Atommacht mit Abrüstungsambitionen

Ein Gespräch über Global Zero und einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat

1. July 2010 - 0:00 | von Arundhati Ghose

Internationale Politik 4, Juli/August 2010, S. 32 - 36

Kategorie: Rüstungskontrolle & Massenvernichtungswaffen, Vereinte Nationen, Sicherheitspolitik, Globale Institutionen, Indien, Asien

Indien hat Abrüstung gefordert, wurde aber selbst Atommacht. Es hat das Nichtverbreitungsregime kritisiert, aber eingehalten. Welche Änderungen in Indiens Nuklearpolitik stattgefunden haben, warum sich entwickelnde Länder erfolgreicher mit dem Iran verhandeln könnten und wieso Indien ein permanenter Sitz im UN-Sicherheitsrat zusteht, erklärt Arundhati Ghose.

IP: Zwei Nachbarn Indiens, Pakistan und China, sind Atommächte, mit Pakistan liegt Neu-Delhi im Dauerstreit. Zudem ist Indien selbst eine Atommacht, die dem Nichtverbreitungsvertrag nicht beigetreten ist, sich aber immer für eine konsequente Abrüstung eingesetzt hat. Die Global-Zero-Initiative von US-Präsident Barack Obama müsste Indien doch entgegen kommen?

Ghose: Darauf kann ich nur mit einem eindeutigen und lauten Ja! antworten. In seiner Prager Rede ging es Barack Obama ja nicht nur um eine atomwaffenfreie Welt; es ging ihm auch darum, die Bedeutung von Nuklearwaffen in der Verteidigungsdoktrin der USA zu reduzieren. Wir haben eine Nuclear Posture Review gesehen, wir haben den Atomgipfel von Washington erlebt, auf dem die Gefahr des nuklearen Terrorismus angesprochen wurde, die für uns natürlich ganz besonders relevant ist. Deshalb können wir Präsident Obamas Bemühungen nur von ganzem Herzen unterstützen. Und zwar nicht nur theoretisch. Wir wollen auch Taten und konkrete Schritte zur Abrüstung sehen.

IP: Indiens eigene Geschichte in der Nuklearfrage ist aber alles andere als einfach: Sie selbst haben 1996 in Genf erklärt, dass Indien dem Comprehensive Test Ban Treaty“ (CTBT), der Atomtests verbietet, nicht beitreten würde.

Ghose: Um diese Entscheidung zu verstehen, müssten Sie bis in die frühen Jahre zurückgehen: Der Kalte Krieg wurde immer kälter, die Atommächte rüsteten immer weiter auf. Wir waren mit China 1962 in einen Grenzkonflikt geraten, das seine Atomwaffen zwei Jahre später zum ersten Mal testete. Aus all diesen Gründen haben wir intensiv an der Vorbereitung eines Atomwaffensperrvertrags mitgearbeitet. Zwar gab es ungeheuren Druck aus dem Parlament, ebenfalls auf Nukleartechnologie zu setzen, aber dem hat die Regierung nicht nachgegeben. Wir waren ein schwaches, gerade unabhängig gewordenes Land der Dritten Welt. Das lag nicht in unserem Sicherheitsinteresse, ein Sperrvertrag hingegen schon.

IP: Woher der Gesinnungswandel?

Ghose: Das ist nicht so schwer zu verstehen. Der Partial Test Ban Treaty zementierte aus unserer Sicht, dass sich die schon existierenden Atommächte eine Sonderstellung zubilligten. Zu dieser Zeit hatten wir obendrein Informationen, dass China Pakistan mit Nukleartechnologie unterstützte, was uns natürlich vor große Sicherheitsprobleme stellte. 1974 haben wir dann einen Atomwaffentest durchgeführt. Dennoch haben wir bis 1988 mit allen Kräften versucht, noch einen umfassenden Teststoppvertrag zu erreichen. Als Indien aber immer noch nicht als Atommacht anerkannt wurde, haben wir uns zu einem militärischen Programm entschlossen. Den Comprehensive Test Ban Treaty, der zwischen 1994 und 1996 ausgehandelt werden sollte, konnten wir leider ebenfalls nur als ein Vertragswerk sehen, das gegen uns gerichtet war. Wie in den sechziger Jahren sollte den „offiziellen“ Atommächten eine Sonderstellung zugebilligt werden. Das war nicht akzeptabel.

IP: Mit dem amerikanisch-indischen Atomabkommen, das 2008 schließlich ratifiziert wurde, wird doch aber Indien eine Sonderstellung zugebilligt – es ist das einzige Land, das dem NVV nicht beigetreten ist, aber dennoch von den USA offiziell als Atommacht anerkannt wird.

Ghose: Lassen Sie mich zunächst ein Wort zum Nichtverbreitungsvertrag sagen, der genau das ist: ein Vertrag. Staaten haben sich freiwillig dazu entschieden, ob sie ihm beitreten wollen oder nicht. Wir haben sehr penibel darauf geachtet, nukleare Technologien nicht weiter zu verbreiten und uns damit freiwillig an die Verpflichtungen des NVV gehalten. Dabei ist es ein offenes Geheimnis, dass Libyen daran interessiert war, Nukleartechnologien von uns zu erhalten. Wir haben das verweigert.

IP: Hat sich damit nicht Indiens Einstellung zur Atomfrage gewandelt? Im Grunde ist es doch jetzt selbst Mitglied des vornehmen Clubs, den es immer kritisiert hat.

Ghose: Die Amerikaner waren sehr darauf bedacht, dass dies nicht unserem Militärprogramm zugute kommt. Aus Sicherheitsgründen und um unsere Souveränität zu wahren, waren wir natürlich ebenso vorsichtig darauf bedacht, dass sie keine Macht über unser Militärprogramm haben. Im Abkommen mit den USA geht es nur um den zivilen Nutzen der Atomkraft.

IP: Der Besitz von Nuklearwaffen soll keine Frage des Status sein?

Ghose: Es kommt uns nicht auf den Status an. Uns war wichtig, dass 45 Staaten ihre Sanktionen beendet haben, die sie aufgrund der Atomtests gegen Indien verhängt hatten. Vieles, was wir für unsere technologische Entwicklung brauchten, fiel unter die Dual-Use-Definition. In wesentlichen Bereichen waren unsere Wissenschaftler von wichtigen Entwicklungen abgeschnitten – auch in Bereichen wie Biotechnologie, die heute sehr gefragt sind. Nun zwingt ein Sanktionsregime zwar dazu, billige und kreative Alternativen zu entwickeln, die unsere Technologie wiederum interessant für andere macht. Aber als rasant wachsende Wirtschaftsmacht war es uns wichtig, dass wir Zugang zu einer Form der erneuerbaren Energie haben, die wir so dringend brauchen. Der zweite Vorteil des Abkommens ist der Zugang zu Technologien, die unsere Entwicklung fördern. Gerade die jetzige Regierung ist der festen Ansicht, dass wir vor allem mit Hilfe von Technologie unsere Entwicklungsprobleme überwinden können.

IP: Im Schlussdokument der NVV-Überprüfungskonferenz wird aber neben Israel und Pakistan auch Indien genannt, die beiden „nuklearen Sorgenkinder“ Iran und Nordkorea hingegen nicht. Ist das für Indien akzeptabel? Kann Indien dabei helfen, mit Staaten wie dem Iran oder Nordkorea zu verhandeln?

Ghose: Das ist allein der Tatsache geschuldet, dass man diese Überprüfungskonferenz nicht scheitern lassen wollte, wie dies 2005 schon geschehen war. Deshalb war man bereit, einen solchen Kompromiss einzugehen. Indien mag zwar einige Bedenken bezüglich des NVV haben. Aber es ist das einzige Nonproliferationsregime, das wir haben. Wäre die Überprüfungskonferenz gescheitert, wäre dieses Regime am Ende gewesen, und das können wir uns nicht leisten.

IP: Kann Indien dabei behilflich sein, Iran und Nordkorea dazu zu bringen, sich an die Verpflichtungen des NVV zu halten oder ihm wieder beizutreten?

Ghose: Was Nordkorea betrifft, so wäre das für uns sehr schwierig, weil China das Land als seine Einflusszone betrachtet. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Peking es gern sähe, wenn Indien in seine Einflusszone geriete. Aber ganz sicherlich könnten wir mit China reden.

IP: Und wie verhält es sich im Fall des Iran?

Ghose: Die Iraner sind ein sehr stolzes Volk. Und die einzige Reaktion, die sie sehen ist: Sanktionen, Sanktionen, Sanktionen. Ich war sehr enttäuscht darüber, wie die Versuche von Brasilien und der Türkei aufgenommen wurden, in dieser Angelegenheit weiterzukommen. Dabei sind es sich entwickelnde Staaten, die die besten Voraussetzungen für diese Aufgabe mitbringen: Brasilien verfügt über Nukleartechnologie, hat aber freiwillig auf die Entwicklung einer militärischen Option verzichtet. Es genießt großes Ansehen und ist genau wie die Türkei Mitglied des NVV. Die beiden Länder haben versucht, mit Hilfe von Verhandlungen die Spannungen zu reduzieren. Das war selbstverständlich noch nicht die Lösung. Aber es war ein Schritt auf dem Weg zu einer möglichen Lösung. Man hat das abgelehnt, ein verschärftes Sanktionsregime beschlossen und wir sind wieder da, wo wir begonnen haben. Indien ist eine Nuklearmacht und kein Mitglied des NVV. Glauben Sie denn, unsere Glaubwürdigkeit wäre höher als die Brasiliens? Der Iran liegt in unserer Region, wir wollen ganz gewiss nicht, dass er Atommacht wird, aber wir wollen auch, dass der Fall Iran geschickter angepackt wird.

IP: Was wäre denn ein besserer Weg? War es denn nicht der Iran, der die Welt beständig an der Nase herumführt hat – und angesichts dieser Geschichte auch die Türkei und Brasilien hätte täuschen können?

Ghose: Versuchen Sie doch einmal, die Sicht der Iraner zu verstehen. Sie sehen sich als muslimische Macht, die an Bedeutung gewinnt. Sie sehen, dass der Westen das Schah-Regime auch in der Atomfrage unterstützt hat, aber jetzt mit beständigen Sanktionen auf das Atomprogramm eines islamischen Regimes reagiert. Den mit dem Iran verhandelnden Mächten scheint es völlig an einem psychologischen Grundverständnis zu fehlen, das in den internationalen Beziehungen doch eine Rolle spielen sollte! Warum haben sie denn mit den Brasilianern gesprochen? Weil sie das Gefühl haben, dass sie auf gleicher Ebene stehen, und dass sie nicht immer gemaßregelt werden. Und mit der Türkei reden sie, obgleich die Türkei Mitglied der Europäischen Union werden will und obwohl Mitglied der NATO, also eines westlichen Militärbündnisses, ist. Warum sollten nicht die sich entwickelnden Länder Verhandlungen mit dem Iran führen, anstelle von Ländern, die nicht einmal zulassen, dass man über ihr lange schon vorhandenes Nukleararsenal auch nur redet und die deshalb aus der Sicht des Iran überhaupt keine Glaubwürdigkeit besitzen? Wenn wir den Iran davon abhalten wollen, Atommacht zu werden, müssen glaubwürdige Partner mit Teheran verhandeln. Der Iran könnte nicht versuchen, Brasilien oder die Türkei zu täuschen. Das wäre ein vollständiger Gesichtsverlust für sie.

IP: Die alte Ordnung spiegelt sich im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen wider, in dem nur die offiziellen Atommächte über einen permanenten Sitz verfügen. Sollte Indien, da es gewissermaßen „Mitglied des Clubs“ geworden ist, sich auch ambitionierter um einen permanenten Sitz bewerben?

Ghose: Lieber nicht. Sehen Sie, ich gehöre noch der alten, von unserem ersten Premier Nehru begründeten Schule an, die glaubte, dass Indien sich eher zurückhalten sollte. Ich bin der Überzeugung, dass man nicht nach einem solchen Sitz strebt, sondern dass man in diese Institution hineingebeten werden sollte. Und eine Gegenfrage: Warum sollte Deutschland keinen Ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat erhalten?

IP: Vielleicht, weil es keinen deutschen, französischen und britischen, sondern einen Ständigen Sitz für die Europäische Union geben sollte?

Ghose: Und was wäre mit Europa passiert, wenn Deutschland sich nicht zur Rettung Griechenlands entschlossen hätte? Wobei wir als aufstrebende Wirtschaftsmacht ebenfalls sehr an einer funktionierenden Euro-Zone interessiert sind. Ich beschäftige mich gerade sehr intensiv mit Fragen der Global Governance. Und Global Governance ist ohne einen Ständigen Sitz von Staaten wie Deutschland, Japan oder Indien in den Vereinten Nationen nicht möglich. Wenn solche Länder nicht vertreten sind, wie relevant ist denn dann der Sicherheitsrat? Es liegt doch im Interesse dieser Institution, dass diese Länder dort vertreten sein sollten. Und natürlich ein Vertreter Afrikas.

IP: Womit dann hoffentlich nicht mehr der Besitz von Atomwaffen entscheidend wäre.

Ghose: Nein, das Kriterium ist doch, welche Staaten auf der Weltbühne eine wichtige Rolle spielen, wer, um diesen Ausdruck zu benutzen, einen Unterschied machen kann und auf wessen Stimme es in den wichtigen Angelegenheiten ankommt. Diese Stimmen sind nun einmal zahlreicher geworden. Es gibt wesentlich mehr Staaten als früher, die wichtige Angelegenheiten in Gang bringen können, und ohne die man keine multilateralen Entscheidungen treffen kann. Es ist keine Frage, ob diesen Ländern mit einem Ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat zu Status verholfen werden soll. Status entwickelt sich durch das, was in diesen Ländern selbst entsteht und durch die Art ihres Agierens. Es ist also ganz umgekehrt. Mit einem Sitz wird ein schon erarbeiteter Status anerkannt.

IP: Hatten Sie nicht eben noch gesagt, dass Sie persönlich kein allzu ambitioniertes Streben nach einem permanenten Sitz im UN-Sicherheitsrat empfehlen würden?

Ghose: Mir kommt es auf Würde und Diskretion an. Ich finde nicht, dass man einem solchen Sitz hinterherlaufen sollte. Indiens Wirtschaft wird auch ohne einen Ständigen Sitz im Sicherheitsrat weiter wachsen, es wird sich weiter entwickeln und weiter eine wichtige Stimme sein. Die derzeitige Regierung mag meine persönliche Ansicht hier nicht teilen. Aber ich bin der Auffassung, dass der Sicherheitsrat Indien mehr braucht als Indien den Sicherheitsrat.

Das Interview führte Sylke Tempel.

ARUNDHATI GHOSE gehörte seit 1963 dem diplomatischen Dienst Indiens an, u.a. als Botschafterin in den USA und bei den Vereinten Nationen. Sie war Chefin der Delegation, die während der 
UN-Abrüstungskonferenz in Genf 1996 die Ratifizierung 
des Teststoppvertrags verweigerte. Derzeit ist sie Distinguished Fellow des Institute of Peace and Conflict Studies, Neu-Delhi.

 
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