„Wer die Amerikaner waren, wusste ich nicht“

Hans-Ulrich Klose über seine ganz persönliche Westintegration

1. May 2009 - 0:00 | von Hans-Ulrich Klose

Internationale Politik 5, Mai 2009, S. 48 - 51.

Kategorie: Geschichte, Politische Kultur, Staat und Gesellschaft, Europäische Union, Deutschland, West Europa

Den Westen fest im Blick entschied sich Bundeskanzler Konrad Adenauer für die Integration der Bundesrepublik in das transatlantische Bündnis auf Kosten einer Wiedervereinigung. Während die Bundesbürger die ersten Früchte des Wirtschaftswunders genießen, fällt mitten in Europa der Eiserne Vorhang. Jetzt ist auch die junge Bundesrepublik als Bündnispartner gefordert: Gegen heftige Widerstände setzt die CDURegierung die Gründung der Bundeswehr und die Wiederbewaffnung durch.

Das Wort „Verklärungssucht“ stammt von Gottfried Benn. Er kennzeichnet damit die Neigung älterer Männer, sich die Welt – oder genauer: ihre Welt – schönzureden. Ich bin davon nicht frei. Beispielsweise dann nicht, wenn ich über „mein Amerika“ rede. Mein Amerika ist das der späten vierziger und der fünfziger Jahre.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs im   Jahr 1945 erlebte ich, nicht ganz acht Jahre alt, in Bad Landeck in der Grafschaft Glatz in Schlesien. Die fremden Soldaten, die in die Stadt einrückten, waren größtenteils Russen. Von diesen war schon zuvor die Rede, meist dann, wenn die Erwachsenen über „die Feinde“ sprachen. Von Amerika hörte ich erst später, im April 1946. Damals saß ich mit rund 600 Menschen, etwa 40 pro Waggon, auf einem Güterzug, der irgendwo hin fuhr. Wohin wussten auch die Erwachsenen nicht. Nach Westen, bitte, „hoffentlich zu den Amerikanern“ – das war der Tenor des täglichen Rätselratens. Wer die Amerikaner waren, wusste ich nicht; gute Leute offenbar, auf die wir uns freuen konnten. Ob die sich wohl auch auf uns freuten? Die Fahrt endete nach fünf Tagen, inklusive Entlausung, in Bielefeld: britische Besatzungszone. Auch nicht schlecht, aber …

Die Erwachsenen erzählten nach 1945 wenig über die vorangegangenen Jahre – wenn sie sich beklagten, dann über die Erlebnisse nach 1945. Kinder aber sind neugierig und stellen viele Fragen – etwa warum wir plötzlich nicht mehr „Heil Hitler“ sagen sollten, sondern „Guten Morgen“. Vage Antworten. Auch in der Schule. Der Geschichtsunterricht endete kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs, also noch in der Kaiserzeit. Vage auch meine Eltern. Immerhin, mein Vater ließ mich Zeitung lesen, Rundfunk hören und gab mir Bücher. Darunter, Hofers „Die Entfesselung des Zweiten Weltkriegs“, „Der Nationalsozialismus“ von Mau und Krausnick sowie das Tagebuch der Anne Frank. Zu Beginn der fünfziger Jahre fing ich an zu begreifen, was zuvor geschehen war, dass nicht andere an unserem Unglück, über das die Erwachsenen klagten, schuld waren, sondern die Nazis und alle, die beteiligt waren oder geschwiegen hatten. Im weiteren Sinne „wir“ waren schuld am eigenen und – mehr noch – am Unglück anderer Menschen. Die Dimension dieses Unglücks und unserer Schuld aus der Sicht der Opfer konnten wir noch nicht fassen. Ich kannte diese Opfer nicht. Ich kannte bis zum Jahr 1954 keinen einzigen Juden.

Die Augen der Anderen

Dem ersten Juden bin ich in Amerika begegnet. Das kam so: Amerika war zu meiner Zeit als Teenager überaus populär in Deutschland. Carepakete, der Marshall-Plan, die Berliner Luftbrücke, der Schutz, den uns Amerika vor dem auch in Europa vorrückenden Stalinismus bot – für die Erwachsenen waren das die entscheidenden Gründe. Für Jugendliche auch. Aber für uns war es noch mehr der American way of life, der uns faszinierte: die Musik, die Filme aus Hollywood, Cadillacs und Chevies. Als daher die Amerikaner zu Beginn der fünfziger Jahre ein groß angelegtes Austauschprogramm für Schüler auf den Weg brachten, für Jugendliche aus ganz Europa, aber mit Schwerpunkt Deutschland, bewarb ich mich Ende 1953, wurde nach mehreren Testläufen ausgewählt und fuhr im Sommer 1954 – Obersekundaner damals – per Schiff in knapp sechs Tagen über den Atlantik nach New York.

An dieser Stelle noch einmal das Wort „Verklärungssucht“. Richtig ist jedenfalls, dass ich es gut getroffen habe in Amerika. Zuerst mit meiner Familie, den Barnards, die damals in Clinton/Iowa lebten. Vater, Mutter, Großmutter und drei Kinder: zwei Mädchen (älter) und ein Sohn (jünger, aber einen Kopf größer als ich). Im Mai des vergangenen Jahres besuchte ich Tom wieder einmal in Cleveland. Manchmal telefonieren wir auch miteinander: „Hi Tom, I need to talk to a normal American …“

Ich habe sehr viel gelernt in Amerika, und zwar zunächst einmal über mein eigenes Land und mich. Erstaunlich ist das eigentlich nicht, denn als einziger „German“ an einer Highschool musste ich immer wieder auf Fragen antworten, die sich auf Deutschland bezogen, Fragen, über die ich vorher nie auch nur nachgedacht hatte. Beispielsweise warum es in Deutschland so wenig gemeinsame Schulen für Jungen und Mädchen gibt. Die gab es damals wirklich nicht, ich kam von einer reinen Jungenschule. Ich musste die Frage beantworten, was eine Sekte ist. Sind die Quäker eine Sekte oder die Lutheraner? Schwierige Frage. Ich musste Auskunft geben über Unterschiede in den schulischen Lehrplänen. Welchen Sinn macht es, deutsche Gymnasiasten zu veranlassen, neun Jahre lang Latein – eine tote Sprache – zu lernen und dann möglicherweise noch Altgriechisch obendrauf?

Ich weiß nicht, ob ich diese und andere Fragen damals immer richtig beantwortet habe. Aber fest steht jedenfalls, dass ich sehr viel nachdenken musste und mich mit „deutschen“ Dingen auseinandersetzte, über die ich mir bis dahin nie den Kopf zerbrochen hatte. Ich lernte dadurch auf ganz selbstverständliche Weise, das eigene Land mit den Augen anderer zu sehen, mit den Augen meiner amerikanischen Mitschüler.

Einer dieser Mitschüler, ich glaube er hieß Jeff oder auch Gary, sagte eines Montags, als ich ihm über mein Wochenende, Kirche inklusive, berichtete, er sei Jude. Er sagte das eher beiläufig und meinte es wohl auch so, denn anders, als man hätte erwarten können – genauer: als ich erwartet hatte – folgte dieser Bemerkung nichts nach. Es änderte nichts an unserem Umgang miteinander. Wir waren und blieben befreundet, wie junge Leute eben miteinander befreundet sind. Über Deutschlands Nazi-Vergangenheit, über die Verbrechen an den deutschen und europäischen Juden, über deren schreckliche Leiden sprachen wir nicht.

Ich habe mich damals und auch später, als ich wieder in Deutschland war, und noch viel später, als es mich in die Politik verschlagen hatte, immer wieder an diesen Jeff oder Gary erinnert und mich gefragt, wie es möglich war, dass er diesen kurzen Satz – „ich bin Jude“ – so beiläufig, will sagen, so ganz ohne Vorwurf aussprechen konnte. Die Antwort habe ich erst sehr viel später erhalten. Von einem israelischen Freund, dem Arzt Dr. Gad Lavie, den ich 1994 durch die ärztliche Tätigkeit meiner Frau Anne kennengelernt hatte. Ich zeigte ihm bei einem Deutschland-Besuch Köln die römischen und auch jüdischen archäologischen Stätten, die es dort gibt. Auf der Rückfahrt von Köln nach Bonn sprachen wir dann über „Gott und die Welt“, auch über Deutschland und Israel. Ich weiß noch, wie ich sagte, dass ich sehr glücklich sei über den Stand der deutsch-israelischen Beziehungen, dass ich aber nicht glaubte, sie könnten jemals normal sein. Besondere Beziehungen eben. Gad sagte, das möge wohl so sein. Freundschaften entstünden aber nicht entlang historischer Gebote und Verbote, sondern nach den natürlichen und nicht regelbaren Einfällen von Sympathie und Herzlichkeit. Daran halte ich mich, ganz fest.

Im Jahr 1955 wurde Deutschland Mitglied der NATO. Der Clinton Herald, die Lokalzeitung, berichtete darüber. Ich las es mit Freuden – und ein bisschen auch mit Stolz. Im selben Jahr, während der Rückfahrt von New York nach Europa, wiederum mit dem Schiff, kam es zu einem vielstimmigen Erfahrungsaustausch europäischer Austauschschüler, damals ausschließlich aus westeuropäischen Ländern. Interessant war, dass alle, auch die Deutschen, Englisch miteinander sprachen. Fast alle wären gern in den Vereinigten Staaten von Amerika geblieben. Alle waren Feuer und Flamme für die Vereinigten Staaten von Europa. Fast alle wollten sich politisch engagieren und alle waren dafür, dass die Austauschprogramme nicht nur beibehalten, sondern noch ausgebaut würden.

Vereinigte Staaten von Europa?

Heute, mehr als 50 Jahre später, denke ich noch immer voller Dankbarkeit und Freude an „mein Amerika“, an das Land, das ich seither viele Male besucht habe. Nicht alle Besuche verliefen so positiv wie der erste. Nicht alle Träume des Teenagers haben sich erfüllt, aber vieles ist doch geblieben. Die Überzeugung etwa, dass man andere Länder kennenlernen, dass man die Probleme der Welt, und auch die eigenen Probleme, mit den Augen der Anderen sehen muss – diese für einen Außenpolitiker unverzichtbare Erkenntnis habe ich in Amerika gewonnen.

Die Qualität von internationalen Beziehungen lässt sich immer auch daran ermessen, wie sehr man sich gegenüber einer fremden Kultur öffnet und wie weit man sich von der jeweils anderen Gesellschaft, in der man sich aufhält, inspirieren lässt. Ich habe gelernt, dass in Amerika durchaus nicht alles gut und vorbildlich ist. Es gab amerikanische Präsidenten, die ich bewunderte, und andere, die ich keineswegs bewunderte. Der amerikanische Traum aber bleibt ein Vorbild. Der Traum vom „land of the free“.

Den jugendlichen Traum von den Vereinigten Staaten von Europa träume ich noch immer. Die Erfüllung dieses Traumes werde ich, fürchte ich, nicht erleben. Aber ich bin dankbar, dass ich den europäischen Prozess miterleben konnte, und dass ich auf meine Weise mitwirken konnte an einem Europa, das sich von einer Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl  zur Europäischen  Wirtschaftsgemeinschaft zur Europäischen Gemeinschaft bis hin zur Europäischen Union entwickelt hat. Das Ende, die europäische Finalität, ist noch nicht definiert und nicht einmal ausdiskutiert. Aber die Richtung stimmt. Europa nach dem Zweiten Weltkrieg ist eine Erfolgsgeschichte. Und mit der Zeitenwende von 1989/90 ist uns ein großer Schritt in die europäische Zukunft gelungen. Europa ist wieder vereinigt. Und es ist – nein, noch nicht ganz und überall frei – aber wir sind unterwegs, gemeinsam, um auch aus Europa zu machen, was die USA nach Mühen, Wirren und Krieg geworden sind: ein „land of the free“.

HANS-ULRICH KLOSE (MdB), ist Stellvertretender Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestags.

 
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