Der Stoff, aus dem die Kriege sind

Buchkritik

1. November 2009 - 0:00 | von Bettina Engels

Internationale Politik 11/12, November/Dezember 2009, S. 128 - 130.

Kategorie: Klima und Umwelt, Klimawandel, Klima- und Energiepolitik, Rohstoffe & Energie, Konfliktprävention/-management, Afrika

Mit dem Klimawandel geraten Land und Wasser in den Fokus der Aufmerksamkeit. Während die einen erwarten, dass die Verknappung dieser Ressourcen besonders in den armen Ländern zu Auseinandersetzungen führen wird, halten andere nicht die Knappheit von Rohstoffen für entscheidend, sondern ihre Verteilung. Drei neue Debattenbeiträge.

Afrika gilt als der Kontinent, der am wenigsten zum Treibhauseffekt beiträgt, aber am stärksten unter seinen Folgen leidet. Dennoch haben die afrikanischen Länder „bei der Suche nach Lösungen keine Stimme“, so die Ökonomin Camilla Toulmin. Die Direktorin des Londoner International Institute for Environment and Development hat einen umfassenden Überblick über die Folgen des Klimawandels für den afrikanischen Kontinent vorgelegt.

Die globale Erwärmung wirkt sich Toulmin zufolge in zweifacher Hinsicht negativ auf die Entwicklung Afrikas aus. Erstens werden Infrastrukturen durch Wetterkatastrophen zerstört. Zweitens beeinträchtigt der Klimawandel die Landwirtschaft und damit die Lebensgrundlage einer Mehrheit der afrikanischen Bevölkerung. Land werde zur knappen Ressource – nicht nur infolge des Klimawandels, sondern auch durch die Nutzung großer Flächen etwa für den Anbau von Biokraftstoffen, wie in Nigeria und Mosambik.

Armut, Klimavulnerabilität und schwache staatliche Strukturen machten Afrika besonders anfällig für klima-bedingte Konflikte. Zwar verursache der Klimawandel direkt keine bewaffneten Auseinandersetzungen, erhöhe aber die Wahrscheinlichkeit dafür. Als politische Konsequenz fordert Toulmin, einen Teil der militärischen Ausgaben für die Finanzierung von Strukturen zum kooperativen Management knapper Ressourcen umzuwidmen. Ihre abschließende Einschätzung fällt wenig optimistisch aus: Auch nach der Weltklimakonferenz in Kopenhagen werde sich an der global unterschied-lichen Anfälligkeit gegenüber Umweltveränderungen wenig ändern.

Camilla Toulmin ist ein fundierter Überblick über die Folgen des Klimawandels in Afrika gelungen. Das Buch ist besonders für Praktiker der Umwelt- und Entwicklungspolitik eine Bereicherung. Seine klare Struktur sowie zahlreiche Infokästen zu Themen wie Migration, Biokraftstoffen und Länderbeispielen machen es gut verständlich. Die regional unterschiedlichen Auswirkungen der Erderwärmung in Afrika stellt die Autorin differenziert dar. Ihre Analyse könnte noch umfassender sein, wenn sie die vielfältigen Folgen des Klimawandels in Bezug zu den sozialen, ökonomischen und politisch-historischen Bedingungen des Kontinents setzen würde.

Kooperation statt Eskalation

Dass die Verknappung natürlicher Ressourcen an sich keine Konflikte verursacht, dass vielmehr die politischen Prozesse ihrer Verteilung und wirtschaftlichen Nutzbarmachung entscheidend sind, ist eine These, die auch der Politikwissenschaftler Abiodun Alao vom King’s College in London vertritt. Alao geht der Frage nach, warum in so vielen Ländern Afrikas der Reichtum an natürlichen Ressourcen Hand in Hand geht mit der Armut der Bevölkerung. Starke und ebenen-übergreifende Strukturen zum Management natürlicher Ressourcen seien erforderlich, damit Ressourcenkonflikte nicht eskalieren, so Alao.

Dabei beschränkt der Autor seine Analyse nicht auf eine bestimmte Ressource, eine Region oder ein Land, sondern bietet einen Überblick über gegenwärtige Ressourcenkonflikte, geografische Gegebenheiten und Ressourcenvorkommen in Afrika. Er identifiziert vier Ressourcen, die Gegenstände von Konflikten sind: Land, Mineralien wie Diamanten, Gold oder Coltan, Öl und Wasser. Land sei „zweifelsohne die wichtigste Ressource in Afrika“. Landkonflikte finden zwischen Staaten, lokalen Gemeinschaften oder Berufsgruppen statt, etwa zwischen sesshaften Bauern und nomadischen Viehzüchtern. Bei den Wasserkonflikten unterscheidet Alao zwei Formen. Zum einen werden Flüsse und Seen zum Gegenstand von Auseinandersetzungen zwischen Nachbarstaaten, zum anderen verschärfen ausbleibende oder übermäßige Niederschläge Landkonflikte.

Natürliche Ressourcen seien weder Fluch noch Segen für Afrika, so das Resümee des Autors. Der Kontinent verfüge über ausreichend Ressourcen, um seine Bevölkerung zu ernähren. Angesichts der Schwäche staatlicher Institutionen und der Volkswirtschaften sei es für viele Regierungen und nichtstaatliche bewaffnete Gruppen ein Leichtes, die natürlichen Ressourcen auszubeuten. Die Verteilung von Ressourcen bedürfe spezifischer Strukturen, die zwischen der lokalen und nationalen Ebene vermitteln. Solche Strukturen fehlten in Afrika bislang.

Die Stärke des Buches liegt in seinem regional und thematisch umfassenden Anspruch. Es schließt zahlreiche Aspekte ein, die mit Ressourcenkonflikten in Afrika verbunden sind: die Rolle externer Akteure wie multinationale Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen ebenso wie regionale Organisationen oder den Einfluss globaler Entwicklungen. Diese Vielzahl von Themen ist gleichzeitig die Schwäche des Buches. Denn sie lässt nicht immer den Raum für eine tiefgehende Analyse des einzelnen Falles. Vor allem das Zusammenspiel politisch-institutioneller, sozialer und ökonomischer Faktoren bleibt an vielen Stellen offen.

Konflikte um Ressourcen bilden auch den Schwerpunkt des „Jahrbuchs Ökologie 2010“. Das Jahrbuch erscheint seit 1992 und hat den Anspruch, aktuelle umweltbezogene Ereignisse und Initiativen zu dokumentieren. Dabei werden nationale und internationale Umweltpolitiken analysiert und Visionen für zukünftige Entwicklungen entworfen. Für den aktuellen Band haben die Heraus-geber 36 Beiträge aus Politik, Gesellschaft und Wissenschaft zusammengestellt. Unter den Autoren sind neben Wissenschaftlern wie Harald Welzer (Essen), Elmar Altvater (Berlin) und Wolfgang Sachs (Kassel) auch Vertreter zahlreicher Institutionen der umweltpolitischen Forschung und Beratung, etwa des Wuppertal Instituts, des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen und des Freiburger Öko-Instituts.

„Wir sind ganz offensichtlich in einer (neuen) Phase der Konfliktverschärfung angelangt“, schreiben die Herausgeber, „bei vielen nicht-erneuerbaren Ressourcen ist die maximale Extraktion überschritten, (...) während die Nutzung erneuerbarer Ressourcen überzogen wurde, erst noch aufgebaut werden muss oder zu neuartigen Widersprüchen führt“.

Berichtet wird im Schwerpunktteil über Konflikte um Öl ebenso wie über solche um Wasser, Landnutzung und Walfang. Natürliche Ressourcen sind endlich – da sind sich die Autoren einig. Ihre Nutzung und Verteilung führen weltweit zu Konflikten. Leidtragende seien die lokalen Gemeinschaften in den armen Ländern, argumentiert Wolfgang Sachs. Fragile Staaten wie der Sudan oder Afghanistan hätten deutlich geringere Kapazitäten, auf Umweltrisiken zu reagieren. Deshalb seien sie von den Folgen des Klimawandels „viel härter betroffen als beispielsweise die Länder des europäischen Mittelmeerraums“, so Harald Welzer. In diesen Ländern könnten gewaltsam ausgetragene Konflikte um Wasser und Land künftig zunehmen. Elmar Altvater sieht den Ursprung künftiger Konflikte weniger in den zu erwartenden Umweltveränderungen als vielmehr im Ressourcenhunger der USA und der EU sowie aufstrebender Mächte wie China.

Das Jahrbuch bildet keine in sich geschlossene Analyse, sondern ist eine Zusammenschau unterschiedlicher Perspektiven, Themen und Positionen. Es richtet sich an eine breite, an ökologischen Fragen interessierte Öffentlichkeit. Dieser bietet es einen Einblick in aktuelle politische Debatten, technische Entwicklungen und gesellschaftliche Trends rund um das Thema natürliche Ressourcen. Die Bandbreite der Themen reicht von „Klimakriegen“ über die Umweltinformationsrichtlinien der EU bis hin zur Vorstellung des Studiengangs „Global Change Management“ an der Fachhochschule Eberswalde.

In einem sind sich die Autoren der besprochenen Bücher einig: Natürliche Ressourcen sind zentrale Gegenstände aktueller Konflikte. Ob diese Konflikte eskalieren oder kooperativ gelöst werden, hängt davon ab, wie natürliche Ressourcen gesellschaftlich und politisch verteilt und genutzt werden.

Camilla Toulmin: Climate Change in Africa. London: Zed Books 2009, 167 Seiten, 12,99£

Abiodun Alao: Natural Resources and Conflict in Africa. The Tragedy of Endowment. Rochester, NY: University of Rochester Press 2007, 376 Seiten, 63,99 Euro

Günther Altner, Heike Leitschuh, Gerd Michelsen, Udo E. Simonis und Ernst U. von Weizsäcker: Jahrbuch Ökologie 2010. Umwälzung der Erde: Konflikte um Ressourcen. 
Stuttgart: Hirzel 2009, 248 Seiten, 19,80 Euro

BETTINA ENGELS ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsschwerpunkt Friedens- und Konfliktforschung der Freien Universität Berlin.

 
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