Die neuen Christenverfolgungen

Im alten Rom fing es an, heute setzt es sich noch heftiger fort

28. February 2011 - 0:00 | von Paul Badde

Internationale Politik 2, April 2011, S. 120-127

Kategorie: Staat und Gesellschaft, Weltweit

Die neue Welle der Gewalt gegen koptische Christen in Ägypten hat die Aufmerksamkeit auf eine oft übersehene Tatsache gelenkt: Christen bilden in absoluten Zahlen die mit Abstand größte aus Glaubensgründen verfolgte Gruppe weltweit. Geschichte der Christenverfolgungen von Diokletian bis Kim Jong Il.

Alabasterfenster platzten. Flammen schossen die kostbaren Vorhänge entlang zur Decke hoch. Der Altar war umgestürzt, die Kirche brannte lichterloh. Vor den Flammen grölte der Mob in den Straßen Nikodemias. Doch die Schandtat war kein ordinäres Pogrom. Es war gewissermaßen eine Art Reichs-Alabaster-Nacht; ein Gräuel, das jedoch auf einer kühlen Berechnung Diokletians (ca. 240 bis 312) beruhte, des Reformkaisers auf dem Sitzkissen der römischen Cäsaren, der mit diesem Brand am 23. Februar 303 das Fanal zur systematischsten Christenverfolgung setzte, die das Römische Reich je gesehen hatte.

Konstantinopel war noch nicht gegründet, Nikodemia, das heutige Izmit in der Türkei, hatte der Imperator ab dem Jahr 284 zu seiner Residenz ausbauen lassen. Von hier aus organisierte er seine große Reform und seinen Feldzug gegen die vielen tausend Christen des Reiches, von Spanien bis Palästina und von Köln und Mainz bis Karthago und Memphis in Ägypten. Erst acht Jahre später, am 30. April 311, wurde die Kampagne offiziell beendet. Ihr Ziel war die Vernichtung des Christentums, die Ausrottung seiner Anhänger und die Zerschlagung der Kirche. Das Motiv: Der „Religionsfriede“ zwischen den vielen Kulten und Göttern Roms – und damit der Friede der Götter untereinander –, den die Christen mit ihrem Wahrheitsanspruch in den Augen vieler Konkurrenten nachhaltig störten, sollte wiederhergestellt werden.

Diokletian war nicht der erste Christenverfolger unter Roms Imperatoren. Er knüpfte an unzulängliche Vorarbeiten seiner Vorgänger Decius und Valerius zwischen 250 und 260) an, doch sporadische Christenverfolgungen hatte es im Römischen Reich schon seit Kaiser Nero (37 bis 68) immer wieder gegeben. Denn im Varieté der vielen Kulte des toleranten Rom waren die Christen, die den Zauber der Heiden nicht mitmachten, quasi als Spielverderber aufgetreten – als kämen sie von einem anderen Stern. Weil sie weder den Göttern noch den Kaisern opferten, galten sie als „Atheisten“. Auch die Juden beharrten auf einem einzigen Gott, vor dem die „Götzen“ der anderen nur Staub seien. Doch die Christen benahmen sich, als würden sie diesen Gott persönlich kennen.

Deshalb versuchte Diokletian, ihrem Treiben in vier Verfolgungswellen endgültig ein Ende zu bereiten. In dem ersten Edikt von 303 verbot er ihre Gottesdienste, verfügte die Zerstörung ihrer Kirchen, die Konfiszierung und Verbrennung ihrer heiligen Schriften, ein generelles Ämterverbot und die Verhaftung christlicher Staatsbeamter. Freigelassene Christen, die zuvor Sklaven gewesen waren, wurden wieder in den Sklavenstand zurückversetzt. Christen der Oberschicht durften keine Prozesse mehr führen, keine Testamente mehr erlassen und verloren alle Ämter und Privilegien. Von da an besaßen sie keine Bürgerrechte mehr im Römischen Reich.

In einem zweiten Edikt verfügte Diokletian die Einkerkerung ihrer Gemeindevorsteher. In einem dritten Edikt ordnete er an, ihre Priester und Bischöfe durch Folter zum Abfall von ihrem Glauben zu zwingen. In einem vierten Edikt von 304 befahl er schließlich die Todesstrafe für alle, die sich weigerten, ihm ein paar Weihrauchkrümel als Brandopfer darzubringen. Die Ablehnung eines solchen Opfers galt als Religionsfrevel, als Staatsfeindschaft, als Majestätsverbrechen; wer sich in den Staatskult nicht integrieren wollte, gehörte vernichtet. Dieser Maßnahme konnten viele Christen nicht mehr standhalten. Eine große Zahl aber widerstand jeder Drohung und ließ sich eher kreuzigen, enthaupten, verbrennen, ertränken, vor die Löwen oder in ungelöschten Kalk werfen, als den Glauben an Jesus Christus öffentlich zu leugnen. Angesichts solchem Starrsinn konnten viele Untersuchungsrichter oft nur den Kopf schütteln.

Diokletians Reichsreform war schließlich erfolgreich. Sie sicherte Roms Fundamente im Westen bis zum 5., im Osten bis zum 7. Jahrhundert. Seine Kultreform hingegen scheiterte vollständig. Wie schon manche seiner Vorgänger hatte er der Christenheit damit nur zahllose Märtyrer mehr geschenkt, die in der katholischen und orthodoxen Welt bis heute – von Petrus und Paulus bis zu Polykarp oder Sebastian und Laurentius – namentlich erinnert und verehrt werden. Die liturgische Heiligenverehrung der Christenheit nahm mit den standhaften Opfern der Antike ihren Anfang.

Ein Jahr nach Diokletians Tod gewährte sein Nachfolger Konstantin den Christen im Jahr 313 volle Gleichberechtigung im römischen Weltreich. Die „Konstantinische Wende“ schloss für immer das Tor hinter dem letzten Vernichtungskrieg Roms gegen die Märtyrerkirche der jungen Christenheit.

Eine Landkarte der Verfolgung vom Maghreb bis nach Nordkorea

Die Opferzahlen, die die Christenheit damals mit Namen und Daten in ihrer kollektiven Erinnerung abgespeichert hatte, waren gewaltig, und dennoch, sie waren gleichsam „peanuts“ gegen das, was später kam: die muslimischen Regime, die ab 622 von der neuen Wüstenreligion im östlichen, südlichen und westlichen Mittelmeerraum etabliert wurden; furchtbare Verfolgungen in Japan, denen die junge Christenheit nach 1587 ausgesetzt war; immer wieder die Hatz auf Christen des schwarzen Kontinents. Auch unter den Nazis und den Sowjets kamen zahllose Christen zu Tode. Goebbels Motto lautete „Totschweigen oder totschlagen!“; nach dem „Endsieg“ und wenn erst mit den Juden „aufgeräumt“ war, wollte sich der Reichspropagandaminister gemeinsam mit seinem „Führer“ die Pfaffen vorknöpfen. Der Berufsstand, der in den KZs statistisch am höchsten vertreten war, waren katholische Priester. Lenin hingegen wünschte, zuletzt auf seinem Sterbebett, den Begriff „Krestyanin“ (Christen), mit dem die russischen Bauern seit den Tagen der Kiever Rus bezeichnet wurden, durch den neuen Begriff „Sowjets“ zu ersetzen – und die Kultur hinter dem Begriff vollständig zu zerschlagen. Für sieben Jahrzehnte war das fast gelungen.

Die größte Christenverfolgung der Weltgeschichte allerdings fand nicht in der Antike statt, auch nicht gestern oder vorgestern: Wir erleben sie heute, weltweit und auf beispiellose Weise. Christen wird in vielen Ländern eine Vielzahl von Rechten vorenthalten, wie das Recht auf den Schutz vor willkürlicher Verhaftung, das Recht auf ein faires Verfahren, das Recht auf Zugang zu und Gleichheit vor den Gerichten, das Recht auf Familie, die Minderheitenschutzrechte,  die Rechte von Frauen, die Rechte von Kindern, nicht zuletzt das Recht auf Schutz vor Folter – vor allem aber auch das Recht, die eigene Religion frei zu wählen oder zu wechseln.

Von rund 100 Millionen Menschen, die derzeit „aufgrund ihres Glaubens an Jesus Christus Verfolgung erleiden“, spricht das überkonfessionelle Hilfswerk „Open Doors“ nach Auswertung der Beobachtungen ihrer vielen Mitarbeiter in 52 Ländern rund um den Globus. Es ist eine streng konservative und skeptische Schätzung, die all jene nicht mitzählt, die aufgrund ihrer christlichen Herkunft oder ihrer christlichen Namen in verschiedenen Ländern benachteiligt werden. Die Landkarte der Verfolgung erstreckt sich vom Maghreb bis nach Nordkorea. Sie ergibt ein riesiges Weltreich, zusammengesetzt aus vielen islamischen und einigen streng atheistischen Ländern sowie manchen Bundesstaaten des hinduistischen Indien.

In vielen Fällen sperrt der Staat Einzelne oder Gruppen von Christen wegen ihres Glaubens ein, verletzt, foltert oder tötet sie. Verfolgung herrscht aber auch dann, wenn Christen nicht erlaubt ist, Kirchen zu bauen oder sich zu versammeln, wenn die Registrierung einer christlichen Gemeinde oder Organisation nur unter Schikanen oder gar nicht möglich ist – die Grenzen zwischen Verfolgung und Diskriminierung sind fließend. In den vergangenen Jahren haben sich die Repressalien gegen Christen zunehmend von staatlicher Seite auf die private Ebene der Nachbarn und Dorfgemeinschaften verlagert. Für die Opfer macht es keinen Unterschied, wer sie verfolgt – wobei in vielen Staaten Übergriffe kaum verhindert werden, weder durch Polizei noch Militär, und später meist nur ungenügend oder gar nicht untersucht werden.

Die großen aggressiv-atheistischen Ideologien aus dem 18. und 19. Jahrhundert sind seit dem Fall der Mauer auf dem Rückzug; der aggressive Atheismus ist nur noch Arena einiger Bestseller-Autoren. Auch in China oder Kuba sind die Zeiten der großen Religionsfeindschaft zwar vorbei – nicht jedoch das kommunistische Projekt der totalitären Kontrolle und der Beschneidung von Freiheiten. Da dem Machtmonopol der Kommunistischen Partei nichts gefährlich werden darf, greift die Regierung der Volksrepublik China stark in das Leben aller Religionsgemeinschaften ein. Vor allem Katholiken werden misstrauisch beäugt, gehört es doch zu den Aufgaben des Papstes, Bischöfe für die verschiedenen Diözesen zu ernennen, was die Regierung in Peking als „Einmischung in innere Angelegenheiten“ strikt ablehnt. Zusammengerechnet haben Chinas Bischöfe und Priester schon Tausende von Jahren hinter Gittern verbracht.

Zugenommen hat hingegen in den vergangenen Jahrzehnten die Unterdrückung religiöser Gemeinschaften aus religiösen Motiven. In Indien etwa haben Hindus stark an Einfluss gewonnen. Nach der Ideologie der „Hindutva“ soll Indien in eine „reine“ Hindu-Nation verwandelt werden; Christen, Muslimen und anderen Minderheiten bleibt nur die Wahl zu konvertieren – oder die Gegend zu verlassen. Für „unerlaubte Bekehrungsversuche“ werden hohe Geldbußen und Gefängnisstrafen von drei bis fünf Jahren verhängt. Im ostindischen Bundesstaat Orissa kam es in den vergangenen Jahren wiederholt zu schweren Anschlägen auf christliche Siedlungen: Im Dezember 2007 und im August 2008 wurden mehr als hundert Christen getötet, Tausende verletzt, 50 000 vertrieben, ihre Wohnhäuser wurden niedergebrannt, ihre Kirchen zerstört. Zuvor hatten sie sich dafür eingesetzt, dass die Dalits (Kastenlose, Unberührbare), die drei Viertel der Bevölkerung in Orissa ausmachen, gerechte Löhne und das Recht auf Schulbesuch und Ausbildung erhalten sollten. Sie mussten es teuer bezahlen.

Ähnlich sieht es in einigen islamischen Ländern aus, wo der wachsende gesellschaftliche Druck auf christliche Minderheiten zu regelrechten Massenabwanderungen geführt hat. Im Irak hat sich die Anzahl der Christen sei 2002 halbiert; im Libanon ist sie von vier auf 1,5 Millionen zurückgegangen; im Iran wandern jährlich etwa 20 000 Christen aus. Christen und Juden werden zwar als Minderheiten geduldet, sie dürfen ihre Religion beibehalten. Aber wehe, sie versuchen sich „auszubreiten“: Missionsarbeit ist strikt untersagt, der Bau neuer Kirchen ist meist unmöglich, die Sanierung alter Kirchen wird durch allerhand bürokratische Hürden erschwert.

Dass in den vergangenen Jahrzehnten die Radikalisierung großer Teile der islamischen Welt diese prekäre Lage nicht verbessert hat, ist offensichtlich. Im Irak, in Afghanistan oder in Pakistan ist jüngst ein neues „Blasphemiegesetz“ zur idealen Handhabe geworden, um jeden Rechtsstreit mit einem Christen im Handumdrehen auf eine religiöse Ebene zu heben – auf der er nur noch verlieren kann. Wie es nach der Pharaonen-Herrschaft Nassers, Sadats und Mubaraks demnächst am Nil weitergehen wird, weiß noch kein Mensch. Neue demokratische Mechanismen bieten nach einer Zeit ewiger Despotie keine Garantie gegen Christenverfolgungen. Für Minderheiten ist jede Staatskrise gefährlich, und die Herrschaft der Straße ebenso bedrohlich wie eine schiere Herrschaft der Mehrheit oder des „Volkes“. Denn das Gespenst, das dem Islam in den letzten Jahrzehnten wie ein Dschinn aus der Flasche entwichen ist, heißt Islamismus. Heute bedroht es auch den Islam selbst – und natürlich alle Christen, in denen die Dschihadisten ohnehin nur Götzendiener (wegen der Dreifaltigkeit) oder Kreuzritter sehen (sofern sie aus Europa oder Amerika kommen). „Erfunden“ aber wurde der Islamismus gewissermaßen im Jahr 1928 in Ägypten mit der Gründung der Muslimbruderschaft durch Hassan al Banna. Die tiefe Identitätskrise, in der sich der Islam seit dem Überfall der Moderne und erst recht nach dem Fall der Mauer befindet, und die sich insofern ganz und gar der Dynamik der christlichen Geschichte verdankt, ist ein Dilemma, das kein Mensch zu lösen weiß.

In diesem Dilemma steckt auch ein Land wie die Türkei. Hier haben Christen mit einem ganzen Katalog eingeschränkter Rechte und künstlicher Schwierigkeiten zu kämpfen, die der Staat nicht nur nicht ausräumt, sondern in immer anderen Variationen neu auflegt oder erfindet. Christliche Gemeinden dürfen keinen Besitz erwerben und keinen klerikalen Nachwuchs ausbilden. Im Osmanischen Reich stellten Christen auf dem Gebiet der heutigen laizistischen Türkei noch ein Viertel der Bevölkerung, heute sind es nur noch 0,15 Prozent.

Ein Mensch gewordener Gott? Welche Zumutung!

Die meisten Willkürakte gegen Christen geschehen hingegen leise – und das überall im „Haus des Islam“. Es lohnt nicht, sich vor Augen zu halten, dass das Christentum in fast allen Ländern, in Palästina, im Irak, in Ägypten oder der Türkei, seit den Tagen der Apostel existiert, dass hier die Wiege der Christenheit liegt. Es lohnt nicht, weil es an der Lage der Christen in diesem Teil der Welt nichts ändert. Da, wo es Christen in den Sinn kommt, sich öffentlich zu beschweren, da, wo auf Schikanen und Repressalien hingewiesen wird – was gerade über digitale Medien immer häufiger geschieht – wird ihre Lage augenblicklich schwerer, nicht leichter.

Objektive Gründe, die Christenverfolgungen zwar nicht rechtfertigen, aber doch erklären helfen, gibt es zuhauf. Erstens hat das Christentum, ebenso wie das Judentum, seine Anhänger oft reich an Bildung und Gütern gemacht – und ordinärer Neid ist immer noch eine der sichersten Triebfedern für alle möglichen Schurkereien. Noch gewichtiger ist das zweite Argument, die genuine Freiheit, wie sie zuerst im Raum der Christenmenschen in Anspruch genommen wurde, und die immer noch nachhaltig inkompatibel mit den allermeisten anderen Religionen und Kulturen ist. Und auch theologisch gibt es Gründe, schließlich hält der christliche Glaube – drittens – immer noch eine der größten Zumutungen für alle anderen Religionen bereit: dass der Schöpfer des Himmels und der Erde Mensch geworden und in die Geschichte eingetreten ist, wo er sich hat umbringen lassen, ohne Widerwehr. Dass er also nicht als Sieger in die Geschichte eingetreten ist, sondern als derjenige, der verfolgt wurde, der schon als Kind emigrieren musste, der gejagt, gefoltert und brutal getötet wurde. Das ist absurd und unerträglich. Doch das ist der Glaube der Christen.

Und damit kommen wir zu einem vierten, historischen Grund: Jesus bezeichnete sich selbst als „die Wahrheit“ (und den „Weg“ und „das Leben“), griff für diese Wahrheit jedoch nicht zum Schwert, sondern ließ sich ans Kreuz schlagen – als der allererste Märtyrer der Christenheit. Erstmals wurde die Wahrheit radikal von jeder Versuchung abgekoppelt, sie notfalls mit Gewalt durchzusetzen. Das galt schon unter den Römern als skandalös, nicht nur unter Heiden, auch unter Juden. Und dabei ist es geblieben. Das Auftauchen des Christentums signalisierte einen historischen Paradigmenwechsel der Weltgeschichte. Alle gewaltsamen Missionsversuche der Christenheit gelten seitdem zu Recht als Verirrungen. Der Anspruch auf Wahrheit einerseits und das Beharren auf Gewaltlosigkeit andererseits müssen nicht mit Ansprüchen, Geschichte und dem Gewaltpotenzial anderer Religionen verglichen werden, wie Benedikt XVI. es etwa am 12. September 2006 in Regensburg versuchte. Leonella Sgorbati, die italienische Nonne, die wenige Tage später in Somalia erschossen wurde, und der flammende Protest in der islamischen Welt (gegen den Papst, nicht die Mörder) zeigten nur einmal mehr: Kreuz und Christentum laden fast exemplarisch zur Verfolgung ein. Der ans Kreuz genagelte Spottkönig ist deshalb aber auch letztlich immun gegen jeden Hohn und jede böse Karikatur – im Gegensatz zum Propheten Mohammed.

Doch dieser Tage geschieht in diesem Zusammenhang bisher Unerhörtes. „Die Feier der Geburt des Erlösers stärke die Gläubigen der Kirche in Kontinental-China im Geist des Glaubens, der Geduld und des Mutes, dass sie wegen der Einschränkungen ihrer Religions- und Gewissensfreiheit nicht verzagen“, hieß es in der Weihnachtsbotschaft des Papstes, die Milliarden Menschen verfolgten. „Die Liebe des ‚Gottes mit uns‘ verleihe Beharrlichkeit allen christlichen Gemeinden, die Diskriminierung und Verfolgung erleiden, und leite die politischen und religiösen Führungskräfte dazu an, sich für die volle Achtung der Religionsfreiheit aller einzusetzen.“ Eine Woche später riss ein Selbstmordattentäter vor der koptischen Al-Quiddissne-Kirche in Alexandria 21 Menschen in den Tod und verletzte 97 weitere. Zwölf Stunden danach nutzte der Papst seine Neujahrsbotschaft als Gelegenheit, um gemeinsam über „die großen Herausforderungen“ unseres Zeitalters nachzudenken. Die Religionsfreiheit sei „der Königsweg zum Aufbau des Friedens“, doch zwei Extreme würden sie bedrohen, „auf der einen Seite der Laizismus, der oft auf hinterlistige Weise die Religion an den Rand drängt, um sie in die Privatsphäre zu verbannen; auf der anderen Seite der Fundamentalismus, der sie dagegen allen mit Gewalt aufzwingen will“. Wo die Religionsfreiheit effektiv anerkannt werde, sei hingegen „die Würde der Person in ihrer Wurzel geachtet“.

Die Mutter der Grundrechte? Religionsfreiheit

Das mag selbstverständlich klingen, nur gesagt hatte es so noch keiner, auch in der katholischen Kirche nicht. Am 10. Januar wurde Benedikt XVI. noch deutlicher. Er wiederholte seinen Appell vor allen im Vatikan akkreditierten Diplomaten der Welt. Er nannte den Tod, den Schmerz und die Verzweiflung im Irak, das Attentat in Ägypten, die Länder der Arabischen Halbinsel, das Blasphemie-Gesetz in Pakistan (und den ermordeten Gouverneur der Provinz Punjab), die Gewalt gegen Christen in Afrika und in China. Die Diplomaten hielten den Atem an. So etwas machte man doch nicht! Das hatte es noch nie gegeben: Der Papst rief nicht nur allgemein zum Schutz der Christen auf, er nannte auch Namen und wurde konkret. War er wieder schlecht beraten? Dachte er einfach, er müsse es tun? Fakt ist: Er hat es getan. Die Zeiten haben sich geändert. Im Informationszeitalter flirren Nachrichten in Lichtgeschwindigkeit um den Erdball. Darf er da schweigen zu Vorfällen, um die jeder weiß? Die Antwort kennt auch unter den tüchtigsten Diplomaten niemand.

Denn die Lage der Christen ist heute weltweit völlig anders und wohl auch komplizierter als in den ersten Jahrhunderten des Römischen Reiches. Was davon blieb, ist: Verfolgung gehört zum Wesen der Christenheit. Nicht Verfolgung aber hat die Christenheit geschwächt, sondern vor allem die Irrlehren aus dem Innern der Kirche, die in fast jedem Jahrhundert in neuem Gewand auftreten: die Gnosis, der Markionsmus, der Manichäismus. Wo solche Häresien Oberhand gewannen, gerieten auch Christen in Versuchung, selbst zu Unterdrückern zu werden. Doch solange die Christenheit nicht schal wird, sondern Salz bleibt, wird sie auch eine Märtyrerkirche bleiben. Der Appell Benedikt XVI. richtet sich deshalb auch nicht an die Christenheit selbst. Vielmehr legt er den Vertretern der Nationen und Kulturen nahe, dass es dem Heil und Frieden der Welt dient, wenn Religionsfreiheit überall als Mutter der Grundrechte anerkannt wird. Es dient dem Islam, dem Judentum, dem Hinduismus. Religionsfreiheit dient der Menschheitsfamilie.

Das heute öffentlich zu verkünden, kann nur als Pflicht der Christen gegenüber dem Rest der Welt begriffen werden – und nicht als die Inanspruchnahme eines Privilegs. Denn Religionsfreiheit ist eines der am häufigsten verletzten Rechte weltweit. In Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt es: „Jeder Mensch hat Anspruch auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht umfasst die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung allein oder in Gemeinschaft mit anderen in der Öffentlichkeit oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Vollziehung eines Ritus zu bekunden.“ Wo aber keine oder nur eingeschränkte Religionsfreiheit herrscht, werden häufig auch andere Menschenrechte missachtet.

Christen bilden in absoluten Zahlen die mit Abstand größte aus Glaubensgründen verfolgte Gruppe. Doch jede öffentliche Äußerung zu ihrem Schutz hat einen hohen Preis. So ließ die Antwort auf den jüngsten Appell des Papstes nicht lange auf sich warten. Ahmad at Tayyeb, der Großscheich von Al Azhar in Kairo, wies seine Worte sogleich als Einmischung in die inneren Angelegenheiten Ägyptens zurück, der Dialog mit dem Vatikan solle eingefroren werden, die Botschafterin wurde aus Rom „zu Konsultationen“ nach Kairo zurückbeordert. In Pakistan gab Ministerpräsident Jusuf Gilani zu Protokoll, dass eine Änderung des umstrittenen Blasphemie-Gesetzes nicht in Frage komme, 40 000 Islamisten demonstrierten dazu und verbrannten Kreuze und Bilder von Benedikt XVI. In Indonesien setzten aufgebrachte Muslime auf der Insel Java zwei Kirchen in Brand, nicht nur der Worte des Papstes wegen, sondern auch aus Wut über ein zu mildes Urteil gegen einen Christen, der den Islam beleidigt haben sollte. Der Mob verlangte die Todesstrafe oder die sofortige Auslieferung des Delinquenten an das Volk. Töten! Töten! Gellte es aus der Menge. Kirchenfenster klirrten, der Altar wurde umgestürzt. Wieder einmal brannte eine Kirche lichterloh …

PAUL BADDE ist Korrespondent der Welt-Gruppe in Rom.

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