„Von Null auf Platz drei“

Chartstürmer: Warum es sich lohnt, in grüne Technologie zu investieren

1. October 2008 - 0:00 | von Erik Straser

Internationale Politik 10, Oktober 2008, S. 41 - 55

Kategorie: Economy and Finance, Climate & Energy Policy, Non-Renewables, Renewables, Environmental Technology, Worldwide

IP: Herr Straser, noch vor drei Jahren standen die meisten Investoren in den USA den grünen Technologien eher kritisch gegenüber. Was hat sich geändert?

Straser: Einiges. Greentech ist derzeit das heißeste Eisen in der Venture Capital-Szene. Innerhalb weniger Jahre ist Greentech zu einer der wichtigsten Investmentkategorien in den USA aufgestiegen. Viele glauben, dass der Sektor noch expandieren wird.

IP: Worauf ist das zurückzuführen? Sie selbst wurden vom Internet- zum Greentech-Investor …

Straser: Ende 2002 war ich auf der Suche nach neuen Chancen in der Internettechnologie und der Unternehmenssoftware. Doch dann hörte ich einen immer lauter werdenden Trommelschlag. Er kündigte die nächste Welle der Industrialisierung an. Im 20. Jahrhundert begann für etwa 20 Prozent der Weltbevölkerung das Industriezeitalter, für Europäer und Nordamerikaner. Im 21. Jahrhundert werden sich weitere 40 Prozent der Menschen im Rest der Welt industrialisieren – aber ungefähr doppelt so viele in einem Drittel der Zeit.

IP: Wie reagiert die Wirtschaft auf die neue Welle der Industrialisierung?

Straser: Diese Welle wird eine Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen, nach Baumaterialien, Energie, Handel und Transport hervorrufen, die mit nichts zu vergleichen ist, was sich in der jüngeren Vergangenheit abgespielt hat. Dazu kommen die Forschungsprojekte, die an der Stanford University, am MIT, am Caltech und an anderen Instituten bereits laufen – das ist alles hochinteressant. In den vergangenen Jahren fanden die entscheidenden Projekte immer an den Informatikfakultäten statt. Jetzt erleben die Ingenieurswissenschaften wie Biologie, Chemie und Werkstoffkunde eine Renaissance. Überall entstehen Studiengänge, die auf saubere Ener-gien spezialisiert sind.

IP: Warum ist dieser Trend wichtig?

Straser: Weil er nicht nur die Industrialisierung von 40 Prozent der Menschheit betrifft. Inzwischen gibt es ein ausgeprägtes globales Bewusstsein für grüne Themen. Und das Trommelschlagen ist ja seither noch viel lauter geworden. Sogar große Unternehmen wie General Electric haben erkannt, dass es eine grüne Wirtschaft gibt. GE engagiert sich in der Wasser-, Solar- und Windenergie; gleichzeitig trennt man sich vom Plastikgeschäft. Plastik ist dann profitabel, wenn Petroleum billig ist – und diese Annahme stimmt nicht mehr. Es geht also nicht nur um die Umwelt, sondern auch darum, wie sich die Wirtschaft und das Handeln der einzelnen Unternehmen verändern. Daraus ergeben sich für den Venture Investoren ganz besondere Herausforderungen.

IP: Zum Beispiel?

Straser: Bei den Internetfirmen ging es zunächst hauptsächlich um Technologien, von denen niemand wusste, ob sie wirklich am Markt bestehen. Bei den grünen Technologien versuchen wir, in einen schon vorhandenen Markt hineinzukommen. Die Unternehmen müssen nach den Regeln dieses Marktes spielen können, aber trotzdem etwas Neues durchsetzen. Bei den Biokraftstoffen etwa werden wir die großen Ölfirmen nicht verdrängen. Aber das müssen wir auch nicht. Benzin hat in den Vereinigten Staaten ein Marktvolumen von etwa 300 Milliarden Dollar – wenn wir nur einen einstelligen Prozentsatz dieses Marktes erobern, ist das schon bedeutsam.

IP: Welche Bereiche der Greentech-Branche haben das größte Potenzial?

Straser: Am interessantesten finde ich die Solarenergie und die Biokraftstoffe der zweiten Generation, aber auch Vergasungstechnik für Biomasse oder Kohle spielen eine Rolle. Dazu kommen Transportlösungen, Baumaterialien, Wind und Wasser. Diese Märkte sind nicht notwendigerweise miteinander verknüpft. Jeder hat seine eigenen Schwächen und Stärken. Greentech funktioniert nicht so linear wie die Informationstechnologie, wo wir alle fünf Jahre echte Innovationen beobachten. Unser Job ist es, unter Hunderten von Möglichkeiten diejenigen herauszufinden, bei denen sich ein Engagement lohnt.

IP: Betreten Sie mit den Investitionen in grüne Technologien völliges Neuland oder können Sie auf Ihre bisherigen Erfahrungen zurückgreifen?

Straser: Unter den so genannten Greentech-Unternehmen können wir einige „typische“ Biotech-Firmen ausmachen, andere ähneln Internetunternehmen, wieder andere Chipherstellern. Wir haben in all diesen Bereichen Erfahrung. Auf anderen Gebieten machen wir Dinge, die wir noch nie gemacht haben. Am wichtigsten sind jedoch die Menschen, die sich in der grünen Technologie engagieren. Das sind ausgezeichnete Denker, die nicht nur wirtschaftlich erfolgreich sein, sondern auch wirklich Gutes tun wollen.

IP: Halten Sie es für möglich, dass Greentech die Informationstechnologie irgendwann überholt?

Straser: Das Wachstum, das wir im Venture Capital auf diesem Sektor gesehen haben, war schon enorm. Greentech sprang quasi von Null auf Platz drei der Gesamtinvestitionen. Allerdings zweifle ich daran, dass es alle anderen Branchen ausstechen wird. Man muss sich nur einmal anschauen, wie groß die Bedeutung von Informationstechnologie und Life Sciences innerhalb der Gesamtwirtschaft ist. Ich glaube nicht, dass grüne Technologien daran vorbeiziehen können.

IP: Die Marktforscher der Cleantech Group haben ausgerechnet, dass das Venture Capital bei den grünen Technologien zwischen April und Juni 2008 ein Rekordhoch von zwei Milliarden Dollar erreicht hat. Warum ist Wagniskapital so entscheidend für die Branche?

Straser: Es ist wichtig, dass jemand das Technologierisiko mit verantwortet. Die Rolle der frühen Wagniskapitalgeber sieht häufig so aus, dass sie das Risiko, das neue Technologien naturgemäß mit sich bringen, mit den jungen Unternehmern teilen. Erst wenn die Idee auch technologisch umsetzbar ist, kann eine Firma an Marketing oder Verkauf denken.

IP: Wären diese Entwicklungen nicht auch ohne Venture Capital möglich?

Straser: Ja, aber dann würden grüne Technologien von großen Unternehmen wie GM entwickelt. Ohne Wagniskapital gäbe es die Startup-Szene nicht. Diese Startups sind in den USA traditionell das Vehikel, das neue und bahnbrechende Innovationen in den Markt bringt. Das war bei der Informationstechnologie so, und das zeigt sich jetzt auch bei den grünen Technologien.

IP: Viele dieser Startup Firmen konzentrieren sich im Silicon Valley …

Straser: Es scheint, als sei in den USA mehr Wagniskapital vorhanden als in Europa. Das heißt aber nicht, dass die USA bei den grünen Technologien auch die Nase vorn hätten. In Europa etwa spielt die Solarenergie eine viel prominentere Rolle. Das könnte daran liegen, dass die Solarbranche sehr fertigungsintensiv ist und man in Europa auf diesem Gebiet mehr Erfahrung hat.

IP: Welche grundsätzlichen Unterschiede sehen Sie zwischen Europa und den USA bei der Förderung grüner Technologien?

Straser: Europa war uns lange Zeit weit voraus. Die USA sind gerade erst aufgewacht. In Europa ist das Bewusstsein für die Bedeutung grüner Technologien noch immer ausgeprägter, aber in Amerika sind die Investitionen höher.

IP: Wie wichtig sind Steuererleichterungen? Das US-Steuerpaket befindet sich seit 18 Monaten in der Schwebe …

Straser: Steuererleichterungen spielen, zumindest in Bezug auf Venture Capital, nicht so eine große Rolle, wie man meinen sollte. Die Erderwärmung und die Energieprobleme betreffen alle. Dadurch, dass der potenzielle Markt bei den grünen Technologien so groß ist, fallen die politischen Entscheidungen in einzelnen Ländern nicht so ins Gewicht. Dabei kann es durchaus sein, dass ein von uns mit Venture Capital unterstütztes Unternehmen in den USA fertigt und nach Europa verkauft, wenn dort die Nachfrage gerade größer ist.

IP: Was war für Sie die größte Überraschung, seit Sie sich in der grünen Technologie engagieren?

Straser: Für mich war es erstaunlich, wie sehr sich das Bewusstsein über die Erderwärmung innerhalb weniger Jahre vertieft hat. Die Wissenschaft hat hier einiges an Aufklärungsarbeit geleistet. Die wichtigste Frage ist jetzt, wie wir es hinbekommen, dass die alternativen Technologien, vor allem Solar, preislich zu anderen Energiequellen wie etwa Kohle konkurrenzfähig werden.

Das Gespräch führte Siri Schubert.

Dr. ERIK STRASER ist bei der Silicon-Valley Wagniskapitalgesellschaft Mohr Davidow Ventures für Investitionen  in grüne Technologien und alternative Energien zuständig.

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