Die offenen Wunden Haitis

Für den gescheiterten Staat bestehen kaum Entwicklungschancen

28. February 2011 - 0:00 | von Michael Kühn

Internationale Politik 2, April 2011, S. 128-129

Kategorie: Entwicklungspolitik, Schwellenländer, Sozialpolitik, Haiti, Karibik

Müll, der sich in der Hitze meterhoch neben Obst- und Gemüseständen auftürmt, Menschen, die in Slums von der Hand in den Mund leben, ein buchstäblich verwüstetes Land. Es gibt keine Arbeit, weder in den Städten noch auf dem Land; nur knapp die Hälfte der Bevölkerung kann lesen und schreiben. Über ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben hausen Tausende Menschen in Port-au-Prince in überfüllten Flüchtlingscamps, deren hygienische Missstände ans tiefste Mittelalter erinnern.

„Das arme Haiti und die Regierungsmethoden des Doktor Duvalier sind nicht erfunden, diese letzteren nicht einmal der dramatischen Wirkung wegen düster eingefärbt. Es wäre unmöglich, eine solche Nacht noch zu schwärzen.“ Das schrieb Graham Greene einem Freund über seinen 1966 erschienenen Roman „Die Stunde der Komödianten“, in dem er die Gewalt, Korruption und Willkür des „Präsidenten auf Lebenszeit“ François Duvalier schildert, der sich den zynischen Beinamen „Papa Doc“ verliehen hatte.

Heute sitzt dessen Sohn Baby Doc, der als Erbe seines Vaters das Land weiter ausraubte, bis er 1986 verjagt wurde, im teuersten Hotel der Hauptstadt, das wundersamerweise stehengeblieben ist. Auch der 2004 geschasste Expräsident Jean-Bertrand Aristide weilt zur ärztlichen Behandlung auf der Nachbarinsel Kuba. Wie die Geier kreisen die ehemaligen Machthaber über dem Elend und warten wohl auf ihre Stunde. Denn noch haben die Präsidentschaftswahlen kein Ergebnis gebracht, niemand übernimmt Verantwortung. Die Chancen stehen weiter schlecht, die Probleme des Landes konstruktiv anzugehen oder gar zu lösen.

Als ich 1999 meine Arbeit als Entwicklungshelfer in Haiti begann, glaubte ich, die lange schwarze Nacht Haitis gehöre der Geschichte an. Mehr als zehn Jahre bin ich geblieben und musste zusehen, wie am Tag des Erdbebens innerhalb von Sekunden buchstäblich alles zusammenfiel, was wir versucht hatten aufzubauen. Dabei hatte es Zeichen der Hoffnung gegeben: Mit der Wahl von René Préval zum Präsidenten hatte 2006 eine mühevolle und langsame Normalisierung des öffentlichen Lebens begonnen. Zwar blieben die Armen arm und die Reichen gingen weiter ihren Geschäften nach. Aber wenigstens war das tägliche Leben etwas sicherer geworden, auch dank einer UN-Mission, die zur Stabilisierung der Lage beitragen sollte – dabei gab es doch eigentlich noch nichts zu stabilisieren, sondern nur zum Aufbauen. Im Vergleich zu den Jahren davor befand sich das Land aber tatsächlich auf einem besseren Weg: Internationale Geschäftsleute kamen ins Land, um zu investieren. Haitis Isolation schien ein Ende zu haben. Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton engagierte sich persönlich, um Investoren für Haiti zu finden. Selbst die Regierung schrieb Strategien zur Armutsbekämpfung, die wirtschaftliches Wachstum ermöglichen sollten, Gelder flossen in Entwicklungsprojekte, Kleinbauern wurden unterstützt.

Dann kam im April 2008 die Welternährungskrise und mit ihr die Verteuerung der Nahrungsmittel. Sie zeigte, wie verwundbar Haiti ist, ein Land, das fast alles Lebensnotwendige importieren muss. Manche Haitianer aßen nur jeden zweiten Tag, um ihre Kinder weiter in die Schule schicken zu können. Im Herbst desselben Jahres wurde Haiti dann auch noch von der Naturgewalt karibischer Wirbelstürme heimgesucht. Wieder starben zahlreiche Menschen, wieder verloren Tausende ihr Weniges an Hab und Gut. Und selbst, wenn Haiti nicht direkt von Hurrikans getroffen wird, so fordern immer häufigere und stärkere Unwetter ihren Tribut in einem Land, dessen Herrscher hemmungslos die Wälder abholzen und die Böden erodieren ließen. Überschwemmungen und Sturzbäche vernichten die Ernten und reißen Menschen, Häuser und Vieh mit sich. 2004 gab es 5000 Tote, 2008 knapp 1000. Und das waren nur die stillen Katastrophen.

Das Erdbeben am 12. Januar 2010 kostete 300 000 Menschenleben, es machte über 1,5 Millionen Menschen zu Flüchtlingen, die Hauptstadt Port-au-Prince lag in Ruinen. Der Tag darauf offenbarte ein Bild, schlimmer als ein wüster Alptraum: Menschen, die alles verloren hatten, geisterten durch die staubigen Ruinen, über allem lag eine kollektive Hilfs- und Hoffnungslosigkeit; greifbare Verzweiflung und pures Entsetzen ließen uns Überlebenden das Blut in den Adern gefrieren.

Inzwischen ist ein Jahr vergangen, Fortschritte beim Aufbau Haitis sind nicht wirklich sichtbar. Zahllose Hilfsorganisationen haben eher sich selbst saniert, als den Menschen vor Ort Hilfe zur Selbsthilfe zu bringen. Was kann man in einem geschundenen Land ohne funktionierende Verwaltung überhaupt erwarten? Wo sind die Eliten des Landes, für die der Begriff Allgemeinwohl kein Fremdwort ist? Das Erdbeben hat die Wunden des Landes schonungslos offengelegt. Für kurze Zeit waren sie sichtbar, nun darf Haiti nicht wieder von der Bildfläche verschwinden.

MICHAEL KÜHN ist bei der Welthungerhilfe zuständig für Klimapolitik und Entwicklungszusammenarbeit. Er lebte von 1999 bis 2010 in Haiti.

 
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