Deines Nächsten Acker

Ein neuer Kolonialismus: Ressourcen-arme Staaten kaufen weltweit Land auf

1. November 2008 - 0:00 | von Javier Blas

Internationale Politik 11, November 2008, S. 30 - 33

Kategorie: Wirtschaft & Finanzen, Rohstoffe & Energie, Nahrung, Konflikte und Strategien, Weltweit

Insbesondere Unternehmen und Regierungen in Staaten, die den Hauptteil ihrer Lebensmittel importieren, wollen immer öfter Ackerboden außerhalb der eigenen Grenzen pachten oder kaufen. Saudi-Arabien durchkämmt die gesamte Erdoberfläche nach fruchtbarem Land: Sudan, Ukraine, Pakistan, Thailand. Die Vereinigten Arabischen Emirate suchen in Kasachstan und im Sudan; Südkorea hat angeblich Pläne in der Mongolei. Sogar China erwägt Investitionen in Südostasien.

„Es handelt sich um einen neuen Trend im Zuge der globalen Nahrungsmittelkrise“, sagt Joachim von Braun, Direktor des International Food Policy Research Institute (IFPRI) in Washington, „der wichtigste Machtfaktor heutzutage ist Lebensmittelsicherheit.“ Durch Handelsbeschränkungen von Exportstaaten, beispielsweise die Senkung indischer Reisexporte, den Stopp von Weizenexporten aus der Ukraine oder die hohe Besteuerung von argentinischem Soja haben Importländer erkannt, dass ihre Abhängigkeit von den internationalen Lebensmittelmärkten sie nicht nur anfällig für Preissteigerungen macht, sondern vor allem für Versorgungsengpässe. Aus diesem Grund rangiert Lebensmittelsicherheit zum ersten Mal seit den siebziger Jahren an der Spitze der politischen Prioritätenliste. „Die Lebensmittelkrise war ein Alarmsignal an alle Länder, nach geeigneten Orten zu suchen, um die Zufuhr von Lebensmitteln sicherzustellen“, sagt Abdullah Al Obaid, stellvertretender Landwirtschaftsminister in Saudi-Arabien.

Die Tendenz, sich Ackerboden im Ausland zu sichern, um die heimische Lebensmittelversorgung zu verbessern, hat etliche Politiker alarmiert. Jacques Diouf, Generaldirektor der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO), warnt vor der Schaffung eines „neokolonialen“ Systems. Seine Warnung hat besonderes Gewicht, weil er ursprünglich eine Zusammenarbeit zwischen finanzstarken Staaten auf der einen Seite und ressourcenreichen auf der anderen ausdrücklich befürwortet hatte. Im Hinblick auf die jüngsten Agrarinvestitionen meinte Diouf jedoch: „Einige Verhandlungen haben zu asymmetrischen internationalen Beziehungen geführt und zu einer kurzsichtigen, merkantilistischen Landwirtschaft.“

Doch manche Staaten wollen Versorgungssicherheit um jeden Preis. Die Regierungen wissen, dass sie nicht einerseits die Nahrungsmittelimporte erhöhen und andererseits die Abhängigkeit vom globalen Lebensmittelmarkt verringern können. Die logische Antwort auf dieses Dilemma ist für sie der Einkauf von Lebensmitteln im Ausland bei gleichzeitiger Kontrolle der Versorgungskette – vom Feld bis in die Geschäfte. Staaten, die über viel Ackerboden und Wasser verfügen, haben das Potenzial ihrer Ressourcen erkannt. Der Sudan etwa versucht, mindestens eine Milliarde Dollar von arabischen und asiatischen Investmentgesellschaften in seinen Landwirtschaftssektor zu locken. Das Investitionsministerium vergibt 17 Großprojekte, die eine Fläche von 880 000 Hektar bedecken würden. Meles Zenawi, Äthiopiens Premierminister, ist ebenfalls enthusiastisch. Nachdem er Anfang Oktober eine saudische Landwirtschaftsdelegation empfangen hatte, sagte er: „Wir sagten ihnen [den Saudis], dass wir darauf brennen, ihnen Hunderttausende Hektar Ackerboden für ihre Investitionen zur Verfügung zu stellen.“

Viele Politiker beschwören Albtraumszenarien herauf – Ernten, die an hungernden Einheimischen vorbei aus hermetisch abgeriegelten Farmarealen abtransportiert werden. Andere sorgen sich um das Schicksal der Kleinbauern und deren Besitzrechte. Die Bedenken überwiegen, dass einige Länder des Nahen Ostens nur billige Arbeitskräfte, Wasserressourcen und fruchtbaren Ackerboden ausbeuten wollen, während sie vom Düngemittel bis zum Saatgut alle weiteren Hilfsmittel einschiffen lassen. Mit den Worten von Jacques Diouf: „Es besteht das Risiko, dass ein neokoloniales Bündnis über die Herstellung von unverarbeiteten Rohstoffen unter inakzeptablen Arbeitsbedingungen geschlossen wird.“

Sinnvoll eingesetzt, könnten dieselben Investitionen jedoch einen wertvollen Beitrag zum Erhalt einer sicheren Nahrungsmittelversorgung im Mittleren Osten und anderswo leisten. Die realistischste Methode, sie weltweit zu verbessern, ist das brasilianische Modell mit seinen riesigen, technologisch hochgerüsteten Agrarfirmen, welche die ganze Welt ernähren. Mithilfe von Kapital aus dem Nahen Osten oder Asien könnte man so dem Anstieg der Lebensmittelpreise Einhalt gebieten.

Mit Hilfe internationaler Richtlinien müsste sichergestellt werden, dass Investitionen nicht nur den Investoren, sondern auch dem Empfängerstaat und seinen Bewohnern nützen, dass Besitzrechte und Wasserversorgung geschützt werden und sichergestellt wird, dass Investitionen in schwachen Demokratien nicht die Korruption stärken. Es ist dringend erforderlich, dass die internationalen Organisationen Best-practice-Empfehlungen herausgeben. Wird nicht gehandelt, verstreicht die Gelegenheit, endlich die globale Lebensmittelproduktion zum Wohle aller Menschen zu verbessern. Stattdessen würde nur der Wohlstand weniger Reicher auf Kosten der hungrigen Massen gesteigert.

JAVIER BLAS  ist Korrespondent für Rohstoffwirtschaft bei der Financial Times

Übersetzung: Luisa Seeling

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