Kohls tragische Größe

Die Biografie von Hans-Peter Schwarz weist über den Tag hinaus

1. November 2012 - 0:00 | von Eckhard Jesse

Internationale Politik 6, November/ Dezember 2012, S. 139-141

Kategorie: Government and Society, Germany, Central Europe, Europe

Es ist die zweite Kanzlerbiografie, die der renommierte Zeithistoriker nach dem Standardwerk über Adenauer nun vorlegt. Sie bietet nicht nur einen Einblick in das politische Leben Helmut Kohls, sondern auch in das der Bundesrepublik Deutschland. Im Gegensatz dazu steht das Merkel-Buch von Gertrud Höher, das wohl bald vergessen sein wird.

Es ist ein doppeltes offenes Geheimnis: Hans-Peter Schwarz schätzt Helmut Kohl und seine Politik, Gertrud Höhler hingegen Angela Merkel und ihre Politik nicht. Während Schwarz, kein Merkel-Berater, in seinem Meisterwerk gleichwohl Distanz wahrt und Negatives erwähnt, schafft es Höhler, eine frühere Kohl-Beraterin, in ihrem Machwerk keineswegs, Distanz zu wahren und Positives zu erwähnen. Die Autorin polemisiert derart, dass sie ihr bedenkenswertes ­Kernargument, Merkel sei macht-, nicht wertebewusst, selber entwertet. Der Leser erfährt wenig über die Politik Merkels, etwas über ihre Persönlichkeit und – indirekt – viel über die Autorin.

Höhlers Kritik an Merkels plötzlichem Atomausstieg nach der Katas­trophe von Fukushima ist berechtigt, aber nicht die mitunter gehässige Art und Weise, wie sie diese vorbringt, wenn es heißt: „Wer sich Demokratie nicht mehr leisten kann, um an der Macht zu bleiben, sollte nicht an der Macht bleiben.“ Höhler rechnet mit dem „System M“ ab, mit Merkels Behauptung, diese oder jene Entscheidung sei „alternativlos“. Übel sind ihre Ressentiments gegen den Osten („Anderland“) und die überheblich daherkommende Attitüde („Aufsteigerin im Kostüm des Landeskindes“).

Die Frage, ob Angela Merkel in den Fußstapfen Kohls wandelt, wird bei Höhler nicht angemessen beantwortet. Hingegen kommen die Anhänger Kohls bei Hans-Peter Schwarz auf ihre Kosten. 30 Jahre nach der Übernahme der Kanzlerschaft durch Helmut Kohl am 1. Oktober 1982 gibt es nun die erste große wissenschaft­liche Biografie über den „Enkel Adenauers“, den „Schwarzen Riesen“ oder, kurz, „das Schlachtross“. Der wohl führende Zeithistoriker Deutschlands weiß, wovon er spricht. Gut recherchiert, flott geschrieben und mit souveräner Urteilskraft versehen, gibt die Biografie nicht nur einen Einblick in das politische Leben Kohls, sondern auch in das der Bundesrepublik Deutschland.

Die Biografie ist chronologisch angelegt: Dem „Aufbruch (1930–1969)“ folgen „Der Herausforderer (1969–1982)“, „Ein mittelmäßiger Bundeskanzler? (1982–1989)“, „Kanzler der Einheit (1989–1990)“, „Architekt des neuen Europa (1991–1998)“ und, relativ kurz, „Das Ende des Glückskindes“. Sie fängt das politische Werk Kohls, der sich früh der Politik verschrieben hatte, angemessen ein, wiewohl die Anfänge eher etwas blass bleiben, bedingt wohl durch die wenig ergiebige Quellenlage. Kohl macht in Rheinland-Pfalz als Reformpolitiker (zunächst Fraktionsvorsitzender, dann Ministerpräsident) und später in der Bundespartei, trotz einiger Rückschläge, eine Bilderbuchkarriere. Nach der knappen Wahlniederlage 1976 gegen Helmut Schmidt bleibt er in Bonn – viel Häme ertragend. Gegen Helmut Schmidt und Franz Josef Strauß, seinen Gegner in den eigenen Reihen, scheint Kohl auf verlorenem Posten zu stehen, doch Schwarz macht plausibel, wie sich der Rheinland-­Pfälzer mausert. Das Geheimnis, welche Rolle Genscher bei der Inthronisierung gespielt hat, lüftet der Autor aber nicht. Der lange unterschätzte Kohl besiegt vier Kanzlerkandidaten der SPD, ehe er, inzwischen unpopulär geworden, von Gerhard Schröder bezwungen wird, danach von der ­Finanzaffäre, dem doppelten Familiendrama und der schweren Krankheit.

Damit der biografische Rahmen nicht überdehnt wird, findet sich am Ende eines jeden Kapitels eine „Betrachtung“ eher allgemeiner Art: „Die Generation von 1945 und die Parteien“, „Nach dem Wirtschaftswunder“, „Die kurzen achtziger Jahre“, „Der deutsche Kernstaat“, „Helmut Kohl und das dritte europäische Nachkriegssystem“, „Am Ende des Tages“. Hier kommen die Rahmenbedingungen und die politischen Konstellationen eindrucksvoll zur Geltung. So habe Kohl in den „kurzen achtziger Jahren“ zwar weder zur Globalisierung noch zur Erosion des Ostblocks beigetragen, wohl aber zur europäischen Integration, die nach der deutschen Einheit, abermals durch Kohl, forciert worden sei. Der Euro, somit nicht der Preis für die Wiedervereinigung, war längst beschlossene Sache.

Und Schwarz macht deutlich, welche Hindernisse es für Kohl bei seiner Strategie der Wiedervereinigung zu überwinden galt: in der politischen Klasse Deutschlands wie gegenüber dem östlichen und westlichen Ausland. Zugute kamen ihm dabei das ökonomische Desaster in der DDR und die Sehnsucht nach Wohlstand bei den meisten Ostdeutschen, die eine schnelle deutsche Einheit unter westlichen Vorzeichen anstrebten. Allerdings habe Kohl keine langfristige Strategie zur Lösung der deutschen Frage besessen, vielmehr die Gunst der Stunde gut genutzt. Laut Schwarz ist Kohl einer der wichtigsten Architekten des dritten europäischen Nachkriegssystems – nach 1918 und nach 1945.

Der von Empathie beseelte Biograf steht Kohl wohlwollend, freilich keineswegs unkritisch gegenüber. Er hält dessen politische Grundentscheidungen in der Deutschland- und Außenpolitik im Kern für richtig. Schwarz benennt allerdings auch deutlich Kohls Schwächen: seine eher mageren Kenntnisse der Wirtschaft, den Einsatz der Macht mit nahezu allen Mitteln, sein weithin fehlendes Charisma und eine wenig berauschende Rhetorik.

Gilt das Lob Kohls Europa-Politik und dessen Ausbau der EU, so meldet Schwarz – schon vor einem Jahrzehnt – Bedenken gegenüber dem „Großprojekt“ der Europäischen Währungsunion an. Hat nach Kohl der Euro die Einigung Europas irreversibel gemacht, so sieht sein Biograf gerade in ihm eine Gefahr für die Integration Europas. „Tragische Größe – wird dies einmal das Urteil sein, das künftig Historiker über den Vorkämpfer des Euro fällen?“ Mit dieser suggestiv klingenden Frage endet das Buch. Die Skepsis gegenüber der Strategie Kohls, die Gemeinschaftswährung schnell einzuführen, ist offenkundig.

Die wegweisend-entschlossene Haltung Kohls, die dieser in der Außenpolitik gezeigt hat, vermisst der Autor in der Innenpolitik. Kohl habe aus Angst vor dem Wähler den überdehnten und kostspieligen Sozialstaat nicht gebremst, ihn vielmehr auf die neuen Bundesländer übertragen. Zugleich war „die radikale, schmerzhafte, auf lange Sicht aber erfolgreiche Einschmelzung der neuen Länder in den Gesamtstaat die größte Reform, die in der Bundesrepublik je unternommen wurde“.

Das Alterswerk des liberal-konservativen Schwarz, der Schlüsseldokumente einsehen, Tagebücher lesen (etwa von Kurt Biedenkopf und Walther Leisler Kiep) und zahlreiche Zeitzeugen befragen konnte, ist weithin meisterhaft geraten. Die schmissig-eingängige Sprache reißt den Leser nahezu von Seite zu Seite mit: Ironische Seitenhiebe, salopp-spöttische Formulierungen, sarkastische Sottisen und treffende Aperçus finden sich zuhauf. Personenfragen rangieren vor Sachfragen, wie bei Kohl.

Die große Stärke der reich bebilderten Biografie ist vielleicht ihre kleine Schwäche. Schwarz berücksichtigt alle Facetten der Politik des „Parteitiers“ Kohl gleichermaßen gründlich. So unterbleibt eine thesenartige Zuspitzung oder eine Fixierung auf eine spezifische Thematik. Ein roter Faden fehlt im Grunde. Enthüllende Überraschungscoups sind Mangelware. Das gilt für die überschätzte Spendenaffäre, deren Proportionen das Buch zurechtrückt, und für das Verhältnis zwischen Kohl und dem von Schwarz nicht sonderlich goutierten Schäuble – eine Tragödie „von fast altgriechischer Ernsthaftigkeit“.

Die aufschlussreiche Frage, ob Angela Merkel bei ihrer Europa-Politik in den Spuren Kohls wandelt oder aus dem von ihm geschaffenen „System“ ausschert, wird – verständlicherweise – nicht behandelt. Wie sieht Kohl das selber? „Er ist klug genug, sich lange mit Kommentaren zurückzuhalten und die Hasen laufen zu lassen.“ Schwarz erwähnt schließlich das große Interview in der Internationalen Politik (5/2011), mit dem Kohl seine Zurückhaltung aufgibt, die eigene Europa-Konzeption rechtfertigt und verdeckt die Merkel-Regierung kritisiert.

Hans-Peter Schwarz: Helmut  Kohl. Eine politische Biographie. München: Deutsche Verlags-Anstalt 2012, 1052 Seiten, 34,90 €

Gertrud Höhler:  Die Patin. Wie Angela Merkel Deutschland umbaut. Zürich:  Verlag Orell Füssli 2012, 296 Seiten,  21,95 €


Prof. Dr. Eckhart Jesse ist Lehrstuhlinhaber für Politikwissenschaft an der TU Chemnitz.

 
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