Der den Wind fängt

Rakesh Bakshi treibt in seiner Heimat die Energiewende voran

1. October 2008 - 0:00 | von Britta Petersen

Internationale Politik 10, Oktober 2008, S. 52 - 55

Kategorie: Environmental Technology, Climate and Environment, Climate Change, Renewables, India, Central Asia

Natürlich haben ihn anfangs alle für verrückt erklärt. „Als ich vor 25 Jahren mit Windenergie anfing, haben mir selbst engste Freunde gesagt: Du spinnst! Jeder dachte, das ist eine futuristische Technologie ohne kommerziellen Wert.“ Inzwischen hat sich der Wind gedreht. Rakesh Bakshi wird als Visionär und Vater der indischen Windenergie gefeiert – und feiert sich auch gern selbst: Ausführlich zählt er im Gespräch die zahlreichen Auszeichnungen auf, die er als Pionier der Windenergie in Indien bereits erhalten hat. Angefangen vom Padma Shri, dem höchsten zivilen Orden des Landes, bis zur Ehrenmedaille aus der Hand des Prinzen Hendrik von Dänemark. Wenn der 50-jährige Unternehmer und Gründer des Unternehmens RRB Energy einmal anfängt zu reden, hört er nicht mehr auf – als sei er ein Windrad, für das es nichts Schlimmeres gibt als eine Flaute. Vielleicht muss man so sein, um in einem Entwicklungsland eine grüne Technologie einzuführen. Die Leute müde reden können, bis ihr Widerstand bricht.

Dabei muss Rakesh Bakshi heute niemanden mehr überzeugen. Windenergie führt auf dem indischen Subkontinent längst kein Exotendasein mehr. Gestern noch Entwicklungsland, ist Indien heute zum weltweit viertgrößten Erzeuger von Windenergie nach Deutschland, den USA und Spanien aufgerückt. Bei einem Wirtschaftswachstum von durchschnittlich acht Prozent in den vergangenen Jahren ist Indiens Hunger nach Energie unersättlich. Bakshis Verdienst ist es, dieses Potenzial früher als andere erkannt und genutzt zu haben. „Mir ist vor vielen Jahren klar geworden, dass erneuerbare Energien und besonders Windenergie eine wichtige Rolle bei unserem Übergang zu einer nachhaltigen Energieerzeugung spielen werden“, sagt der Unternehmer und Vater dreier Kinder, der als 25-Jähriger begann, auf den Wind zu setzen.

Angefangen hatte alles in Dänemark, als dem jungen Bakshi die Idee kam, Windenergie auch in seiner Heimat zu nutzen, wo auf dem Land noch immer jeder zweite Mensch ohne Stromanschluss lebt. Damals hatte man ihm in Dänemark prophezeit, dafür gebe es in Indien nicht genügend Wind. Unbeirrt von solchen Warnungen startete der Brauereien-Erbe und studierte Ingenieur 1987 mit dem dänischen Weltmarktführer für Windgeneratoren Vestas ein Joint-Venture unter dem Namen Vestas RRB India. Dann machte er sich daran, die dänische Technologie an indische Bedingungen anzupassen. Statt mit extremer Kälte und Frost müssen die Windräder in Indien nämlich mit Hitze von bis zu 45°C klar kommen – das erfordert andere Materialien. Eine Herausforderung, die Bakshis Ingenieure längst gelöst haben. Inzwischen wurde auch die indisch-dänische Windehe getrennt – seit April 2008 heißt Bakshis Unternehmen nun RRB Energy. Es produziert alle notwendigen Komponenten zur Herstellung von Windrädern selbst, seine Fabrik in Chennai an der Westküste Indiens ist ISO zertifiziert.

Mit seinen Windparks hat er nicht nur seiner Heimat einen guten Dienst erwiesen, sondern auch seine Familie überflügelt, die mit Spirituosen reich wurde. Sie besitzt die „Mohan Breweries & Distilleries“, die Marken wie den indische Rum „Old Monk“ und das Bier „Golden Eagle“ produzieren – inzwischen natürlich mit Windenergie. Bakshi ist Spross einer Brahmanenfamilie aus dem Himalaya-Gebirge. Er wurde in London geboren und studierte Ingenieurwissenschaften. Eigentlich hätte er nicht arbeiten müssen und sich ins gemachte Nest setzen können. Er wollte jedoch früh schon etwas Eigenes erreichen und nicht nur der Spirituosen-Erbe sein. Seit seinem 40. Geburtstag trinkt er keinen Alkohol mehr und ist Vegetarier geworden. „Aus religiösen Gründen“, sagt er und zeigt damit, dass er die Vergangenheit erfolgreich hinter sich gelassen hat.

Dabei ist der Unternehmer – wie in Indien üblich – durch und durch Familienmensch geblieben. Als im August einer seiner Söhne den 16. Geburtstag feiert, lädt er dessen Freunde in ein nobles Fünf-Sterne-Hotel in Delhi ein, zudem beide Großmütter, aber eben auch Geschäftspartner und Exzellenzen wie den kuwaitischen, den spanischen und den deutschen Botschafter, die alle genötigt werden, dem Sohnemann ein Ständchen zu singen. Vielleicht ist es nötig, sich in einer Klassengesellschaft im Umbruch immer wieder des eigenen Ranges zu versichern.

Über seine Erfolge redet Bakshi ohne jede Bescheidenheit. „Um abschätzen zu können, was wir in den letzten 20 Jahren geschafft haben, muss man unseren Windpark in Tamil Nadu sehen.“ An der äußersten Südspitze Indiens, in Muppandal, hat er einen Windpark mit 4000 Windkrafträdern aufgebaut – sie dehnen sich über die gesamte Küste aus, so weit das Auge reicht. „Hier war nichts, als wir anfingen“, sagt der korpulente Mann mit dem buschigen schwarzen Schnauzbart stolz. Heute ist dort eine ganze Menge los. Statt ihr karges Land zu bebauen und damit gerade das Nötigste zum Leben zu erwirtschaften, haben die Bauern es an Bakshi verkauft. Seitdem gibt es in der Region billigen und umweltfreundlichen Strom, dadurch siedelten sich Fabriken an, die neue Arbeitsplätze geschaffen haben.

Bakshis Unternehmen leistet nicht nur einen Beitrag zur „dritten industriellen Revolution“ mit neuen, nachhaltigen Energien, sondern beflügelt auch die erste, denn ein Großteil der Milliardennation ist noch nicht industrialisiert, obwohl Teile Indiens durch die rasante Entwicklung der IT-Industrie bereits den Sprung ins Informationszeitalter geschafft haben. 60 Prozent der Inder arbeiten in der Landwirtschaft. „Bei der sozioökonomischen Entwicklung des ländlichen Indien spielen erneuerbare Energien eine wichtige Rolle, besonders als Quelle für dezentrale Energieversorgung“, betont der Vater der indischen Windkraft.

Er bezeichnet es selbstbewusst als einen seiner „größten Erfolge“, eine „Weltklasse Produktion“ für Windgeneratoren in Indien aufgebaut zu haben. Für seine Produkte sieht er in Zukunft auch in Südostasien, Europa und den USA gute Absatzchancen. Und natürlich in seiner Heimat: „Der indische Markt für Windenergie hat ein riesiges, ungenutztes Potenzial“, erklärt Bakshi. „Wir könnten 45 000 Megawatt Windenergie produzieren, aber die bisherigen Anlagen haben insgesamt nur eine Kapazität von 8700 Megawatt.“

Nach einer Studie des „Energy and Resources Institute“ (TERI) in Neu-Delhi muss Indien seine Kapazitäten zur Stromerzeugung bis 2031 um das Fünf- bis Sechsfache erhöhen, wenn die Wirtschaft weiterhin um acht Prozent wächst. Die Deutsche Bank geht davon aus, dass der indische Strombedarf jedes Jahr um mindestens zehn Prozent steigt. Das lässt sich nicht mit Wind und Sonne allein bewältigen. Indien produziert derzeit rund 135 000 Megawatt Strom im Jahr. Nach dem neuen Fünfjahresplan der Regierung soll diese Kapazität bis 2012 auf 240 000 Megawatt erhöht werden – eine Steigerung von 80 Prozent. Davon will Indien 13 Prozent aus erneuerbaren Energien produzieren.

Derzeit deckt Indien mehr als die Hälfte seines Energiebedarfs aus Kohle – das wird auch auf absehbare Zeit so bleiben. Kohle ist der einzige fossile Energieträger, den Indien nicht teuer aus dem Ausland importieren muss. Um den rasch steigenden Bedarf an Energie zu bedienen, setzt die Regierung auf den Bau so genannter Ultra Mega Power Projects (UMPP) – gigantische Kohlekraftwerke mit einer Kapazität von 4000 Megawatt – von denen inzwischen 13 genehmigt wurden.

Die Nutzung alternativer Energien fördert der indische Staat mit Steuererleichterungen und günstigen Krediten. Bislang kommen 95 Prozent der Investitionen im indischen Windenergiemarkt aus der privaten Wirtschaft. Bakshi hat sich neben der Windenergie auch im Solarbereich ein zweites Standbein geschaffen. Sein Unternehmen Solchrome Systems produziert im Himalaya Bauteile, die für Sonnenkollektoren gebraucht werden und zuvor importiert werden mussten. Für die Zukunft sieht er grün: „Das Potenzial für die Nutzung erneuerbarer Energien liegt in Indien bei rund 100 000 Megawatt“, sagt Bakshi.

Natürlich hat die Konkurrenz diese Chancen auch nicht verschlafen. Weitaus mehr Schlagzeilen im Ausland als Rakesh Bakshi macht inzwischen Tulsi Tanti, der 1995 mit seiner Firma Suzlon an den Start ging. Heute ist Suzlon größer als Bakshis RRB Energy – vor allem seit es im vergangenen Jahr den Hamburger Windradhersteller REPower übernahm. Ein Schritt, der für viele Beobachter in Deutschland Indiens Aufstieg zu einer globalen Wirtschaftsmacht symbolisierte. Tanti hat in Kanyakumari im Bundesstaat Tamil Nadu den größten Windpark Asiens gebaut, mit einer Kapazität von 500 Megawatt. Was sein Wettbewerber treibt, beobachtet Bakshi mit Skepsis. „Tulsi fehlt die Technologie“, sagt er, „sein Erfolg steht auf einer zerbrechlichen Basis.“ Tatsächlich hat Suzlon für die Übernahme von REPower mit 250 Millionen Euro einen hohen Preis gezahlt, um an deutsche Technologie zu kommen. Und der will erst einmal wieder eingespielt werden. Tanti gibt sich jedoch gelassen: „Der Markt wächst so schnell, dass unsere Branche in den nächsten zehn Jahren keine Konkurrenz kennt. Es ist genug für alle da.“

Weder Tanti noch Bakshi gehören allerdings zu den Menschen, die sich mit einem Stück vom Kuchen zufriedengeben werden. Beide Männer treibt der Ehrgeiz, die Ersten, die Größten, die Klügsten sein zu wollen – wenn man das mit umweltfreundlicher Technologie werden kann, umso besser. Das Mäntelchen des Gutmenschen hängt sich keiner um. „Eine deutsche Zeitung hat mich mal als grünen Maharadscha bezeichnet“, sagt Bakshi irritiert, „das ist eigentlich ein Widerspruch.“ Mit der Bezeichnung „grün“ kann er nicht viel anfangen – als Maharadscha hingegen sieht er sich sowieso. Überzeugung und Gewinnstreben gehen in Indien Hand in Hand.

Bakshi ist ein gefragter und begeisternder Redner, schreibt Aufsätze über erneuerbare Energien und mischt in unzähligen politischen Kommissionen mit, die die Energiepolitik des Landes bestimmen. Auf seiner Website hat er eine Liste sämtlicher Organisationen und Komitees veröffentlicht, in denen er Mitglied war oder ist – sie umfasst mehrere Din-A-4-Seiten. Sein Engagement zahlt sich für seine Geschäfte aus. „Eine vernünftige Umweltpolitik ist gut für die Unternehmen“, sagt Bakshi, „gleichzeitig sollte die Industrie insgesamt zur Nutzung erneuerbarer Energien übergehen.“ Er weiß wohl, dass es bis dahin noch ein weiter Weg ist. Heute fehlt Indien Strom für etwa 150 Millionen Menschen.

„Wenn wir bis zum Jahr 2020 ein entwickeltes Land werden wollen, müssen wir unsere Energieproduktion erhöhen. Und zwar am besten durch einen Energiemix aus Wärme-, Wasser-, Nuklear-, Wind- und Solarenergie“, doziert Bakshi. Er ist überzeugt, dass bis 2020 rund 30 Prozent der indischen Energie aus erneuerbaren Quellen kommen wird. Ganz nebenbei werden selbstverständlich seine eigenen Unternehmen dadurch gute Geschäfte machen.


BRITTA PETERSEN arbeitet als Korrespondentin in Neu-Delhi für Weltreporter.net.

 
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