevölkerung wurden hinweggerafft. Produktion, Handel und Verwaltung brachen vielerorts zusammen. Die Steuereinnahmen versiegten, Soldaten konnten nicht ausgehoben werden. 100 Jahre nach Justinians Tod standen vor den Mauern Konstantinopels die Heerscharen eines Volkes, das in seiner abgeschiedenen Wüstenheimat vor dem Wüten der Pest verschont geblieben war: der Araber.

Kernländer des Christentums wie Ägypten, Syrien und Nordafrika, später auch Spanien und große Teile Anatoliens wurden von den Kriegern Allahs unterworfen.

Der Balkan aber blieb Kernland des Oströmischen Reiches – wie er Kernland des Osmanischen Reiches wurde, das Byzanz im 14. Jahrhundert als Ordnungsmacht auf dem Balkan ablöste. Uns heutigen Westeuropäern – immer noch geprägt vom Kalten Krieg, dessen Historiographie das „Abendland“ auf das Reich Karls des Großen und seiner Nachfolger beschränkte – mag der Balkan als peripheres Gebiet am südöstlichen Rand des neuen europäischen Imperiums erscheinen. In Griechenland liegt jedoch die Wiege der europäischen Zivilisation; von Mazedonien ging das erste europäische Weltreich aus; Illyrien bildete über Jahrhunderte die Verbindung zwischen West- und Ostrom; und schließlich wurde die Halbinsel zum Tummelplatz der europäischen Imperien. Osmanen und Habsburger, Russen und Briten, Deutsche und Franzosen prallten hier aufeinander. In Sarajewo wurde der Funke geschlagen, mit dem ganz Europa 1914 in Brand gesetzt wurde. 2000 Jahre Supranationalität

Und das nicht zufällig. Nirgendwo wird der Irrsinn des europäischen Rassen-Nationalismus deutlicher als in diesem Teil des Kontinents, der so lange von ihm verschont blieb. Mehr als 2000 Jahre hindurch lebten die Völker des Balkans in „supranationalen“ Zusammenhängen, in multiethnischen, multikulturellen Gesellschaften. Alexander machte die Region zum Teil der Mittelmeer-Kultur, Rom, Byzanz, Venedig und die Osmanen garantierten diesen Zusammenhang. Die ethnonationalistischen Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts haben diese Gesellschaften zerrissen, zu zahlreichen blutigen Bürgerkriegen geführt und den Balkan auf sich selbst zurückgeworfen. Natürlich war und ist es schwer für einen Europäer, nicht vom Freiheitskampf der Griechen gegen das Osmanische Reich begeistert zu sein, obwohl sich etwa die jüdischen Gemeinden Griechenlands unter der anschließenden Doppelherrschaft von Krone und Altar keineswegs befreit fühlten. Europas Intellektuelle mythologisierten aber den Kampf, obwohl sich der deutsche Dichter Friedrich Hölderlin angesichts der griechischen Massaker an der türkischen Minderheit früh enttäuscht abwendete, und Europas Großmächte nutzten ihn für ihre Zwecke. Ja, ohne das gemeinsame Eingreifen Großbritanniens, Frankreichs und Russlands hätten die Türken den Aufstand mit Sicherheit niedergeschlagen.

Griechenland wurde einerseits zum Modell: Rumänien, Bulgarien, Serbien, Montenegro, Albanien und Kroatien entstanden im 19. und 20. Jahrhundert aufgrund der Intervention europäischer Mächte. Das letzte Beispiel dieser Art ist das Kosovo, das in diesem Jahr seine Unabhängigkeit von Serbien erklärte – eine Unabhängigkeit, die es mindestens ebensosehr den Bomben der NATO wie dem Kampf der eigenen Bevölkerung verdankt. Andererseits beschloss derselbe Berliner Kongress, der 1878 die Unabhängigkeit Bulgariens, Rumäniens, Serbiens und Montenegros bestätigte, dass Südbulgarien und Mazedonien bei den Osmanen verbleiben und dass Bosnien-Herzegowina von Österreich-Ungarn besetzt und „zivilisiert“ werden sollte. Auch hier kann man die Linien bis in die heutige Zeit verlängern, ist doch Bosnien-Herzegowina heute faktisch ein militärisch besetztes Protektorat der Europäischen Union, während in Mazedonien keine politische Entscheidung von Gewicht ohne Einbeziehung des EU-Repräsentanten getroffen wird. (Das EU-Mitglied Griechenland versucht sogar zu verhindern, dass sich das Land überhaupt „Mazedonien“ nennen darf.)

„Monarchischer Schnickschnack“

Der Prozess der Zersplitterung in verfeindete Kleinststaaten, der mit dem pejorativen Begriff der „Balkanisierung“ charakterisiert wird, war im Grunde eine „Europäisierung“ – in dem Sinne, dass im Zusammenspiel von Ethno-Nationalisten und Großmächten dem Balkan das Modell des monokulturellen europäischen Nationalstaats aufoktroyiert wurde. Teilweise nahmen die Folgen sich wie eine Farce aus – etwa als Griechenland, Rumänien, Bulgarien und Albanien lauter arbeitslose deutsche Prinzen als Könige erhielten. Über den bulgarischen König Ferdinand von Sachsen-Coburg schrieb der französische Konsul 1907: „Nach 20 Jahren Herrschaft fühlt er weder eine Sympathie für das Land noch seine Einwohner. Privat nennt er seine Untertanen ‚meine bulgarischen Wölfe‘ … Was für ihn besonders ärgerlich ist, dass seine Nation seine Ambitionen [nämlich die Schaffung eines großbulgarischen Königreichs durch Anschluss der noch türkisch besetzten bulgarischen Siedlungsgebiete, A.P.] nicht teilt. Osmanische Souveränität bedrückt sie nicht. Im Grunde genießen sie komplette Autonomie, und da sie realistische Seelen sind, sind sie mit diesem Stand der Dinge zufrieden. Sie sind auch durch und durch egalitär und demokratisch; sie wissen, dass ihnen ein souveräner Hof teuer zu stehen kommt, und sie sind von dem monarchischen Schnickschnack nicht im geringsten beeindruckt.“1

Heute muss es darum gehen, dem Irrweg der „Europäisierung“ des Balkans durch Nationalisierung eine andere Europäisierung entgegenzusetzen, die den Nationalismus durch die gemeinsame Mitgliedschaft aller Balkan-Staaten in der Europäischen Union überwindet. In der Region selbst gibt es eine Tradition transnationaler oder supranationaler Lösungsversuche – den Traum einer Balkan-Föderation, das kurzlebige „Illyrien“ oder das Mini-Imperium Jugoslawien. Auf intellektuellem Gebiet widersetzten und widersetzen sich die Anhänger einer inklusiven europäischen Kultur den Vertretern exklusiver Ideologien wie Panslawismus und Germanisierung, den katholischen, orthodoxen und islamischen Fundamentalisten und den vielen kleinen und Kleinstnationalismen, die den Balkan heimsuchten und bis heute heimsuchen. Legitime Erbin dieser pan-europäischen Hoffnungen sowie der imperialen Mächte, die den Balkan durch Jahrtausende geprägt haben, ist die Europäische Union.

„Brüssel: Das neue Rom“, so lautet eine Kapitelüberschrift in Parag Khannas neuem Buch „Der Kampf um die Zweite Welt: Imperien und Einfluss in der neuen Weltordnung“ (Berlin Verlag, 2008). Der amerikanische Geopolitiker zitiert darin den Hohen Vertreter der EU in Bosnien-Herzegowina, den liberalen britischen Politiker Paddy Ashdown, mit den Worten: „Es ist ganz einfach: Entweder man verbessert die Stabilität auf dem Balkan oder man importiert Instabilität und Kriminalität nach Europa.“ Das ist eine klassische imperialistische Argumentation aus dem Munde eines Mannes, der eine klassische imperialistische Funktion ausübt: Der Hohe Vertreter der EU in jener unruhigen Grenzprovinz kann jeden Beschluss der drei Präsidenten, 13 Regierungen, 180 Minister und 700 Parlamentarier außer Kraft setzen, die das balkanisierte Land in Richtung Mitgliedschaft in der EU steuern sollen. Das entspricht der Funktion eines Gouverneurs oder Hochkommissars der britischen Kolonialverwaltung, dem die – im Kern erzieherische – Aufgabe oblag, die abhängigen Völker zur Selbstverwaltung als „Dominions“ im Empire oder als Mitglieder des Commonwealth zu führen und dabei darauf zu achten, dass die Interessen des Empire nicht durch diesen kontrollierten Emanzipationsprozess gefährdet würden.

Als ich bei der Recherche zu meinem Buch „Imperium der Zukunft“ im Frühjahr 2007 mit dem für diesen Prozess zuständigen EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn sprach, klagte er: „Das Problem ist Folgendes: Bosnien-Herzegowina hat nie als selbständige Nation funktioniert. Es funktionierte immer als Territorium im Rahmen eines Imperiums. Da gab es Rom, Byzanz, die Ottomanen, die Habsburger, das Klein-Imperium Jugoslawien, und jetzt ist es seit über zehn Jahren ein internationales Protektorat. Und danach…“

Danach wird es Teil des europäischen Imperiums“, sagte ich. Rehn dachte nach: „A benevolent empire“, sagte er. „Europa als ‚benevolent empire‘ – ja, wenn Sie so wollen.“ Ich hielt das für die unvorsichtige Äußerung eines Mannes, der mit der Unbekümmertheit eines Skandinaviers – Rehn kommt aus Finnland – gern laut nachdenkt. Wenig später jedoch sagte Kommissionspräsident José Manuel Barroso öffentlich, er vergleiche Europa gern mit einem Imperium; schließlich habe es schon die Dimensionen eines Imperiums. Und, so hätte er sagen können, die Funktion eines Imperiums.

Die EU ist auf dem Balkan Ordnungsmacht. Und Ordnung bedeutet die Übernahme europäischer Rechtsnormen, politischer Vorstellungen, Wirtschaftsweisen, Erziehungsmodelle usw. (Nicht nur in Griechenland und Slowenien, sondern auch in Montenegro und im Kosovo ist der Euro bereits die offizielle Währung.) Parag Khanna meint: „Angesichts der historischen Instabilität des Balkans wird das europäische Imperium so lange unvollendet und verwundbar bleiben, bis die ‚Ostfrage‘, die den europäischen Staatsmännern schon vor 100 Jahren Kummer bereitete“ – so kann man das auch ausdrücken – „gelöst ist.“

Olli Rehn umschreibt die mission civilisatrice der Europäischen Union prosaischer: „Das Ziel besteht darin, aus dem Balkan einen stinknormalen Ort zu machen, wie der Rest Europas.“

So hätten wir den Kreis geschlossen: von Diokletian und dem römischen Reich zur Europäischen Union mit ihren Brüsseler Beamten. Vielen Kommentatoren – allen voran den Anhängern der Huntington’schen These vom „Kampf der Kulturen“ – galt das Aufflammen der ethnischen und religiösen Kämpfe nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens, in deren Verlauf 300 000 Menschen starben und zwei Millionen vertrieben wurden, als „Rückkehr der Geschichte“; als sei die Balkanisierung so etwas wie ein natürlicher Prozess, als seien ethnisch-religiös bestimmte Mini-Staaten der Ur-Stoff der Geschichte. Tatsächlich aber wird der Nationalismus Episode bleiben, kehrt die Geschichte erst mit der Rückkehr des Imperiums auf den Balkan zurück.


ALAN POSENER, geb. 1949, ist Kommentarchef der Welt am Sonntag. Seine jüngste Buchveröffentlichung: „Imperium der Zukunft. Warum Europa Weltmacht werden muss“(2007).

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