Herzls Traum

... war eine wahrhaft moderne Demokratie. Seine Vision prägt das Land noch heute

1. May 2008 - 0:00 | von Avi Primor

Internationale Politik 5, May 2008, S. 16 - 23

Kategorie: Religion, Migration, Staat und Gesellschaft, Politisches System, Geschichte, Europa, Nordamerika, Naher und Mittlerer Osten/Nordafrika, Israel, Arabischer Osten/Israel

Viele Europäer glauben, Israel sei ein Ergebnis des Holocaust. Man nimmt an, die UN hätten 1947 der Gründung eines jüdischen Staates zugestimmt, um einen Zufluchtsort für die Überlebenden der Schoah zu schaffen. Doch die Saat für den Staat Israel wurde lange vorher gelegt. Herzls Vermächtnis wird heute überschattet von der Siedlungspolitik.

Auch viele Israelis glauben, die Antwort darauf, dass sich ein ganzes Volk wie Lämmer zur Schlachtbank führen ließ, sei die Gründung eines eigenen Staates gewesen. Der Staat Israel ist aber keineswegs das Ergebnis des Holocaust. Zweifellos haben der Zweite Weltkrieg und die Verbrechen der Nazis – die größte Tragödie, die im Laufe der Geschichte über das jüdische Volk hereingebrochen ist – das Verfahren zur Gründung eines jüdischen Staates beschleunigt. Die Saat zur Gründung dieses Staates aber wurde lange vor der Machtergreifung der Nazis und auch lange vor dem Ersten Weltkrieg gelegt.

Ich bin 13 Jahre vor der Ausrufung der Unabhängigkeit Israels geboren. Als Kind war ich mir dessen kaum bewusst, dass ich nicht in einem jüdischen Staat lebte. Zwar wusste ich selbstverständlich von der britischen Besatzung, gegen die es einen jüdischen Widerstand gab, der uns Kinder fasziniert hat. Unser Lebensgefühl aber war, dass wir in einem jüdischen Staat lebten, der von einer Fremdmacht, den Briten, besetzt war. Unserem Gefühl nach ging es dabei um einen vorübergehenden Missstand in einem prinzipiell unabhängigen Staat. Erzogen wurde ich in Schulen, die mit dem britischen Kolonialsystem nichts zu tun hatten. Die Juden Palästinas hatten ihre eigenen autonomen Behörden. Auch wenn diese von den britischen Behörden nicht immer gerne toleriert wurden, die jüdische Bevölkerung akzeptierte sie als absolute Autorität und finanzierte sie auch. Unser Lehrplan wurde von den jüdischen Behörden bestimmt, und es wurde ausschließlich in hebräischer Sprache gelehrt. Englisch wurde als Fremdsprache unterrichtet, von den Kindern aber als Sprache des „Feindes“ nur widerwillig hingenommen. Die einzige Auswirkung der britischen Macht in unseren Schulen war ein Ereignis, über das wir Kinder überaus glücklich waren:

Am Geburtstag des englischen Königs hatten wir schulfrei. Aber nicht nur in der Schule hatten wir das Gefühl, in unserem eigenen Staat zu leben. Auch unser Umfeld sah entsprechend aus. Der Großteil der Juden Palästinas wohnte in Städten und Dörfern, die sie selbst gegründet hatten und in denen nur vereinzelte Nichtjuden lebten. Das traf ganz besonders auf meine Heimatstadt Tel Aviv zu. In Städten, in denen die Bevölkerung aus mehreren ethnischen Gruppen bestand, lebten die Juden in eigenen Wohnbezirken. Und all dies ereignete sich, ohne dass jemand die geringste Ahnung von einem auf uns zukommenden Holocaust gehabt hätte.

Die Geschichte der Entstehung des jüdischen Staates in der modernen Zeit ist nicht ausschließlich mit dem 2000-jährigen Traum der Juden von der Rückkehr in das Land ihrer Väter verbunden. Tatsächlich träumten die Juden seit der Zerstörung der jüdischen Königreiche vor 2000 Jahren, in den Zeiten des Exils und der Verstreuung der jüdischen Bevölkerung in Europa von der Wiederherstellung ihrer Souveränität. Dieser Traum hat jedoch im 19. Jahrhundert zumindest in Westeuropa eine Metamorphose durchgemacht. Die Französische Revolution versprach den Juden zum ersten Mal in der Geschichte Europas Staatsangehörigkeit und Gleichberechtigung. Mit der Umsetzung des Versprechens durch Napoleon – und dies nicht nur in Frankreich, sondern auch in den meisten eroberten Teilen Europas – begann für viele Juden eine so genannte Zeit der Emanzipation. Viele Juden waren darüber so begeistert, dass sie von „Erlösung“ sprachen und davon ausgingen, dass der 2000-jährige Traum von einem gottentsandten Erlöser, der die Juden ins Gelobte Land zurückbringen werde, überholt sei. In Frankreich selbst, mit Ausnahme des Elsass, verschwand die gesamte jüdische Bevölkerung innerhalb von 50 Jahren. Dies war kein physisches Verschwinden. Die französischen Juden hatten ihre jüdische Identität aufgegeben, um sich ausschließlich als Franzosen auszuweisen. Die jüdischen Gemeinden im heutigen Frankreich stammen hauptsächlich von Zuwanderern ab, die im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts nach Frankreich gekommen waren. Für andere jüdische Gemeinden in Europa war die Integration sehr hoffnungsvoll, wenn auch etwas schwieriger. Oft sprach man damals von Integrationsproblemen wie von Kinderkrankheiten, die bald der Vergangenheit angehören würden.

Doch allen großen Erwartungen zum Trotz kam es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem umgekehrten Phänomen: Die Juden, die sich am meisten um Integration in die Gesellschaft bemüht hatten, wurden von dieser oft abgestoßen und ausgeschlossen. Durch die Geschichte hindurch waren die Juden als Andersdenkende verhasst. Das war der religiöse Antisemitismus, gerichtet gegen eine Minderheit, die die Religion der Mehrheit nicht akzeptieren wollte. Und dennoch wurden die ausgegrenzten Juden, die oft in Ghettos lebten, nicht unbedingt als Gefahr betrachtet. Nun, angesichts der Emanzipation, fürchteten jedoch manche Leute eine „Invasion der Juden in den Kern der allgemeinen Gesellschaft“. So entstand, vor allem in Deutschland, ein neuer Antisemitismus. Die Juden, die Teil der Gesellschaft geworden waren, galten plötzlich als gefährliche „Fremde“. Nun wurden biologische Gründe für ihre Ablehnung angeführt: Für einen Menschen, der als Jude geboren worden war, sollte eine Integration in die Nation unmöglich sein. Dieser nicht mehr religiöse, sondern rassistische Antisemitismus verbreitete sich seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert in Europa, und besonders in Deutschland, wie ein Krebsgeschwür.

Der aufstrebende und gänzlich assimilierte Wiener Jude Theodor Herzl, der nur sehr wenig von seiner jüdischen Herkunft wusste, war der erste, der sich gegen diesen neuen Antisemitismus wehrte. Herzl war in seiner Jugend von dem neuen deutschen Nationalismus begeistert und hatte sich eine Zeit lang mit dieser nationalistischen Idee identifiziert. Allmählich und unter größten Qualen kam er allerdings zu der Erkenntnis, dass angesichts der rasanten Entwicklung des neuen Antisemitismus die Emanzipation der Juden in Europa gescheitert war. Seine Schlussfolgerung: Wenn die Juden jemals in Würde leben wollten, müssten sie die gleichen Kriterien erfüllen wie andere Nationen. Sie müssten also ihre eigene Souveränität gewinnen, ihren eigenen Staat gründen und in ihrem eigenen Land leben. Dem alten Heimatland der Juden hatte man in der jüdischen Tradition mehrere Namen gegeben, darunter auch „Zion“. Die Rückkehr nach Zion war das Ziel der neuen Bewegung, die Herzl schuf und die er „Zionistische Bewegung“ nannte. 1897, ein Jahr nach Veröffentlichung seines visionären Buches „Der Judenstaat“ gegründet, war sie die Hebelkraft für die Gründung des Staates Israel.

Wie wird man eine Demokratie?

Herzl war nicht nur Denker und Idealist, er war auch Pragmatiker. Im Jahr 1903 veröffentlichte er ein Buch namens „Alt-Neuland“, in dem er seine Vorstellungen vom zukünftigen jüdischen Staat genauestens beschrieb. 60 Jahre nach Ausrufung der Unabhängigkeit ist es interessant, die heutige Realität Israels mit Herzls Vorstellungen zu vergleichen. Herzls Israel sollte als Staat eine parlamentarische, demokratische Republik sein. Heute sieht das wie eine Selbstverständlichkeit aus. Zu Herzls Zeiten gab es aber außer in Frankreich und der Schweiz keinen derartigen Staat in Europa. Tatsächlich hat Herzl als Korrespondent seiner Wiener Zeitung mehrere Jahre in Frankreich gelebt und wurde von dem politischen System des Landes inspiriert. Wie aber setzt man eine Demokratie in die Tat um, wenn die Zielbevölkerung in ihrer überwiegenden Mehrheit keinerlei demokratische Tradition kennt? Die meisten Juden lebten damals im deutschen und im österreichischen Kaiserreich oder im Herrschaftsbereich des russischen Zaren. Andere Juden, die Herzl weniger bekannt waren, wohnten in islamischen Ländern. Erfahrungen mit parlamentarischer Demokratie hatten sie allesamt nicht. Und doch hat sich

Herzls Traum von der Gründung einer stabilen Demokratie verwirklicht. Er erreichte das, indem er zunächst seiner eigenen Bewegung eine demokratische Basis gab. Sie beruhte auf politischen Parteien und tolerierte und ermutigte sogar eine Vielfalt von Meinungen. Die Leitung der Bewegung wurde in regelmäßigen freien und gleichberechtigten Wahlen bestimmt. Gleiches Wahlrecht wurde damals nicht einmal in den bestehenden Demokratien Frankreich und in der Schweiz akzeptiert, wo zum Beispiel – und im Gegensatz zur Zionistischen Bewegung – Frauen noch kein Wahlrecht hatten. Die Wahlen waren für Herzl selbstverständlich nicht bequem. Denn trotz seiner großen Beliebtheit musste er sich ununterbrochen mit Meinungsverschiedenheiten und Koalitionsbildungsproblemen auseinandersetzen. Aber er wollte um jeden Preis eine demokratische Bewegung.

Die Bevölkerung des heutigen Staates Israel wuchs also aus Immigranten heran, die zum Großteil aus nichtdemokratischen Ländern kamen: Aus Nazi Deutschland, aus dem zaristischen oder dem kommunistischen Russland, aus osteuropäischen Diktaturen und islamischen Ländern. All diese Menschen sind ohne demokratische Tradition nach Palästina und danach nach Israel gekommen und mussten sich sofort dem harten demokratischen Kern der Zionistischen Bewegung anpassen. Und so zog Herzls demokratische Idee immer weitere Kreise und prägte den heranwachsenden Staat. Israel ist im Krieg geboren und kennt seit seiner Unabhängigkeit keine andere Existenz als die des ständigen Kriegszustands. Ursprünglich demokratische Staaten legen während eines Kriegszustands in der Regel die Demokratie auf Eis. Der Kerngrundsatz Herzls hat sich aber als hart genug erwiesen, um trotz aller widrigen Umstände Demokratie auf Dauer zu gewährleisten.

Herzl stellte sich den zukünftigen Staat als ein modernes Land mit einer modernen Gesellschaft vor. Wirtschaftliche Grundlage sollte eine moderne Landwirtschaft mit fortschrittlichsten Technologien sein. Nicht Bauern im alten europäischen Stil sollten die Landwirtschaft im neuen Staat sichern, sondern Herzl schwebte eine technologische Gesellschaft vor. Er dachte in der Tat an jedes Detail. So sprach er als erster von der Idee, einen Kanal zwischen dem Mittelmeer bzw. dem Roten Meer und dem Toten Meer zu graben. Diese Idee wird vom heutigen Staatspräsidenten Schimon Peres gefördert. Er dachte an die Wasservorräte, die Elektrizitätserzeugung und die Industrie, die Wasser benötigt, besonders in einem Wüstenland. Moderne Landwirtschaftsschulen, technische Schulen und Universitäten sollten für die fortschrittlichste Ausbildung der Staatsbürger sorgen. Zu Herzls Zeiten war in Europa die absolute Mehrheit der Bevölkerung Bauern. In Israel beschäftigen sich heute nur noch drei Prozent der Israelis mit der Landwirtschaft; sie versorgen nicht nur die gesamte Bevölkerung mit reichlich Nahrungsmitteln, sondern produzieren in großem Maßstab für den Export. Von Herzls Idee inspiriert, begann diese Entwicklung in Israel lange bevor man in Europa moderne Landbearbeitungsmethoden anwandte. Vor allem aber hat sich Herzls Vision eines modernen technologischen Staates heute im Hightech-Bereich verwirklicht. Allerdings ist dieser Erfolg zum Teil auf einen Zustand zurückzuführen, von dem Herzl keineswegs geträumt hat, auch in seinen Albträumen nicht: Der Kriegszustand, den Herzl unter keinen Umständen erwartet hat, hat den Israelis die Überzeugung vermittelt, dass sie sich als kleines Volk inmitten von vielen bevölkerungsstarken arabischen Staaten nur dann behaupten können, wenn sie wissenschaftlich und technologisch fortschrittlicher sind als ihre Nachbarn.

Ein Staat für alle Juden

Herzls Grundidee war also, einen nationalen Rahmen für die Juden zu schaffen, in dem sie endlich wie andere moderne Nationen in Würde leben könnten. Es war aber nie klar, für welche Juden er einen solchen Rahmen schaffen wollte. Ursprünglich dachte er natürlich an sein unmittelbares Umfeld, also an die Juden Westeuropas. Schnell kam er aber zu dem Schluss, dass die assimilierten Juden in den fortschrittlichsten Ländern ihren Traum, echter Teil der Nation zu werden, in der sie lebten, nicht aufgeben wollten. Gleichzeitig entstand ein ungeheurer Druck auf die Juden in Osteuropa, wo der Antisemitismus mörderische Formen angenommen hatte. Im zaristischen Russland kam es mit Unterstützung der Behörden dauernd zu blutigen Wellen von Pogromen. Die Juden in Not brauchten dringend einen Zufluchtsort, und das konnte nicht ausschließlich Amerika sein. So dachte Herzl, „sein“ zukünftiger Staat würde wahrscheinlich nur einen Teil der jüdischen Bevölkerung weltweit beherbergen. Und doch wollte er, dass Israel allen Juden zur Verfügung stehen sollte.

Bei Ausrufung der Unabhängigkeit im Jahr 1948 zählte der neue Staat 600 000 jüdische Bürger. Das waren etwa fünf Prozent der jüdischen Bevölkerung weltweit. Heute leben im Staat Israel mehr als sieben Millionen israelische Bürger, von denen sechs Millionen Juden sind, also die knappe Mehrheit der jüdischen Bevölkerung der Welt. Israel ist damit zur größten jüdischen Gemeinschaft der Welt und zum Weltzentrum des Judentums geworden. Zu Herzls Zeiten gab es noch eine Mehrheit unter den Juden, die sich dem Zionismus widersetzten. Selbst nach dem Zweiten Weltkrieg lehnten Amerikas Juden den Zionismus noch mehrheitlich ab. Der Grund dafür war wie immer der Glaube an volle Integration in das Land, in dem sie lebten. Wenn die Juden auch heute in ihren Ländern integrierte und treue Staatsbürger sind, betrachten sie Israel doch als ein weiteres Zentrum ihres Lebens, mit dem sie Solidarität bekunden. Die Frage bleibt: Was bedeutet es, einen jüdischen Staat zu haben, einen Staat, in dem schließlich auch nichtjüdische Bürger leben, die heute mehr als 20 Prozent seiner Bevölkerung ausmachen? Herzl hat sich vorgestellt, dass der Judenstaat auch Nichtjuden aufnehmen und ihnen Gleichberechtigung gewähren könne. Der Staat sollte aber immer die Möglichkeit behalten, jedem Juden als Zufluchtsort offen zu stehen. Dieses Ziel wurde erreicht und das wird auch so bleiben, vorausgesetzt, dass der Staat Israel niemals die besetzten Gebiete annektiert. Mit der Annexion der besetzten Gebiete würde der Staat eine Bevölkerung eingliedern, der er Staatsangehörigkeit und Gleichberechtigung geben müsste. Angesichts der schnellen demografischen Entwicklung der Palästinenser würde er damit in kurzer Zeit seine jüdische Mehrheit verlieren. Die neue Mehrheit würde dann wahrscheinlich den Judenstaat abschaffen.

Die Zionistische Bewegung hat aber nicht nur einen Staat geschaffen, in dem die Mehrheit der Juden lebt. Vor allem hat sie das Ziel eines Lebens in Würde erreicht. Den Juden, die wie ich in diesem Land geboren sind, ist das Gefühl der Angehörigkeit zu einer Minderheit unbekannt. Sie kennen auch die Ängste und Minderwertigkeitsgefühle nicht, mit denen Minderheitsangehörige oft aufwachsen. Für den heutigen, gebürtigen Israeli ist der Antisemitismus zwar ein wichtiges historisches Thema, aber kein Thema, das mit subjektiven negativen Gefühlen oder mit persönlichen Ängsten verbunden ist. Und das ist vielleicht die größte und wichtigste Komponente der Ideen Herzls: Das negative Lebensgefühl der Juden als Angehörige eines Volkes ohne Wurzeln und ohne Land, verstreut in und zwischen den anderen Völkern lebend, gehört der Vergangenheit an.

Eine altneue Sprache

Eine Errungenschaft der Zionistischen Bewegung, an die Herzl nicht unbedingt geglaubt hat, ist die Renaissance der hebräischen Sprache. Der Pragmatiker Herzl war der Meinung, dass die Landessprache seines zukünftigen, modernen Judenstaats eine moderne Weltsprache sein müsse. Die hebräische Sprache wurde von den meisten Juden schon seit Jahrhunderten nicht mehr gesprochen. Zwar konnten die meisten Juden Hebräisch, die Sprache der Gebete und des Gottesdiensts, lesen, aber nicht verstehen, so wie die Katholiken bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts lateinisch gebetet haben, ohne es zu verstehen. Herzls Meinung nach war die deutsche Sprache die passende Sprache für den zukünftigen Judenstaat. Erstens war sie eine Weltsprache, die Sprache der modernen Industrieländer Deutschland und Österreich. Zweitens war die deutsche Sprache ein gemeinsamer Nenner für die meisten Juden, die ihm bekannt waren. Auf der einen Seite ging es dabei um die Juden, die im deutschen oder im österreichischen Kaiserreich lebten. Auf der anderen Seite waren es Juden überall in Europa, deren Alltagssprache Jiddisch, eine Art deutscher Dialekt, war, oder die Jiddisch zumindest verstanden. Da stieß Herzl aber auf Widerstand in der eigenen Bewegung. Für viele seiner Mitstreiter waren die historischen Wurzeln und die traditionellen Gefühle gegen-über einer Kultur und Sprache wichtiger als Modernismus. In diesem Punkt musste Herzl nachgeben. Die Wiederbelebung der hebräischen Sprache gilt als ein großes Wunder unter den Errungenschaften der Zionistischen Bewegung. Sie wird heute als Kitt der neuen, aus einer Myriade unterschiedlicher Kulturen und Sprachen entstandenen Nation betrachtet. Auch wenn die Wiederbelebung der hebräischen Sprache nicht seine eigene Idee war, würde Herzl heute mit der Landessprache Israels sehr zufrieden sein.

Nach Ausrufung der Unabhängigkeit 1948 betrug die Gesamtzahl der Schüler und Studenten an allen israelischen Bildungseinrichtungen 80 000. Darunter waren nicht mehr als 1000 Universitätsstudenten. Im Jahr 2008 zählt Israel 1,5 Millionen Schüler und 250 000 Studierende. Die Ziele, die sich die Väter des Erziehungssystems gesetzt hatten, wurden weitgehend verwirklicht: Vor allem durch die Vermittlung der gemeinsamen Sprache und Kultur ist aus dem bunten Kulturengemisch von Zuwanderern – wenn nicht eine einheitliche Nation, dann doch zumindest ein fest zementiertes Mosaik geworden. Überdies hat es die Entwicklung von Wissenschaft, Forschung und besonders der Hochtechnologie gesichert, auf der die höchst erfolgreiche Wirtschaft des Landes maßgeblich aufbaut.

Nach dem Wert des heutigen Dollar gemessen, betrug das Bruttosozialprodukt des neuen Staates Israel im Jahr 1949 eine Milliarde Dollar. Heute liegt es bei 200 Milliarden Dollar, also 200-mal soviel, obwohl die Bevölkerung nur zehnmal so groß ist wie zur Gründungszeit. Das Wachstum der israelischen Wirtschaft beruht bis zu 40 Prozent auf dem Hightech-Sektor. Dabei beschäftigt der Hightech-Bereich nur fünf Prozent der Arbeitskräfte des Landes. 100 israelische Unternehmen sind in der NASDAQ gelistet, vor Kanada an zweiter Stelle, gleich hinter den Vereinigten Staaten.

Auf gleicher Augenhöhe mit den Nachbarn

Herzl war sich bei der Gründung seiner Bewegung sehr wohl darüber im Klaren, dass Palästina kein leeres Land war. Die Behauptung, die Zionistische Bewegung wolle „ein Volk ohne Land in ein Land ohne Volk“ bringen, entspricht der historischen Wahrheit keineswegs. In seinem Buch „Altneuland“ spricht Herzl sehr viel von den Arabern Palästinas. Da er sein Buch als Roman präsentiert, führt die jüdische Hauptfigur seiner Geschichte lange und tiefgreifende Gespräche mit einem Araber namens Raschid Bey. Sie drehen sich ständig um die Frage, wie die zionistischen Zuwanderer und die vor Ort lebenden Araber einander behilflich, einander nützlich sein könnten. Ende des 19. Jahrhunderts bestand der Hauptteil der Einwohner Palästinas aus muslimischen Arabern. Daneben gab es eine Vielzahl von Minderheiten, darunter Juden und Christen, Drusen, Tscherkessen und Baha‘i. Nur in der damals sehr kleinen Stadt Jerusalem bildeten die Juden die Mehrheit der Bevölkerung. Insgesamt aber war die Landesbevölkerung zahlenmäßig gering, weite Landstriche bestanden aus Wüsten und Sumpfland.

Wie Herzl vorhergesehen hatte, brachte die zionistische Zuwanderung dem pittoresken aber armen Land Entwicklung und Modernisierung. Damit war es für Arbeitssuchende aus den arabischen Nachbarländern Palästinas attraktiv geworden, und es entstand eine doppelte Zuwanderungsbewegung: Es kamen Juden, hauptsächlich aus Europa, und es kamen individuelle Arbeitssuchende aus der arabischen Welt. Bis zum Ende der britischen Mandatszeit 1948 entwickelten sich zwei Nationen nebeneinander. Das führte zum Teilungsplan der Vereinten Nationen, die am 29. November 1947 beschlossen, die britische Herrschaft über das Land zu beenden und das Land in zwei Teile aufzuteilen. Den Arabern Palästinas wurde das gleiche Angebot unterbreitet wie den Juden des Landes, nämlich in der ihnen zugesprochenen Hälfte Palästinas einen eigenen Staat zu gründen. Sie haben diesen Plan abgelehnt. Stattdessen entfesselten sie einen Krieg mit der erklärten Absicht, den Staat Israel im Keim zu ersticken – zuerst allein, dann mit Unterstützung der arabischen Nachbarstaaten. Es gelang ihnen nicht, den Staat Israel zu verhindern. Doch sie hegten noch jahrelang den Wunsch, ihn zu zerstören und weigerten sich infolgedessen, mit Israel Frieden zu schließen. Nach dem Sechs-Tage-Krieg im Jahr 1967 aber begann eine neue Entwicklung. In den arabischen Nachbarstaaten sickerte die Erkenntnis durch, dass sie dazu verdammt sind, mit ihrem ungeliebten Nachbarn Israel im Nahen Osten zu leben. Allmählich führte dies zum Friedensschluss zwischen Israel und Ägypten, Israel und Jordanien.

Gleichzeitig aber kamen in Israel messianische Ideen auf, die zur Gründung von Siedlungen in den besetzten Gebieten, vor allem im Westjordanland, führten: Das biblische Kernland, das Land der alten jüdischen Königreiche, sollte für immer im Besitz der Juden bleiben. Die Siedlungen haben in den besetzten Gebieten vieles geändert, nicht aber die Tatsache, dass dort eine andere Bevölkerung lebt. Sie konnten nicht ändern, dass diese Bevölkerung unter israelischer Besatzung nicht in Würde leben kann und sich infolgedessen mit dieser neuen Realität niemals abfinden können wird. Dass es zu einer solchen Situation kommen könnte, hatte Herzl nicht bedacht. Er wollte die Juden in ein Leben in Würde führen, nicht aber eine andere Bevölkerung in ein Leben in Unwürde drängen. So ist diese noch immer offene Wunde der Grund dafür, dass die Umsetzung von Herzls Traum trotz aller Erfolge bis heute nicht wirklich vollendet ist. Und sie ist nicht nur noch unvollendet: Der Kriegszustand, die Besatzung, die Tatsache, dass noch kein Frieden erreicht worden ist, ist langfristig gesehen eine Gefahr für das ganze Gebilde Herzls.


AVI PRIMOR, geb. 1935 in Tel Aviv, ist Direktor des Zentrums für Europäische Studien an der Privatuniversität IDC Herzliya, Israel; von 1993 bis 1999 war er Botschafter des Staates Israel in der Bundesrepublik Deutschland.

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