Solidarität mit den Taliban!

Schlusspunkt

1. May 2010 - 0:00 | von Constanze Stelzenmüller

Internationale Politik 3, Mai/Juni 2010, S. 144

Kategorie: Deutsche Außenpolitik, Terrorismus, Deutschland, Vereinigte Staaten von Amerika, Afghanistan, Islamische Welt

Schon wieder sind vier Soldaten in Afghanistan getötet worden. Das ist schrecklich und es bedarf der Aufklärung. Der Spiegel hat die zuständigen Experten ausgemacht: „deutsche Intellektuelle“. Genauer: zwei Regisseure, drei Schriftsteller. „Damn, I miss the Cold War“ – seufzte einst die Geheimdienstchefin M im James-Bond-Film Casino Royale. Theaterregisseur Claus Peymann pflichtet ihr aus vollem Herzen bei: „In den Sechzigern war es viel einfacher, uns auf Seite der Schwachen und Unterdrückten zu positionieren.“

In der Tat, die Taliban machen es uns nicht leicht. Fast ist man versucht, ihnen vorzuwerfen (wäre das nicht schon ein Akt quasikolonialistischer, kultureller Repression und damit auch schon wieder irgendwie Gewalt), dass es ihnen erkennbar an Empathie für unser Bedürfnis fehlt, uns auf ihrer Seite zu positionieren. Peymann hat den „kafkaesken“ Grund identifiziert, warum „diesmal nicht Millionen Menschen gegen diesen Krieg auf die Straße“ gehen: Die Taliban sind „keine sichtbaren Gegner ... das macht die Solidarisierung mit diesen so genannten Feinden so schwer“.

Nun, da wären noch ein paar andere Gründe zu nennen, etwa, dass sie „unsere Jungs“ (Peymann) umbringen. Oder die Tatsache, dass die afghanischen Gotteskrieger mit ihrer Vorliebe für Steinigungen ohne Vollnarkose und überhaupt einer ausgeprägten Neigung zur Unterdrückung der ohnehin schon Schwachen (z.B. Frauen) selbst das fromme Königreich Saudi-Arabien wie einen Pfuhl liberaler Dekadenz aussehen lassen. Aber das ist vielleicht schon zuviel des Fachwissens. Denn, wie sagt am selben Ort Hans Magnus Enzensberger? „Ich kenne mich nicht aus in Afghanistan, ich kenne auch keine Afghanen.“ Umso genauer weiß Enzensberger, wer die Misere zu verantworten hat: „die Vereinigten Staaten, die nehmen uns in die Zange“. Ingo Schulze kann hierzu historische Tiefenschärfe liefern: Der Demokrat und Nobelpreisträger Jimmy Carter, ausgerechnet!, war es, der die Sowjets 1979 mit perfider List in den Afghanistan-Einmarsch gelockt hat. (Das wird wiederum die nicht überraschen, die genickt hatten, als die Theologin Margot Käßmann im Dezember der Berliner Zeitung offenbarte, dass die Alliierten erhebliche Mitschuld am Zweiten Weltkrieg tragen: „Warum wurde die Opposition in Deutschland nicht gestärkt?“)

Robusteren Naturells sind Volker Schlöndorff (wer „den Einsatz für sinnvoll“ hält, muss „die Verluste leider in Kauf nehmen“) und Thomas Brussig, mit dem wir diese Wochenschau schließen wollen: „Vier Tote, das hat man fast jedes Wochenende auch auf der Autobahn.“ Dem ist nun wirklich nichts hinzuzufügen.

Dr. CONSTANZE STELZENMÜLLER ist Senior Transatlantic Fellow beim German Marshall Fund in Berlin.

 
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