Nachvollziehbarer Verschleierungsbedarf

Eine Klärung des Drohnenbegriffs fördert Erschütterndes zutage

1. July 2013 - 0:00 | von Jochen Bittner

Internationale Politik 4, Juli/August 2013, S. 144

Kategorie: Security, Military Capacity, Worldwide

„Wir sprechen hier nicht von Drohnen“, ermahnen immer wieder freundlich Bundeswehrangehörige, wenn das Gespräch auf unbemannte Fluggeräte kommt – was derzeit ja bisweilen geschieht.

Ich habe mich immer gefragt, was die Bundeswehrleute so stört an dem schönen Wort Drohne. Nach einem Blick in die Fachliteratur verstehe ich: Hier besteht nachvollziehbarer Verschleierungsbedarf.

Erste zoologische Nachforschungen fördern Erschütterndes zutage. Drohnen sind in ihrer Ursprungs­ansiedlung, dem Bienenvolk, so etwas wie schwachsinnige, hilflose männ­liche Sexsklaven. Gäbe es nicht nur empfindsame weibliche Gemüter, sondern auch eine Männerbewegung, der Sexismus in der Fluggeräteindustrie wäre schon drei Mal Thema bei Günther Jauch gewesen. Sowas fehlte der Bundeswehr gerade noch.

Drohnen können im Grunde gar nichts, außer den fliegenden Geschlechtsapparat zu geben. Sie sind zu bräsig, sich selbst aus Blütenpollen zu ernähren und müssen von Arbeitsbienen gefüttert und gehätschelt werden. Sie heben nur ab, um die Königin zu begatten. Danach sterben sie und werden entsorgt.

Dumm wie ein Drohn, das wäre, sachlich betrachtet, schon eine korrekte Beleidigung.

Legt man freilich die Opferbereitschaft, die fehlende Autonomie und die Fremdbestimmtheit der Drohne zugrunde, erscheint die Namensan­leihe für unbemannte Flugkörper nicht ganz unschlüssig.

Doch so tiefsinnig lief die Wortschöpfung wohl nicht ab, wie uns eine amerikanische Militär-Website aufklärt. Dort erfahren wir, dass die ersten pilotenlosen Flugkörper eingesetzt wurden, um als Zielscheiben für Luftabwehrschützen herzuhalten. Zur besseren Erkennbarkeit waren diese Dummies schwarz-gelb lackiert, sahen also aus wie die bekannten „drones“ aus der Insektenwelt.

Geschlechtspolitisch ist damit alles wieder gut.

Aber nicht ganz.

Falsch gebraucht wird das Wörtchen spätestens, seitdem Predator-Modelle mit Hellfire-Raketen Terrorverdächtige abschießen. Drohnen haben nämlich keinen Stachel.

Jochen Bittner ist Redakteur der ZEIT.

 
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