Erholungszone Buchhandlung

Gelangen zündende Ideen aus Hongkong in das chinesische Mutterland?

30. April 2011 - 0:00 | von Justus Krüger

Internationale Politik 3, April 2011, S. 130-131

Kategorie: Medien/Information, China, Mitteleuropa

Ein poppiges Konterfei von Mao Zedong ziert den Eingang der Hongkonger „People’s Recreation Community“, der „Volkserholungsgemeinschaft“. Die Initialen P.R.C. sind, ein kleiner Scherz der Betreiber, identisch mit der gängigen Abkürzung für „People’s Republic of China“. Die Abkürzung auf Chinesisch lautet „renmin gongshe“ (Volkskommune) schon weniger komisch, wenn man bedenkt, dass die Errichtung der gulagartigen Volkskommunen in China ein Hauptgrund war für den Hungertod von gut 20 Millionen Menschen während des 1958 von Mao angeordneten „Großen Sprungs nach vorn“.

In der P.R.C. in Hongkong geht es aber nicht um die Knechtung unglücklicher Bauern. Es handelt sich um eine kleine Buchhandlung mit integriertem Café. Zwischen den Regalen wohnt ein Kater namens Mao Zhuxi. Je nachdem in welchem Ton man den Namen ausspricht bedeutet das entweder „der Vorsitzende Mao“ oder „die Vorsitzende Katze“. Gegründet vor ein paar Jahren als eine Art studentisches Kollektiv, hat sich die P.R.C. zu einem recht profitablen kleinen Geschäft entwickelt. Ihre Marktnische sind verbotene Bücher, die Kunden fast ausschließlich Touristen vom „Festland“, der eigentlichen Volksrepublik außerhalb der Sonderverwaltungszone Hongkong.

Ich gehe manchmal in die Volkserholungsgemeinschaft, um mich, nun, zu erholen. Sie liegt im Stadtteil Causeway Bay, dem Viertel, in dem die Hongkonger Konsumkultur zu ihrer aufdringlichsten Form findet. Für viele, nicht zuletzt die vielen Touristen vom Festland, ist Causeway Bay ein Einkaufsparadies; für mich eher eine Shopping-Hölle.

In den Straßen zwischen Times Square, Percival Street und Lee Gardens ist an jedem beliebigen Tag mehr los als auf dem Ku’damm am 9. November 1989. Meine Lieblingsstrategie, mit der Reizüberflutung fertig zu werden? Den ganzen Lärm einfach durch mich hindurchrauschen lassen, ohne Widerstand zu leisten. Eine Freundin wiederum stellt sich vor, sie sei von einer unsichtbaren Schutzhülle umschlossen. Der ganze Tumult perle dann von ihr ab „wie Wasser von einem Entenhals“. So lautet eine chinesische Redewendung für eine nonchalante Geisteshaltung.

Aber auch ein Entenhals saugt sich irgendwann voll. Darum suche ich, wenn der Rummel mir zuviel wird, Zuflucht in der „Erholungsgemeinschaft“.

Frust einfach abperlen lassen, das ist auch eine Haltung, derer sich viele Festland-Chinesen befleißigen. Allerdings nicht unbedingt im Hinblick auf den Shopping-Jahrmarkt, sondern auf den politischen Alltag in ihrem Land. Hat man nicht das Zeug zum Helden oder Märtyrer, ist man gut beraten, nur sehr vorsichtig Widerstand zu leisten und den Ärger nicht an sich heranzulassen.

Das zeigte sich jüngst wieder bei den „Jasmin-Protesten“ in Peking und Schanghai, Phantomprotesten eigentlich, bei denen praktisch keine Demonstranten zu sehen waren – dafür aber etwa 50 000 Polizisten, die nichts weiter zu tun hatten, als durch ihre bloße Anwesenheit die Botschaft zu vermitteln, Widerstand sei zwecklos. Aber auch da gilt: Das wasserabweisende Vermögen selbst eines bestens imprägnierten Entenhalses ist von begrenzter Kapazität. Manchmal muss die Ente aus dem Teich.

Das geht in der „Erholungsgemeinschaft“. Schön gemütlich ist es dort, inmitten der milde ironischen Mao-Nostalgie, Chinas Form der Ostalgie. Die macht es den Touristen vom Festland leicht, Kritisches zu lesen, ohne sich wie ein Feind des Vaterlands zu fühlen. Als solche werden nicht konforme Autoren von den Behörden in der Volksrepublik stets verunglimpft.

Liu Xiaobo zum Beispiel, der Friedensnobelpreisträger, der zu elf Jahren Haft verurteilt wurde, verfolge eine imperialistische Agenda, hieß es schamlos erlogen in der chinesischen Presse. Seine Biografie (der Autor ist Xiaobos alter Freund Jin Zhong in Hongkong) ist in der P.R.C. zu haben. Dort habe ich sie neulich gekauft, für meinen alten Lehrer in Schanghai, einen emeritierten Professor, der sich seine Lektüre nicht gern vorschreiben lässt. Jins Buch ist in China so streng verboten, dass es noch nicht mal auf dem Schwarzmarkt für Raubkopien zu finden ist; selbst Versuche, es als elektronische Kopie per Email zu schicken, schlugen fehl.

In Hongkong ist es ebenso erhältlich wie Staatstragendes. Die Gesellschaft dort ist auch knapp 15 Jahre nach der „Übergabe“ eine ganz andere als im Festland-China. Aktionen wie die Jasmin-Proteste spielen in Hongkong keine Rolle. Als die in Peking ihren Höhepunkt erreichten, gab es zwar auch hier Demos – aber bloß gegen die örtliche Steuerpolitik. Dafür wäre aber ein Laden wie die „Erholungsgemeinschaft“ in Peking völlig undenkbar. Viele der Bücher dort gibt es in China nur auf dem Umweg durch die Sonderverwaltungszone.

Ob das bedeutet, dass zündende Ideen aus Hongkong ins „Mutterland“ gelangen? Oder hat es dabei ein Bewenden, dass so mancher Entenhals immer wieder neu imprägniert werden kann, um neue Frustrationen von sich abperlen zu lassen? Vermutlich geschieht beides.

JUSTUS KRÜGER ist freier Journalist und berichtet u.a. für die Neue Zürcher Zeitung aus Hongkong.

 
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