Kleider machen Politik

Von uniformierenden Anzügen und vielsagenden Hüten

1. July 2012 - 0:00 | von Florence Gaub

Internationale Politik 4, Juli/ August 2012, S122-126

Kategorie: Staat und Gesellschaft, Weltweit

Kleidung schützt und schmückt nicht nur, sie sagt auch etwas aus über den Träger: Ob er sich als Teil einer Gruppe sieht (Militäruniform, Mao-Jacke), eine politische Haltung ausdrückt (Palästinensertuch) oder seine Individualität betont. In Gesellschaften mit großen Hierarchien, wie Italien und Frankreich, legt man besonders viel Wert auf Kleidung.

Mode ist im Allgemeinen nicht das, was man mit seriösen Themen in Verbindung bringt. Die Welt der Kleidung gilt als oberflächlich, überkandidelt und selbstbezogen, während die Welt der Politik sich mit ernstzunehmenden Dingen wie Hungerbekämpfung, Kriegsverhinderung oder Konfliktlösung beschäftigt. Und doch haben die beiden Welten mehr gemeinsam als man denkt. Denn Mode ist ein Ausdruck menschlicher Identität, und Identität ist Teil des politischen Prozesses. Man denke nur an Yassir Arafat, der die traditionelle Kopfbedeckung der palästinensischen Bauern zu seiner Uniform trug, um seine direkte Verbindung zur palästinensischen Basis zu versinnbildlichen – obwohl er doch selbst Sohn eines Stoffhändlers und in Kairo aufgewachsen war. Oder Saddam Hussein, der während des Krieges gegen den Iran in militärischer Uniform auftrat, wenngleich er nicht einen Tag gedient hatte: Über die Kleidung drückte er nicht nur Solidarität mit der irakischen Armee aus, sondern stellte sich vor allem selbst als Oberbefehlshaber dar.

Kleidung sagt also immer etwas aus, teilt eine Botschaft über den Träger mit, egal ob es sich um Haute Couture oder militärische Uniformen handelt. Jeder Mensch kommuniziert mit seiner Kleidung – selbst wer betont keinen Wert auf seine Garderobe legt, teilt damit mit, dass er nicht als oberflächlich oder eitel gelten will. Kleidung erfüllt immer mehrere Funktionen: Sie kann über Status, Beruf, Geschlecht, politische Zugehörigkeit und Generation Auskunft geben. Sie vermittelt dem Gegenüber, mit wem er es zu tun hat, und erleichtert die Einordnung in soziale Gruppierungen – in der Politik genau wie auf dem Laufsteg.

In vielen Kulturen ist die Kleidung daher zum Symbol der Identität des Trägers geworden. Während seiner Jahre bei den arabischen Stämmen im Ersten Weltkrieg erlebte T. E. Lawrence, wie die Beduinen die Kleider der von ihnen getöteten ottomanischen Soldaten anzogen, quasi wie ein Skalp ein Symbol des militärischen Sieges. Der Verlierer gab mit den Kleidern seine Identität ab und galt damit als geschlagen – es ist hier die Kleidung, welche den Sieger zeichnet. Gleichzeitig schafft Kleidung Aufmerksamkeit: Als Lawrence bei der Diaschau des Journalisten Lowell Thomas „Mit Allenby in Palästina“ eine arabische Tracht trug, erhielt er die Aufmerksamkeit des amerikanischen Publikums und später der gesamten westeuropäischen Welt. Dass der Engländer die Kleidung der Beduinen Arabiens übergestreift hatte, machte ihn in den Augen vieler Europäer erst zum Faktotum und dann zum Verräter, der sich mit den Ureinwohnern verbrüdert hatte – dabei hätte er ohne diese Tracht vermutlich nicht das Vertrauen seiner arabischen Mitkämpfer erwerben können. Die Kleidung definierte ihn als einen der ihren, was in britischer Uniform schon deshalb nicht gegangen wäre, weil die arabischen Stämme westlichen Hüten grundsätzlich misstrauisch gegenüberstanden.

Da man durch Kleidung Zugehörigkeit oder Abgrenzung signalisiert, ist es nur logisch, dass für Organisationen, die Kollektivität zum Funktionieren brauchen – sei es Militär oder Fußballmannschaft –, das Individuum durch Standardbekleidung als Teil des Kollektivs zu gelten hat. Die Genfer Kriegsrechtskonvention verbietet Zivilisten sogar ausdrücklich das Tragen von Uniformen. Durch identische Kleidung kann keine Einzigartigkeit mehr ausgedrückt werden, der Einzelne wird Teil einer Gruppe. Da ist es auch nicht überraschend, dass der Siegeszug der Mode einherging mit der wachsenden Individualisierung in der westlichen Welt – je stärker das Individuum sich auch als solches wahrnahm, desto mehr wollte es dieses ausdrücken. Während es im 19. Jahrhundert in erster Linie Standesunterschiede waren, wuchs die Welt der Mode zu einer einzigen Zelebrierung des indiv
iduellen Ichs. In der gleichen Weise, wie Joschka Fischer durch seine Turnschuhe im Parlament den Nonkonformismus der Grünen und vor allem seiner selbst kundtat, verkündeten seine Anzüge als Außenminister seine Ankunft im politischen Establishment – und seine Akzeptanz der politischen Spielregeln auf internationalem Parkett.
Überhaupt, der Business-Zweiteiler ist die Erfolgsgeschichte schlechthin in Sachen Mode, hat er sich doch als Standard für all diejenigen etabliert, die in der westlich-kapitalistischen Welt in Wirtschaft und Politik mitspielen wollen. Entstanden als bequeme Landmode im ländlichen England des 19. Jahrhunderts, grenzte sich der Anzug von der steifen und reich dekorierten viktorianischen Kleidung ab, die vor allem Standesunterschiede kommunizierte. Der komfortablere Anzug glich diese Unterschiede durch Standardisierung zum Teil aus. Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde der Anzug zum Symbol der westlichen Dominanz und konsequenterweise von vielen Kulturen als solcher abgelehnt.

Sowohl die Mao- als auch die Nehru-Jacke waren chinesische und indische Gegenentwürfe nicht nur in Sachen Mode, sondern auch in Sachen Wirtschaft und Politik. Erstere entstand aus zwei Überlegungen heraus: zum einen als Alternative zur Pflichttracht, die die Qing-Dynastie als Mittel der sozialen Kontrolle institutionalisiert hatte, und zum anderen als Gegenentwurf zum Anzug des imperialistischen Westens, den die Qing-Kaiser nicht zurückzudrängen gewusst hatten (und weswegen sie gestürzt wurden). Damit war die Mao-Jacke ursprünglich eben kein Pflichtkostüm, wurde jedoch als Symbol der proletarischen Einheit in Opposition zum Kapitalismus zum dominanten Kleidungsstück. Je repressiver das System wurde, desto erfolgreicher wurde die Jacke, signalisierte sie doch Konformismus und schützte den Träger vor dem Verdacht der Dissidenz. Entworfen wurde die Jacke übrigens nicht von Mao, sondern von Sun Yat-sen – weil Mao die Jacke jedoch gerne trug, wurde er im Westen zu ihrem Namensgeber. Die chinesische Revolution politisierte die Jacke nach Sun Yat-sens Tod, indem sie die vier Außentaschen als Symbole der vier chinesischen Tugenden Anstand, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit und Scham erklärte, die fünf Knöpfe als die fünf Pfeiler der Regierung (Legislative, Judikative, Exekutive, Kontrolle, Prüfung) und die drei Manschettenknöpfe als drei Prinzipien des Volkes: Nationalismus, Demokratie und Volkswohl. Nach dem Auseinanderfallen der Sowjetunion und dem Niedergang des Kommunismus verlor die Jacke an Popularität, wird aber bei offiziellen Anlässen noch getragen. Ansonsten hat der westliche Anzug auch in China seinen Einzug gehalten und ist damit für manche zum Ausdruck der westlich dominierten Weltordnung geworden. Doch noch andere Dinge werden mit dem Tragen des Zweiteilers mitgeteilt: Konformität, Kollektivität und Furcht vor Kreativität. Aus genau diesem Grund wählte Michael Ende die „grauen Herren“ in seinem Roman Momo als Symbol der Unterdrückung der Individualität und als Diebe von wertvoller Lebenszeit.


Ein Hut, mehrere Interpretationen

Denn wer in Sachen Kleidung aus dem Rahmen fällt, zahlt mitunter einen hohen Preis. Bei der Diskussion um das islamische Kopftuch geht ja nicht um ein Stück Stoff, sondern um eine unterschwellige Angst vor Überfremdung. Dass italienische Mammas oder gar katholische Nonnen auch das Kopftuch tragen, ja bis in die 1960er Jahre niemand, der etwas auf sich hielt, ohne Kopfbedeckung aus dem Haus ging, spielt dabei keine Rolle – in diesen Fällen signalisiert das Tuch oder auch der Hut etwas anderes, nämlich katholische Pietät, gegen die ja nichts einzuwenden ist – im Falle des muslimischen Kopftuchs aber symbolisiert es Fremdheit und mangelnde Integration, so die Interpreta­tion. Dabei verlangt auch die Bibel die Kopfbedeckung von Frauen beim Beten, nur hält sich hierzulande niemand mehr daran.

Stichwort Kopfbedeckung: Mustafa Kemal Atatürk ließ Fes und Kopftuch in seiner neugeschaffenen säkularen Türkei als Symbol der Engstirnigkeit verbieten. Ägypten zog 1953 nach – per Gesetz ist das Tragen des Fes als Symbol des Anachronismus verboten. Eine andere Geschichte hatte der Fes in Italien, wo er Bestandteil faschistischer Uniformen war, während er in Griechenland bis heute Teil der Nationaltracht ist. Ein Hut, mehrere Interpretationen. Ursprünglich kommt der Fes übrigens aus der gleichnamigen marokkanischen Stadt – eine religiöse Bedeutung hat er nicht.

Wer Kleidungsstücke verbietet, verbietet damit immer ein Stück sozialer Identität und versucht, gesellschaftliche Strömungen zu kontrollieren oder zu kanalisieren. Der Schah des Iran erließ 1929 ein Gesetz, wonach westliche Mode getragen werden musste, um die Modernisierung des Landes zu beschleunigen. 1935 wurde ein weiteres Gesetz erlassen, das zum Tragen westlicher Hüte zwang; ein Jahr später wurde der Tschador verboten. Der Schah wurde 1979 vor allem wegen seiner Beziehungen zu den USA gestürzt – sichtbar auch an seinem westlichen Business-Anzug. Seine Nachfolger waren rechtlich weniger restriktiv als er – entgegen landläufiger Vorstellung ist der Tschador im Iran nicht Pflicht, doch Frauen müssen Haar, Hals und Arme bedecken. Oft ist aber gar kein Gesetz nötig, um soziale Normen in der Bekleidung durchzusetzen.

Aus Angst vor einer Auflösung der Geschlechterrollen war es vielen Frauen in Europa lange Zeit per Gesetz verboten, Hosen zu tragen, ist doch die Bibel im 5. Buch Mose eindeutig: Männer und Frauen dürfen nicht die Kleider des anderen Geschlechts tragen, wenn sie nicht den Zorn Gottes auf sich ziehen wollen. Aus genau diesem Grund wurde Jeanne d’Arc 1431 zum Tod durch Verbrennung verurteilt, nachdem man ihr Ketzerei nicht glaubwürdig nachweisen konnte. In Frankreich gilt theoretisch bis heute ein ähnliches, vor über 200 Jahren verabschiedetes Gesetz: Ausnahmen wurden nur gemacht, sofern die Frau „ein Fahrrad oder ein Pferd“ mit sich führte. Zwar haben französische Parlamenta­rierinnen die Aufhebung dieses Gesetzes beantragt, doch weil man zu viel Debatten darum fürchtete, rieten die Kollegen, es auf sich beruhen zu lassen.

Frauen, die Hosen trugen, galten bis in die 1960er Jahre in weiten Kreisen als pervers und männerhassend. Basierend auf der Annahme, dass Röcke und Kleider den genauen Rahmen für Geschlechteridentität vorgaben, waren die­jenigen, die diesen Rahmen verließen, folgerichtig in ihrer geschlechtlichen Identität verwirrt. Nicht umsonst galten Marlene Dietrich und Greta Garbo in ihren Hosen als „verrucht“ und standen stets im Verdacht, lesbische Liebschaften zu haben. Dabei hat die weibliche Hose die Emanzipation konsequent als Symbol der Arbeit begleitet: Die ersten europäischen Hosenträgerinnen waren Minenarbeiterinnen in England und Fabrikangestellte während des Zweiten Weltkriegs. Das Verbot oder die Ablehnung eines Kleidungsstücks ist dabei immer ein gesellschaftlicher Versuch, Normen gewaltsam durchzusetzen – über die Mode wird bekannt, wie der Träger zu diesen Normen steht.

Umgekehrt kann Protest gegen ein existierendes System besonders gut durch Kleidung ausgedrückt werden. Glatt rasierte Köpfe, Springerstiefel und Lederjacken signalisieren Zugehörigkeit zur rechten Szene, lange Haare und Bärte, Jeans und Strickpulli dienten als Hippie-Uniform, während der Ku-Klux-Klan seine Gesichter verhüllt, um Kollektivität, anonyme Masse und damit Stärke zu suggerieren. Schwarze Ledermäntel gelten seit dem Dritten Reich als Symbol der Gestapo: So wurde bei dem Amoklauf an einer High School im amerikanischen Columbine zunächst ein nationalsozialistischer Hintergrund vermutet, weil die beiden Attentäter solche Mäntel trugen. Im Gegenzug kann man mit Kleidung auch eine andere politische Haltung suggerieren: Deutsche Linke, die den palästinensischen Schal tragen, wissen vermutlich wenig über seinen ruralen Ursprung, solidarisieren sich aber mit der palästinensischen Sache allgemein und weniger mit der Bauernbevölkerung. T-Shirts mit dem Konterfei Che Guevaras beziehen sich weniger auf sein Barett, das er als Teil seiner militärischen Uniform trug, und mehr auf seinen antiimperialistischen Kampf.

Grundsätzlich legen Gesellschaften mit großen Hierarchien mehr Wert auf Kleidung, weil dadurch die eigene Position in der Gesellschaft kommuniziert wird. Gute Beispiele dafür sind Italien und Frankreich. In den USA oder Israel, Ländern mit flachen Hierarchien, benötigt man weniger Mittel, um Standes­unterschiede auszudrücken. Aus den gleichen Gründen kleiden sich Politiker in Deutschland und im Rest der westlichen Welt so, dass sich eine große Gruppe von Wählern mit ihnen identifizieren kann. Beim Versuch, die Aussagekraft der Kleidung zu reduzieren, wird daher auf das gleichmacherischste Kleidungsstück zurückgegriffen: den Anzug. Deshalb fallen Franz Münteferings roter Schal und Ludwig Stieglers roter Pullover aus dem Rahmen – doch vergleichsweise moderat, denn sie wählen die Farbe, die die Zugehörigkeit zur Linken signalisiert.

Im Großbritannien des 17. Jahrhunderts erließ das Parlament übrigens ein Gesetz, das es Männern erlaubte, sich scheiden zu lassen, sofern die Dame sie durch das Tragen von High Heels in den Ehestand getrickst hatte. Da Kleidung also stets etwas über die politische Position des Trägers aussagt, bringt es Mark Twain auf den Punkt: „Kleider machen Leute: Nackte Menschen haben nur sehr wenig Einfluss in der Gesellschaft.“


Dr. FLORENCE GAUB ist Dozentin in der Nahost-Abteilung des NATO Defense College in Rom.

 
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