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Europa läuft Gefahr, sich aus dem Markt der Hochqualifizierten auszuschließen

1. September 2008 - 0:00 | von James Wickham

Internationale Politik 9, September 2008, S. 76 - 80

Kategorie: Wirtschaft & Finanzen, Europäische Union, Migration, Integration, Nachbarschaftspolitik, Europa, Weltweit

Festung Europa? Verglichen mit den USA ist in den meisten europäischen Ländern der Anteil gut ausgebildeter Migranten gering. Will die EU von der Mobilität qualifizierter Fachkräfte profitieren, muss sie ihre Arbeitsmärkte öffnen – lediglich die amerikanische Green Card zu kopieren, wird jedoch keinen Erfolg bringen.

Die Festung Europa muss eine weniger restriktive Einwanderungspolitik entwickeln – diese Ansicht setzt sich bei immer mehr Menschen durch, die gesellschaftlich und wirtschaftlich liberal denken. Allein der Begriff ist schon ein Affront, er prangert die europäischen Einwanderungskontrollen als übertrieben restriktiv oder gar „rassistisch“ an. Kommentatoren wie etwa vom britischen Economist sprechen von einer „Politik der offenen Arme“ in den USA, Europa schneidet im Vergleich dazu schlecht ab. Die Vereinigten Staaten werden als toleranter erachtet, als wirtschaftlich erfolgreicher, anders als im „alten“ Europa zeichnet sich in den Vereinigten Staaten keine demografische Krise ab. Aber treffen denn diese Behauptungen wirklich zu?

Bei der Beantwortung dieser Frage ist der historische Kontext von Bedeutung. Im langanhaltenden Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg war Einwanderung bestimmt von der expandierenden Massenproduktion in Europa und der dadurch ausgelösten Nachfrage nach gering qualifizierten Arbeitskräften. Die Einwanderer traten in große, fordistisch organisierte Unternehmen ein, in Fabriken oder dem staatlichen Dienstleistungssektor. Da diese Arbeitsplätze gewerkschaftlich organisiert waren, wurden auch Einwanderer mit der Zeit in das System der Gewerkschaften und somit in die korporative Gesellschaftsordnung integriert. Entscheidend war: Die Menschen, die in jenen Jahren in Länder wie Frankreich und Deutschland kamen, ließen sich dort dauerhaft nieder.

Heute ist die Situation völlig anders. Die Einwanderung ungelernter Arbeitskräfte nach Europa erfolgt aufgrund wirtschaftlicher und politischer Krisen. Sie wird also durch äußeren Druck getrieben, statt durch Anreize gelockt. Vor diesem Hintergrund wird gern argumentiert, dass Einwanderer jene Arbeiten übernehmen, die Einheimische nicht erledigen wollen, doch wäre es treffender zu sagen, Einwanderer arbeiten in Jobs, die es ohne dieses neue Reservoir an gering bezahlten, oft illegalen Arbeitskräften gar nicht gäbe. Neue Einwanderungsströme sind damit „postfordistisch“; die meisten Neuankömmlinge landen letztlich an den Rändern des Dienstleistungssektors, in prekären, informellen Arbeitsverhältnissen.

In schöner Regelmäßigkeit wird uns weisgemacht, dass Europa angesichts des zu erwartenden Bevölkerungsrückgangs auf diese Einwanderer angewiesen sei. Dieses Argument ist grotesk. Aufgrund der wachsenden Umweltprobleme und der Ressourcenknappheit müsste eine verantwortliche Politik in den reichen Industriestaaten vielmehr darauf ausgerichtet sein, das Bevölkerungswachstum langsam zu reduzieren – auch in Europa. Prosaischer ausgedrückt, stellt der Bevölkerungsrückgang nur in Ländern wie Italien ein ernsthaftes Problem dar, wo es Frauen erschwert wird, Kinder und Beruf zu vereinbaren. Wäre es den europäischen Staaten ernst mit ihren Aussagen über eine demografische Krise, würden sie sicherstellen, dass gut bezahlte Teilzeitarbeit für Frauen ausreichend vorhanden ist und es eine für jedermann zugängliche Betreuung für Kinder gibt.

Selbst in Zeiten der Globalisierung und wachsender Mobilität hoch qualifizierter Arbeitskräfte wäre es vereinfachend, von einem „globalen Markt“ zu sprechen. Unterschiedliche Branchen bilden höchst unterschiedliche Arbeitsmärkte mit anderen Mobilitätsanforderungen (wie sich am Beispiel von Fachkräften aus dem medizinischen und dem Software-Bereich belegen lässt). Zudem konzentriert sich die Mobilität innerhalb bestimmter Bereiche der entwickelten Welt. So gibt es relativ wenig Bewegung zwischen den Ländern im Herzen des „alten“ Europa, während es viele Menschen in den angelsächsischen Raum und alle Teile der englischsprachigen Welt zieht. Qualifizierte junge Architekten aus Polen etwa arbeiten zunächst in Irland und erwägen dann einen weiteren Umzug – eher nach Kanada als nach Frankreich.

Der wesentliche Unterschied zwischen den USA und Europa ergibt sich heute daraus, wie sie mit der Migration qualifizierter Arbeitskräfte umgehen. Mit Ausnahme von Großbritannien und Irland ist der Bevölkerungsanteil hoch qualifizierter ausländischer Arbeitskräfte in den meisten europäischen Ländern relativ niedrig. Angaben der OECD zufolge wurden 23 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen, die über eine Grundbildung verfügen, im Ausland geboren, doch nur elf Prozent der Migranten haben einen Universitätsabschluss. Die Vergleichszahlen für Großbritannien liegen bei acht Prozent bzw. 16 Prozent.

Die bürokratischen Hindernisse für gut ausgebildete Zuwanderer variieren nicht nur zwischen den einzelnen EU-Staaten, sondern sogar innerhalb eines Landes. Nicht selten hängt eine Arbeitsgenehmigung vom Einfluss kommunaler Entscheidungsträger ab, so dass auch innerhalb eines Landes unterschiedlich vorgegangen wird. Nach der EU-Erweiterung im Jahr 2004 haben von allen Staaten nur Irland, Großbritannien und Schweden ihre Arbeitsmärkte vollständig für die neuen Mitgliedsländer geöffnet, seit der Erweiterungsrunde 2007 stoßen die neuen EU-Bürger aus Rumänien und Bulgarien in allen Ländern der Union auf verschlossene Arbeitsmärkte. Frankreichs Staatspräsident Sarkozy hat jedoch unlängst angekündigt, den Arbeitsmarkt seines Landes für „alle Arbeitnehmer aus allen Ländern Europas“ zu öffnen (siehe Dokumentation S.12).

Für das kontinentale Europa ist es eine wichtige politische Frage, wie es von der wachsenden Mobilität qualifizierter Arbeitskräfte profitieren kann. Dabei wird jene Politik nicht funktionieren, die darauf ausgerichtet ist, lediglich besondere Fähigkeiten zu rekrutieren, an denen aktuell Mangel herrscht. So war das in Deutschland aufgelegte Programm der Green Card nur für IT-Fachkräfte ein Fehlschlag. Schon bevor die unter dem Schlagwort „Kinder statt Inder“ geführte Kontroverse über den Zuzug ausländischer Experten einsetzte, war in den Chat-Räumen des Internets zu lesen, Deutschland heiße Ausländer nicht gerade willkommen – vor allem dann nicht, wenn sie die falsche Hautfarbe hätten. Hoch qualifizierte Migranten wollen nicht als Gastarbeiter behandelt werden, sondern als vollständiger Teil der Gesellschaft. Amerika macht es uns vor: Nur wenn die Zuwanderer leichteren Zugang zum Arbeitsmarkt und einen legalen Aufenthaltsstatus oder Aussicht auf eine Staatsbürgerschaft gewährt bekommen, dann wird die EU für sie attraktiver.

Politiker und Ökonomen mögen sich Gedanken über Steuersysteme machen, für viele qualifizierte Migranten jedoch scheint vielmehr die kulturelle Atmosphäre sowie die soziale Infrastruktur eines Landes und vor allem einzelner Städte ausschlaggebend. Wegen solcher „weicher Standortfaktoren“ bevorzugen einige junge Fachkräfte Europas Gesellschaften – und weil diese sozialen Zusammenhalt und soziale Sicherung bieten, im Gegensatz zum Hyperindividualismus in den Vereinigten Staaten (oft wird in diesem Zusammenhang das amerikanische Gesundheitswesen genannt). Dies führt zu einer paradox anmutenden Schlussfolgerung: Wenn die europäischen Länder dem Erfolg der USA auf dem globalen Fachkräftemarkt nacheifern wollen, dann liegt ein richtiger Ansatz darin, gerade nicht amerikanisch zu werden.

Übersetzung: Susanne Laux

Prof. Dr. JAMES WICKHAM ist Direktor am Institut für Arbeitsmarktforschung, Trinity College Dublin.

 
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