Amerikas pazifisches Jahrhundert

Die Zukunft wird nicht in Afghanistan entschieden, sondern in Südostasien

16. January 2012 - 0:00 | von Hillary Clinton

Internationale Politik 1, Januar/ Februar 2012, S. 62-69

Kategorie: Internationale Politik/Beziehungen, Nordamerika, Südostasien, China

Der asiatisch-pazifische Raum ist zum Motor der Weltpolitik geworden. Damit die Vereinigten Staaten Führungsmacht bleiben können, werden sie dort in Zukunft mehr ökonomische, diplomatische und strategische Ressourcen investieren müssen: die Neuformulierung der US-Außenpolitik.

Im Irak beruhigt sich die Situation allmählich, in Afghanistan beginnen wir, unsere Truppen abzuziehen: ein guter Zeitpunkt für eine Bestandsaufnahme. In den vergangenen zehn Jahren haben wir immense Ressourcen für diese Einsätze bereitgestellt. In den kommenden zehn Jahren müssen wir entscheiden, wie wir unsere Zeit und Energie investieren, um unsere Führungsmacht zu erhalten, unsere Interessen zu wahren und unsere Werte zu fördern.

Zu unseren vornehmlichen Auf­gaben wird es gehören, mehr ökonomische, diplomatische und strategische Ressourcen auf den asiatisch-pazifischen Raum zu lenken. Diese Region ist zu einem Motor der Weltpolitik geworden. Sie umfasst zwei Ozeane, den pazifischen und den indischen, die strategisch und über ihre Schifffahrtsrouten immer stärker miteinander verbunden sind. Dort lebt fast die Hälfte der Weltbevölkerung; dort befinden sich einige der wichtigsten Schwungräder der Weltwirtschaft, der größten Produzenten von Treibhausgasen, einige unserer wichtigsten Verbündeten und aufstrebende Mächte wie China, Indien und Indonesien. Nun, da die Region eine ausgereiftere Sicherheits- und Wirtschaftsarchitektur errichtet, um Stabilität und Wohlstand zu schaffen, ist unser Engagement dort entscheidend. Es hilft beim Aufbau dieser Architektur und wird sich für einen fortgesetzten Führungsanspruch der USA auszahlen – so, wie sich unser Engagement beim Aufbau eines transatlantischen Netzwerks von Institutionen und Bündnissen nach dem Zweiten Weltkrieg immer noch auszahlt.

Irak und Afghanistan befinden sich noch im Übergang, und wir ­stehen zuhause vor immensen wirtschaft­lichen Herausforderungen. Viele amerikanische Politiker fordern deshalb, dass wir uns aus der Welt zurück­ziehen. Dieser Impuls ist nachvollziehbar, aber grundfalsch. Wir können es uns nicht leisten, nicht in der Welt präsent zu sein. Ob neue Märkte für US-Unternehmen, die Eindämmung der nuklearen Proli­feration oder die Sicherung der Handelsrouten – unser Engagement im Ausland ist der Schlüssel zu unserem Wohlstand und unserer Sicherheit. Vor allem in Asien fragt man sich, ob wir Durchhaltevermögen zeigen oder uns von anderen Ereignissen ablenken lassen, ob wir glaubwürdige ökonomische und strategische Zusagen geben und auch Taten folgen lassen können. Ja, das können und werden wir.

Asien für die USA nutzbar machen

Es ist unser zentrales strategisches Interesse und eine Priorität unseres Präsidenten, Asiens Wachstum und Dynamik für die amerikanische Wirtschaft nutzbar zu machen. Offene asiatische Märkte bieten uns einzigartige Potenziale für Handel, Investitionen und den Zugang zu innovativer Technologie. Die Erholung unserer Wirtschaft wird auch von unseren Exporten und der Fähigkeit amerikanischer Unternehmen abhängen, sich auf dem riesigen und wachsenden Konsumentenmarkt in Asien zu etablieren. Der Erhalt von Frieden und Sicherheit im asiatisch-pazifischen Raum ist für den globalen Fortschritt überlebenswichtig, ob durch die Sicherung der Seewege im Südchinesischen Meer, die Eindämmung der nordkoreanischen Proliferationsversuche oder durch die Herstellung von mehr Transparenz in den militärischen Aktivitäten der wichtigsten Akteure der Region.

Asien ist für unsere Zukunft entscheidend, und ein engagiertes Amerika für die Zukunft Asiens. Nur wir verfügen über ein Geflecht von starken Bündnissen in der Region, haben aber keine territorialen Ambitionen und eine lange Tradition, uns über die nationalen Interessen hinaus auch für das Gemeinwohl einzusetzen. Zusammen mit unseren Verbündeten haben wir jahrzehntelang regionale Sicherheit garantiert, die asiatischen Seewege geschützt und Stabilität bewahrt, und das hat wiederum Wachstum ermöglicht. Wir haben geholfen, Millionen von Menschen in der Region in die Weltwirtschaft zu integrieren, indem wir ihre ökonomische Produktivität gesteigert, ihnen soziale Selbstbestimmung ermöglicht und ihre Verbindungen untereinander gestärkt haben. Wir sind einer der wichtigsten Handels- und Investitionspartner, ein Quell der Innovation, von dem Arbeitnehmer wie Unternehmer auf beiden Seiten des Pazifiks profitieren.

Wir wollen unsere globale Führungsrolle erhalten, und dazu gehört eine strategische Umorientierung. Sie kann nur dann erfolgreich sein, wenn wir anerkennen, welche Bedeutung dem asiatisch-pazifischen Raum für unser nationales Interesse zukommt. Wir wollen auf eine starke, jahrzehntelange Tradition des Engagements aufbauen. Und wir müssen eine kohärente regionale Strategie klug umsetzen, die dem globalen Ausmaß unserer Entscheidungen gerecht wird.

Wie sähe eine solche regionale Strategie aus? Zunächst erfordert sie ein nachhaltiges Bekenntnis zu dem, was ich „forward-deployed diplomacy“ nenne. Wir müssen weiterhin unsere ranghöchsten Beamten, Entwicklungsexperten und behördenübergreifende Teams entsenden – und zwar in jedes Land und in jeden Winkel der Region. Wir müssen mit unserer Strategie den raschen und dramatischen Veränderungen gerecht werden, die sich in ganz Asien vollziehen.

Dafür muss unsere Arbeit sich an sechs Grundlinien orientieren: Stärkung der bilateralen Sicherheits­bündnisse; Vertiefung unserer Be­ziehungen mit den aufstrebenden Schwellenmächten, einschließlich Chinas; Zusammenarbeit mit multilateralen regionalen Institutionen; mehr Handel und Investitionen; Schaffung einer breiten militärischen Präsenz; Förderung von Demokratie und ­Menschenrechten.

Partner China

Unsere vertraglichen Allianzen mit Japan, Südkorea, Australien, den Philippinen und Thailand sind Dreh- und Angelpunkt unserer strategischen Wende. Seit mehr als einem halben Jahrhundert sichern sie Frieden und Stabilität in der Region, und sie waren es auch, die das Umfeld für den bemerkenswerten ökonomischen Aufstieg der Region geschaffen haben. Sie stärken unsere regionale Präsenz und Führungskraft in einer Zeit wachsender Sicherheitsbedrohungen.

Diese Bündnisse waren erfolgreich. Und dennoch müssen wir sie einer sich verändernden Weltlage anpassen. Hier hat sich die Regierung Barack Obamas von drei Prinzipien leiten lassen. Wir brauchen einen politischen Konsens über die wichtigsten Ziele unserer Bündnisse. Wir müssen sicherstellen, dass sie flexibel und anpassungsfähig sind. Und wir müssen garantieren, dass die Verteidigungs- und Kommunikationsinfrastruktur unserer Partner stark genug ist, um sämtliche Provokationen von staatlichen wie nichtstaatlichen Akteuren abwehren zu können.

Wir schließen aber auch neue Partnerschaften zur Bewältigung gemeinsamer Probleme. Unsere Beziehungen zu China, Indien, Indonesien, Singapur, Neuseeland, Malaysia, der Mongolei, Vietnam, Brunei und den pazifischen Inselstaaten sind Teil des Versuchs, unsere Strategie und unser Engagement in der Region umfassender anzulegen. Wir bitten diese Partner, uns zu helfen, sich an einer regionalen und globalen Ordnung zu beteiligen und sie mit uns zu gestalten.

Zu den wichtigsten dieser neuen Partner zählt natürlich China. Wie viele andere Länder hat auch China davon profitiert, sich einem auf Regeln beruhenden, offenen System anschließen zu können, das auch mit Hilfe der USA aufgebaut und erhalten wurde. Keine unserer bisherigen Beziehungen war so herausfordernd und mit solchen globalen Konsequenzen verbunden wie die zu China. Wir brauchen sensible, stetige und dynamische Führung, wir müssen dem Land realistisch und ergebnisorientiert begegnen und dabei unseren Prinzipien und Interessen treu bleiben.

Manche Amerikaner sehen im Fortschritt der Chinesen eine Bedrohung für die USA; in China befürchtet man zuweilen, die USA wollten das chinesische Wachstum bremsen. In Wirklichkeit ist ein prosperierendes Amerika gut für China und ein prosperierendes China gut für uns. Von einer Kooperation haben wir viel mehr zu gewinnen als von einem Konflikt. Man kann eine solche Beziehung jedoch nicht auf guten Absichten allein aufbauen. Wir müssen schöne Worte in effektive Zusammenarbeit umsetzen – und vor allem unseren globalen Verpflichtungen nachkommen und Verantwortung übernehmen. Das ist es, was letztlich darüber entscheiden wird, ob unsere Beziehung in den kommenden Jahren ihr Potenzial entfalten kann.

Es gehört zu meinen wichtigsten Prioritäten, gemeinsame Interessensbereiche zu erkennen und auszuweiten, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen und Chinas Bemühungen bei der Lösung globaler Probleme zu unterstützen. Deswegen haben Finanzminister Timothy Geithner und ich den Strategischen Wirtschaftsdialog ins Leben gerufen und damit die intensivsten und umfassendsten Gespräche, die es je zwischen unseren Regierungen gab. Dutzende Behörden auf beiden Seiten waren beteiligt, um über die drängendsten Themen zu sprechen – von Sicherheit und Energie bis hin zu den Menschenrechten.

Dialog zwischen den Militärs

Auf militärischer Ebene versuchen wir, mehr Transparenz zu schaffen und das Risiko von Fehleinschätzungen zu verringern. Mit großem Interesse haben die internationale Gemeinschaft und die USA beobachtet, wie China sein Militär modernisiert und ausbaut. Selbstverständlich versuchen wir dabei, uns ein klares Bild über Chinas Absichten zu verschaffen. Beide Seiten würden von einer nachhaltigen und substanziellen Zusammenarbeit zwischen den Militärs profitieren, die mehr Transparenz schaffen würde. Wir hoffen deshalb darauf, dass Peking seinen zuweilen spürbaren Widerwillen überwindet und einen tragfähigen Dialog auf dieser Ebene ermöglicht. Auch den Strategischen Sicherheitsdialog, der es militärischen und zivilen Entscheidungsträgern ermöglicht, heikle Themen wie maritime oder Cybersicherheit zu besprechen, sollten wir intensivieren. Während wir versuchen, dieses Vertrauen zu vertiefen, arbeiten wir mit China zusammen, um offen über regionale und globale Sicherheitsbedrohungen wie Nordkorea, Afghanistan, Pakistan, Iran und die Entwicklungen im Südchinesischen Meer sprechen und sie bekämpfen zu können.

Eine Zusammenarbeit der USA und Chinas ist auch notwendig, um ein starkes, nachhaltiges und ausge­glichenes weltweites Wachstum zu schaffen. In den Nachwehen der globalen Finanzkrise arbeiten beide Länder im Rahmen der G-20 effektiv daran, die Weltwirtschaft nicht in den Abgrund stürzen zu lassen. Darauf müssen wir aufbauen. Amerikanische Unternehmer wollen eine faire Chance bekommen, in den chinesischen Markt zu exportieren, auch um neue Arbeitsplätze zu schaffen. Sie wollen Zusicherungen, dass ihr bereits in China investiertes Kapital einen verlässlichen Grundstock für neue Märkte und Investitionsmöglichkeiten bildet, der den globalen Wettbewerb stärken würde. Umgekehrt wollen chinesische Unternehmen mehr Hightech-Produkte in den USA kaufen können und die gleichen Zugangsbedingungen genießen wie die freien Marktwirtschaften.

China muss jedoch auch einige wichtige Reformen in Angriff nehmen. Wir arbeiten mit China vor allem daran, die unfaire Benachteiligung amerikanischer und anderer ausländischer Unternehmen und ihrer innovativen Technologien zu beenden. Wir möchten ein Ende der Bevorzugung einheimischer Unternehmen und sähen gerne alle Regelungen abgeschafft, die ausländisches geistiges Eigentum benachteiligen oder dessen Diebstahl erleichtern. Und wir hoffen, dass China seine Währung schneller aufwertet, sowohl gegen den Dollar als auch gegen die Währungen der anderen großen ­Handelspartner. Wir sind überzeugt: Von solchen Reformen würden nicht nur beide Länder profitieren. Sie würden auch zu einem globalen wirtschaftlichen Gleichgewicht, zu mehr Berechenbarkeit und Wohlstand ­beitragen.

Unsere ernsten Bedenken hinsichtlich der Menschenrechtssituation haben wir öffentlich und hinter verschlossenen Türen klar geäußert. Wir glauben, dass ein tiefer Respekt für das internationale Recht und ein offeneres politisches System China zugute kämen – und das Vertrauen seiner Partner stärken würde. Ohne solche Reformen schränkt China seine eigene Entwicklung unnötig ein.

Indien und Indonesien

Es gibt kein Vorbild und keinen festgeschriebenen Entwicklungsplan für diese Beziehungen. Klar ist nur, dass sie zu wichtig sind, um ihr Scheitern zu riskieren. Wir werden unsere Beziehungen zu China in ein breiteres regionales Netzwerk von Sicherheitsallianzen, wirtschaftlichen Zusammenschlüssen und sozialen Bindungen einbetten. Zu den wichtigsten Schwellenmächten, mit denen wir zusammenarbeiten, gehören auch Indien und Indonesien. Die Seepassage vom Indischen Ozean durch die Straße von Malakka bis zum Pazifik gehört zu den dynamischsten Energie- und Handelsrouten der Welt. In Indien und Indonesien lebt schon jetzt fast ein Viertel der Weltbevölkerung. Sie sind Motoren der Weltwirtschaft und wichtige Handelspartner der USA. Ihre Bedeutung für die Sicherheit und Stabilität in der Region wächst.

Mit Indien hat die Regierung Barack Obamas die bilaterale Partnerschaft erweitert, sie unterstützt aktiv Indiens Programm einer Orientierung nach Osten und sie stellt sich ein ökonomisch stärker integriertes und politisch stabiles Süd- und Zentralasien mit Indien im Zentrum vor. Mit Indonesien, der drittgrößten Demokratie und bevölkerungsreichsten muslimischen Nation der Welt, die zudem der G-20 angehört, schmieden wir eine Allianz. Wir haben die Ausbildung von indonesischen Spezialeinheiten wieder aufgenommen und in den Bereichen Gesundheit, Bildungsaustausch, Technologie und Rüstung eine Reihe von Abkommen unterzeichnet. Im November 2011 nahm Präsident Obama auf Einladung der indonesischen Regierung erstmals am Ost­asien-Gipfel teil.

Multilaterales Engagement

Neben der Stärkung der bilateralen Beziehungen möchten wir die Wichtigkeit der multilateralen Kooperation betonen. Wir sind dazu übergegangen, uns intensiv den multilateralen Institutionen der Region zu widmen, etwa dem Verband der Südostasiatischen Nationen (ASEAN) und dem Asiatisch-Pazifischen Forum für Wirtschaftliche Kooperation (APEC), wobei wir darauf achten, dass dies unsere bilateralen Beziehungen nicht ersetzt, sondern ergänzt. Es gibt in der Region ein Bedürfnis nach einer aktiveren Rolle der USA beim Agenda-Setting dieser Institutionen. Dass sie effektiv und reaktionsfähig sind, liegt auch in unserem Interesse.

Daneben haben wir versucht, eine Reihe von „minilateralen“ Treffen ins Leben zu rufen wie die Lower Mekong Initiative, die Umwelt-, Bildungs- und Gesundheitsprogramme in Kambodscha, Laos, Thailand und Vietnam unterstützen soll, oder das Pacific Islands Forum, das seine Mitglieder im Kampf gegen Klimawandel, Überfischung und Gefährdungen der Seewege unterstützen soll. Vor allem wollen wir die Zusammenarbeit zwischen den drei Schwergewichten des asiatisch-pazifischen Raums verbessern: China, Indien und den USA. Auf all diesen Wegen versuchen wir, eine effektive, reaktionsfähige und flexible regionale Architektur zu gestalten, an der wir auch selbst beteiligt sind, die wiederum an eine globale Architektur anschließt und die nicht nur Stabilität und Handel fördert, sondern auch unsere Werte.

Unsere ökonomische Zusammenarbeit mit der APEC steht im Einklang mit unserem Ziel, die Wirtschaftspolitik zu einem Grundpfeiler der US-Außenpolitik zu machen. Ökonomischer Fortschritt hängt immer mehr von starken diplomatischen Beziehungen ab, und starke ­diplomatische Beziehungen hängen wiederum von guten Wirtschaftsbeziehungen ab. Wenn wir mehr Wohlstand in den USA schaffen wollen, müssen wir uns stärker auf unsere Handelsbeziehungen mit dem asiatisch-pazifischen Raum konzentrieren. Schon jetzt generiert die Region mehr als die Hälfte der globalen Wirtschaftsleistung und fast die Hälfte des globalen Handels.

Fortschritte gibt es auch bei der Transpazifischen Partnerschaft, einer Gruppe von entwickelten und sich entwickelnden Volkswirtschaften im Pazifik, die sich zu einer großen Handelsgemeinschaft zusammengeschlossen haben. Dabei wollen wir nicht einfach Wachstum, sondern besseres Wachstum schaffen. Wir sind überzeugt, dass Handelsabkommen auch starke Schutzmechanismen für die Arbeitnehmer, die Umwelt, das geistige Eigentum und Innovationen beinhalten müssen. Sie sollten die freie Verbreitung von Informations- und grünen Technolo­gien enthalten und die Kohärenz unserer Regulierungssysteme und die Effizienz von Zuliefererketten verbessern.

Werben für offenere Märkte

Um ein Gleichgewicht in unseren Handelsbeziehungen herzustellen, braucht es entschlossenes Engagement von beiden Seiten. Das liegt in der Natur eines Gleichgewichts – es kann nicht einseitig aufgezwungen werden. Deshalb werben wir in der APEC, der G-20 und in unseren bilateralen Beziehungen für offenere Märkte, weniger Exportbeschrän­kungen, mehr Transparenz und ein allgemeines Bekenntnis zu mehr ­Fairness.

Das bemerkenswerte Wirtschaftswachstum des vergangenen Jahrzehnts und sein Wachstumspotenzial für die Zukunft sind zutiefst abhängig von Sicherheit und Stabilität – die lange vom US-Militär garantiert wurden. Mit dem raschen Wandel in dieser Region gehen Herausforderungen wie territoriale und maritime Konflikte, Bedrohungen der Handelsrouten oder die Bewältigung von Naturkatastrophen einher. Unsere Truppen sollten deshalb geografisch dezentral, operativ flexibel und politisch nachhaltig aufgestellt sein.

Zunächst einmal modernisieren wir unsere militärischen Abkommen mit unseren traditionellen Bündnispartnern in Nordostasien. Wir verstärken aber auch unsere Präsenz in Südostasien und im Indischen Ozean. In diesem Jahr haben wir uns mit Australien auf eine größere US-Militärpräsenz geeinigt mit dem Ziel, gemeinsame Übungen und Manöver durchzuführen. Wir wollen also unseren operativ-militärischen Zugang zu Südostasien und zum Indischen Ozean und den Kontakt mit unseren Alliierten und Partnern verbessern.

Doch wie lässt sich die wachsende Verflechtung zwischen dem Indischen und Pazifischen Ozean in ein operatives Konzept übersetzen? Eine dezentralere und besser gestreute Militärpräsenz in der Region hätte wesentliche Vorteile. Wir wären besser positioniert, um humanitäre Missionen zu unterstützen. Die Kooperation mit mehr Partnern und Verbündeten würde zudem ein robusteres Bollwerk gegen jene schaffen, die Frieden und Stabilität in der Region bedrohen.

Menschenrechte schützen

Mehr noch als unsere militärische Macht oder die Größe unserer Wirtschaftsmacht sind unsere Werte unser wichtigstes Kapital. Wenn wir unsere Beziehungen zu Partnern vertiefen, mit denen wir in diesen Fragen nicht übereinstimmen, dann werden wir wie bisher auf Reformen drängen, die die Regierungsführung in diesen Ländern verbessern, die Menschenrechte schützen und politische Freiheiten fördern.
Wir haben nicht vor, anderen Ländern unser System aufzuzwingen –das könnten wir auch gar nicht. Wir sind aber fest davon überzeugt, dass bestimmte Werte universell sind, dass sie von Menschen in allen Nationen, auch den asiatischen, geteilt werden, und dass sie zum Wesen eines stabilen, friedlichen und prosperierenden Landes gehören. Letztlich ist es an den Menschen in Asien selbst, ihre Rechte so wahrzunehmen und ihre Hoffnungen so zu verwirklichen, wie es viele andere Menschen auf der ganzen Welt auch tun.

Unsere Außenpolitik ist im vergangenen Jahrzehnt über die bloße Verwaltung der Friedensdividende nach dem Kalten Krieg hinausgegangen. Nun, da sich die Kriege im Irak und in Afghanistan dem Ende zuneigen, müssen wir uns den neuen globalen Realitäten anpassen. Sie verlangen von uns Erneuerung, Wettbewerb, neue Führung. Anstatt uns zurückzuziehen, müssen wir Präsenz zeigen und unseren Führungsanspruch bekräftigen. In Zeiten knapper Ressourcen ist klar, dass wir die unseren klug und an den Orten einsetzen müssen, wo sie den größten Nutzen bringen. Deshalb ist der asiatisch-pazifische Raum im 21. Jahrhundert eine so große Chance für uns. Natürlich bleiben andere Weltregionen wichtig für uns. Europa, wo wir unsere traditionellen Partner haben, bleibt die erste Wahl für uns.

Ich weiß, dass unsere Weltmachtstellung infrage gestellt wird. Ich habe das alles schon häufiger gehört, es ist ein Lied, das alle paar Jahre von Neuem gesungen wird. Aber größere Rückschläge haben wir immer wieder überwunden, denn wir haben uns neu erfunden und wir haben Neues erfunden. Unsere Fähigkeit, immer wieder gestärkt aus einer Krise hervorzugehen, ist beispiellos in der modernen Geschichte. Sie entspringt unserem Modell der Demokratie und des freien Unternehmertums, ein Modell, das weiterhin der mächtigste Quell von Wohlstand und Fortschritt bleibt, den die Menschheit kennt. Unser Militär ist mit Abstand das stärkste der Welt, ebenso unsere Wirtschaft. Unsere Arbeitnehmer sind die produktivsten, unsere Universitäten weltweit renommiert. Wir sind bereit zu führen. Und es sollte keinen Zweifel geben, dass wir unsere Führungsmacht in der Welt des 21. Jahrhunderts so erhalten, wie wir es schon im vergangenen Jahrhundert getan haben. 

(c) Foreign Policy 

HILLARY RODHAM CLINTON ist Außenministerin der USA.

 
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