Die vielen Gesichter der Muslimbrüder

Neue Bücher zu einem überdramatisierten, aber unteranalysierten Phänomen

6. January 2013 - 0:00 | von Jan Kuhlmann

Internationale Politik 1, Januar/ Februar 2013, Seite 136-140

Kategorie: Ägypten

Sind sie wirklich so gefährlich, wie viele Beobachter meinen? An lauten Warnungen vor den Muslimbrüdern mangelt es in Deutschland nicht; allerdings fehlt es am Bemühen, sich wirklich eingehender mit ihnen auseinanderzusetzen. Wer es dennoch tun möchte, ist auf englischsprachige Publikationen angewiesen. Ein Überblick.

Kairo hat in den vergangenen Wochen wieder einmal turbulente Zeiten erlebt. Als Präsident Mohammed Mursi vor einem halben Jahr sein Amt antrat, sahen viele Beobachter ihre Befürchtungen bewahrheitet, der Arabische Frühling werde sich als ein islamischer oder gar islamistischer Frühling entpuppen. Mit dem Muslimbruder Mursi, so die These, beginne die Islamisierung Ägyptens, an deren Ende ein „Gottesstaat“ nach dem Vorbild des Iran entstehen könnte.

Innenpolitisch hat Mursi seine Macht deutlich ausgebaut. Die bis vor kurzem allmächtigen Generäle des ägyptischen Militärrats degradierte er praktisch von einem Tag auf den anderen. Ende November erließ er ein Dekret, das ihm – zumindest vorübergehend – quasi diktatorische Vollmachten bei der Gesetzgebung einräumt. Zwar musste der Präsident das Dekret nach neuen massiven Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz und heftiger Kritik in den Medien – eine ägyptische Tageszeitung zeigte Mursi auf dem Titelbild in Diktatorenuniform und mit Hakenkreuz – wieder zurückziehen. Dennoch, der politische Arm der Muslimbrüder, die Partei für Freiheit und Gerechtigkeit, trat in der verfassungsgebenden Versammlung so dominant auf, dass sich die meisten liberalen Kräfte aus Protest zurückzogen. Mursis Kritiker sehen ihre Befürchtungen Wahrheit werden.

In der Außenpolitik erntete Mursi dagegen viel Lob. Für Aufsehen sorgte sein Besuch in Teheran – nicht etwa, weil er sich mit dem iranischen Präsidenten Machmud Achmadinedschad verbrüderte, sondern weil er mit klaren Worten Syriens Präsidenten Ba­schar al-Assad, einen Verbündeten des Iran, verurteilte. Trotz anderslautender Befürchtungen hat sich auch Ägyptens Haltung im Nahost-Konflikt zwar in der Rhetorik verändert, nicht aber in der grundsätzlichen politischen Ausrichtung. Zuletzt vermittelte Mursi in enger Abstimmung mit Washington einen Waffenstillstand zwischen der Hamas im Gaza-Streifen und Israel. Von US-Präsident Barack Obama wurde danach der Satz übermittelt, Mursi sei ein pragmatischer und gradliniger Partner gewesen, „der seine Versprechen gehalten hat“.

Pragmatismus oder Propaganda?

Sind die Muslimbrüder wirklich so gefährlich, wie viele Stimmen suggerieren? An lauten Warnungen mangelt es auch in Deutschland nicht; allerdings fehlt es hier am Bemühen, sich wirklich eingehender mit den Islamisten auseinanderzusetzen. Über den arabischen Aufstand ist im vergangenen Jahr eine Flut an Büchern erschienen, die fast alle die Muslimbrüder nur am Rande behandelten. Die Muslimbrüder erscheinen überdramatisiert, aber unteranalysiert.

Auf dem englischsprachigen Buchmarkt sieht es besser aus. Dort beschäftigen sich mehrere Publikationen mit den Muslimbrüdern. Generell lassen sich unter den Islamismusforschern zwei Sichtweisen ausmachen. Die einen sehen gute Chancen, dass sich die Organisation mäßigt, da sie sich heute nicht mehr vor Verfolgung abschotten muss, sondern Verantwortung übernommen hat, die sie zu Pragmatismus zwingt – am Ende könnte eine Demokratie islamischer Prägung stehen. Die Gegenstimmen halten die Reformdiskurse der Muslimbrüder für den Versuch einer eher kleinen politischen Führung, der Organisation nach außen hin einen gemäßigten Anstrich zu verpassen – während sie in Wirklichkeit eine Islamisierung Ägyptens anstreben.

Mariz Tadros von der Sussex Universität zählt eindeutig zur zweiten Gruppe. In ihrem Buch „The Muslim Brotherhood in Contemporary Egypt“ widmet sie sich der Frage, ob die Organisation die Demokratie neu definiert oder sie vielmehr beschneidet. Die Antwort findet sich schon auf dem Cover: Zu sehen sind wütende junge Männer, die für die Einführung der Scharia demonstrieren und den Koran zu ihrer Verfassung erklären.

Tadros macht drei große Gruppen innerhalb der Muslimbrüder aus. An der Spitze der Pyramide stehen die Mitglieder des Führungsgremiums und die prominenten Parlamentsabgeordneten. Sie sind das Gesicht der Muslimbrüder nach außen, unter ihnen viele, die den Reformdiskurs prägen. Tatsächlich aber, so lautet Tadros’ These, ist ihr Einfluss innerhalb der Organisation geringer, als es erscheint. Für wesentlich bedeutender hält sie die Aktivisten aus der zweiten Reihe, „die Macher und Aktiven, die innerhalb der Bewegung große ideologische und organisatorische Macht besitzen“. Am unteren Ende der Pyramide steht die größte Gruppe, die einfachen Mitglieder der Basis. Sie – die Macher und die Basis – vertreten laut Tadros wesentlich konservativere Positionen als die reformorientierte Elite und sind das wahre Gesicht der Muslimbrüder.

Zu Recht bemängelt Tadros, dass sich fast alle Analysen der Organisationen auf die Kairoer Führungselite konzentrieren. Nötig sei ein näherer Blick auf die unteren Gruppen in der Hierarchie: „Um die Machtdynamik der Bruderschaft zu verstehen, müssen wir die Pyramide auf den Kopf stellen.“

Der Blick der Autorin auf die Muslimbrüder bleibt allerdings einseitig. Sie sieht eine „Islamisierung der Revolution“, die kurz nach dem Sturz Mubaraks begonnen habe. Muslimbrüder und die noch radikaleren Salafisten gehen demnach Hand in Hand, wobei Tadros keine großen Unterschiede in der Ideologie der beiden Gruppen sieht. Als Beleg führt sie die gemeinsamen ideologischen Wurzeln von Islamisten und Salafisten an. Immer wieder verweist sie auf einen „Millionenmarsch“ Ende Juli 2011, als Religiöse die Einführung der Scharia forderten.

Mögen Islamisten und Salafisten dieselben ideologischen Wurzeln haben, so sind doch in vielen Punkten deutliche Unterschiede zu erkennen, etwa in der Frage, wie stark der Einfluss der Scharia auf die Gesetzgebung sein soll. Hier nehmen die Muslimbrüder eine moderatere Position ein, wie in den Debatten der verfassungsgebenden Versammlung zu erkennen war. Einen genaueren Vergleich der Ideologie, der politischen Inhalte und der Organisationsform von Salafisten und Muslimbrüdern bleibt Tadros schuldig.

Unterkomplexer Blick

Mariz Tadros wirft wichtige Fragen auf. Ihre Kritik an den Muslimbrüdern ist in vielen Punkten berechtigt, schließlich wäre es naiv anzunehmen, die ägyptischen Islamisten entwickelten sich nun automatisch in Richtung einer islamischen Demokratie. Generell aber bleibt Tadros’ Blick auf die Organisation unterkomplex. Manches Urteil fällt sie vorschnell, etwa wenn sie konstatiert, dass sich im nun freieren Klima in Ägypten die Konservativen durchsetzen würden. In welche Richtung die Muslimbrüder tatsächlich marschieren, lässt sich aber nach einer so kurzen Zeit noch nicht sagen.

Die zentrale Frage lautet: Lassen sich der Islam der Muslimbrüder und Demokratie miteinander vereinbaren? Die Vertreter der Partei für Freiheit und Gerechtigkeit betonen immer wieder, dass sie weder eine Theokratie anstrebten noch einen religiösen Staat, sondern einen „zivilen Staat mit einem islamischen Referenzrahmen“. Aber bedeutet ein „ziviler Staat mit einem islamischen Referenzrahmen“ auch wirklich eine Demokratie nach westlichen Standards?

Tadros gibt darauf eine eindeutige Antwort: Nein. Zwar sieht sie auch keine Herrschaft der Kleriker nach iranischem Vorbild aufziehen, wohl aber einen „Scharia-Vorbehalt“. Das Volk hat demnach das Recht, die Regierenden selbst zu bestimmen und sie für ihr Handeln zur Verantwortung zu ziehen; dennoch bleibt Gott der souveräne Herrscher. Die Gesetzgebung darf demnach nicht der Scharia, dem göttlichen Recht, widersprechen.

Auch das Konzept der Ratgebung oder Schura, von Islamisten häufig mit Demokratie gleichgesetzt, hält sie mit den demokratischen Standards westlicher Herkunft für unvereinbar. Die Macht der Mehrheit darf nämlich nur dort Anwendung finden, wo es keine klaren Regelungen im Koran und in der Sunna gibt. Tadros kommt deshalb zu dem Schluss: „Ein ziviler Staat mit einem islamischen Referenzrahmen ist ein Oxymoron.“

Das Buch stützt sich auf Darlegungen von Hassan al-Banna, dem Gründer der Muslimbrüder, aber auch auf Aussagen heutiger Geistlicher. Dazu zählt nicht zuletzt Jusuf al-Qaradawi, einer der wichtigsten islamistischen Vordenker. Folgt man der reinen Theorie, so lässt sich in der Tat bezweifeln, ob sich Demokratie und der Islam der Muslimbrüder miteinander vereinbaren lassen. Die Theorie aber ist nicht die Praxis. Gerade die Muslimbrüder haben in der Vergangenheit ihre Kraft zum Pragmatismus bewiesen und ihre Entscheidungen den Erfordernissen der Realität angepasst, anstatt der reinen Lehre zu folgen.

Moderater Gegenentwurf

Hinzu kommt: Auch die Theorie ist nicht nur einem Wandel der Zeit unterworfen, sondern auch intensiven Debatten. Noch immer prägen die Schriften Hassan al-Bannas und Say­yid Qutbs das Denken der heutigen Muslimbrüder. Vor allem Qutb genießt hohes Ansehen als „Märtyrer“, weil er 1966 durch den Strang hingerichtet wurde. In einem Klima schärfster Verfolgung entwickelte er seine radikale Theorie, die den gewaltsamen Kampf gegen die „Ungläubigen“ zur Pflicht eines jedes gläubigen Muslims erhob. Qutb wird immer wieder zitiert, wenn es darum geht, die radikalen Wurzeln der Islamisten zu belegen.

Unbeachtet bleibt dabei, dass das damalige Oberhaupt der Muslimbrüder, Hasan al-Hudaybi, schon 1969 eine Schrift veröffentlichte, die als konservativer, aber moderater Gegenentwurf zu Qutb zu verstehen ist. Es ist das Verdienst der Islamwissenschaftlerin Barbara H. E. Zollner, al-Hudaybis Werk „Du’at la Qudat“ („Prediger, nicht Richter“) genauer zu beleuchten. In ihrer fundierten Studie kommt sie zum Schluss, dass al-Hudaybi bis heute einer der einflussreichsten Vordenker der Muslimbrüder ist und dass es ein großer Fehler ist, die Islamisten als monolithischen Block wahrzunehmen.

Generell tun sich die Muslimbrüder schwer mit Reformen. In ihrem akribisch recherchierten und kritischen, aber ausgewogenen Buch „The Muslim Brotherhood. The Burden of Tradition“ hat Alison Pargeter von der Cambridge University die Gründe für die Beharrungskräfte der Organisation untersucht. Man greift zu kurz, wenn man dafür allein die permanente Repression verantwortlich macht.

Zugleich verschleißen sich die Muslimbrüder seit Jahrzehnten immer wieder in Flügelkämpfen zwischen Konservativen und Reformern, sodass sie häufig einen Schritt nach vorne und dann wieder zwei zurück zu machen scheinen. Während die Ideen der Reformer im Westen begrüßt werden, finden sie an der konservativen Basis kaum Widerhall – hierin stimmen Pargeter und Tadros überein.

Zugleich sind die Muslimbrüder eine Massenbewegung, die unterschiedliche Gruppen dadurch anzusprechen versucht, dass sie ihre Ziele und Programme vage hält, etwa mit Slogans wie „Der Islam ist die Lösung“. Das sichert ihr zwar eine breite Unterstützung, lässt aber nur wenig Spielraum, sich von der Tradition zu lösen. „Für viele Anhänger der Muslimbrüder “, schreibt Pargeter, „ist die Errichtung eines islamischen Staates das Hauptziel der Bewegung; die Muslimbrüder können dieses Ziel nicht einfach aufgeben, ohne sich von einem großen Teil der Unterstützerbasis zu entfremden.“ Hier macht sich bemerkbar, dass die Reformdebatte allein in der Führungselite und ohne Rückkoppelung zur Basis stattfindet.

Die Kämpfe zwischen den Flügeln sind seit 2000 mehrfach sichtbar geworden. 2004 veröffentlichten die Muslimbrüder eine Reihe von Reformschriften, in denen sie sich u.a. zu den Grundwerten und den Instrumenten der Demokratie bekannten, etwa zu einem Machttransfer durch freie Wahlen. Nur drei Jahre später jedoch folgte ein Papier, das deutlich die Handschrift des konservativen Flügels trug. Darin wurde etwa die Einsetzung eines Rates von Religionsgelehrten gefordert, der Legislative und Exekutive in Fragen der Scharia beraten soll – das erinnert an das iranische Modell.

Auch Pargeter hält die Muslimbrüder bislang nur für begrenzt bereit für Demokratie, nicht zuletzt weil sie nie konkret gesagt haben, was genau sie denn unter einer Demokratie „im Rahmenwerk islamischer Prinzipien“ verstehen. So kommt Pargeter in ihrem sehr erhellenden Buch zu einem Fazit, das keinen schnellen Wandel der Muslimbrüder erwarten lässt: „Die Muslimbruderschaft ist fundamental unfähig, ihre internen Krisen zu überwinden und mit Traditionen zu brechen, die Hassan al-Banna vor fast einem Jahrhundert begründet hat.“

Vollständig begreifen aber lassen sich die Muslimbrüder nur, wenn man sie nicht nur als politisch-religiöse, sondern auch als soziale Emanzipationsbewegung begreift, die mehr Rechte für die benachteiligte Mittel- und Unterklasse einfordert. Der Politikwissenschaftler Mohammed Zahid widmet sich in seinem Buch vor allem den Fragen, wie sich die wirtschaftliche Entwicklung Ägyptens seit Beginn der neunziger Jahre und die Debatte über Hosni Mubaraks Nachfolge auf die Muslimbrüder ausgewirkt haben. Er beschreibt ausführlich, wie das Mubarak-Regime die vom Internationalen Währungsfonds forcierte Privatisierungspolitik umsetzte, dabei aber die sozialen Belange vernachlässigte.

Nutznießer waren die Muslimbrüder, die das Vakuum füllten und einsprangen, wo der Staat versagte. Etwa in den berufsständischen Organisationen, von denen viele seit den achtziger Jahren nach und nach von den Islamisten dominiert wurden. Die Berufsverbände waren eine Plattform, um sozio-ökonomische Missstände, Korruption und finanzielle Misswirtschaft anzuprangern. Mubarak reagierte darauf mit verschärfter Repression. Trotzdem konnte der Diktator nicht verhindern, dass sich die Muslimbrüder zu einem entscheidenden politischen Faktor entwickelten. Dieser Teil in Zahids Buch liest sich am interessantesten. Ansonsten bleibt Zahid in seiner Bewertung oft allzu zurückhaltend.

Für Politiker und Diplomaten stellt sich die Frage, wie sie mit einer so vielschichtigen Organisation umgehen sollen. Spätestens seit den arabischen Umbrüchen kann der Westen die Islamisten nicht mehr ignorieren, weil sie als politischer Faktor mittlerweile zu mächtig geworden sind. Ein kritischer und informierter Dialog ist dringend notwendig. Es geht darum, die Muslimbrüder genauer kennen zu lernen, denn noch immer ist über sie viel zu wenig bekannt. Ausgrenzung und Gesprächsverweigerung würden nur die konservativen Kräfte in der Bewegung stärken. Daran können Europa und die USA kein Interesse haben.

  • Mariz Tadros: The Muslim Brotherhood in Contemporary Egypt. Democracy redefined or confined?  Abingdon / New York: Routledge 2012, 195 Seiten, 155 $
  • Barbara H. E. Zollner: The Muslim Brotherhood. Hasan al-Hudaybi and Ideology.  Abingdon / New York: Routledge 2011, 202 Seiten, 28,00 £
  • Alison Pargeter:  The Muslim  Brotherhood.  The Burden of  Tradition. London: Saqi Books 2012, 248 Seiten, 29,95 $
  • Mohammed Zahid: The Muslim Brotherhood and Egypt’s Succession Crisis. The Politics of Liberalisation and Reform in the Middle East. London/New York: I.B. Tauris 2010,  202 Seiten, 14,99 £

Jan Kuhlmann  arbeitet als freier  Journalist in Berlin.  Er schreibt vor allem über die Themen Islam und Nahost.  www.jankuhlmann.net

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