Hoffen und Bangen in Neu-Delhi

Freude mit Vorbehalten: Indien und Amerikas pazifische Wende

1. March 2012 - 0:00 | von Priya Shankar

Internationale Politik 2, März/ April 2012, S. 55-61

Kategorie: Internationale Politik/Beziehungen, Indien, Südasien, Nordamerika

Euphorischen Einschätzungen zum Trotz: Indiens Priorität bleibt die innere wirtschaftliche Entwicklung. In deren Dienst stehen auch die Außen- und Sicherheitspolitik. Von Amerikas stärkerem Engagement im indo-pazifischen Raum erhofft sich Neu-Dehli vor allem Stabilität, sorgt sich aber über dessen Implikationen – vor allem mit Blick auf China.

Man kann eine Region anhand ihrer geografischen Umrisse definieren. Noch wichtiger ist es, sie als „imagined community“, als „vorgestellte Gemeinschaft“ zu begreifen, die von gemeinsamen Werten und Ideen zusammengehalten wird.1 Regionen sind konstruierte politische Einheiten, die sich beständig weiterentwickeln. Die asiatisch-pazifische Region erlebt gerade einen Schlüsselmoment ihrer Entwicklung. Es ist ein Prozess, bei dem für Indien einiges auf dem Spiel steht und in dem das Land eine herausragende Rolle einnimmt.

„Die Zukunft wird in Südostasien entschieden“, erklärte US-Außenministerin Hillary Clinton Ende 2011.2 Viele Kommentatoren sahen in diesem Richtungswechsel einen historischen Wendepunkt in der Geschichte der außenpolitischen Strategie der Vereinigten Staaten. Wie bewertet Indien diesen Schritt? Wie sieht Indien die asiatisch-pazifische Region und seine eigene Rolle? Um diese Fragen zu beantworten, muss man eine Reihe von Aspekten berücksichtigen, die den indischen Blick auf Asien geprägt haben: historische Erfahrungen, politische Prioritäten, die Look East-Initiative und die politische Debatte im Land. So wird deutlich, warum der amerikanische Vorstoß in Indien willkommen ist, aber auch Ängste hervorruft.

Die Geschichte Indiens in Asien

Um den indischen Blickwinkel zu verstehen, muss man sich die historischen Entwicklungen und kulturelle Verflechtung in der Region ansehen. Historische Erfahrungen haben das „Asien-Gefühl“ der Inder in zweierlei Hinsicht geprägt: Erstens umschloss aus indischer Sicht „Asien“ stets den gesamten Kontinent, nicht nur den südöstlichen Teil. Und zweitens steht das Land wegen seiner kolonialen Erfahrung jeder Einmischung von außen traditionell skeptisch gegenüber.

Der Buddhismus entstand im 6. Jahrhundert vor Christus in Indien und breitete sich von dort nach ­Südostasien, China und Japan aus. Faxian (4. Jahrhundert n. Chr.) und ­Xuanzang (7. Jahrhundert n. Chr.) waren chinesische Pilgermönche, die ihrerseits nach Indien reisten und von ihren Begegnungen eindrucksvoll Zeugnis ab­legten. Judaismus, Christentum und Islam entstanden in Westasien und verbreiteten sich innerhalb ihrer ersten tausend Jahre auch in Indien.

Die Seidenstraße erleichterte Austausch und Handel, nicht nur innerhalb Asiens, sondern auch mit dem Mittelmeerraum und Teilen Nord- und Ostafrikas. Diese Vorgeschichte ist wichtig, zeigt sie doch, dass es trotz der Unterschiede zwischen den asiatischen Zivilisationen und Reichen eine Vielzahl von Verbindungen zwischen ihnen gab. Indien lag an der Schnittstelle verschiedener zivilisatorischer Traditionen. Das Land sieht sich deshalb traditionell als Bindeglied zwischen West- und Ostasien.

Die Kolonialisierung veränderte die Dynamik in Asien, und die intraregionalen Verbindungen – etwa der Opiumhandel – wurden fortan von den europäischen Kolonialmächten geformt und gesteuert. Mitte des 20. Jahrhunderts herrschten in Indien und ganz Asien große Hoffnungen, dass das Ende der Kolonialzeit eine neue Ära panasiatischer Solidarität einläuten würde. Kurz vor Indiens Unabhängigkeit 1947 fand in Neu-Delhi die Asian Relations Conference statt, an der Delegierte aus China, dem Iran, Saudi-Arabien, Ägypten, Indonesien, Vietnam, der Türkei, Korea, der Mongolei, Thailand, Malaysia, den Philippinen, Zen­tralasien, Australien und Neuseeland teilnahmen. Auf dieser Konferenz urteilte Jawaharlal Nehru: „Eine der Konsequenzen der europäischen Herrschaft über Asien war die Isolation der asiatischen Länder voneinander.“ Indien war auch Mitinitiator der Bandung-Konferenz, die 1955 in Indonesien stattfand und 29 asiatische und afrikanische Länder zusammenbrachte. „Bandung“ sollte eine asiatische Dynamik entfalten und eine Ära enger Zusammenarbeit einleiten, doch eine Reihe von Faktoren, darunter die Geopolitik des Kalten Krieges, verhinderten, dass sich diese hochfliegenden Hoffnungen erfüllten. Nicht nur die Erfahrung des Kolonialismus, sondern auch die Ära des Kalten Krieges haben Indien gelehrt, äußerer Einmischung in asiatische Belange skeptisch gegenüberzustehen.

Prioritäten und Interessen

Indiens Prioritäten in der Wirtschafts- und Sicherheitspolitik prägen die Haltung des Landes gegenüber Asien. Viel wurde zuletzt über Indien als aufstrebende Schwellenmacht geschrieben. Die Größe und Vielfalt des Landes, sein rapides Wirtschaftswachstum und seine Rolle als eine der ältesten Demokratien unter den Entwicklungsländern haben ihm eine Sonderstellung eingebracht. Dennoch bleibt die innere Entwicklung Hauptfokus des Landes. Das internationale Engagement Indiens ist weitgehend getrieben von seinen innenpolitischen und ökonomischen Interessen. Auch wenn die indische Wirtschaft rasant wächst: Das Pro-Kopf-Einkommen beträgt nicht mehr als 1527 Dollar im Jahr. Damit rangiert Indien laut Internationalem Währungsfonds weltweit auf Platz 135.

Indien steht vor enormen gesellschaftlichen Herausforderungen: Armut, schwache Infrastruktur, niedriges Bildungsniveau, mangelhafte Lebensmittel- und Gesundheitsversorgung, unzureichender Zugang zu Strom, Wasser und Sanitäreinrichtungen. Das Land hat folglich das Wirtschaftswachstum zur obersten Priorität erklärt, um hunderte Millionen von der Armut zu befreien. Indien hat erkannt, dass Handel das Potenzial hat, für Wohlstand und Wachstum zu sorgen, und es versucht, ein faires, regelbasiertes Handels- und Investitionssystem zu errichten. Indien benötigt Energie, um das Wachstum auf hohem Niveau zu halten. Es braucht Öl und Gas, das es von seinen unmittelbaren Nachbarn und aus der ganzen Welt bezieht. Indien treibt aber auch Innovationen und technische Kooperation bei erneuerbaren Energien voran.

Wachstum und Wohlstand erfordern ein friedliches und sicheres regionales und globales Umfeld. In der Sicherheitspolitik sieht Indien daher seine Prioritäten im Kampf gegen den Terrorismus, in der Verhinderung nuklearer Weiterverbreitung und in der maritimen Sicherheit. Viele der größten Sicherheitsbedrohungen des Landes, wie der Terrorismus, haben ihren Ursprung in der unmittelbaren Nachbarschaft. Zugleich sind oder waren sie mit regionalen und globalen Netzwerken wie dem von A. Q. Khan verbunden, dem „Vater der pakistanischen Atombombe“. An Khans Netzwerk waren wohl mehrere asiatische Länder beteiligt.3 Die Gefahr, die von ihnen ausgeht, ist groß, vor allem, wenn waffenfähiges Material in die falschen Hände gerät. Auch die maritime Sicherheit und der Kampf gegen die Piraterie sind für Indien von zentraler Bedeutung. In den Gewässern um den Subkontinent herum liegt die einheimische Erdöl- und Erdgasproduktion, und ein Großteil des indischen Handels und der Energieversorgung wird über diese Seewege abgewickelt.

Indiens wirtschaftliche und sicherheitspolitische Prioritäten verlangen nach einem stabilen und kooperativen Umfeld in Asien. Deshalb begrüßt Indien die Hinwendung der Vereinigten Staaten nach Asien und ist überzeugt, dass dieser Schritt die regionale Ordnung stärken wird. Doch es herrscht auch Unsicherheit, welche Folgen die neue amerikanische Strategie haben könnte.

Look-East-Politik

Die Hinwendung nach Osten ist nicht neu. Schon 1992 initiierte Premier­minister Narasimha Rao die Look-East-Politik. Sie wurde von den nachfolgenden Regierungen weitergeführt und ist heute ein Grundpfeiler der indischen Außenpolitik. Der amtierende Regierungschef, Manmohan Singh, drückte es auf dem ASEAN Business Advisory Council Leaders Dialogue 2005 in Kuala Lumpur so aus: „Die Look-East-Initiative ist mehr als auswärtige Wirtschaftspolitik. Sie ist auch eine strategische Verschiebung, was den indischen Blick auf die Welt und den Platz Indiens in der Weltwirtschaft angeht.“

Mit „Look East“ will Indien die Zusammenarbeit und Integration mit Asien insgesamt und insbesondere seinen östlichen Nachbarländern vertiefen. Dass die wichtigsten Gäste bei den Feiern zum „Tag der Republik“ in den vergangenen drei Jahren aus ostasiatischen Ländern stammten (Thailand, Indonesien, Südkorea), zeigt, wie wichtig die Region inzwischen für Neu-Delhi geworden ist. Das gilt besonders in wirtschaftlicher Hinsicht: Das Volumen seiner Wirtschafts- und Handelsbeziehungen mit Ostasien hat sich vervielfacht. Japan, Südkorea, Indonesien und Singapur gehören zu Indiens wichtigsten Handelspartnern. Das Land hat umfassende Abkommen zur Wirtschaftszusammenarbeit mit Japan, Südkorea und Singapur sowie Freihandelsrahmenabkommen mit der ASEAN und Thailand geschlossen. 2011 haben Verhandlungen über ein Wirtschaftsabkommen mit Aus­tralien begonnen. Die einzelnen Stufen und Verhandlungsschritte dieser Abkommen mögen sich unterscheiden, doch alle weisen darauf hin, dass es zwischen Indien und Ostasien einen ökonomischen Integrationsschub gegeben hat, der allen beteiligten Ländern hilft, ihr Wachstum zu steigern.

Auch sicherheitspolitisch hat In­dien seine Beziehungen zu den ostasiatischen Ländern vertieft. Mit Japan hat Indien 2008 ein Sicherheitsabkommen unterzeichnet und sich mit Australien 2009 auf eine gemeinsame Erklärung über Sicherheitskoopera­tion geeinigt. Indonesien und Südkorea unterhalten eine strategische Partnerschaft mit Indien, und nach dem jüngsten Besuch des thailändischen Regierungschefs scheint sich eine solche auch mit Thailand anzubahnen. Indien nimmt an Flotten- und anderen Manövern mit den meisten Ländern der asiatisch-pazifischen Region teil.

Darüber hinaus ist Indien eingebunden in ein Netzwerk multilateraler asiatischer Institutionen. Seit 1995 ist das Land Dialogpartner der ASEAN; die 2004 unterzeichnete Erklärung über eine „Partnerschaft für Frieden, Fortschritt und gemeinsamen Wohlstand“ hat Indiens Zusammenarbeit mit der Organisation noch einmal gestärkt. Indien gehört auch zum Prozess der ASEAN-Verteidigungsminister+8, der 2010 begann, und an dem die Verteidigungsminister von Australien, China, Japan, Indien, Neuseeland, Russland, Südkorea und den Vereinigten Staaten sowie der ASEAN-Staaten beteiligt sind. Ferner gehört Indien zu den Teilnehmern des Ost­asien-Gipfels, bei dem inzwischen auch Russland und die Vereinigten Staaten vertreten sind. Indien ist kein Mitglied der APEC (Asia Pacific Economic Cooperation), wurde aber im vergangenen Jahr erstmals als Beobachter zum Gipfel eingeladen. 1997 spielte das Land eine wichtige Rolle bei der Gründung der BIMSTEC (Bay of Bengal Initiative for Multi-Sectoral and Technical Cooperation). Es war 2000 auch Mitinitiator der Mekong-Ganga Cooperation Initiative, zu der Thailand, Birma (Myanmar), Kambodscha, Laos und Vietnam gehören.

Indiens Vernetzung in Ostasien zeigt, dass es sich als Teil der Region begreift und als ein Land, das seinen Beitrag zur regionalen Ordnung und Stabilität leistet. Von der amerikanischen Hinwendung zum asiatisch-pazifischen Raum verspricht sich Indien vor diesem Hintergrund weitere Schritte zur Gestaltung der regionalen Ordnung. Die Ausbildung der asiatisch-pazifischen Architektur soll aber reibungslos vonstatten gehen, und in Neu-Delhi herrscht auch eine gewisse Furcht vor Schritten, die Differenzen zementieren oder bestehende Konflikte anheizen könnten.

Die Vereinigten Staaten und China

Die Rollen, die die Vereinigten Staaten und China spielen, werden entscheidend für die zukünftige regionale Ordnung sein, und Indiens Beziehungen zu beiden Ländern wird großes Gewicht beigemessen.
Die Beziehungen zwischen Indien und den USA haben sich seit der Entfremdung in den Jahren des Kalten Krieges auf bemerkenswerte Weise gewandelt und sind heute, wie es Obama bei einem Indien-Besuch 2010 formulierte, „eine der bestimmenden Beziehungen des 21. Jahrhunderts“. Als bevölkerungsreiche, föderale und pluralistische Demokratien teilen beide Länder ähnliche Werte und Erfahrungen. Der indisch-amerikanische Handel hat sich intensiviert, und auch in anderen Bereichen, wie Technologie, Bildung und Sicherheit, gibt es mehr Kooperation. Das indisch-amerikanische Abkommen über friedliche Atomkooperation, das 2008 unterzeichnet wurde, symbolisiert die engeren Beziehungen zwischen den Ländern, die jetzt auch eine strategische Partnerschaft verbindet.

Was die Beziehungen zu China angeht, so erlitten sie nach den freundschaftlichen Jahren nach der indischen Unabhängigkeit mit dem Grenzkrieg von 1962 einen schweren Rückschlag. In den folgenden zwei Jahrzehnten blieb das Klima zwischen den beiden Ländern frostig. Der Besuch von Regierungschef Rajiv Gandhi 1988 in China veränderte das Klima, das sich seither deutlich gebessert hat. Beide Seiten bemühen sich nun, Konflikte im Dialog zu lösen, die ökonomische und politische Zusammenarbeit auszubauen und bei globalen Herausforderungen zu kooperieren. Doch Spannungen und Vorbehalte sind geblieben, vor allem wegen der ungelösten Grenzfrage und Chinas strategischer Unterstützung für Pakistan.

Wie in jeder Demokratie wird auch in Indien lebhaft über strategische und politische Fragen diskutiert. Dem indischen Politikwissenschaftler Kanti Baj­pai zufolge lassen sich drei strategische Denkschulen unterscheiden: Erstens die Internationalisten, die an die Macht der internationalen Institutionen glauben, an Moral, an idealistische Diplomatie und Solidarität mit den Entwicklungs- und Schwellenländern; zweitens die Liberalen, die auf Wirtschaftswachstum und Globalisierung setzen und vor allem mit den westlichen Großmächten zusammenarbeiten wollen; und drittens die Realisten, für die die Welt ein Ort des Konkurrenzkampfs ist und militärische Macht der Schlüssel zum Erfolg.4

Diese Denkschulen prägen auch die Debatten über die Beziehungen Indiens zu den Vereinigten Staaten und China. Einige Kommentatoren plädieren dafür, dass sich Indien mit den USA verbündet, andere stehen den Absichten der Amerikaner skeptisch gegenüber und glauben, es sei klüger, sich mit den asiatischen Staaten und Schwellenländern zu solidarisieren und insbesondere auf engere Beziehungen zu China zu setzen. Wieder andere fürchten die chinesische Militärmacht und wollen Indiens eigene militärische Kapazitäten ausbauen, um selbst für Sicherheit sorgen zu können. Die offizielle indische Außenpolitik ist gewissermaßen eine ausgewogene Mischung dieser verschiedenen Strömungen und Diskussionen. Nach der Unabhängigkeit dominierten zunächst die Internationalisten, doch in den vergangenen zehn Jahren gewannen die Liberalen an Einfluss.

Hoffnung und Besorgnis

Die unterschiedlichen Strömungen spiegeln sich auch in Indiens Reak­tion auf Amerikas „pazifisches Jahrhundert“ wider. Indien begrüßt und unterstützt die amerikanische Strategie aus einer Reihe von Gründen. Erstens ist sie ein Anzeichen dafür, dass die Vereinigten Staaten die wachsende Bedeutung der Region für den Frieden und Wohlstand der ganzen Welt erkannt haben. Zweitens respektiert Indien die USA als asiatisch-pazifische Macht und schätzt die Rolle der Amerikaner bei der Herstellung und Sicherung von Stabilität und Wohlstand in der Region. Besonders in einer Zeit, in der Chinas Aufstieg in Indien Ängste hervorruft, ist die amerikanische Präsenz in der Region willkommen. Mit ihrer Militärmacht und ihrem zuletzt machtbewussteren Auftreten in Ost- und Südasien haben die Chinesen jüngst historische Spannungen verstärkt. Indien und andere südostasiatische Länder sind besorgt, China könne eine hegemoniale Posi­tion in der Region anstreben, und begrüßen daher die Vereinigten Staaten als ausgleichende Macht.

Besorgnis herrscht in Neu-Delhi allerdings mit Blick auf die weiteren Implikationen des amerikanischen Strategiewechsels. Erstens sind die Umrisse der asiatisch-pazifischen Region, wie sie sich die Regierung Obama vorstellt, eine „imagined community“. Laut Hillary Clinton reicht sie „vom indischen Subkontinent bis zu den westlichen Küsten von Nord- und Lateinamerika“. Sie umfasst also den Indischen und den Pazifischen Ozean, und es ist interessant zu sehen, welche Länder nach dieser Konzeption dazugehören und welche nicht. Indien, ein Land an der Schnittstelle zwischen Ost- und Westasien, steht dagegen jeder künstlichen Grenzziehung skeptisch gegenüber. Neu-Delhi erkennt das wachsende Gewicht Ostasiens an, doch aus indischer Sicht bleibt Westasien von entscheidender Bedeutung. „Für uns hat Asien immer den ganzen Kontinent umfasst, nicht nur den östlichen Teil, wie es von der anderen Seite des Pazifik oft scheint“, betonte der indische Außenminister Ranjan Mathai im November 2011.

Zweitens ist in den USA und den Ländern des Pazifiks viel diskutiert worden, ob das amerikanische Engagement im asiatisch-pazifischen Raum eine gegen China gerichtete Containment-Strategie darstellt oder nicht. In amerikanischen und chinesischen Medien meinten viele, in der Ausrufung des „pazifischen Jahrhunderts“ durch die Regierung Obama eine konfrontative Botschaft an China zu erkennen. Doch ist die Botschaft der Amerikaner, wie Kenneth Lieberthal betont hat5, vielschichtiger und zielt auf die Einbindung von und die Kooperation mit China ab. Es ist zu früh, um die präzise Form vorherzusagen, die die amerikanische Strategie annehmen wird. Sicher ist aber: Eine Konfrontation im Stil der Blockpolitik des Kalten Krieges oder ein neues „Great Game“ der Großmächte würde den Wohlstand in der Region gefährden.

PRIYA SHANKAR ist Senior Researcher und Projektentwicklerin bei der Alfred Herrhausen Gesellschaft. Der Artikel gibt ihre persönliche Meinung wieder.

  • 1. Benedict Anderson hat das Konzept der „imagined communities“ in seinen Studien zum Nationalismus entwickelt: Imagined Communities: Reflections on the Origin and Spread of Nationalism, Verso 1991; Amitav Acharya hat das Konzept auf Regionalstudien angewandt: The Quest for Identity. International Relations of South-East Asia, Oxford 2000.
  • 2. Hillary Rodham Clinton: Amerikas pazifisches Jahrhundert, IP, Januar/Februar 2012, S. 62–69.
  • 3. Siehe Gordon Corera: Shopping for bombs. Nuclear proliferation, global insecurity and the rise and fall of the A. Q. Khan network, New York 2006.
  • 4. Siehe Kanti Bajpai: India and the World, in: N. Gopal Jayal und P. Bhanu Mehta (Hrsg.): Oxford Companion to Politics in India, Oxford 2010.
  • 5. Kenneth Lieberthal: The American pivot to Asia, Foreign Policy, Dezember 2011.
 
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