Alles im grünen Bereich

Hightech war gestern, Greentech ist heute. Und kommt aus Kalifornien

1. March 2009 - 0:00 | von Siri Schubert

Internationale Politik 3, März 2009, S. 19 - 26.

Kategorie: Erneuerbare Energien, Rohstoffe & Energie, Klima und Umwelt, Umwelttechnologie, Wirtschaft & Finanzen, Vereinigte Staaten von Amerika, Nordamerika

Zukunft ist machbar: Mit diesem Glauben entwickeln hunderte Unternehmen in Silicon Valley oder Orange County Solarzellen, Windrotoren oder Batterien. Die saubere Energierevolution wird von Wagniskapitalgebern finanziert, die Geld investieren, wo Ideen sind. Zumindest bis jetzt – denn die Finanzkrise macht auch vor den grünen Pionieren nicht halt.

Gute Wirtschaftsnachrichten sind derzeit rar: Der Dow-Jones-Aktienindex dümpelt wie ein angeschlagenes Schiff um die 8000-Marke herum, Autohersteller und Banken betteln um Bares. Kein Wunder, dass auch bei den Wagniskapitalgebern Skepsis herrscht. „2009 wird ein hartes Jahr für Venture Capital--Firmen und junge Unternehmen“, prognostiziert Mark Heesen, Präsident der amerikanischen Venture Capital Association. Schon im vierten Quartal 2008 sind die Venture Capital-Investitionen in den USA im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 33 Prozent auf 5,4 Milliarden Dollar gefallen. Und eine Besserung ist für die nächsten Monate nicht in Sicht.

Doch der Blick auf die Webseite der Ende März in San Francisco stattfindenden Konferenz Green:Net 09 zeigt, dass es nicht überall so düster aussieht. Im Gegenteil: Seminartitel wie „Dotcom Investoren entdecken saubere Technologien“ und „Geld sparen und den Planeten retten“ erinnern fast schon an den Überschwang während des Dot-Com-Booms der späten neunziger Jahre. Und auch Unternehmensgründungen gibt es trotz gedrückter Stimmung noch – natürlich alle im grünen Bereich. Tatsächlich haben sich gleich reihenweise junge Unternehmen angemeldet, um auf der Konferenz ihre Geschäftspläne vor möglichen Investoren oder Kunden zu präsentieren, darunter Start-Ups wie GreenWizard, ein Online-Marktplatz für umweltfreundliche Baumaterialien und Packet Power, eine junge Firma, die Unternehmen helfen will, mit intelligenten Stromkabeln Energie zu sparen. Jetzt erst recht, scheint das Motto der jungen Gründer zu sein, und so sorgen grüne Technologien und alternative Energien inmitten der Krise zumindest für sporadische Lichtblicke.

Laut Zahlen von Pricewaterhouse Coopers and Moneytree wurden 2008 in den USA mehr als 4,1 Milliarden Dollar an Venture Capital in grüne Energien und Technologien investiert; im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg um mehr als 50 Prozent. Und da Unternehmergeist und Umweltschutz in Kalifornien traditionell mehr Gewicht haben als in anderen Teilen der USA, ist hier auch die größte Begeisterung für den neuen Wirtschaftszweig zu spüren.

Mit 3,3 Milliarden Dollar erreichten die Venture Capital-Investitionen in Kalifornien im vergangenen Jahr ein neues Hoch, besagt der gerade veröffentlichte 2009 „California Green Innovation Index“ des Non-Profits Next 10. Damit hat sich das Investitionsvolumen im Vergleich zum Vorjahr ebenfalls fast verdoppelt. „Das Silicon Valley und die umliegenden Universitäten dienen schon lange als Nährboden für Innovationen und Erfindergeist“, sagt Heesen. Tatsächlich haben kalifornische Firmen und Universitäten zwischen 2000 und 2007 mehr Patentanträge im Bereich sauberer Technologien eingereicht als irgendein anderer US-Bundesstaat – vor allem in der Solarzellenherstellung, bei Brennstoffzellen und Batterien. Zudem habe sich Kalifornien besonders um Unternehmen der grünen Branchen bemüht und diese durch Steuererleichterungen und andere Anreize an der US-Westküste ansiedeln können.

Die Summen, die in junge Firmen fließen, sind trotz der Wirtschaftskrise beachtlich. So bekam der kalifornische Solarzellenhersteller Solyndra, der seinen Europa-Sitz in Holzkirchen bei München hat, in einer Finanzierungsrunde satte 219 Millionen Dollar. Silver Springs Networks, ein Unternehmen, das Software für Energieversorger herstellt, erhielt im vierten Quartal 2008 immerhin noch 75 Millionen Dollar an Wagniskapital. Heesen ist sich daher sicher, dass Greentech nach Hollywood und Hightech zur nächsten schlagkräftigen Branche des Staates anwächst. Neben dem Silicon Valley sind auch San Diego, Los Angeles und Orange County Zentren für grüne Innovationen. Insgesamt gingen bis heute 50 Prozent des US-weiten Venture Capitals nach Kalifornien, wo sich auch die 200 wichtigsten Wagniskapitalgeber angesiedelt haben, unter ihnen auch Kleiner Perkins Kaufield&Byers, die Greentech unlängst als noch wichtigeres Geschäftsfeld als das Internet ausgerufen haben.

Solar? Na klar

Am Arbeitsmarkt zeigen sich schon jetzt erste Auswirkungen der umweltfreundlichen Politik: Seit 2005 ist die Zahl der Jobs im Greentech-Bereich nach Angaben des Innovation-Indexes um zehn Prozent auf 105 000 gestiegen, während das Stellenwachstum in Kalifornien insgesamt lediglich ein Prozent betrug. Allerdings verspricht nicht jede Investition in grüne Technologien automatisch Erfolg – auch nicht in Kalifornien. Nachdem Geldgeber in den vergangenen zwei Jahren geradezu überschwänglich Firmen finanzierten, die Solarzellen herstellten, herrscht nun nach Einschätzung von Experten ein Überangebot auf dem Markt. „Da wird es eine Bereinigung geben“, sagt Sujit Banerjee, Partner bei der Venture Capital-Firma Blue Run Ventures in Silicon Valley, die Unternehmen wie Paypal und Bitfone an den Start brachten. Auch Unternehmen, die Windenergieanlagen installieren, leiden unter der Krise. Da die meisten Windräder zumindest teilweise kreditfinanziert sind, machen die Probleme im Bankensektor auch den Anlagenbauern zu schaffen. Ein weiteres Zeichen der Wirtschaftsflaute: Waren vor ein paar Monaten Windturbinen nur mit extrem langen Vorlaufzeiten zu bestellen, sind sie jetzt binnen Jahresfrist lieferbar. Ein Indiz, dass offenbar Projekte eingestellt wurden und sich andere in Wartestellung befinden.

Langfristig jedoch werden Solar- und Windenergie ihren festen Platz in der kalifornischen Energieversorgung haben. Immerhin treibt Gouverneur Arnold Schwarzenegger nicht nur die kalifornische Solarinitiative voran, sondern hat im November 2008 auch eine neue Direktive verabschiedet, nach der im Jahr 2020 ein Drittel der Energieversorgung durch Solar-, Wind- oder Geothermie gedeckt werden muss (siehe Seiten 24–25). Die Solarinitiative zeigt bereits erste Erfolge, laut einem Zwischenbericht hat sich die Zahl der Photovoltaik-Installationen 2008 verdoppelt. „Ich bin ermutigt, dass wir auch in den schwierigen finanziellen Zeiten bei der Solarinstallation Rekorde brechen und private Investitionen in Solarprojekte fördern“, sagte Schwarzenegger bei der Veröffentlichung des Berichts im Januar. Insgesamt wurden 2008 Photovoltaik-Anlagen mit einer Leistung von rund 160 Megawatt auf Kaliforniens Privatdächern und kleinen Unternehmen installiert, bis 2016 sollen noch mehr als 2500 Megawatt hinzukommen. Klimapolitisch wirken sich die Zahlen dennoch nicht aus: Zwar ist der Anstieg der CO2-Emissionen in Kalifornien in den vergangenen Jahren leicht zurückgegangen, gleichwohl betrug er zwischen 2003 und 2006 laut „California Green Innovation Index“ noch vier Prozent.

Unterstützung für die grüne Energierevolution kommt zudem erstmals aus Washington: So werden die Greentech-Hersteller durch das gerade verabschiedete Konjunkturpaket der Obama-Regierung wohl einen entscheidenden Schub erhalten. Denn so sehr in Silicon Valley auch auf private Initiative und Unternehmertum gesetzt wird, ohne Mandate, wirtschaftliche Anreize und Finanzspritzen läuft in der mächtigen Energiebranche nichts. „In der derzeitigen Lage sind Regierungen, egal ob auf lokaler, staatlicher oder internationaler Ebene, die Kunden, die sich Unternehmen genau anschauen sollten“, gibt Mark Heesen von der National Venture Capital Association die Marschrichtung vor. Mit Blick auf den Inhalt des 787 Milliarden Dollar schweren Pakets könnte er recht behalten: „Diese Investitionssumme wird den Anteil erneuerbarer Energien, der innerhalb der nächsten drei Jahre produziert wird, verdoppeln“, kündigte Präsident Barack Obama bei der Vorstellung seines Konjunkturprogramms im Denver Museum of Nature and Science an, dessen Dach passenderweise mit Solarmodulen eingedeckt ist. So enthält das Programm unter anderem eine dreijährige Verlängerung der Steuererleichterungen für Windenergie sowie Steuererleichterungen für Geothermie und Bioenergie bis zum Jahr 2013. Darüber hinaus stehen 4,5 Milliarden Dollar zur Modernisierung des Elektrizitätsversorgungsnetzes zur Verfügung, weitere zwei Milliarden Dollar sind für Batterietechnologien vorgesehen.

Ohne Staat geht nichts

Die Hinwendung der Branche zum Staat ist neu: Traditionell setzen amerikanische Firmen viel stärker auf Wagniskapital und Eigeninitiative als auf öffentliche Anreize; besonders das Silicon Valley ist stolz auf seine erfolgreiche Do-it-yourself-Mentalität. „Informationstechnologie und Biotechnologie würden ohne Venture Capital gar nicht existieren“, bekräftigt Heesen, dessen Verband rund 450 Wagniskapitalfirmen repräsentiert. Doch im Energiesektor herrschen andere Regeln, und das nicht nur wegen der derzeitigen Rezession. „Öl-, Gas- und Elektrizitätsproduzenten sind so mächtig, dass junge, alternative Energien kaum eine Chance hätten“, sagt Heesen. „Anreize und finanzielle Förderung durch die Regierung sind deshalb nötig, um die Newcomer überhaupt konkurrenzfähig zu machen.“ Durch die klaren Signale der Obama-Regierung kündige sich in den kommenden Jahren jedoch eine stärkere Wende weg von den fossilen und hin zu den alternativen Energien wie Wind und Solar an. „Die neue Administration macht überdeutlich, dass die Sicherheit der Energieversorgung und eine neue Energiepolitik zu ihren wichtigsten Zielen gehören“, so Heesen. „Und den Worten wird auch Geld folgen.“ Auch Venture Capital-Partner Banerjee hält die staatliche Hilfe für unabdingbar: „Wagniskapitalfinanzierte Firmen brauchen größere Märkte und dafür ist das Konjunkturpaket der Regierung essentiell“, sagt er. Zudem würden die Anreize Forschung und Entwicklung fördern und bei der Schaffung neuer Jobs helfen, ganz zu schweigen von ihrer Bedeutung im Kampf gegen die Erderwärmung. „Die Leute hier machen sich Sorgen um die Umwelt, und da ist ein solches Signal der Regierung sehr wichtig.“

Auch bei ihrem Auftritt auf dem internationalen Markt orientieren sich kalifornische Greentech-Unternehmen zunehmend an den staatlichen Zuschüssen, die es den jeweiligen Ländern und Regionen gibt. So genießen etwa Deutschland und Spanien bei hiesigen Unternehmern einen guten Ruf – als Absatzmärkte, mögliche Investitionsstandorte oder auch für Firmenpartnerschaften, da sich in beiden Ländern die jeweiligen Regierungen für Solarstrom und Windenergie stark machen. In den USA sind derweil Kalifornien und New Jersey zu den wichtigsten Solarmärkten herangewachsen. „Letzten Endes sind die Märkte global und wir werden dort hingehen, wo wir die besten Chancen haben“, sagt Banerjee. Längst kommen Innovationen nicht mehr nur aus Silicon Valley, sondern aus der ganzen Welt – und so hat Blue Run Ventures auch ein festes Auge auf Indien gerichtet, wo nicht nur Absatzmärkte, sondern auch neue Technologien entstehen könnten.

Doch bei allem Optimismus bleiben bei etlichen Investitionen in alternative Energien und Technologien noch Fragen offen. Schließlich setzen Wagniskapitalgeber darauf, beim Börsengang des von ihnen finanzierten Unternehmens Kasse zu machen und ihre Investitionen mit einem kräftigen Plus zurückzugewinnen. Doch der Weg aufs Parkett scheint in der Wirtschaftskrise auf lange Sicht versperrt: So haben im vergangenen Jahr nach Angaben der National Venture Capital Association in den USA nur sechs wagnisfinanzierte Unternehmen den Gang an die Börse geschafft, zu wenig, um massive Investitionen in eine Vielzahl von Firmen zu rechtfertigen. Skeptiker behaupten daher, dass sich seit dem Platzen der Dot-Com-Blase im Jahr 2000 der Börsengang für Venture Capital-Firmen nicht mehr lohnen würde. Zwar setzen einige junge Unternehmen darauf, von etablierten Energieherstellern oder Technologiefirmen gekauft zu werden; doch auch das ist bei der jetzigen wirtschaftlichen Lage kein sicheres Geschäft. Zudem sind nicht nur die Absatzmärkte in den USA, sondern auf der ganzen Welt vom wirtschaftlichen Abschwung betroffen. „Im Moment können wir nur abwarten und versuchen, die Krise so unbeschadet wie möglich zu überstehen“, sagt Wagniskapitalgeber Banerjee. „Eine Exitstrategie gibt es derzeit nicht.“ Auch Heesen warnt vor der unsicheren Lage: „Wir brauchen funktionierende Kapitalmärkte, um das Venture Capital-Modell erfolgreich weiterführen zu können“, sagt er. „Und die haben wir gerade nicht.“ Ohne frisches Geld könnten daher auch die vielversprechenden Entwicklungen in Kalifornien bald ins Stocken geraten – und die soeben begonnene grüne Revolution empfindlich bremsen. Trotz staatlicher Hilfe und kalifornischem Optimismus zeigen sich auch im Greentech-Sektor deutliche Spuren von Nervosität.

SIRI SCHUBERT ist Dozentin für Journalismus an der Berkeley-University und schrieb u.a. für die New York Times und das Wall Street Journal Europe.

 
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