Netze für alle Fälle

Die Energiewende erfordert eine enge Partnerschaft mit Russland

1. September 2011 - 0:00 | von Michael Sasse

Internationale Politik 5, September/Oktober 2011, S. 114-119

Kategorie: Rohstoffe & Energie, Klima- und Energiepolitik, Europäische Union, Europa, Russische Föderation

Europa scheint sich seines verlässlichsten Gaslieferanten fast zu schämen. Doch Energiewende und der Run auf die Ressoucen lassen für die großen Energieunternehmen nur einen Schluss zu: Ergas ist die Energie der Zukunft, und sie kommt aus Russland. Die Partnerschaft mit Moskau bedarf der wirtschaftlichen und politischen Pflege.

Die Energiewende kommt – mit weitreichenden Konsequenzen für den Ausbau der Stromnetze. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Denn die Entscheidung gegen Atomkraft ist eine Entscheidung für Erdgas. Damit das nötige Gas sicher verfügbar ist, sind nicht nur massive Investitionen in Förderung und Transport notwendig, sondern auch Partnerschaften mit den Produzentenländern – und politische Weichenstellungen. Sonst wird der Wende die Energie ausgehen.

Spätestens seit der Kernschmelze in Japan ist man sich in Deutschland einig, dass Erdgas die ideale Partnertechnologie für die Erneuerbaren ist. Um die Versorgung mit Erdgas zu sichern, schlägt die Europäische Kommission vor, ein möglichst flexibles Erdgasverbundnetz und einen europäischen Gasbinnenmarkt zu schaffen.1 Damit ein solches Netz trägt, muss die Gasinfrastruktur erheblich ausgebaut und mit anderen Technologien vernetzt werden – Stichwort „Smart Grids“. Aber diese Schritte können nur fruchten, wenn Europa zugleich die Partner an sich bindet, die über das benötigte Erdgas verfügen. Denn so wichtig die weitere heimische Produktion auch ist – sie wird den Bedarf nicht decken können.

Der Erdgasbedarf steigt

Warum eigentlich Erdgas? Weil Erdgas die fluktuierende Versorgung durch erneuerbare Energien optimal unterstützt. Wind und Sonne lassen sich nicht direkt speichern, Gas dagegen schon. Erdgastechnik gleicht die Schwankungen der Erneuerbaren wesentlich flexibler und preiswerter aus, als dies Kohle oder Kernkraft können. Zudem hat Erdgas unter allen Fossilen die beste Klimabilanz. Bei der Verbrennung werden 25 Prozent weniger Treibhausgase freigesetzt als bei Öl und sogar bis zu 35 Prozent weniger als bei Kohle.2

Damit die Energiewende gelingt, brauchen wir eine clevere Vernetzung der unterschiedlichen Techniken und Märkte: flexible Gaskraftwerke, die einspringen, wenn Wind und Sonne pausieren; dezentrale Mikro-Blockheizkraftwerke, die Strom und Wärme gleichermaßen produzieren; neue Technologien, die künftig überschüssigen Ökostrom in Methan umwandeln könnten und damit im Gasnetz speicherbar machen.

Erst über die Nutzung der Gasinfrastruktur und neuer Gastechnologien werden regenerative Energien nachhaltig integriert. Erdgas ist nicht nur eine Brücke in ein neues Energiezeitalter, es ist ein dauerhafter Partner. Das Gasnetz wird ein wesentlicher Bestandteil des smarten Supergrid sein, das Europa sucht.3 Kurzum: Das Gefährt, das uns in die Zukunft bringt, ist ein Hybrid – aus Erneuerbaren und Erdgas. Das heißt jedoch, dass das Gas verlässlich fließen muss.

Der Atomausstieg wird zu einem höheren Gasbedarf in Deutschland führen.4 Und das, obwohl auch ohne dies schon ein Anstieg des Importbedarfs zu erwarten ist, und das europaweit. Nach Schätzungen der Cambridge Energy Research Associates (CERA) wird die EU im Jahr 2030 – über die heutigen Einfuhrmengen hinaus – weitere 170 Milliarden Kubikmeter Erdgas importieren müssen.

Derzeit werden rund 50 Prozent des in der EU benötigten Erdgases in Europa gefördert, vor allem in den Nordsee-Anrainern Norwegen, den Niederlanden, Dänemark, Großbritannien und Deutschland. Die Produktion in Europa ist wichtig. Insbesondere die Energiepartnerschaft mit Norwegen hat sich bewährt. Aber: Diese Produktion ist rückläufig. Die CERA-Studien prognostizieren ein Sinken der europäischen Fördermengen von 190 Milliarden Kubikmeter im Jahr 2010 auf 90 Milliarden im Jahr 2030, und das bei steigendem Erdgasbedarf. Ohne neue, zusätzliche Lieferwege ist eine sichere Versorgung mit höheren Importmengen nicht möglich.

Und hier verfügt Europa über einen entscheidenden Vorteil im globalen Wettbewerb: 70 Prozent der weltweiten Erdgasreserven befinden sich in einem Umkreis von 4500 Kilometern zum europäischen Markt. Und das heißt: in Pipelinenähe. Aber die besten Vorteile nützen nichts, wenn man sie nicht nutzt. 4500 Kilometer sind weit, wenn es keine verlässlichen Transportwege gibt.

Run auf die Ressourcen

Der Zugang zu Energie und Rohstoffen bestimmt wesentlich über Wachstum und Wohlstand. Wir befinden uns mitten in einem globalen Wettlauf, in dem es um nichts Geringeres als um die industrielle Zukunft Europas geht. Doch Europa versäumt es, sich den Zugang zu Rohstoffen konsequent und langfristig zu sichern.

Längst bilden Europa und die USA nicht mehr das energetische Zentrum der Welt. Die Schwellen- und Entwicklungsländer, mit China an ihrer Spitze, übertreffen die OECD-Nationen in ihrem Energiebedarf. Bis 2035 wird der weltweite Energieverbrauch um rund 40 Prozent zunehmen.5 Trotz aller wichtigen Fortschritte im Bereich der Erneuerbaren wird dieser Bedarf zu zwei Dritteln mit fossilen Brennstoffen gedeckt werden. Die asiatischen Nationen schaffen bereits Fakten. In den vergangenen zehn Jahren haben sie allein für 100 Milliarden Dollar Öl- und Gaslagerstätten weltweit aufgekauft, dazu noch reichlich andere Rohstoffquellen – von Kohlebergwerken über Kupferminen bis zu Schürfrechten für Seltene Erden, im Fall Chinas im Staatsauftrag und auf Staatskosten.

Selbst an den jahrzehntelang gewachsenen Energiebeziehungen zwischen Europa und Russland rüttelt China – und nutzt dabei russische Sorgen, von den westlichen Partnern allzu abhängig zu sein. Manche Stimme in Moskau plädiert dafür, russische Pipelines verstärkt Richtung Südosten zu bauen. Noch fließen rund 80 Prozent der russischen Öl- und Gasexporte gen Westen. Aber diese Verlässlichkeit wird durch konkrete wirtschaftliche Kooperationen und Langfristverträge geschaffen. Hier leisten Unternehmen, was die Politik versäumt. Denn was macht das politische Europa? Es zaudert und geniert sich seines langjährigen und verlässlichsten Öl- und Gaslieferanten. Vielleicht trägt die trügerische Preisentspannung auf den Gasmärkten zu diesem gefährlichen Spiel bei: das Gefühl, sich in einer gemütlichen Gasschwemme zu befinden und nach Laune bedienen zu können.

Wenn die Weltfinanzkrise überwunden ist, sich die weltweite Nachfrage wieder konsolidiert, dann werden die Preise für Energie und Rohstoffe anziehen. Dann rächt es sich, Versorgungssicherheit mit Schnäppchenpreisen auf dem Spotmarkt verwechselt zu haben. Und bei aller Begeisterung für Liquefied Natural Gas (LNG): Der europäische Markt bleibt, wenn es um langfristige Versorgungssicherheit geht, zuallererst ein Pipelinemarkt. Und was diesen Markt anbelangt, drohen die augenblicklichen Gaspreise wichtige Investitionen aufzuschieben. Das heißt: Die niedrigen Preise klingen besser, als sie für den Verbraucher in Wirklichkeit sind.

Ein weiteres Stichwort: „Shale Gas“. Die USA haben in den vergangenen Jahren eine Revolution in der Förderung von so genanntem Schiefergas erlebt. Aber: Das ist auf Europa nicht ohne weiteres übertragbar. Denn die in Europa vermuteten Vorkommen sind deutlich geringer als in den USA. Zudem ist in Europa die nötige Service-Infrastruktur nicht vorhanden: Den 1600 Bohranlagen in den USA stehen in Europa gerade mal 50 gegenüber; die Produktionskosten liegen in Europa bislang deutlich höher. Sicher, heimisches Shale Gas könnte zur Stärkung der Versorgungssicherheit beitragen. Es gilt dabei aber, sehr genau und ergebnisoffen zu prüfen, was in Europa beim Shale Gas technisch möglich und ökonomisch wie ökologisch sinnvoll ist. Das Bundesamt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) prüft derzeit noch in einem ersten Schritt dessen Potenzial.

Europa hat derzeit keine Wahl und muss sich den Zugang zu den Quellen in anderer Weise sichern. Denn genau dort, an den Quellen, beginnt Versorgungssicherheit. Genau dorthin muss die Infrastruktur reichen. Milliardenschwere Investitionen in Pipelines binden Produzenten und Lieferanten langfristig an den europäischen Markt. Sie schaffen gegenseitige Abhängigkeiten. Anders ausgedrückt: Sie begründen Partnerschaften. Hier sind mit Blick auf eine sichere Erdgasversorgung vor allem drei gesamteuropäische Großprojekte zu nennen – Nord Stream, Nabucco und South Stream.

Neue Pipelines, flexibleres Netz

Bisher ist die Hauptschlagader für die Versorgung Europas mit östlichem Erdgas der Transitweg durch die Ukraine. Volumen insgesamt: 120 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr. Welche Risiken diese Route birgt, hat der Transitstreit im Januar 2009 gezeigt. Die damaligen Lieferausfälle konnten in Deutschland weitgehend kompensiert werden durch die Jamal-Pipeline, die russisches Gas durch Polen führt. Schon hier hat sich gezeigt: In der Diversifizierung der Transportwege liegt die beste Krisenprävention. Die Ostseepipeline Nord Stream wird die Abhängigkeit von den bisherigen Transitrouten weiter reduzieren. Ab 2012 fließen jährlich bis zu 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas von Vyborg via Ostsee nach Europa. Dies entspricht der Leistung von 40 Atommeilern oder 50 Kohlekraftwerken.

Eine zusätzliche Rückversicherung für Europas Energie kann die South Stream leisten, die direkte Anbindung Südost- und Südeuropas an die größten Gasreserven der Welt: von Russland durch das Schwarze Meer bis nach Europa. Denn es waren besonders die Staaten im südlichen Europa, die der Transitstreit mit der Ukraine getroffen hat. Die Anbindung der South Stream an die Erdgasdrehscheibe Baumgarten (Österreich) erhöht die von der EU geforderte grenzübergreifende Verknüpfung der Netze. Geplante Kapazität der South Stream: 63 Milliarden Kubikmeter jährlich.

Ein drittes paneuropäisches Project ist die Nabucco-Pipeline, die die Gasreserven im Kaspischen Raum für den europäischen Markt erschließen soll. Hier ist es Zeit, mit einer weit verbreiteten Fehleinschätzung aufzuräumen: Nicht die Pipeline-Verbindungen zu Russland sind die Konkurrenten von Nabucco, sondern vielmehr die Leitungen, die die gleichen Quellen in Zentralasien anzapfen wollen, darunter die Trans Adriatic Pipeline (TAP) und der Interconnector Turkey-Greece-Italy (ITGI). Alle drei Projekte zusammen – Nord Stream, South Stream, Nabucco – könnten den Großteil der erwarteten Import-lücke schließen, die für die EU im Jahr 2030 prognostiziert wird.

Energie an der Quelle sichern

Die EU braucht verlässliche Energiepartnerschaften. Sie braucht Norwegen. Sie braucht Russland. Kaum ein anderer Exporteur ist bereit, sich so langfristig an Europa zu binden, wie es Russland tut. Diese Chance ungenutzt zu lassen, wäre energiepolitisch töricht. Die europäische Wirtschaft hat das verstanden. Nur Russland bietet Europa eine derartig umfassende Kooperation – entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Denn Versorgungssicherheit beginnt dort, wo die Ressourcen sind: in der gemeinsamen Förderung vor Ort.

Wintershall und Gazprom haben vorgemacht, wie das geht. Wintershall war eine der ersten europäischen Firmen, die sich direkt an der Erdgasproduktion in Russland beteiligt hat. Aus dem sibirischen Feld Achimgaz fördern die BASF-Tochter und das russische Großunternehmen gemeinsam Gas. Die Beteiligungsverhältnisse: 50:50. Beide Seiten haben gleich viel zu verlieren, gleich viel zu gewinnen. Gemeinsam investieren Wintershall und Gazprom zudem in die Leitungswege nach und in Europa. Gemeinsam in die Speicher. Und gemeinsam wird das Erdgas auch vermarktet. So reicht die Kooperation vom sibirischen Bohrloch bis in die westeuropäischen Wohnzimmer.

Russland hat die Tore für Europa längst geöffnet. Und es wäre lächerlich, wenn Europa nun jedes Mal panisch in Deckung geht, sobald Russland an die Türen des europäischen Marktes klopft. Europa braucht russische Investitionen. Sie schaffen Versorgungssicherheit.

Während die Politik mancherorts blockiert, haben die Bevölkerungen in Deutschland und Russland offenbar verstanden, wie wichtig die Partnerschaft ist. In einer Forsa-Umfrage vom Februar 2011 sprachen sich 72 Prozent der Befragten dafür aus, die Energiepartnerschaft mit Russland auszubauen. 85 Prozent waren überzeugt, dass die Modernisierungspartnerschaft zwischen der EU und Russland auch Deutschland nützt. Eine zeitgleich in Russland durchgeführte Befragung zeigte: Deutschland ist nach wie vor der bevorzugte „Modernisierungspartner“ der Russen. Innerhalb der EU kommt für die Russen praktisch nur Deutschland in Frage. Konkurrenz droht allerdings aus Asien.6 Die Energiepartnerschaft mit Russland ist kein Selbstläufer. Sie bedarf der Investition. Wirtschaftlich wie politisch.

Derzeit ist es vor allem die private Wirtschaft, die für Europas Energie wirksam vorsorgt. Aber erforderlich sind ebenso politische Investitionen. Und das heißt auch: Politische Weichenstellungen für Wettbewerb und Wirtschaftlichkeit. Hier besteht Korrekturbedarf. Nachsteuerrenditen von lediglich drei bis vier Prozent und fehlende Nutzungsrechte auf das Eigen-investment machen es für große Investoren wenig verlockend, sich milliardenschwer einzubringen. Investitionen müssen sich lohnen – und Investitionen sind zwingend notwendig, wenn wir das erreichte Niveau an Versorgungssicherheit halten wollen.

Die fehlenden Investitionsanreize werden sich beim Leitungsbau negativ auswirken. Fehlende Wirtschaftlichkeit steht aber auch dem dringenden Ausbau von Gaskraftwerken entgegen. Hier gilt seit Jahren: Geredet und geplant wird viel, gebaut fast nichts. Es ist zum Beispiel denkbar, dass klimafreundliches Erdgas eine gesetzliche Gleichbehandlung zu den Erneuerbaren erhält. Denn niemand wird Gaskraftwerke bauen, wenn klar ist, dass sie nur Strom liefern dürfen, wenn die Erneuerbaren „versagen“. Hier sind wirtschaftliche Anreize durch den Gesetzgeber förderlich, etwa in Form von Leistungs- oder Flexibilitätsprämien.

Es klingt wie ein Tabubruch: Die Förderung von fossiler Energie – für die Energiewende. Und dennoch, wenn Deutschland und Europa Versorgungssicherheit in der Energiewende wollen, müssen sie einen Schritt dieser Art machen.

MICHAEL SASSE leitet die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der BASF-Tochter Wintershall.

  • 1. Siehe z.B. Götz Reichert und Jan S. Vosswinkel: Ehrgeiziger Energiebauplan, IP, Juli/August 2011, S. 10–17.
  • 2. Ein AKW braucht zwei bis drei Tage für einen Kaltstart von 0 auf 100%. Ein Gaskraftwerk dagegen nur 30 Minuten. Ein Steinkohlekraftwerk benötigt immerhin noch eine ganze Stunde, um die Leistung von 25 auf 100% hochzufahren, BP Statistical Review of World Energy 2010.
  • 3. Zum Thema Supergrid siehe auch Jörg-Rainer Zimmermann: Das Netz als Nadelöhr, IP, Juli/ August 2011, S. 20–27.
  • 4. Siehe auch Enervis: Atomausstieg bis zum Jahr 2020. Auswirkungen auf Investitionen und Wettbewerb in der Stromerzeugung, Gutachten im Auftrag des Verbands kommunaler Unterneh- men e.V., Mai 2011.
  • 5. Siehe z.B. International Energy Agency (IEA): World Energy Outlook 2010.
  • 6. Beide Umfragen wurden im Auftrag des EU-Russland Forums durchgeführt, das federführend vom Berthold-Beitz-Zentrum – Kompetenzzentrum für Russland, Ukraine, Belarus und Zentral- asien in der DGAP geleitet wird, www.eu-russia-forum.net/?page_id=960&lang=de.
 
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