Gründungssünden

Buchkritik

1. May 2008 - 0:00 | von Joseph Croitoru

Internationale Politik 5, May 2008, S. 132 - 135

Kategorie: Sicherheitspolitik, Religion, Migration, Staatsaufbau, Geschichte, Politische Kultur, Europa, Naher und Mittlerer Osten/Nordafrika, Israel, Palästina

Die Lage der Palästinenser und der Einfluss der Siedler gehören zu den zentralen Problemen, mit denen man sich in Israel auch 60 Jahre nach der Staatsgründung auseinandersetzen muss. Kein Wunder, dass unter israelischen Historikern nach wie vor erbittert darüber gestritten wird. Drei Versuche, Licht ins Dunkel zu bringen.

Bis heute ist in Israel umstritten, ob die mit der Staatsgründung einhergegangene Vertreibung der Palästinenser nach einem vorgefassten Plan erfolgte. Der israelische Historiker Ilan Pappe hat jetzt ein neues Licht auf diese alte Streitfrage geworfen und mit einem der israelischen Gründungsmythen, wonach die lokale Bevölkerung „freiwillig“ gegangen sei, aufgeräumt. Er ist überzeugt, dass sehr wohl ein Masterplan existiert habe, der eine „ethnische Säuberung Palästinas“ vorsah. In seinem gleichnamigen Buch wertet er neben neuem Archivmaterial auch publizierte Memoiren und Tagebücher der damaligen israelischen Entscheidungsträger in Militär und Politik aus, die er einer neuen Lektüre unterzieht.

Dass ein erheblicher Teil der zionistischen Führung die einheimische arabische Bevölkerung Palästinas seit jeher als Störfaktor gesehen habe, den sie loswerden wollte, wurde längst von dem arabischen Historiker Nur Masalha nachgewiesen, auf den sich Pappe auch bezieht. Doch dabei, so Pappe, sei es nicht bei der reinen Theorie geblieben. Schon in den dreißiger Jahren sei die palästinensische Bevölkerung vom Nachrichtendienst der Zionisten intensiv beobachtet worden. Mit Hilfe arabischer Informanten habe man alle erdenklichen Informationen gesammelt – von der politischen Einstellung der Dorfbewohner bis hin zur peniblen Dokumentation des Obstbaumbestands. Gleichzeitig hätten die Zionisten ihre Militäreinheiten immer weiter ausgebaut, wozu die Palästinenser deshalb nicht in der Lage gewesen seien, weil ihre Führung während des arabischen Aufstands in den Jahren 1936 bis 1939 von den Briten weitgehend ausgeschaltet worden sei. Bereits beim Wiederaufflammen der Feindseligkeiten nach der Verabschiedung des UN-Teilungsplans für Palästina im November 1947 seien die jüdischen Einheiten in die Offensive gegangen. Ihre immer brutaler werdenden „Vergeltungsaktionen“ gegen palästinensische Dörfer hätten bereits bis Ende des Jahres 75 000 Palästinenser gezielt in die Flucht getrieben.

Pappe widerspricht der gängigen Auffassung, die arabischen Länder hätten 1948 Israel überfallen, um es zu vernichten. Seiner Ansicht nach zielte die arabische Militärintervention vielmehr darauf ab, den massiven Vertreibungsaktionen ein Ende zu setzen. Diese hätten mit „Plan Dalet“, von David Ben Gurion und den jüdischen Militärs im März 1948 beschlossen, eine neue Dimension erreicht: Noch vor der Ausrufung des Staates Israel im Mai desselben Jahres sei eine Viertelmillion Palästinenser systematisch vertrieben worden, um immer mehr Territorium für den neu zu gründenden jüdischen Staat zu er-obern und den arabischen Bevölkerungsanteil zu reduzieren.

Die Vertreibungen, die bis in das Jahr 1949 angedauert hätten, seien nach einem festen Muster erfolgt. Man habe die palästinensischen Ortschaften von drei Seiten angegriffen, um den Bewohnern einen Fluchtweg freizulassen. „Verdächtige“ seien auf der Stelle erschossen worden, viele Männer seien in Gefangenenlager gekommen, und immer wieder sei es auch zu Massakern an Dorfbewohnern gekommen. Wie Pappe betont, waren die Palästinenser ebenso wie die arabischen Invasionsarmeen der israelischen Armee militärisch unterlegen. Und obgleich die israelische Führung dies gewusst habe, habe Israels Ministerpräsident Ben Gurion das Szenario eines angeblich „drohenden zweiten Holocaust“ beschworen. Dieser Propaganda, so der Autor, habe die Weltöffentlichkeit geglaubt, was mit ein Grund dafür sei, dass die israelischen Verbrechen an den Palästinensern bis heute nicht als solche gälten und völkerrechtlich geahndet würden.

Pappes Lesart der damaligen Ereignisse als ethnische Säuberung ist – zumal angesichts der gegenwärtigen Lage in Nahost – mehr als ernüchternd, stellenweise aber auch etwas einseitig. Denn der Krieg von 1948 kostete auch 6000 israelischen Soldaten das Leben. Allerdings nehmen die Israelis nach wie vor für sich in Anspruch, Hauptopfer zu sein – unberechtigterweise, wie Pappe zu Recht kritisiert.

Tom Segev vermied es 1984, als er sein Buch über „die ersten Israelis“ und ihr Verhalten im Jahr 1949 schrieb, sich jenen Kardinalfragen zu stellen, die in Pappes Buch angegangen werden. Gleichwohl ist vieles, was er damals aus Archiven, Erlebnis- und Presseberichten zusammentrug, trotz der um mehr als zwei Jahrzehnte verspäteten Übersetzung ins Deutsche nicht veraltet. Segevs Terminologie spiegelt allerdings den damaligen, noch embryonalen Stand der israelischen Vergangenheitsbewältigung wider; etwa wenn der Autor vom israelischen Unabhängigkeitskrieg – Pappe übrigens meidet diesen Terminus – als einem „unvermeidlichen Krieg ums Überleben“ spricht, der „unversehens zu einem ruhmreichen Eroberungsfeldzug“ geworden sei. Ansonsten jedoch wird in diesem Buch nichts beschönigt. Die ersten Israelis hätten die besiegten und entwurzelten Palästinenser geradezu wie Freiwild behandelt. Vergewaltigungen und Plünderungen seien 1949 ebenso an der Tagesordnung gewesen wie die staatlich organisierte Verteilung palästinensischen Besitzes unter den Israelis.

Während Israels neue Einwanderer in die buchstäblich leergeräumten palästinensischen Häuser eingezogen seien, seien der Lebensraum und die Bewegungsfreiheit der in Israel verbliebenen Palästinenser durch die ihnen aufgezwungene israelische Militärverwaltung auf Jahre massiv eingeschränkt gewesen.

Wenig Skrupel habe die damalige israelische Führung auch beim Umgang mit den jüdischen Einwanderern gezeigt, mit denen Ben Gurion Segev zufolge vor allem die Armee stärken wollte. Diese seien in der Diaspora von Mossad-Agenten mit erfundenen Katastrophenszenarien, die sie beim Verbleib in ihren Heimatländern angeblich ereilen würden, eingeschüchtert und so zur Auswanderung gedrängt worden. In Israel angekommen, hätten sie schnell festgestellt, dass es nicht in erster Linie um ihr Wohlergehen ging; stattdessen seien sie zum Spielball im Machtkampf der konkurrierenden Parteien geworden. Vor allem über die bis heute nicht endgültig geklärte Frage, welche Stellung die jüdische Religion im Staat einnehmen soll, wurde seinerzeit von Säkularen und Orthodoxen heftig gestritten, was Segev ausführlich, stellenweise sogar ein wenig zu detailliert beschreibt.

In der säkular geprägten Gründerzeit konnte sich niemand vorstellen, welches politische Gewicht die Religion im Land eines Tages haben würde. Doch glaubt man der Historikerin Idith Zertal und dem Journalisten Akiva Eldar, so ist die israelische Gesellschaft mittlerweile zur Geisel der nationalreligiösen Siedler geworden. Entsprechend lautet der Titel ihres Buches: „Die Herren des Landes“. Es handelt sich jedoch keineswegs um ein Pamphlet, sondern um eine gründlich recherchierte Studie, deren These überzeugt: Die Siedler hätten es seit 1967 mit viel politischem Geschick vermocht, die israelische Politik maßgeblich zu beeinflussen – eine Entwicklung, die nicht nur auf Kosten der Palästinenser gehe, denen immer mehr Boden geraubt werde, sondern auch zu Lasten der israelischen Gesellschaft, die die enormen Kosten der Siedlungen zu tragen habe.

Der Aufstieg der Siedlerbewegung vollzog sich zunächst fast unbemerkt. So störten sich im Siegesrausch nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 weder die israelische Öffentlichkeit noch der Westen daran, dass im September desselben Jahres eine Gruppe junger religiöser Israelis das im Krieg von 1948 an die Araber verlorene Dorf Kfar Etzion in der frisch besetzten Westbank südlich von Jerusalem wiedergründete. Damit war ein Präzedenzfall geschaffen, der die militanten Nationalreligiösen ermunterte, noch mehr ehemals jüdisch-biblisches Land in der Westbank zu besiedeln. Die ersten Siedler gingen dabei zunächst in kleinen Schritten vor und schufen immer wieder vollendete -Tatsachen, die von den unentschlossenen israelischen Politikern schließlich abgesegnet wurden. Zertals und Eldars Erklärung für diese Kapitulation der Politik leuchtet ein: Die mittlerweile betagten Politiker der Arbeitspartei seien von den jungen und idealistischen Siedlern nicht zuletzt deshalb eingenommen gewesen, weil sie sich in ihnen wiedererkannt -hätten: Seien sie ehemals doch selbst vom zionistischen Ideal der Besiedlung des ganzen Heiligen Landes beseelt gewesen. Diese Schwäche hätten Politiker des Likud wie Ariel Scharon ausgenutzt, die die Siedlerbewegung aktiv unterstützt und sie so stark -hätten werden lassen, dass heute eine Rückkehr zu den Grenzen von 1967 – die die Autoren für dringend notwendig halten – kaum möglich erscheine.

Ilan Pappe: Die ethnische Säuberung Palästinas. Frankfurt/M.: Zweitausendeins 2007, 413 Seiten, 22,00 €

Tom Segev: Die ersten Israelis. Die Anfänge des jüdischen Staates. München: Siedler 2008, 416 Seiten, 24,95 €

Idith Zertal und Akiva Eldar: Die Herren des Landes. Israel und die Siedler-bewegung seit 1967. München: DVA 2007, 572 Seiten, 28,00 €


Dr. JOSEPH CROITORU, geb. 1960, ist Autor der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit den Schwerpunkten Naher Osten und Osteuropa.

 
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