Welchen Journalismus bräuchten wir?

Einen, der sich nicht am Eiligen, sondern am Wichtigen orientiert

30. April 2011 - 0:00 | von Carolin Emcke

Internationale Politik 3, April 2011, S. 122-129

Kategorie: Globalisierung, Politische Kultur, Staat und Gesellschaft, Medien/Information, Weltweit

Es ist üblich geworden, Analysen zur Lage des Journalismus der Gegenwart im Gestus der Klage und mit der nicht eben originellen Prognose des baldigen Endes des traditionellen Printjournalismus abzugeben. Meist folgen melancholische und kulturkritische Betrachtungen des Journalismus im Zeitalter von Internet und Wikileaks, das primär als eine Gefährdung der Deutungshoheit des klassischen Journalismus wahrgenommen wird.

Mehr als Internet oder Wikileaks schreckt mich dagegen die zunehmende Neigung unserer Zunft, sich angstvoll mit sich selbst zu beschäftigen, und darüber die Auseinandersetzung mit der Welt zu vernachlässigen. Diese Tendenz, die Wirklichkeit nur noch als Material für Texte oder Filme zu verstehen, also letztlich „Armut“ bloß für eine Rubrik zu halten, gehört zu den beunruhigendsten Deformationen des gegenwärtigen Journalismus und scheint mir schädlicher als jeder Konkurrenzdruck der Netzgemeinde.

Weil mich aber die soziale Welt mit ihren politischen, ethischen und existenziellen Fragen interessiert und der Journalismus nur in seiner kritischen Funktion im Bezug auf diese Welt, möchte ich stattdessen etwas anderes versuchen in diesem Text. Ich möchte über die gegenwärtige Lage der Welt schreiben und erst in einem zweiten Schritt über den Journalismus, den es braucht, um auf diese Welt zu reagieren, sie abzubilden, zu hinterfragen, zu kritisieren.

Es geht also nicht um eine deskriptive, sondern um eine normative Betrachtung des Journalismus, nicht der Journalismus, den es gibt, ist mein Thema, sondern der, den es braucht, wenn denn Journalismus mehr als nur Journalismus, nämlich Öffentlichkeit sein soll, wenn denn die Öffentlichkeit relevant sein soll für eine demokratische Gesellschaft, die sich darin über ihre Werte oder ihre Lebensweise verständigen will. Ich glaube allerdings auch, dass nur der Journalismus, der sich dem widmet, was gebraucht wird, seinerseits gebraucht wird, dass nur der Journalismus, den die existenziellen Fragen der Welt interessieren, eine eigene Existenzberechtigung hat.

Ich möchte drei Aspekte der globalisierten Welt herausnehmen, die einerseits kennzeichnend für diesen zeithistorischen Augenblick sind, und die andererseits den Journalismus vor besondere Herausforderungen stellen: Die globale Welt ist verwoben, verwundbar, vernetzt. Anders ausgedrückt: Ich spreche über die kulturelle Dimension der Globalisierung, die politisch-ökonomische und die mediale. Die Globalisierung, die Finanzkrise und den Strukturwandel der Öffentlichkeit.

Die globale Welt ist verwoben

Globalisierung, jenseits der ökonomischen und fiskalischen Dimension, bedeutet Vermischung und Vermengung von Traditionen; es bedeutet Aneignung einer Kultur durch eine andere in einem dynamischen Prozess, der beide Seiten verändert. Als Albert Schweitzer die Musik von Johann Sebastian Bach nach Lambarene, Gabun, brachte, veränderte er nicht nur die musikalische Vorstellungswelt dort, sondern die andere Aneignung der Musik Johann Sebastian Bachs wirkte auch auf diese Musik und die heutige Aufführungspraxis in Europa zurück. Ob in der Architektur, der Musik, im Fußball oder in der Werbung: Bildsprachen und Hörgewohnheiten, Spielweisen und Sprachwitz verändern und erweitern sich wechselseitig. Im Zeitalter der Globalisierung wird nicht eine Kultur in die Welt exportiert, nicht ein zentraler Kanon, eine Weltsicht, eine Ideologie verteilt sich an die Peripherie, sondern die Begriffe von Kern und Peripherie selbst haben sich verschoben, der Kanon bleibt nicht unangetastet durch diejenigen, die ihn nutzen und deuten. Globalisierung bedeutet deswegen immer auch Hybridisierung, Vieldeutigkeit, Vielsprachigkeit!

So ist es gerade die Eindeutigkeit, die zu den eindeutigsten Verlierern der Globalisierung gehört. Vermeintlich zweifelsfreie Behauptungen oder einfache Gewissheiten sind seltsam stumpf und fragwürdig geworden. Der Gestus der analytischen Sicherheit wirkt befremdlicher denn je. Ironischerweise taugt ausgerechnet die Globalisierung nicht zur globalen Analyse.

Allgemeine, universale Urteile zielen an der komplexen Wirklichkeit vorbei. Es gibt kaum eine Interpretation der politischen, ökonomischen, sozialen Dynamiken der Globalisierung, die nicht zur Differenzierung genötigt wäre; kaum eine Einschätzung der Vorzüge, die bestimmte Regionen oder Staaten genießen, ohne Hinweis auf die Nachteile für einzelne Landesteile, die davon ausgeschlossen sind; kaum eine Betrachtung der Verluste, die gewisse Bevölkerungsgruppen erleiden müssen, ohne Einschränkung. Der Norden kann nicht gegen den Süden, Männer können nicht gegen Frauen, Bauern nicht gegen Städter verrechnet werden.

Die intellektuellen Landkarten der Globalisierung können nicht einfach nur internationaler, sie müssen vor allem präziser und kleinteiliger werden. Globalisierung erzählt sich nicht in globalen, sondern in lokalen Geschichten.
Vielleicht hat die verengte Perspektive auf die ökonomische Ebene der globalisierten Welt diese Erkenntnis verzögert. In analytischer Hinsicht ist die Ambivalenz der große Gewinner der Globalisierung. Alle Phantasien von „Reinheit“ zerschellen an einer Wirklichkeit, die sich vor allem durch die dichte Verflechtung, die wechselseitige Abhängigkeit der einzelnen Teile auszeichnet.

Was bedeutet das für den Journalismus?

Es bedeutet zunächst, dass der Konzept-Journalismus, der Geschichten gern in Gewinner und Verlierer aufteilt, der polare Perspektiven aufbereitet, hier das Opfer, da der Täter, dass diese Art von Geschichten zu einfach sind, dass sie nicht mehr stimmen, dass sie zu grobkörnig sind für die Figuren und Strukturen einer so verwobenen Welt. Es bedeutet auch, dass wir uns von dem so lieb gewonnenen Konzept der „Authentizität“ verabschieden sollten.

Diese Vorstellung, es gäbe das: einen „echten Muslim“, einen „authentischen Juden“, dieses Reinheitsgebot, das in Talkshows und Podien gepflegt wird, nur ein „echter“ Schwuler könne auch die Perspektive der Schwulen repräsentieren, nur eine „echte“ Afghanin könne die Position der Zivilbevölkerung Afghanistans erklären – und dabei klopfen wir uns auf die Schulter und denken, wir seien unglaublich liberal und tolerant, dass wir sie da überhaupt reinlassen, und fühlen uns irgendwie auch weltläufig.

Aber wie ausdifferenziert und bunt gemischt es in diesen Kulturen und Lebensformen zugeht, wie zerstritten und lebendig, widersprüchlich und vielseitig die individuellen Biografien sind, wie sie dieses starre, mediale Bild einer statischen, reinen Kultur oder Lebensform unterwandern – das zeigen wir selten. Was spräche denn dagegen, zwei Afghanen einzuladen bei einer Diskussion über den Afghanistan-Krieg? Was spräche dagegen, zwei Bundeswehrsoldaten aufs Betroffenensofa einzuladen – und die Konflikte und Kontroversen zwischen ihnen zu zeigen? Die bequeme Vorstellung des „Authentischen“ führt zu einer verzerrten, simplifizierten Darstellung unserer Wirklichkeit. Was spräche dagegen, auch mal andere Muslime einzuladen: Es gibt nicht nur Necla Kelek und Seyran Ates, sondern auch Hilal Sezgin und Özlem Topcu – um nur mal zwei zu nennen.

Warum sollten in Zeiten der Mobilität und Flexibilität nur Herkunft und Zugehörigkeit zu einer Gruppe entscheidend sein? Wie sähe die journalistische Landschaft aus, wie sähe unser Bild von der Welt aus, wenn Juden nicht ausschließlich über Israel und den Holocaust ausgefragt würden, wenn Muslime nicht ausschließlich über Al Kaida und Ehrenmorde befragt würden und Schwule nicht ausschließlich über Sex? Da sind sie immerhin in einer besseren Lage als Lesben, die dürfen nicht einmal über Sex reden.

Anders gefragt: Zementieren wir mit unserer medialen Politik des Authentischen nicht die Vorstellung von einer Welt, die angeblich auseinanderfällt an den religiösen oder kulturelle Bruchstellen? Spielen wir damit nicht genau den radikalen Dogmatikern und Extremisten zu, die sich exakt diese Konfliktlinien nur wünschen? Und übersehen wir nicht stattdessen all die ökonomischen und sozialen Differenzen, von denen neoliberale Strategen sich wünschen, dass wir sie übersähen?

Und verhindern wir nicht auf diese Weise, in dieser Fixierung auf religiöse oder kulturelle Herkunft, dass die eigentlichen Fragen gestellt werden: die nach den Bedingungen von Unterdrückung und Gewalt, nach den Ursachen für Ausbeutung und Demütigung, die nach den Bedingungen sozialer Teilhabe, nach den sozialen Voraussetzungen für Bildung und Erziehung? Verhindert dieser ideologisch anerzogene Blick auf religiöse oder kulturelle Unterschiede das Verständnis für Ähnlichkeiten?

Nur mal als Gedankenexperiment: Wie sähe eine Gesprächssendung aus, die es sich zur Aufgabe machte, bei möglichst verschiedenartigen Gästen überraschende Ähnlichkeiten zu entdecken? Oder bei möglichst ähnlichen Gästen überraschende Differenzen? Und wie sähe eine aus, bei der von den Gesprächsteilnehmern ein Perspektivenwechsel erwartet wird?

Dass es in einer globalen Welt, in einer kulturell vielfältigen Gesellschaft notwendig sein könnte, sich in Positionen anderer einfühlen und diese auch verteidigen zu können, das wird im Journalismus kaum mehr angenommen. Was spräche denn dagegen, als Atheist die Bedingungen der Möglichkeit des religiösen Lebens anderer zu verteidigen? Was spräche denn dagegen, als Heterosexueller für das Adoptionsrecht von schwulen und lesbischen Paaren zu plädieren, als Soldat für das Recht auf Wehrdienstverweigerung, als Muslim für das Gedenken an die Shoah – alles humanistische Selbstverständlichkeiten, die abzubilden der gegenwärtige Journalismus aber zunehmend versäumt, weil das monolithische Bild von authentischer Kultur und Herkunft dem zuwiderläuft.

Die globale Welt ist verwundbar

Für jemanden wie mich, die den Wirtschaftsteil einer Zeitung nur als Rückseite der Sportberichterstattung wahrnimmt, bestand das Beunruhigendste der Finanzkrise eigentlich darin, dass ich auf einmal das Gefühl hatte, ich verstünde etwas von Wirtschaft. Letztlich hatte jeder Laie sich das doch genau so vorgestellt, dass es bei einer Hypothek einer Immobilie um den Wert dieser Immobilie gehe, dass die Hypothek, wie oft auch immer so zerstückelt und weiterverkauft, in ihrem Wert immer noch abhängig ist von dem Wert des Hauses, das für sie bürgt, dass Kredit schon begrifflich etwas mit glauben und vertrauen zu tun hat, und dass eine Finanzwirtschaft, die sich zunehmend entkoppelt von der Realwirtschaft letztlich das ist, was Schopenhauer die „Welt als Wille und Vorstellung“ nannte, eine Finanzwelt also, in der nicht mehr mit materiellen Werten von Produkten, Unternehmen oder unternehmerischen Ideen gehandelt wird, sondern in der nurmehr auf Projektionen gewettet wird, in der gehandelt wird mit der Erwartung, was für eine Erwartung andere in ein Produkt, eine Idee, ein Phänomen, ein Unternehmen haben werden.

Wenn uns die Finanzkrise eines vorgeführt hat, dann dass Globalisierung vor allem wechselseitige Verwundbarkeit bedeutet. Anders noch als der 11. September 2001, der als politisches Ereignis die Verwundbarkeit einer einzelnen Nation vorführte, oder anders als die Wirtschaftskrise in Argentinien im Dezember 2001, die uns den fiskalischen Zusammenbruch eines Landes vorführte, gab es bei der Finanzkrise 2008 (und Folgende) kein Außen mehr, keine Gegend, die nicht betroffen gewesen wäre. Die wechselseitige Verwobenheit entpuppte sich als wechselseitige Verwundbarkeit.

Die Euro-Krise und die Instabilität Griechenlands bedeuten zudem, dass es keine unwichtigen Länder mehr gibt. Die alte geostrategische Landkarte, die politische Ordnung der G-8 oder auch der G-20 ist nicht nur moralisch-politisch fragwürdig geworden. Auch ein kleines, politisch schwaches Land kann das gesamte System gefährden.

Die Katastrophe im japanischen Fukushima führt diese wechselseitige Verwundbarkeit strukturell ganz ähnlich vor. Auch wenn noch nicht sicher ist, wie die direkten ökologischen oder medizinischen Folgen sein werden, so kann schon heute als gewiss gelten, dass es nicht allein japanische Versäumnisse waren, die zu dem atomaren Desaster geführt haben: Amerikanische Baupläne, französische Subunternehmen, deutsche Ingenieure, eine ganze Reihe von internationalen Firmen und Personal, die mit der japanischen Firma Tepco zusammengearbeitet haben, haben alle ihren Anteil an der Havarie, die vermutlich noch Generationen von Menschen betreffen wird. Was der japanische Reaktorunfall deutlich macht, ist, dass die Atomindustrie von einem Staat allein nicht zu überwachen ist, dass Radioaktivität sich um nationale Grenzen nicht schert, dass jene  Sicherheitsdoktrin, die die Kontrolle der Atomenergie einzelnen Konzernen oder nationalstaatlichen Standards überträgt, nicht mehr ausreicht.

Was das für den Journalismus heißt? Was für einen Journalismus es bräuchte, um auf diese Entwicklungen reagieren zu können?

Ich denke, es bräuchte einen Journalismus, der sich nicht grundlos eine Ideologie zu eigen macht, nur weil sie sich gerade durchsetzt. Philosophen nennen das einen „naturalistischen Fehlschluss“, nur weil etwas ist, heißt das nicht, dass es gut ist, wie es ist. Es braucht einen Journalismus, der es wieder wagt, mit guten Gründen zu misstrauen, denn nur so ist eine Krise des Vertrauens, wie sie im Moment besteht, zu vermeiden – indem wir rechtzeitig und begründet Zweifel äußern, und indem wir, als Journalisten, uns einer Aufgabe besinnen, die etwas aus der Mode gekommen zu sein scheint: Ideologiekritik als eine Form der Aufklärung, auf die wir uns ansonsten doch so vollmundig berufen.

Die globale Welt ist vernetzt

Die Globalisierung, so hat uns Niall Fergusson das formuliert, ist gekennzeichnet durch eine Verdichtung von Raum und eine Beschleunigung von Kommunikation, sie bedeutet letztlich eine „Aufhebung von Distanz“.

Mich interessiert hier nicht die Frage, ob diese Beschleunigung der Kommunikation, die Vernetzung den Untergang des Printjournalismus nach sich zieht. Mich interessiert, was diese Beschleunigung von Kommunikation und die Entwicklung des Internets für unsere Vorstellung von Demokratie bedeuten.

Demokratie ist im Kern, im Rousseau’schen, aber auch im Kant’schen Sinne Selbstgesetzgebung. Demokratie bedeutet, dass diejenigen, die von einer politischen Entscheidung betroffen sind, auch an ihrer Entstehung beteiligt werden. Anders gesagt: die Adressaten des Rechts müssen und dürfen in gewisser Hinsicht immer auch die Autoren des Rechts sein.

Eben für diesen Prozess, diesen Entscheidungsfindungsprozess, in dem die Betroffenen, eine Gesellschaft, eine Region, eine Nation, Rechte und Werte erwägen und erörtern können, eben dafür braucht es in einer Demokratie eine kritische, unabhängige Öffentlichkeit. Es ist nicht wichtig, ob das per Radio oder Fernsehen, in Wochenzeitungen, im Internet oder auf Marktplätzen stattfindet, aber es braucht einen öffentlichen Ort, an dem eine Gesellschaft sich über ihre Werte und Lebensweise verständigen kann.

In dieser Hinsicht stellt die Globalisierung ein riesiges Demokratiedefizit dar: Es sind unendlich viel mehr Menschen von politischen, ökonomischen, ökologischen oder sozialen Entscheidungen betroffen als an ihrer Entscheidung beteiligt sind, ja, die, die an einer Entscheidung beteiligt sind, wissen oftmals noch nicht einmal, wer von dieser Entscheidung betroffen ist – und wie.

Und in dieser Hinsicht braucht es einen Journalismus, der die Anderen nicht immer nur als die Anderen begreift, der Auslandsberichterstattung nicht als Berichte über eine ferne, fremde Welt versteht. Sondern es braucht einen Journalismus, der diese Verwobenheit, diese Verwundbarkeit auch abbildet, der die Anderen als Eigene thematisiert, weil sie ein Recht haben, an den Diskussionen beteiligt zu werden, die sie selbst betreffen. Es braucht einen Journalismus, der die eine globale Welt entwirft, auch wenn sie demokratisch noch nicht existiert, einen Journalismus, der immer mit einem utopischen Vorgriff das Wir einer Öffentlichkeit behauptet, auch wenn die politische Ordnung es noch unterdrückt.

Aus dieser Perspektive, mit einem Blick für die demokratische Funktion einer Öffentlichkeit als der Ort, an dem eine Gesellschaft über ihre Werte und Lebensweisen diskutieren und streiten kann, aus dieser Perspektive erst wird die Entstehung des Internets interessant. Wenn es stimmt, dass die Globalisierung und das Internet eine Verdichtung von Raum und Zeit und eine Beschleunigung von Kommunikation bedeuten, dann ist die Frage des Strukturwandels der Öffentlichkeit eine von elementarer politischer Relevanz.

Wenn es stimmt, dass das Internet die Öffentlichkeit individualisiert und fragmentiert, was bedeutet das für eine Gesellschaft? Wie gelingen dann noch die demokratisch so wichtigen Selbstverständigungsdiskurse über Werte und Normen, wenn eine Gesellschaft sich medial immer weiter aufsplittert? Inwiefern vergrößert zwar das Internet die partizipativen Möglichkeiten der Kommunikation, aber verringert möglicherweise die Gemeinsamkeiten, über die kommuniziert werden kann? Wenn eine demokratische Gesellschaft einen öffentlichen Raum zur Selbstverständigung braucht, wie gelingt diese Verständigung noch im Netz, das sich zunehmend in Milieus individualisiert und fragmentiert? Vielleicht muss es das:

So wie im 19. Jahrhundert oder auch noch zu Teilen im 20. Jahrhundert die Diskussionen im halbprivaten Raum des Salons geführt wurden, zunächst in kleinen Kreisen und Milieus stattfanden, und erst nach und nach die Kreise der Debatten sich vergrößerten, verzweigten, erweiterten, so ergänzen sich vielleicht auch heute die kleinen Räume der Chatrooms und der Netzgemeinden, verlinken sich und erweitern sich zu größeren Öffentlichkeiten. Vielleicht ist eine Öffentlichkeit, die sich über einen derart großen, internationalen Raum erstreckt, anders nicht denkbar.

Wikileaks kann in diesem Szenario nur eine erwünschte Ergänzung des klassischen investigativen Journalismus sein, dessen Vorzüge darin bestehen könnten, dass kritische Informanten eine geringere Hemmschwelle haben, wichtige Informationen auch zu veröffentlichen, weil sie sie leichter übermitteln können oder weil sie ihre Anonymität wahren können. Das ist nur zu begrüßen und erinnert den traditionellen, gelegentlich etwas bequem gewordenen Journalismus vielleicht daran, worin seine eigentliche Aufgabe bestand. Allerdings zeigen die bisherigen Erfahrungen mindestens zwei Schwächen des Systems Wikileaks auf: Bislang waren die Wikileaks-Mitarbeiter alleine nicht in der Lage, die ihnen zugespielten Materialien auch selbst zu deuten. Sie verfügten zwar über gigantische Datenmengen mit durchaus kritischem Potenzial, aber sie brauchten die Hilfe von Journalisten aus dem Guardian, der New York Times und dem Spiegel, um diese geheimen, klassifizierten und kodierten Akten begreifbar zu machen.

Die Daten allein nützen nichts, wenn niemand in der Lage ist, ihre politische Bedeutung auch zu verstehen und zu werten. Insofern bedeutet Wikileaks per se noch keine Schwächung der traditionellen Medien; im Gegenteil reanimiert das Portal die Vorstellung eines Journalismus, der das Weltgeschehen kritisch begleitet und deutet und damit jene Debatten auslöst oder kanalisiert, die eine Gesellschaft braucht, um sich über sich und ihre Werte zu verständigen.

Die andere Schwäche von Wikileaks scheint in der Veröffentlichungsdichte und -menge ihrer Enthüllungen zu bestehen: Wenn eine Enthüllung die nächste jagt, dann bleibt keine Zeit, auf den Inhalt der Enthüllung auch politisch oder gesellschaftlich zu reagieren. Zudem scheint die schiere Quantität der Informationen, mit denen Wikileaks an die Öffentlichkeit drängt, die Öffentlichkeit als demokratisches Forum zu überfordern und damit die (beabsichtigte?) kritische Wirkung zu verfehlen.

Was für einen Journalismus braucht es für diese Welt?

Einen Journalismus, der misstrauisch ist und zweifelnd daherkommt, nicht besserwisserisch, sondern fragend. Ich würde mir Geschichten wünschen, die ambivalent und offen sind, nicht eindeutig und geschlossen, und ich würde mir Journalisten wünschen, die leidenschaftlich und nachdenklich zugleich sind, die sich einlassen auf die Wirklichkeit jenseits des Hauptstadtbüros, die teilnehmend, nicht distanziert beobachten, dichte Beschreibungen von Gegenden liefern und den Blick für die feinen Unterschiede behalten. Ich würde mir einen Journalismus wünschen, der alle Genres des Internets entdeckt und bespielt, der sich die Räume dort erobert, wo es nötig ist, und sie sein lässt, wo es möglich ist.

Ich wünsche mir einen Journalismus, der nicht der Wirklichkeit hinterherhetzt, sondern sie kritisch hinterfragt, und, wie hat Henry Kissinger jüngst in einem Interview mit News-week gesagt: „You have to know the difference between what is urgent and what is important.“ In diesem Sinne wünsche ich mir einen Journalismus, der weniger am Eiligen als am Wichtigen sich orientiert.

Dr. CAROLIN EMCKE berichtet als Publizistin aus zahlreichen Krisengebieten. www.carolin-emcke.de

Dieser Text ist in einer stark gekürzten Fassung in der tageszeitung erschienen.

 
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