„Partner der USA, aber selbstbewusst“

Henry Kissinger über die Nachkriegszeit und die neue Rolle Deutschlands

1. May 2009 - 0:00 | von Henry Kissinger

Internationale Politik 5, Mai 2009, S. 44 - 48.

Kategorie: Geschichte, Deutsche Außenpolitik, Transatlantische Beziehungen, Deutschland, Vereinigte Staaten von Amerika

IP: Mr. Kissinger, erinnern Sie sich an den Tag, als Sie zum ersten Mal wieder deutschen Boden betraten?

Kissinger: Ja, ich war Gefreiter der 84. Infanteriedivision und überquerte am 9. November 1944 die deutsch-holländische Grenze in der Nähe eines kleinen Dorfes namens Palenberg. Mein Regiment gehörte zur G-Kompanie des 335. Regiments, das zunächst der 30. Division in Aachen zugeteilt war, bevor ich wieder zurück versetzt wurde.

IP: Sechs Jahre nach Ihrer Emigration kamen Sie als amerikanischer Soldat zurück – mit gemischten Gefühlen?

Kissinger: Ich hatte keinen Grund, mich besonders deutsch zu fühlen, als ich Deutschland verließ. Sehen Sie: Es ist äußerst wichtig, zwischen der Erfahrung meiner Eltern und meiner eigenen zu unterscheiden. Meine Eltern erlebten die Nazizeit als Erwachsene. Für sie war es äußerst schmerzhaft, von ihren langjährigen Bindungen abgeschnitten zu werden. Ich war ein Kind, als wir Deutschland verließen, und die Nazizeit war für mich gewissermaßen unangenehm. Aber ich wurde nicht aus einem Umfeld herausgerissen, das schon mein ganzes Leben geprägt hätte. Ich hegte nicht die gleichen Gefühle für Deutschland wie meine Eltern.

IP: Im Februar 1945 wurden Sie mit der Aufgabe betraut, eine Zivilverwaltung zu organisieren. Waren das erste Lektionen in Sachen Nationbuilding?

Kissinger: Als ich im Herbst 1944 nach Deutschland kam, war ich gerade 21 Jahre alt und hatte noch nicht einmal das College beendet. Ich kann nicht behaupten, dass ich über eine Theorie zu diesem Thema verfügt hätte. Unsere Aufgabe war ganz unmittelbar: Deutschland war völlig zerstört. „Civil action“, das bedeutete, für Elektrizität, Wasser und ein Minimum an Infrastrukur zu sorgen.

IP: Sie haben sich doch Gedanken gemacht, was mit diesem Ruhestörer im Zentrum Europas anzustellen wäre?

Kissinger: Ich hatte den ganz generellen Wunsch, dass sich ein demokratisches Deutschland entwickeln würde. Insgesamt war ich von 1944 bis 1947 in Deutschland stationiert. In dieser Zeit war ich verantwortlich für den Bezirk Bergstraße in der Nähe von Bensheim und ich unterrichtete an der Intelligence School in Oberammergau Kurse beispielsweise über die Struktur des NS-Staates. Damals begann ich, einige allgemeine Ideen über die Zukunft Deutschlands zu entwickeln. Aber ich glaube nicht, dass diese Periode meines Lebens so geeignet ist, meine späteren Ansichten zu erklären. Ganz gewiss kehrte ich nicht mit einer ausgeprägten politischen Sicht auf Deutschland in die USA zurück. Mir war jedoch immer wichtig, dass nie der Eindruck entstand, meine Deutschland-Politik könnte von Rachegefühlen aufgrund meiner Geschichte als jüdischer Emigrant aus Deutschland beeinflusst sein.

IP: War die Westintegration der Bundesrepublik die größte Leistung der Nachkriegsarchitektur?

Kissinger: Zweifellos. Bundeskanzler Konrad Adenauer war ein ganz großer Mann. Manche haben es bemängelt, dass er sich nicht willens zeigte, über die Stalinnote von 1952 wenigstens zu verhandeln, die ja eine Wiedervereinigung bei klarer Neutralität Deutschlands anbot. Aber dann hätte er das Vertrauen der Westmächte verloren und Deutschland wäre isoliert gewesen. Er zeigte größte Courage, als er die Wiedervereinigung zugunsten der Westintegration aufs Spiel setzte.

IP: Hat er damit auch die Schaukelpolitik zwischen Ost und West, zwischen „Kultur und Zivilisation“ beendet?

Kissinger: Das war sicherlich seine Absicht. Ich glaube auch, dass Adenauer dies erreicht hat.

IP: Gilt eine erfolgreiche kulturelle Westintegration auch für das vereinigte Deutschland?

Kissinger: In Teilen des politischen Denkens in Deutschland gab es immer eine Art romantischer Anziehung gegenüber Russland. Die geografische Lage Deutschlands und die deutsche Geschichte machen es ja unmöglich, Russland zu ignorieren – es bleibt ein Faktor im deutschen politischen Denken. Allerdings kenne ich heute niemanden in Deutschland, der sich für einen Bruch mit dem Westen zugunsten einer Anlehnung an Russland oder für eine deutsche Neutralität einsetzen würde. In diesem Sinne war die Westintegration sicherlich erfolgreich.

IP: Wie erklären Sie sich diesen romantischen Reiz, den Russland ausübt?

Kissinger: Die deutsche Geschichte ist intensiv mit der russischen verflochten, nicht zuletzt wegen der dynas-tischen Verbindungen zwischen dem deutschen und russischen Herrscherhaus. Und es gibt wohl auch eine gewisse deutsche romantische Ader, die mit einer ähnlichen romantischen Ader unter vielen russischen Intellektuellen korrespondiert.

IP: Sie bemängelten oft einen „deutschen Romantizismus“, der sich, wie in der Studenten- oder Friedensbewegung, auch antiwestlich äußerte und einen politischen Realismus, wie Sie ihn vertreten, als „unmoralisch“ verachtet.

Kissinger: In der amerikanischen Debatte wird Realismus mit Macht identifiziert. Was mich betrifft, so hat Realismus auch sehr viel mit den Werten einer Gesellschaft zu tun und den Zielen, die sie erreichen will. Die Debatte zwischen Idealismus und Realismus ist auch eine über die Bedeutung der Geschichte. Die amerikanischen Idealisten glauben, dass man fast alles, was man sich vornimmt, auch erreichen kann. Ein Realist wie ich geht davon aus, dass das, was wir erreichen können, wesentlich von den Möglichkeiten  einer Gesellschaft abhängig ist und beschränkt wird, die natürlich durch die Geschichte und viele andere Dinge geprägt sind. In Deutschland – wie auch in Russland – ist die Kultur der Skepsis weniger ausgeprägt, was zuweilen zu einer eher romantischen Sicht auf die Dinge führt. Vielleicht gibt es deshalb manchmal Schwierigkeiten, sich mit den Realitäten zu arrangieren.

IP: Haben Sie jüngere Beispiele im Sinn?

Kissinger: Einige der deutschen Politiker, denen ich begegnet bin, hegen eine emotionale Verbundenheit für Russland, die sie niemals für die USA hegen würden – was nicht bedeutet, dass sie antiamerikanisch wären. Aber ich bin mir ganz sicher, dass sie unter keine Trennung vom Westen im Sinn haben.

IP: Weil Deutschland auch nach der Vereinigung ganz klar Teil des westlichen Bündnisses blieb?

Kissinger: Dass sich ein Land, durch das die strategische Trennlinie des Kalten Krieges verlief, ohne Blutvergießen und in einer äußerst erfolgreichen Entwicklung vereinigen konnte – das ist und bleibt eine außerordentliche Leistung. Einige Leute finden zwar, dass die wirtschaftliche Vereinigung etwas eleganter hätte ausfallen können. Ein solch elegantes Szenario lässt sich in einem Universitätsseminar wunderbar entwerfen; nicht aber, wenn man es als Kanzler mit den Herausforderungen der konkreten Politik zu tun hat.

IP: Sie haben einmal Deutschland als Teil der EU sowie China, Russland, bis zu einem gewissen Grad Indien, Japan und die USA als Säulen der neuen Weltordnung bezeichnet. Welche Aufgabe hätte Deutschland?

Kissinger: Die Europäer werden sich irgendwann entscheiden müssen, ob sie in Zukunft eine Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten wollen oder lieber als Freunde der USA und weitgehend autonom agieren wollen. Ich würde natürlich eine westliche Partnerschaft bevorzugen. IP: Wie stark ist denn der Hang zu einer autonomen Politik?

Kissinger: Leider ist es doch der vorherrschende Trend der europäischen Politik, nicht allzu weit in die Zukunft zu denken und sich eher mit unmittelbaren Problemen zu beschäftigen, allerdings ohne allzu viele Opfer bringen zu wollen. Und deshalb taucht diese Frage in der aktuellen europäischen Debatte auch nicht auf.

IP: Trotzdem: Was wäre die ideale Rolle für Deutschland?

Kissinger: Rein abstrakt gedacht würde ich Deutschland gerne als Teil Europas und Partner der USA sehen, aber selbstbewusst genug, um seine eigenen Interessen zu verfolgen. Europa sollte kein Satellit der Vereinigten Staaten sein, denn es wäre eine zu große Last für die USA, immerzu alle Entscheidungen selbst treffen und tragen zu müssen.

IP: Welches wären denn die Herausforderungen, mit denen Europa sich intensiv beschäftigen müsste?

Kissinger: Die Verlagerung des Zentrums der Welt vom Atlantik zum Pazifik. Proliferation. Neue globale Probleme wie Klimawandel und Umwelt. Die neue Weltordnung nach der Finanzkrise.

IP: Wie steht es denn heute mit der vertrauensvollen Partnerschaft, die mit Bundeskanzler Adenauer begründet wurde?

Kissinger: Es gibt eine Tendenz in ganz Europa, die transatlantische Partnerschaft als eine Angelegenheit „à la carte“ zu behandeln, bei der man sich das Nützliche aussucht, aber sich nicht für ein umfassendes Engagement verpflichten möchte. Wahrscheinlich ist das eine Generationenfrage. Europa blickt auf die friedvollsten 60 Jahre seiner Geschichte zurück. Ganze Generationen haben niemals irgendeine Katastrophe erlebt. Ihnen fehlt der Sinn für die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit, den ihre Eltern und Großeltern noch besaßen.

Das Interview führte Sylke Tempel.

Dr. HENRY KISSINGER war von 1973 bis 1977 amerikanischer Außenminister.

 
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