Weltkarte der Mafia

Organisierte Kriminalität made in Italy und wie sie zu bekämpfen wäre

1. November 2010 - 0:00 | von Aureliana Sorrento

Internationale Politik 6, November/Dezember 2010, S. 132-133

Kategorie: Organisierte Kriminalität, Wirtschaft & Finanzen, Italien

Seit den Mafia-Morden von Duisburg 2007 ist der Name Ndrangheta in Deutschland ein Begriff. Hätte das Blutbad verhindert werden können? Ja, meint der italienische Mafia-Experte Francesco Forgione. Seine Forderung: Der globalisierten Mafia muss mit weit wirksameren Mitteln begegnet werden als mit jenen, die bislang angewendet wurden.

Im August 2007 tötete ein Killerkommando der kalabrischen Mafia-Organisation Ndrangheta in einer Duisburger Pizzeria sechs Menschen. Dabei waren die deutschen Behörden zu dem Zeitpunkt über die Aktivitäten der Ndrangheta in Deutschland bestens informiert. Auch hatten Staatsanwälte aus Reggio Calabria die deutsche Polizei darauf hingewiesen, dass sich in Duisburg etwas zusammenbraue. Warum blieben die Behörden untätig? Diese Frage stellt Francesco Forgione in seinem Buch „Mafia-Export“. Mit seinem Bericht über die Tätigkeit der italienischen Mafia-Organisationen weltweit verfolgt der Soziologe und Experte für organisierte Kriminalität ein Anliegen: Regierungen, Gesetzgebern, Justiz- und Ermittlungsbehörden die Notwendigkeit klarzumachen, die globalisierte Mafia mit wirksameren Mitteln zu bekämpfen als jenen, die außerhalb Italiens bislang angewendet werden. 

Denn die Mafia hat sich wesentlich früher globalisiert als die legale Wirtschaft. Allerdings ist nur in Italien selbst die Zugehörigkeit zu einer Mafia-Organisation ein Straftatbestand. Das Einfrieren von Konten verurteilter Mafiosi, in Italien gängige Praxis, war in Deutschland vor den Duisburger Morden nicht möglich. Erst die Toten von Duisburg, stellt der Autor mit Bedauern fest, „haben eine Schneise in das heuchlerische Schweigen geschlagen“.

Als ehemaliger Leiter der parlamentarischen Antimafia-Kommission unter der Regierung Prodi kennt sich Forgione mit der Materie bestens aus.  Seinem Buch liegen nicht nur Ermittlungsakten und Untersuchungsberichte zugrunde, sondern auch Gespräche mit Staatsanwälten, Richtern, Kommissaren und Journalisten, die seit Jahren über Ndrangheta, Cosa Nostra und Camorra recherchieren. Eine schiere Unmenge an Material aus erster Hand, das der Autor zu einer Weltkarte der italienischen Mafia verarbeitet hat.

So wurde im Frühjahr 2009 in der Nähe von Amsterdam Giovanni Strangio verhaftet, der Drahtzieher der Duisburger Morde. Nicht zufällig hatte er sich hier niedergelassen. Amsterdam ist für Drogenhändler ein Einfallstor nach Europa. Das Kokain, das in Süd-amerika produziert wird, kommt über Spanien, die Niederlande und Belgien nach Deutschland und wird von hier aus nach Italien und ins restliche Europa befördert. An den Knotenpunkten der Kokain-Route sorgen Handelsvertreter der Clans für die reibungslose Abwicklung der Geschäfte. Durch den Kokain-Handel, in den sie als erste eingestiegen ist, hat die Ndrangheta eine Vorrangstellung unter den Clans erlangt. Sie verfügt über ungeheure Geldmittel und ein perfektes Netzwerk. Cosa Nostra, die einst die Welt mit Heroin überschwemmte, hat die Umstellung des Drogenmarkts verpasst und hinkt hinterher.

Man schätzt, dass durch den Kokain-Handel ein Jahresumsatz von rund 465 Milliarden Euro erzielt wird – Geld, das angelegt werden muss. In Spanien hat Cosa Nostra in Tourismus und Immobilien so massiv investiert, dass spanische Zeitungen die Costa del Sol in Cosca del Sol umgetauft haben. In Rumänien lassen die Camorra-Clans aus Casal di Principe Büffelmozzarella produzieren, den sie in Italien mit dem Siegel made in Italy teuer verkaufen. Im Handel mit Fälschungen ist die Camorra zum Rang einer internationalen Holding aufgestiegen, die wie andere Unternehmen ihre Produkte in Asien herstellen lässt, um sie in New York und Paris für den zigfachen Preis zu verkaufen. In Deutschland besitzt die Ndrangheta unzählige Restaurants und Hotels, über die sich das Geld aus dem Drogenhandel waschen lässt. Außerdem bieten die Lokale gesuchten Clanmitgliedern Zuflucht und fungieren als Zwischenlager und Verkaufsstellen für Drogen. Im Osten haben die Clans nach dem Fall der Berliner Mauer auf Teufel komm raus Immobilien gekauft. Durch Osteuropa verlaufen die Wege des Waffen- und Menschenhandels, bei dem die Italiener mit der osteuropäischen Mafia kooperieren.

Neben all diesen Tätigkeiten haben die italienischen Clans durch Strohmänner Aktienpakete erworben. Angesichts des Investments in scheinbar „legale“ Branchen ist es immer schwieriger geworden, die Grenze zwischen Legalität und Illegalität zu definieren. Vor diesem schleichenden Prozess, den andere Soziologen die „Verbürgerlichung der Mafia“ genannt haben, warnt der Autor eindringlich. Die neue Mafia-Bourgeoisie drohe die Gesellschaft ihrer Wahlheimaten von innen zu zersetzen.

Überall werden finanzträchtige Mafiosi als ehrbare Unternehmer hofiert, sie finden unter den Einheimischen ohne Weiteres Geschäftspartner, und auch Politiker zeigen ihnen gegenüber keine Berührungsängste. Nun habe die Geschichte Italiens gelehrt, so Forgione, dass die Mafia ohne die Willfährigkeit der Politik nicht existieren kann. Sein Buch ist ein Warnruf – so faktenreich untermauert, dass man nicht umhin kann, ihm Gehör zu schenken.

AURELIANA SORRENTO lebt und arbeitet als freie Autorin u.a. für Deutschlandfunk und Frankfurter Rundschau in Berlin.

 
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