Kaukasischer Teufelskreis: Ängste, Verdächtigungen, Verschwörungstheorien

Brief aus … Moskau

1. May 2010 - 0:00 | von Stefan Scholl

Internationale Politik 3, Mai/Juni 2010, S. 120 - 121

Kategorie: Terrorismus, Innere Sicherheit, Staat und Gesellschaft, Russische Föderation, Asien

Als ich zwei Tage nach den Selbstmordanschlägen von Ende März in der Moskauer Metro zum ersten Mal wieder einen U-Bahn-Waggon besteige, geht es mir wie den meisten Moskauern. Ich spüre Angst. Genauer, das übliche leicht klaustrophobe Gefühl während der Rushhour wird noch verstärkt durch ein unruhiges Kribbeln in einem sich plötzlich sehr leer anfühlenden Bauch. Mein Blick wandert, scannt unwillkürlich Mitreisende: Frau? Dunkelhaarig? Kaukasische Nase? Gestresstes Gesicht? Große Tasche.

In den ersten Tagen nach den Anschlägen wurden in der Metro mehrfach Passagiere mit kaukasischem Aussehen tätlich angegriffen, schwarzhaarige Frauen mit Kopftüchern von anderen Passagieren aus Waggons gedrängt. Und immer wieder verließen U-Bahn-Reisende mit an Panik grenzender Hast Abteile, in denen kaukasisch aussehende Frauen mit oder ohne Einkaufstüten saßen. Wer weiß, vielleicht trägt sie ja einen Sprengstoffgürtel am Leib. Kein Wunder, dass die betroffenen Frauen gestresste Gesichter machen. Aus Angst vor der Angst der Mitfahrenden, vor deren Wut über die Anschläge, gemischt mit jenem Gefühl, das sich zwischen Ablehnung und Rassenhass bewegt. Slawische Moskauer nennen Kaukasier gern „Tschurky“, „Holzklötze“, weil sie sie für dumm halten, und „Tschernoschopye“, „Schwarzärsche“, weil sie angeblich haarig und schmutzig sind. Ich selbst muss zugeben, dieser Cocktail aus Negativgefühlen hat auch meine Fantasie infiziert. Genauer, jene Angstfantasie, die jeder Terror bezweckt: die Angst, der eigene Alltag könne sich jeden Augenblick in Tod und Grauen verwandeln.

So bleiben nur jene sehr russischen Gedanken zur Pulsberuhigung, welche die Moskauer in den Tagen nach dem Terroranschlag immer wieder äußerten: „Eine Bombe schlägt nicht zweimal in einem Bombentrichter ein.“ „Wenn das Schicksal es will, erwischt es dich überall, in der U-Bahn oder anderswo.“ Die U-Bahn hält, die Tür geht auf, Leute drängen heraus, dreimal soviel wieder hinein, schubsend, rempelnd, böse blickend: „Arschloch“, zischt neben mir eine magere Russin einem Mann mit kaukasischem Äußeren zu, „Missgeburt“, kontert der. Danach starren beide Kontrahenten eng aneinander gepresst vollster Verachtung in verschiedene Richtungen. Unschöner Moskauer Alltag, die Stadt ist berüchtigt für ihre Grobheit. Aber meine Todesangst, die Macht des Terrors, ist verflogen. Wie jeder Moloch neigt Moskau, eine Ansammlung von 15 Millionen Menschen, zur Trägheit. Und die gewöhnlichen Negativgefühle der Stadt, Unfreundlichkeit und Hast, haben den Schrecken wieder verdrängt. Die sechs bis neun Millionen, die täglich die Metro stürmen, richten ihre Energie lieber auf andere Dinge als sich zu ängstigen.

Aber die Anschläge bleiben weiter Thema. Und dieses Thema entwickelt sich bei aller Rüpelhaftigkeit im Alltag anders als 2003 und 2004, als ähnliche Attentatsserien Moskau erschütterten. Damals wurde die Angst der Moskauer bewusst gegen die Tschetschenen gewendet, deren Partisanen den russischen Sicherheitskräften im Kaukasus seit Jahren Widerstand leisteten. „Die Tschetschenen sind deine Feinde, sie wollen dich töten“, schrieb das eigentlich liberale Massenblatt Moskowskij Komsomolez. Jetzt hat dieselbe Zeitung eine regelrechte Kampagne gegen Kaukasierfeindlichkeit in der U-Bahn gestartet. Dagegen attackiert der Duma-Vorsitzende Boris Gryslow einen Artikel der Moskowskij Komsomolez: Der Autor habe dem Terror zuviel Verständnis entgegengebracht; sein Text sei in der gleichen Suppe gekocht wie die Videoauftritte der Terroristenführer. Die Moskowskij Komsomolez droht Gryslow mit einer Klage.

Es fällt auf, wie wenig Hurra-Geschrei Premier Wladimir Putin mit seinem Spruch erntete, es sei für die Sicherheitsorgane eine Frage der Ehre, die Terroristen aus der Kanalisation herauszuzerren; eine Anspielung auf sein eigenes berüchtigtes Zitat nach den Wohnhausexplosionen von 1999, als er erklärte, man müsse die Banditen, wenn nötig, im Klo ersäufen. Damals feierten Russlands Stammtische Putin dafür, jetzt aber ist die Stimmung gekippt. Die Ansicht macht sich breit, dass all die Sprüche der Politiker und die tausenden Toten der Antiterroraktionen im Kaukasus das Übel keineswegs getilgt haben. Nicht nur der Moskowkij Komsomolez, auch andere Zeitungen schimpfen über die Unfähigkeit der Polizei und der Sicherheitsdienste, die Fantasien der Moskowiter selbst suchen inzwischen ganz andere Täter.

Als ich das erste Mal nach den Anschlägen in die Banja ging, sprach mich Sergej, ein Geschäftsmann, mit dem ich dort oft gemeinsam schwitze, sofort auf die Attentate an. Um dann, rot und tropfend vor Hitze, seine eigene Meinung darzulegen: „Ich hab dir doch schon im November, nach dem Anschlag auf den Schnellzug Moskau-Petersburg, gesagt, dass die Geheimdienste dahinter stecken. Ein Klan im Kreml wollte damit den anderen treffen. Und die Anschläge jetzt, das ist der Gegenschlag der anderen Seite gewesen.“ Moskowiter lieben Verschwörungstheorien. Aber wenig angenehm für die Machthaber, dass das Volk anfängt, die Drahtzieher der Gemeinheiten in ihren Reihen zu suchen.

STEFAN SCHOLL lebt als freier Autor in Twer, Russland.

 
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