Türkei von A bis Z

1. November 2013 - 0:00

IP Länderporträt Türkei, November/Dezember 2013, S. 26-49

Kategorie: Wirtschaft & Finanzen, Staat und Gesellschaft, Sozialpolitik, Türkei

Anatolien
Bildung
Frauen
Gewerkschaften
Infrastruktur
Internet und Medien
Investitionsstandort
Klima- und Umweltschutz
Migration und Flüchtlinge
Tourismus
Zypern

 


Anatolien

In der Vergangenheit war wirtschaftliches Wachstum in der Türkei auf einige wenige Städte und Regionen konzentriert. Das weltliche Istanbul, Ankara und Izmir waren Dreh- und Angelpunkt und prägten das moderne Image des Landes. Im vergangenen Jahrzehnt erreichten Fortschritt und Globalisierung allerdings auch die türkische Provinz: Lokale mittelständische Unternehmen, besonders im weithin als rückständig geltenden Süden Anatoliens, treten neuerdings als „global player“ in Erscheinung.

Die „anatolischen Tiger“ haben mittlerweile einen beachtlichen Anteil an der türkischen Wirtschaftsleistung. Unter den zehn exportstärksten Landesteilen fanden sich zuletzt mit Gaziantep, Hatay und Denizli auch drei Tigerstädte – zu denen darüber hinaus noch Kayseri, Konya, Kahramanmaras, Malatya, Samsun, Ordu und Trabzon gezählt werden. Alle haben die Weltwirtschaftskrise von 2008 weitgehend unbeschadet überstanden. Besonders Gaziantep, ­Denizli und Kayseri, die um die Jahrtausendwende zu Freihandelszonen erklärt wurden, prosperieren. Allein in Kayseri wurde 2004 an einem Tag mit dem Bau von 139 neuen Fabriken begonnen. Günstige Kredite und Steuer­erleichterungen ziehen Investoren aus dem In- und Ausland an.

Die Weichen für diese erstaunliche Entwicklung stellte der damalige Premierminister Turgut Özal, als er in den achtziger Jahren die Wirtschaftspolitik von Importsubstituierung auf exportorientierte Industrialisierung umstellte. So konnten kleine und mittlere, meist traditionell-muslimisch geprägte Familienunternehmen expandieren. Die 1995 geschaffene Zollunion mit der EU und die Eröffnung neuer Absatzmärkte beförderten die Entwicklung weiter. Die politische Stabilität, die die AKP brachte, zog schließlich ausländische Investoren an, die in die aufstrebenden Unternehmen der anatolischen Boomtowns investierten.

Eine religiös geprägte Unternehmerklasse und die von ihr getragene neue Mittelschicht sehen keinen Widerspruch zwischen kapitalistischem Profitdenken, westlicher Demokratie und islamischem Glauben und pflegen eine pragmatische Haltung zu Staat und Gesellschaft, denn was zählt, ist das Geschäft. Nicht zuletzt dürfe sich ein guter Muslim auch durchaus etwas gönnen. Diese Haltung hat in den vergangenen Jahren die Entstehung einer regelrechten muslimischen Konsumkultur befeuert. Seidene Kopftücher und lange Kleider stehen hoch im Kurs, Reisebüros bewerben Hadsch-Fahrten nach Mekka, ­Ferienressorts bieten Urlaub mit alkoholfreier Hotelbar, und Luxuswohnanlagen wie die Siedlung „Hilal konaklar“ locken mit Palmen, Pool und einer kleinen Moschee.

Diese aufstrebende bürgerlich-religiöse Schicht ist eng mit der Gülen-Bewegung verbunden, laut Stratfor der „mächtigsten religiösen Gruppe der Türkei“. Gegründet vom türkischen Iman Fethullah Gülen, bildet die Gruppe ein einflussreiches, informelles Netzwerk, das bis in hohe Regierungs- und Wirtschaftskreise reicht. TUSKON-Geschäftsführer Serdar Yessilyurt zufolge gehören etwa 95 Prozent der Mitglieder der Turkish Federation of Businessmen and Industrialists (TUSKON), dem größten Arbeitgeberverband der Türkei, der Gülen-Bewegung an, die auch Schulen, Universitäten, Medienunternehmen und sogar Banken besitzt.

Durch ihre Medien-Flaggschiffe, die Zeitung Zaman – die auflagenstärkste der Türkei, die auch in Deutschland in einer Auflage von etwa 30 000 Exemplaren erscheint – und den TV-Sender Samanyolu sowie durch kleinere Spartensender wie Ebru TV in den USA übt die Organisation weltweit Einfluss aus. In Hunderten von Internaten im Nahen Osten, in der Türkei, Afrika und den USA wird der Nachwuchs herangezogen, der in den Universitäten der Bewegung, der Fatih-Universität in Istanbul und der Virginia International University in den Vereinigten Staaten, den letzten Schliff bekommt, bevor er den Marsch durch die Institutionen antritt oder das elterliche Unternehmen übernimmt.

Die neue Klasse muslimischer Unternehmer dürfte keine vorübergehende Erscheinung bleiben, sondern wird vielmehr auf andere muslimische Länder ausstrahlen. Die Lehre, die man aus der Entwicklung ziehen könne, sei, dass man „selbst als Konservativer und als Muslim an der globalen Wirtschaft teilhaben und von ihr profitieren kann“, urteilte Gerald Knaus von der Europäischen Stabilitätsinitiative (ESI).


Bildung

Die türkische Bevölkerung ist die im Durchschnitt jüngste in Europa: Ein Viertel befindet sich im schulpflichtigen Alter, dementsprechend hoch ist die Belastung für den Staatshaushalt. Zudem weist das seit der Gründung der Republik Türkei 1923 zentral verwaltete Schulsystem erhebliche Defizite auf. Obwohl die Türkei im OECD-Vergleich durchaus die größten Verbesserungen verzeichnen kann, schneiden türkische Schüler laut PISA-Studie (2009) noch deutlich schlechter in den Disziplinen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften ab als der OECD-Durchschnitt. Die OECD-Studie „Education at a Glance“ (2013) zeigt zudem, dass lediglich 32 Prozent der Bevölkerung im Alter zwischen 25 und 64 Jahren einen Sekundarschulabschluss haben (gegenüber 75 Prozent im OECD-Schnitt) und nur 23 Prozent einen Hochschulabschluss (39 Prozent).

Auch das Hochschulsystem lässt zu wünschen übrig: Mit Ausnahme der Anadolu-Universität ist der Zugang durch die nationale ÖSS-Eingangsprüfung beschränkt. 2007 gab es 1,7 Millionen Anmeldungen für diesen Test. Aufgrund mangelhafter Kapazitäten ist die Nachfrage nach Studienplätzen jedoch viel größer als das Angebot, weshalb lange Wartelisten entstehen. Nur rund 40 Prozent der Schüler erhalten einen Studienplatz. Dennoch hat sich die Zahl der Erstsemester von knapp 590 000 (2005) auf knapp 984 000 (2013) fast verdoppelt. Derzeit studieren knapp fünf Millionen an 172 Universitäten.

Die türkische Hochschullandschaft setzt sich aus 102 staatlichen und 70 privaten Universitäten zusammen, wobei die Anzahl privater Hochschulen stark ansteigt. 14 Universitäten unterrichten auf Englisch oder Französisch. Im Jahr 2010 beschloss der Hochschulrat YÖK, dass Studentinnen aufgrund ihrer Kleidung nicht mehr vom Unterricht ausgeschlossen werden dürfen. Das Kopftuchverbot bleibt damit zwar offiziell bestehen; in der Realität aber entscheiden die Studentinnen selbst, welche Kleidung sie tragen wollen.

Bis heute ist die Frage des Stellenwerts von Religion innerhalb des Bildungssystems ein Konfliktpunkt. Auf der einen Seite stehen säkulare Kräfte, zu deren Unterstützern auch das Militär gehört; auf der anderen Seite die Religiös-Konservativen, repräsentiert und unterstützt durch die regierende AKP. Wesent­licher Streitpunkt ist die im Jahr 2012 verabschiedete Schulreform unter der Devise 4+4+4, welche die Schulpflicht von acht auf zwölf Jahre erhöhte. Das nun dreigliedrige Schulsystem setzt sich aus vier Jahren Grundschule, vier Jahren Mittelschule und vier Jahren Oberschule zusammen. Da die Grundschule vor dieser Reform bis zur achten Klasse dauerte, war der Übergang zu den religiös geprägten Imam-Hatip-Schulen erst ab der neunten Klasse möglich, in denen jüngst drei neue Fächer eingeführt wurden: Arabisch, das Leben des Propheten Mohammed und der Koran. Die Einführung einer Mittelschule ermöglicht den Besuch der Imam-Hatip-Schulen nun bereits ab der fünften Klasse. Zusätzlich möchte die Regierung diesen religiösen Schulen den Status regulärer Gymnasien verleihen. War die Aufnahme von Absolventen der Religionsschulen in eine Universität früher kaum möglich, soll dies nun durch die Gleichstellung mit den Gymnasien wesentlich erleichtert werden. „Wir werden eine religiöse Generation heranziehen“, kommentierte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan diese Reform. Dass die Reformen weniger politisch als religiös motiviert seien, ist das Hauptargument der Kritiker. Die Frage nach der Vereinbarkeit von Modernisierung und Islamisierung des Bildungssystems ist somit noch lange nicht beantwortet.


Frauen

Die Situation der türkischen Frauen ist zwar besser als die der arabischen – aber deutlich schlechter als die der europäischen. Vor dem Gesetz sind Frauen in der Türkei seit 1985 gleichgestellt, die Realität aber sieht anders aus. Das legen Zahlen aus dem Gender Gap Report 2012 der Welthandelsorganisation WTO nahe, in dem die Türkei Platz 124 (von 135) einnimmt – nur noch unterboten von Ländern wie Syrien und Jemen.

Der Zugang zu Bildung ist für Frauen deutlich schwerer als für Männer. 2012 waren von insgesamt 3,6 Millionen Analphabeten in der Türkei 82,2 Prozent Frauen. 36 Prozent der Männer haben erfolgreich eine weiterführende Schule besucht, aber nur 26 Prozent der Frauen – mit einem Unterschied von 10 Prozent liegt die Türkei deutlich hinter dem Durchschnitt der OECD von 2 Prozent.

Im Berufsleben sind Frauen deutlich unterrepräsentiert. 1990 hatten ungefähr 34,1 Prozent der Frauen zwischen 15 und 64 Jahren einen Arbeitsplatz, 2012 waren es laut Eurostat nur noch 28,7 Prozent, verglichen mit 69,2 Prozent der Männer. Zum Vergleich: Der Durchschnittswert für Frauen in der Europäischen Union liegt mit 58,6 Prozent mehr als doppelt so hoch. Auch das Einkommen ist ungleich verteilt: 2012 verdienten Männer laut Gender Gap Report durchschnittlich 26 005 Dollar im Jahr, Frauen nur 7813 Dollar. Viele Frauen nehmen am Arbeitsmarkt nicht teil, sondern arbeiten im Haushalt und sorgen für die Familie. Ihre soziale Absicherung bleibt auf finanzielle Zuwendungen durch die Familie beschränkt.

Auch im politischen Leben sind Frauen weniger präsent. Unter den insgesamt 550 Parlamentariern befinden sich zwar derzeit 79 Frauen; mit 14,3 Prozent stellen sie damit den bislang höchsten Prozentsatz in der Geschichte der Türkei. Aber nur einer der 81 Gouverneursposten des Landes wird von einer Frau bekleidet. Auf der regionalen Ebene sind die Unterschiede noch auffälliger. Von 2924 Bürgermeistern sind nur 26, von 34 210 Dorfvorstehern sind nur 65 Frauen.

Die Gründe hierfür sind vielschichtig, haben ihre Wurzeln aber auch im Unwillen der Behörden, sich für eine Förderung von Frauen einzusetzen. Die verbreitete Haltung, dass Frauen nicht in die Arbeitswelt gehören, teilt auch Ministerpräsident Erdogan. Die Hauptrolle der Frau in der Gesellschaft sei es, so Erdogan, „sich um die Familie zu kümmern“. Viele Türkinnen können sich daher des Gefühls nicht erwehren, in ihrem eigenen Land Bürgerinnen zweiter Klasse zu sein. Laut Aysel Celikel vom „Verein zur Förderung einer zeitgemäßen Lebensweise“ (Cagdas Yasami Destekleme Dernegi) werden Frauenrechte in dem Maße beschnitten, mit dem die Gesellschaft konservativer wird. Die wachsende Gewaltbereitschaft gegen Frauen scheint ein Indikator für diesen Rückschritt zu sein. 2002 wurden 8146 sexuelle Übergriffe gegen Frauen gemeldet – 2011 war diese Zahl bereits auf 32 988 gestiegen Auch die Anzahl gewaltsamer Übergriffe auf Frauen durch Ehepartner oder Freunde ist angestiegen. Dabei sind gemäß einer Studie des General Directorate on the Status and Problems of Women 2008 große regionale Unterschiede festzustellen. In den westlichen Teilen der Türkei gaben 37 (Istanbul) beziehungsweise 25 Prozent (Region Marmara) der befragten Frauen an, schon einmal von ihrem Partner misshandelt worden zu sein. Im Nordosten Anatoliens berichteten 53 Prozent der Frauen von Übergriffen. Die Zahl der Frauen, die in den vergangenen zwölf Monaten Gewalt durch ihren Partner erlebt hatte, lag mit 8 Prozent in Istanbul und 6 Prozent in Marmara am niedrigsten, in Südostanatolien mit 19 Prozent am höchsten.

Trotz der deutlichen Gewalt gegen Frauen in der Familie gab es 2011 nach verschiedenen Schätzungen nur zwischen 52 und 62 Frauenhäuser. Gesetzliche Bestimmungen besagen jedoch, dass jede Stadt oder Gemeinde mit über 50 000 Einwohnern Frauenhäuser betreiben muss – das träfe auf hunderte Städte und Gemeinden zu. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es etwa 360 Frauenhäuser.

Es gibt aber auch Erfolgsgeschichten. Tansu Ciller war von 1993 bis 1996 die erste Ministerpräsidentin der Türkei und erst die dritte Frau überhaupt an der Spitze eines muslimischen Landes. Auch heute haben Frauen Einfluss in der Politik, Fatma Sahin ist Ministerin für Familie und Soziales im Kabinett von Premier Erdogan, Meral Aksener ist Vize-Sprecherin des Parlaments. In der Privatwirtschaft hat sich Berna Ilter als Exporteurin von Matratzen in die ganze Welt einen Namen gemacht.


Gewerkschaften

Freie Gewerkschaften haben sich in der Geschichte der modernen Türkei nur schwer etablieren können. Auf dem Papier wurden Arbeitnehmerrechte zwar teilweise anerkannt, in der Praxis jedoch eingeschränkt. Noch immer wird die Arbeit von Gewerkschaften durch restriktive rechtliche Rahmenbedingungen, aber auch durch Einschüchterungs- und Behinderungsversuche von Arbeitgebern behindert. Auch mit der gesellschaftlichen Akzeptanz steht es nicht gut: Gewerkschaften zählen zu den unbeliebtesten Institutionen. 61,2 Prozent der nichtorganisierten und 40 Prozent der organisierten Arbeitnehmer halten Gewerkschaften nicht für „zuverlässige Institutionen“. Zudem waren 67,5 Prozent der nichtorganisierten und 55,7 Prozent der organisierten Arbeitnehmer der Meinung, dass Gewerkschaften sich nicht genug für den Schutz und die Stärkung der Arbeitnehmerrechte einsetzen.

Die Grundlagen für gewerkschaftliche Mitbestimmung wurden während des Militärregimes in den achtziger Jahren gelegt. 1983 wurden zwei Gesetze erlassen, die die Arbeitsbeziehungen regulieren: das Gewerkschafts­gesetz sowie das Gesetz zur kollektiven Vertretung, zu Streiks und Aussperrungen. Hiermit bekamen Gewerkschaften zum ersten Mal in der Geschichte umfassende Rechte: Das Recht, ohne vorherige Erlaubnis Gewerkschaften zu gründen oder Mitglied zu werden, und das Recht zu streiken und zu verhandeln wurde gewährt. Diese Freiheiten werden jedoch vielfach eingeschränkt: Vereinigungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Demonstrationen und das Recht auf eine Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft können aufgrund einer Bedrohung für die „nationale Sicherheit oder öffentliche Ordnung“ außer Kraft gesetzt werden.

Von Gewerkschaften organisierte Streiks sind eine politische Ausnahme­erscheinung: 2012 fanden lediglich acht Streiks mit nur 768 Streikenden statt. Politisch motivierte Streiks und Solidaritätsstreiks sind ohnehin verboten; für Sektoren wie Bankwesen oder Bildung und Gesundheit sind sie ebenfalls illegal. Verwunderlich ist aber auch die geringe Anzahl legaler Streiks nicht – denn obgleich den Gewerkschaften bestimmte Rechte garantiert werden, steht deren Verletzung gewissermaßen auf der Tagesordnung. Dazu gehören Einschüchterungen oder Entlassungen von Gewerkschaftsmitgliedern durch Arbeitgeber, aber auch Einschüchterungen oder Verhaftungen durch die Polizei.

In der Türkei wird zwischen Gewerkschaften im öffentlichen und im privaten Sektor unterschieden. Gewerkschaften für gewerbliche Arbeitnehmer, so genannte „issci sendikalari“, von denen es 94 gibt, sind in drei konkurrierenden Dachverbänden organisiert: Türk-Iss, DISK und Hak-Iss. Angestellte im öffentlichen Dienst werden durch insgesamt 73 Gewerkschaften vertreten, so genannte „memur sendikalari“. Sie gehören sechs konkurrierenden Dachverbänden an.

Die genaue Anzahl gewerkschaftlich organisierter Arbeitnehmer zu eruieren, ist keine leichte Aufgabe: Nach den offiziellen Statistiken des Ministeriums für Arbeit und Soziale Sicherheit waren zwischen 2003 und 2009 etwas mehr als 57 Prozent der Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert. Dies wäre höher als der EU-Durchschnitt. Entsprechende Studien der OECD gehen aber nicht davon aus, dass diese Zahlen belastbar sind. Laut OECD betrug der Organisationsgrad im Jahr 2011 lediglich 5,4 Prozent; die Anzahl der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer wäre somit seit 2009 drastisch gesunken. Dazu kommt: Der nicht unerhebliche Bereich informeller Beschäftigung fand in den Zahlen des Ministeriums keine Berücksichtigung. 2007 waren etwa zehn Millionen Arbeitnehmer nicht registriert. Aber auch die Gewerkschaften geben vermutlich keine verlässlichen Zahlen an: Sie sind gesetzlich verpflichtet, mindestens 51 Prozent der Arbeiter im jeweiligen Unternehmen und 3 Prozent der Arbeiter in dem Sektor zu repräsentieren, um Verhandlungen führen zu dürfen. Da diese Schwelle zu hoch ist, kann man davon ausgehen, dass die Mitgliedszahlen auch von den Gewerkschaften nach oben korrigiert werden.

Laut International Labour Organization (ILO) stehen die Rechte, die den türkischen Gewerkschaften zugestanden werden, nicht im Einklang mit den Normen der internationalen Arbeitsorganisation. Deshalb hat die ILO Ankara dazu aufgerufen, diese Defizite zu beheben. Ähnliche Kritik wird auch im Turkey Progress Report der EU geübt. Für das Jahr 2012 stellt dieser nur begrenzte Fortschritte bei der Anpassung an die Standards der EU und ILO fest. Die Schwellen zum kollektiven Verhandeln seien zu hoch, was das Recht zu verhandeln limitiere. Kritisiert werden auch der geringfügige Organisationsgrad, die Auflösung von Demonstrationen und die Verhaftungen von Gewerkschaftsaktivisten. Im Rahmen der Beitrittsverhandlungen mit der EU sollen die Gesetze geändert werden. Ziel ist es, umfassende Rechte von Gewerkschaften zu gewährleisten, besonders das Recht sich zu organisieren, zu streiken und kollektiv zu verhandeln. Die Türkei müsste hierfür existierende Beschränkungen beseitigen und eine überarbeitete Gesetzgebung für den öffentlichen und den privaten Sektor verabschieden.


Infrastruktur

Ein neuer Flughafen, eine neue Brücke, ein Hochgeschwindigkeitszug, ein Tunnel unter dem Bosporus und ein Platz unter den zehn größten Volkswirtschaften bis 2023, der Jahrhundertfeier der Republik: Massive infrastrukturelle Projekte spielen eine wichtige Rolle in Ministerpräsident Erdogans Plänen für die wirtschaftliche und politische Zukunft des Landes. Direkte, schnelle Verbindungen zwischen großen Städten sowie effizienterer Fernverkehr sollen wirtschaftliches Wachstum fördern und weitere Auslandsinvestitionen anziehen, um die Türkei schließlich zum globalen Vorbild für Produktivität und Entwicklungsfähigkeit zu machen.

In Istanbul werden derzeit Erdogans umfangreichste Pläne umgesetzt. Die Istanbuler Metro – die bereits 62 Stationen und 100 Kilometer Schienen aufweisen kann und die Kapazität besitzt pro Stunde 70 000 Passagiere zu befördern – wird um 30 Haltestellen ergänzt. Die Erweiterung des Metrosystems macht jedoch nur einen kleinen Anteil der laufenden Projekte in der größten Stadt der Türkei aus. Die 76,3 Kilometer lange Marmaray-S-Bahn, die mit dem Metrosystem verbunden wird, soll einen Tunnel unter dem Bosporus und 40 Stationen umfassen. 75 000 Passagiere pro Stunde könnten dann befördert werden. Die Eisenbahnstrecke wird Ende Oktober 2013 eröffnet, soll das Straßennetz entlasten und den Treibstoffverbrauch stark senken. Die Yavuz-Sultan-Selim-Brücke – die dann die dritte Brücke über den Bosporus wäre – ist zur Entlastung des Straßennetzes in Istanbul gedacht, sie soll den nördlichen Teil der Meeresenge überspannen, acht Verkehrsspuren für Kraftfahrzeuge und zwei Eisenbahnstrecken tragen und durch 322 Meter hohe seitliche Türme gestützt werden. Das wären die höchsten Brückentürme der Welt. Zusätzlich will Premier Erdogan einen dritten Istanbuler Flughafen errichten lassen, der die drittgrößte Passagierkapazität bewältigen soll. Bis zum Jahr 2023 sollen auch 10 000 Kilometer lange Hochgeschwindigkeitstrassen fertiggestellt werden.

Ohne Zweifel bergen diese Infrastrukturprojekte hohes wirtschaftliches Potenzial. Sie bringen aber auch enorme Kosten mit sich. Einige Projekte stehen bereits vor erheblichen logistischen und finanziellen Problemen: Die Marmaray-S-Bahn sollte ursprünglich nicht erst in diesem Jahr, sondern schon 2009 in Betrieb genommen werden. Der bisherige Kostenanstieg beträgt 500 Millionen Dollar. Problematischer aber als der Anstieg der Baukosten ist der Streckenabschnitt, der unter Wasser verläuft. Der geplante Tunnel wird nur 16 Kilometer von der Nordanatolischen Verwerfung entfernt verlaufen, einer der aktivsten tektonischen Platten der Erde.

Für die Yavuz-Sultan-Selim-Brücke wurden drei Milliarden Dollar veranschlagt. Umweltschützer kritisieren, dass deren Bau einige der (wenigen) Grünflächen der Stadt beschädigen wird – und das Verkehrsaufkommen und damit die CO2-Belastung nicht verringern, sondern sogar erhöhen könnte. Istanbuls dritter Flughafen wiederum wird stark vom anhaltenden Erfolg der Turkish Airlines abhängen. Gemessen an der Anzahl der Ziele ist Turkish Airlines derzeit die viertgrößte Fluggesellschaft der Welt. Mit mehr als 90 Ländern fliegt sie mehr Destinationen an als jede andere Fluggesellschaft. So stellte der Präsident und CEO von Turkish Airlines, Temel Kotil, fest: „Ich bin mehr als optimistisch, dass wir unser Ziel bis 2023 erreichen, das größte Luftverkehrsnetz der Welt zu werden. Wir wollen eine Fünf-Sterne-Fluggesellschaft werden und die führende Fluggesellschaft in unserer Region, das Zuhause von 1,5 Milliarden Menschen.“

Erdogans ehrgeizige Infrastrukturprojekte sind jedoch nicht auf Istanbul beschränkt. Staatliche Züge transportieren mehr als sechs Millionen Passagiere jährlich, das Netz wird kontinuierlich ausgebaut. „Konventionelle“ Eisenbahnstrecken decken bereits 11 052 Kilometer und relativ gleichmäßig die sieben Regionen der Türkei ab (jede Region weist zwischen 1300 und 2000 Kilometer Gleise auf). Zusätzlich wird jetzt eine Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Ankara und Istanbul fertiggestellt, die die Fahrzeit von sechseinhalb Stunden auf etwa drei Stunden reduzieren soll. Die 210 Kilometer lange Strecke von Ankara zur zentralen Stadt Eskisehir ist bereits fertiggestellt; die Fahrt dauert 80 Minuten, und der Zug erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von bis zu 250 Stundenkilometern. Ähnlich wie bei den Projekten in Istanbul steigen die Kosten aber auch beim Bau der Hochgeschwindigkeitstrassen. Im Juni hat die Europäische Investitionsbank eine zusätzliche Finanzspritze von 200 Millionen Euro für das Projekt angekündigt, was die gesamte Finanzierung der EIB auf 1,5 Milliarden Euro erhöht.

Das städtische Entwicklungsprojekt der staatlichen Wohnungsbaubehörde TOKI sieht vor, bis 2023 in der gesamten Türkei eine Million neue Gebäude zu errichten. Hierfür sollen 6,5 Millionen Slumhütten abgerissen werden. Die häufig illegal gebauten „gecekondu“ (etwa: „über Nacht gebaut“) sollen modernen Vierteln weichen. Sozialer Wohnungsbau soll der wachsenden Wohnungsnot der Türkei entgegenwirken und günstigen Wohnraum für Einkommensschwache bereitstellen.

Das größte Entwicklungsprojekt in der Geschichte der Republik wird derzeit im Osten des Landes realisiert. Mit dem Südostanatolien-Projekt, kurz GAP (Güneydogu Anadolu Projesi), das neun Provinzen, d.h. 9,7 Prozent der gesamten Fläche der Türkei umfasst, sollen Industriezentren angesiedelt, die Agrar- und Energieproduktion gesteigert und Arbeitsplätze geschaffen werden. Geplant ist dabei unter anderem der Bau von 22 Staudämmen und 19 Wasserkraftwerken an den Flüssen Tigris und Euphrat. Das auf 32 Milliarden Dollar geschätzte Projekt soll noch 2013 fertiggestellt werden.

Wenn die Türkei ihr Ziel erreichen will, einen Platz unter den zehn größten Volkswirtschaften bis zur Jahrhundertfeier der Republik zu erobern, sind eine weitere Entwicklung ihrer Infrastruktur und weitere Investitionen von privaten heimischen Unternehmen und ausländischen Investoren nötig. Die Türkei erfüllt jedoch schon einige Voraussetzungen, da sie auf Platz 27 des Logistics Performance Index der Weltbank vom Jahr 2012 platziert ist, zwischen China (Platz 26) und Portugal (Platz 28).


Internet und Medien

Das Fernsehen ist das einflussreichste Medium der Türkei. Bis zum Jahr 2016  wird es laut Experten 95,6 Prozent aller 75,6 Millionen Einwohner erreichen. Die staat­liche Fernsehanstalt TRT bietet eine große Bandbreite an Sendern zu verschiedenen Themenbereichen. und verfügt auch über einen kurdischsprachigen Sender, dessen Einrichtung sehr umstritten war. Bis zur Zulassung von privaten Anbietern im Jahr 1990 hatte TRT eine Monopolstellung. Mittlerweile konkurrieren ungefähr 300 private Fernseh- und etwa 1100 Radiosender mit der staatlichen Anstalt. Die Fernsehlandschaft wird dabei von den privaten Kanälen Kanal D, ATV und Star TV angeführt, mit einem Marktanteil von 9 bis 14 Prozent Marktanteil.

Obwohl das Fernsehen fest in nationaler Hand ist, werden mittlerweile ausländische Sender wie der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira ausgestrahlt, um die arabischsprachige Minderheit im Südosten der Türkei zu bedienen.

Zu den populärsten Produktionen türkischer Fernsehanstalten gehören Seifenopern, die meist von melodramatischen Familien- und Liebesbeziehungen handeln, mit denen die Protagonisten konfrontiert sind. Jährlich werden 65 Serien in der Türkei produziert. Auch die türkische Filmbranche boomt und erweist sich als lukrative Einnahmequelle für die Fernsehanstalten; jährlich werden 80 bis 100 Produktionen in Auftrag gegeben. Türkische Serien und Filme sind mittlerweile auch über die Grenzen hinaus populär, vor allem in Griechenland, Zentralasien und im Nahen Osten. Seit 2001 wurden 65 türkische Serien exportiert; der Gewinn betrug durchschnittlich 50 Millionen Dollar, Tendenz steigend: 2012 soll der Erlös sogar 90 Millionen Dollar betragen haben.

Ein berühmtes Beispiel für den erfolgreichen Export türkischer Seifenopern ist die Serie „Noor“ (arab.: Licht) bzw. „Gümüs“ (türk.: Silber). Allein in Saudi-Arabien verfolgten fünf Millionen Menschen (also jeder fünfte Saudi) die Serie, in deren Mittelpunkt ein türkisches Ehepaar steht, das mit allerlei Beziehungsproblemen zu kämpfen hat. Ein Grund für die große Beliebtheit besonders in den arabischen Ländern ist wohl, dass Themen wie Alkoholgenuss, Abtreibung oder der Austausch von Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit angesprochen werden, die in vielen arabischen Ländern als tabu, weil „sittenwidrig“ gelten. Die Protagonisten der Serie führen eine gleichberechtigte Partnerschaft; Ehefrau Nour strebt eine eigene berufliche Karriere als Modedesignerin an und wird dabei von ihrem Mann unterstützt. Die Ausstrahlung von „Nour“ hat gerade in konservativeren arabischen Gesellschaften zu Debatten über neue Freiräume innerhalb von muslimischen Ländern geführt. Viele sahen die muslimische Türkei als mögliches gesellschaftliches Vorbild. Nach den Gezi-Park-Protesten, die Premier Erdogan brutal niederschlagen ließ, boykottierten viele arabische Länder allerdings die Ausstrahlung türkischer Seifenopern.

Was jedoch auf den ersten Blick als vielfältiges Medienangebot in der Türkei erscheint, sind in Wirklichkeit Oligopolstrukturen. Fünf Mediengruppen – Dogan, Dogus, Turkuvaz, Cukurova und Ciner Media Group – beherrschen die türkische Medienlandschaft. So fallen zwei Drittel aller Werbeeinnahmen aus Zeitungen an die Dogan Media Group, die damit als einflussreichste gilt.

Unter den Printmedien ist die islamisch-konservative, der Gülen-Bewegung nahe stehende Zaman mit einer Auflage von 1,1 Millionen die größte. Danach rangieren Hürriyet und Posta mit einer Auflage von 430 000 bis 460 000 Exemplaren; beide gehören zur Dogan Yayin Holding. In den vergangenen Jahren hat sich das Internet zu einer bedeutenden Informationsquelle entwickelt. 47,2 Prozent der türkischen Bevölkerung verfügen zu Hause über einen Internetzugang, weitere 13,2 Prozent nutzen das Internet an anderen Orten. Insgesamt greifen 72 Prozent aller Internetnutzer auf Nachrichten im Netz zu. 45 Milliarden Stunden verbrachten User im August 2011 online, davon allein 13 Milliarden auf der Plattform Facebook.

Soziale Medien spielten besonders während der Gezi-Park-Proteste eine wichtige Rolle. Denn ein großes Problem ist die Presse- und Medienzensur durch staatliche Behörden und ganz besonders die Sperrung bestimmter Webseiten. Eine eigens dafür geschaffene Behörde für Telekommunikation und Übertragung darf Internetseiten ohne vorherigen Gerichtsbeschluss sperren. Nicht-staatliche Organisationen schätzen die Zahl der geblockten Webseiten auf etwa 22 000. Dass eine Kontrolle des Datenverkehrs auch technisch leicht machbar ist, liegt an der zentralisierten Internet-Infrastruktur, mit TürkTelekom als einzigem Provider. Da die meisten Medien kaum kritisch über den Gezi-Park berichteten, bezogen viele ihre Informationen aus dem Netz, beispielsweise über Postings bei Twitter und Facebook. Auf Druck der Regierung gab Facebook die Daten regierungskritischer User preis. Twitter verweigerte dies bislang. Nicht zuletzt aus diesem Grund will Premier Erdogan eine größere Kontrolle von Twitter durchsetzen.

Presserechtlich problematisch sind auch Paragrafen wie „Beleidigung des Türkentums“ oder die recht umfassende Antiterrorgesetzgebung, die sich hauptsächlich gegen kurdische Aktivisten richtet. Zahlreichen regierungskritischen Journalisten wurde bereits wegen „Beleidigung des Türkentums“ gekündigt; viele Journalisten vor allem kurdischer Abstammung wurden verhaftet. Die OSCE schätzte die Zahl der inhaftierten türkischen Journalisten auf 78 (Stand August 2012). Einige von ihnen wurden wegen „Handelns im Auftrag einer terroristischen Organisation“ zu Haftstrafen bis zu 15 Jahren verurteilt. Im World Press Freedom Index von 2013 der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ rangiert die Türkei auf Rang 154 von 179 Ländern, noch hinter Mali und Afghanistan.

Dass die Türkei auf dem Sektor Pressefreiheit so schlecht abschneidet, ist nicht nur staatlichem Druck und einer spürbaren Selbstzensur bei kritischen Themen wie Korruption oder Waffenlieferungen an syrische Rebellen geschuldet. Die großen Mediengruppen sind Mischunternehmen, die in zahlreichen Branchen aktiv sind – darunter auch im Baugewerbe, das von öffentlichen Aufträgen profitiert. Solange die wirtschaftlichen Interessen der Medienunternehmen vom Wohlwollen der Regierung abhängig sind, dürften sich türkische Medien, so der britische Economist, mit allzu klarer Kritik wohl zurückhalten. Zuwiderhandlungen können zu empfindlichen Strafen führen. 2009 hatte die Dogan-Gruppe 2,9 Milliarden Dollar wegen „Steuerhinterziehung“ zu zahlen. Unternehmenschef Aydin Dogan musste sein Firmenimperium empfindlich verkleinern und einige der schärfsten Regierungskritiker entlassen.


Investitionsstandort

Die Türkei – Schnittstelle zwischen Asien und Europa und ausgestattet mit einem großen Arbeitskräftepotenzial und einem dynamischen Markt – ist im vergangenen Jahrzehnt eine der größten Empfängerinnen von Direktinvesti­tionen aus dem Ausland gewesen. Die türkische Investment Support and Promotion Agency listet die geografische Lage und die Zollunion mit der EU als zwei der wichtigsten Gründe auf, in die Türkei zu investieren.

Ausländische Investoren vor allem aus Europa haben ihr Interesse an der Türkei im großen Maßstab nach der Finanzkrise von 2001 entdeckt: Die Krise hatte zwar zum Zusammenbruch des türkischen Aktienmarkts und zu Verlusten von fünf Milliarden Dollar in Reserven für die Türkische Zentralbank geführt. Danach aber leitete die Regierung massive Privatisierungen sowie strukturelle und ökonomische Reformen ein. Ausländische Direktinvestitionen stiegen zwischen 2003 und 2007 sprunghaft an (siehe Grafik). Zudem stieg die Zahl mit ausländischem Kapital ausgestatteter türkischer Unternehmen von 7600 im Jahr 2003 auf 29 200 im Jahr 2007.

Im Zuge der Finanzkrise von 2008 gingen ausländische Direktinvestitionen stark zurück, schossen aber 2011 wieder auf 16 Milliarden Dollar hoch, bevor sie 2012 auf 12,5 Milliarden Dollar sanken. Dank starker Zuwachszahlen in den Bereichen Kohle, Erdölverarbeitung und Nuklearenergie übertrafen die Investitionen in den Industriesektor bereits 2011 das Vorkrisenniveau. Der Dienstleistungssektor hat sich ebenfalls stabilisiert: Das Niveau lag 2011 vergleichbar hoch wie 2008. Insbesondere Banken profitierten enorm – nicht nur von der Reform des Bankensektors Anfang 2000, sondern auch von der Fähigkeit der Türkei, sich von der Krise 2008 schnell zu erholen. Während HSBC, ING und die libanesische Bank Audi kleine und mittelgroße Banken aufkauften, konkurrierten Investoren aus dem Mittleren Osten, China und Russland um die Kontrolle über die größten Banken. 2012 reduzierte die amerikanische Citigroup im Zuge ihres Ausstiegs aus dem Privatkundengeschäft in Schwellenländern ihren Anteil an der Akbank, einer der größten Banken der Türkei, von 20 auf unter 10 Prozent. Die franco-belgische Dexia Group gab ihre Kontrolle über die DenizBank auf und verkaufte ein großes Aktienpaket, das sich die russische Sberbank rasch für 3,5 Milliarden Dollar sicherte. Die kuwaitische Burgan Bank erstand die Eurobank Tefken von der griechischen Eurobank EFG. Anfang 2013 versuchte die größte Bank der Welt, die Industrial & Commercial Bank of China, eine Mehrheitsbeteiligung der türkischen Alternatifbank an sich zu reißen, wurde aber von der Commercial Bank of Qatar überboten, die einen 71-Prozent-Anteil für 460 Millionen Dollar kaufte.

Insgesamt hat sich seit dem Frühjahr 2013 der Wettbewerb unter Auslands­investoren, die auf hohe Investitionsgewinne hoffen, auf dem türkischen Markt verstärkt. Erstaunlich hohe Wachstumsraten von 9 Prozent in den Jahren 2010 und 2011, eine niedrige Inflation und eine verhältnismäßig geringe staat­liche Schuldenquote veranlassten die Ratingagentur Moody’s zum ersten Mal seit 1994 zu einer Anhebung der Bonitätsnote der türkischen Staatsanleihen (auf die Stufe „Baa3“), was die Istanbuler Börse am 22. Mai 2013 zu einem Allzeitrekordhoch inspirierte.

Allerdings wurde die Türkei in den Wochen nach dem historischen Höhenflug der Börse ihrem Ruf für politische Unbeständigkeit einmal mehr gerecht. Die wegen der geplanten Bebauung des Gezi-Parks im Juni 2013 ausgebrochenen Proteste auf dem Taksim-Platz signalisierten Unzufriedenheit unter weiten Teilen der Bevölkerung mit der Politik Ministerpräsident Erdogans und weckten Sorgen über die Stabilität des Landes. „Politische Unruhen daheim gepaart mit der Rezession in der Euro-Zone (immer noch der größte Exportmarkt der Türkei) und der Konflikt in Syrien und der Region insgesamt könnten leicht das in die Türkei gesetzte Vertrauen beschädigen“, warnte das Magazin The Economist. Auch Faktoren wie Defizite bei der Infrastruktur, der Bildung und der Beteiligung von Frauen am Erwerbsleben trüben aus Investorensicht die Perspektiven ebenso wie die mangelnde Währungsstabilität: Ende August 2013 rutschte die türkische Lira gegenüber dem Dollar auf einen Tiefststand.

Die türkische Volkswirtschaft, besonders der Finanz- und Industriesektor, ist heute stark von internationalem Kapital abhängig. Ausländische Direkt­investitionen fielen der Türkischen Zentralbank zufolge jedoch im ersten Halbjahr 2013 um 35 Prozent. „Die Gezi-Park-Proteste wirken sich kurzfristig auf den Zufluss ausländischer Direktinvestitionen aus“, räumte der Generalsekretär der Internationalen Investorenvereinigung YASED, Özlem Özyigit, ein, machte aber „die gegenwärtige finanzielle Lage der US-Wirtschaft“ als Hauptgrund für den steilen Abfall aus. Um gegenzusteuern und den Investitions­standort Türkei langfristig zu sichern, müsste die türkische Regierung strukturelle Probleme rasch angehen – und wichtiger noch, mehr in ihr Kalkül einbeziehen, wie ihre Schwierigkeiten im Ausland wahrgenommen werden.


Klima- und Umweltschutz

Die rasante wirtschaftliche Entwicklung der Türkei und die beschleunigte Migration von ländlichen Gebieten in urbane Zentren blieben nicht ohne Folgen für die Umwelt. Sie haben unter anderem zu Wasser- und Energieknappheit geführt. Um den Energiehunger der Wirtschaft zu stillen, wurden Umweltbesorgnisse oft hintenan gestellt. Die Regierung steht nun vor der schwierigen Herausforderung, das wirtschaftliche Wachstum zu sichern, es aber mit einer nachhaltigen Entwicklung zu verbinden. „Die Türkei hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2023 die zehntgrößte Volkswirtschaft der Welt zu werden. Verwirklicht werden sollen diese Ambitionen im Einklang mit einer lebenswerten Umwelt mit großen Städten“, betonte EU-Minister Egemen Bagis im Juli 2012.

Die Europäische Union ist denn auch die treibende Kraft hinter türkischen Umweltreformen. Seit Beginn der Beitrittsverhandlungen 2005 wird die Umweltgesetzgebung an die EU-Standards angepasst. Es handelt sich hierbei jedoch um einen langwierigen Prozess, in dessen Verlauf mehr als 200 EU-Rechtsakte umgesetzt werden müssen. 2007 wurde die „EU-integrierte Umweltschutzangleichungsstrategie“ (UCES) verabschiedet, die die nötigen umweltpolitischen Verbesserungen enthält. Dabei geht es insbesondere um Investitionen in die Infrastruktur, die Stärkung institutioneller Strukturen sowie um die Angleichung der Gesetzgebung. Bei der Umsetzung kann die Türkei auf den Europäischen Fonds für Umweltprojekte für EU-Beitrittskandidaten zurückgreifen: Seit 2007 erhielt sie 4,9 Milliarden Euro.

In der Abfallwirtschaft sind erste Fortschritte festzustellen; Verbesserungen im Bereich von Luft- und Wasserqualität hingegen lassen noch zu wünschen übrig. Laut Weltbank rangieren die beiden größten Städte der Türkei, Istanbul und Ankara, auf Platz sieben und 26 (von 97) der Metropolen mit der weltweit größten Luftverschmutzung. Die Treibhausgasemissionen sind zwischen 1990 und 2011 um 124 Prozent angewachsen; pro Kopf gemessen liegen sie aber immer noch unter dem OECD-Durchschnitt.

Im Bereich der erneuerbaren Energien, auf den besonders die EU setzt, zeigt die Türkei keine nennenswerten Fortschritte. Sie hat aber ein ErneuerbareEnergien-Gesetz auf den Weg gebracht und verfügt über großes Potenzial an Sonnen-, Wind- und anderen geothermischen Energien. „Die Türkei ist in ganz Europa eines der attraktivsten Länder für Erneuerbare“, erklärte Erol Kaya, der Vorsitzende des Umweltausschusses im türkischen Parlament, 2012. „Sie verfügt über 8300 Kilometer windige Küste und ist das sonnenreichste Land des Kontinents. Das sind große Chancen.“

Dass das Umweltbewusstsein größer wird, zeigt sich auch anhand internationaler Abkommen, denen die Türkei in jüngster Zeit beigetreten ist: 2004 wurde sie Mitglied des United Nations Framework for Convention on Climate Change (UNFCCC), 2009 unterzeichnete sie das Kyoto-Protokoll und erkannte damit konkrete CO2-Reduktionsziele an – ein später, aber dennoch positiver Schritt. 2010 trat der „National Climate Change Action Plan“ (NCCAP) in Kraft, der Zeitfristen ebenso beinhaltet wie neue Ziele und Richtlinien. Der Plan entstand in der Zusammenarbeit des Ministeriums für Umwelt und Forstwirtschaft mit dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) und zielt darauf, Möglichkeiten zur Minderung des Ausstoßes von Treibhausgasen zu identifizieren und entsprechende Maßnahmen umzusetzen.


Migration und Flüchtlinge

Die Türkei ist heute nicht mehr nur Auswanderungsland; sie ist auch ein wichtiges Aufnahme- und Transitland geworden. 2010 lebten 3,7 Millionen türkische Staatsbürger im Ausland, mehr als zwei Fünftel (1,6 Millionen) von ihnen in Deutschland. Die übrigen gut zwei Millionen Emigranten hielten sich in anderen westeuropäischen Ländern, in den USA, Australien und Saudi-Arabien auf. Die massive Auswanderung begann in den sechziger Jahren, als aufgrund des Arbeitskräftemangels in Westeuropa jährlich rund 100 000 Arbeiter die Türkei verließen, häufig aus den eher ärmeren ländlichen Gebieten.

Der türkischen Wirtschaft brachte dies vor allem zwei Vorteile: Die Zahl der Arbeitslosen sank, und das Handelsbilanzdefizit wurde durch die Rücküberweisungen der Emigranten verringert und sogar ausgeglichen. Bis 1998 stiegen die Rücküberweisungen auf über fünf Milliarden Dollar pro Jahr und deckten damit knapp 40 Prozent des Handelsdefizits. Zur Jahrtausendwende gingen die Geldsendungen der Emigranten allerdings um 80 Prozent zurück; heute betragen sie nur noch rund eine Milliarde Dollar pro Jahr. Der Rückgang ist wesentlich einem Generationswechsel geschuldet. Kinder und Enkel der Migranten sehen ihre Zukunft oft eher in der neuen Heimat als in der Türkei. Zudem waren Rücküberweisungen zuletzt wirtschaftlich immer weniger sinnvoll, da sie mittlerweile hoch versteuert werden; Kredite in der Türkei hingegen wurden sehr viel billiger.

In Deutschland sinkt die Zahl türkischer Staatsbürger seit Mitte der neunziger Jahre. Im vergangenen Jahrzehnt reisten pro Jahr rund 30 000 Türken nach Deutschland ein, einige Hundert mehr kehrten jedes Jahr in die Türkei zurück. Diese oft gut ausgebildeten Remigranten finden im türkischen Arbeitsmarkt allerdings kaum Stellen, die ihren Qualifikationen entsprechen, und machen sich daher oft selbständig – häufig als Taxifahrer, Vermieter oder Kleinunternehmer.

Mit der zeitweise enormen Abwanderung aus der Türkei ging auch ein Braindrain einher. Waren es in den sechziger Jahren vor allem Ingenieure und Ärzte, so sind es seit den achtziger Jahren Studenten und Akademiker aller Fachgebiete, um vor allem in Westeuropa und den USA bessere Arbeits- und Lebensbedingungen zu finden. 2006 studierten rund 52 000 Türkinnen und Türken im Ausland. In einer Studie aus dem Jahr 2009 erklärten 64 Prozent der befragten türkischen Studenten und Akademiker in Deutschland, dass sie nicht in die Türkei zurückkehren wollten.
 
Seit dem Ende des Kalten Krieges ist die Türkei allerdings nicht mehr nur Auswanderungs-, sondern auch Einwanderungsland. Über die durchlässigen Grenzen der Türkei kamen seither Händler und Arbeiter aus den ehemaligen Sowjetstaaten, vor allem dem Kaukasus, und Migranten aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie Afrika südlich der Sahara, um in der Türkei Asyl zu beantragen oder weiter in die Staaten der EU zu gelangen. Vergangenes Jahr wurde die Hälfte aller illegalen Grenzübertritte in die EU – rund 37 000 Fälle – an den türkisch-griechischen Grenzen erfasst. Erst seit 2008 und nach entsprechendem Drängen der EU bemüht sich die Türkei um eine effektive Grenzkontrolle. Die Visumspolitik der Türkei bleibt allerdings weiterhin liberal. So können sich mittlerweile Bürger aus 75 Staaten für 30 bis 90 Tage ohne Visum in der Türkei aufhalten. Bürger der USA, Australiens und der Staaten Afrikas südlich der Sahara unterliegen allerdings einer Visumspflicht.

Im Gegensatz dazu ist die Gesetzgebung zur Aufenthalts- und Arbeitsberechtigung von Migranten eher restriktiv. 2009 gab es 163 000 Aufenthaltsberechtigte in der Türkei. Die Zahl der offiziell erfassten Migranten ohne Aufenthaltsberechtigung betrug im Jahr 2007 rund 64 000, inoffizielle Schätzungen reichen bis zu zwei Millionen. Diese irregulären Migranten finden im großen informellen Arbeitsmarkt der Türkei leicht Arbeit, besonders in der Landwirtschaft und Textilindustrie, im Bausektor sowie als Hausangestellte und Händler.

Darüber hinaus beherbergt die Türkei derzeit eine große Anzahl syrischer Flüchtlinge. Bis Ende September 2013 lag ihre Zahl nach UN-Angaben bei fast 500 000. Die Türkei gewährt den Syrern bisher noch keinen Flüchtlingsstatus, sondern bezeichnet sie als „Gäste“, wodurch diese ihre Rechte als Flüchtlinge nicht wahrnehmen können. Bislang erhalten die Syrer in der Türkei auch noch keine Arbeitsgenehmigung, wodurch sie Arbeit für unter sieben Euro pro Tag und ohne soziale Absicherung annehmen müssen – vor allem in Restaurants und Fabriken, auf Baustellen und in der Landwirtschaft. Die Unterstützung der syrischen Flüchtlinge kostet die Türkei monatlich rund 40 Millionen Euro.


Tourismus

Makellose Strände, versunkene Tempel und pulsierende Metropolen: Die Türkei lockt mit einer attraktiven Mischung aus Antike und Moderne – und Tourismus ist nach wie vor einer der wichtigsten Sektoren der türkischen Volkswirtschaft. Nach Angaben des Ministeriums für Kultur und Tourismus verzeichnete das Land zwischen 2002 und 2012 einen konstanten Besucheranstieg von durchschnittlich 1,8 Millionen Touristen jährlich. 2012 kamen etwa 31,5 Millionen Urlauber. An vorderster Stelle: deutsche Touristen, die mit fünf Millionen die mit Abstand größte Besuchergruppe ausmachten, gefolgt von Besuchern aus Russland, Großbritannien, Bulgarien und Georgien.

Beliebteste Reiseziele sind die „türkische Riviera“ Antalya, die kulturelle Hauptstadt Istanbul und das historische Edirne, die zusammen knapp Dreiviertel des gesamten Fremdenverkehrs anziehen. Das Land lockt mit in den Touristenzentren gut ausgebauter Infrastruktur, vergleichsweise hohen Sicherheitsstandards, guten Flugverbindungen, 300 Sonnentagen im Jahr und günstigen Wechselkursen, die einen Besuch auch für Studenten und Familien erschwinglich machen.

Der Reise- und Tourismussektor im engeren Sinn, also mit Tourismus direkt verbundene Dienstleistungen, wie sie Hotels, Museen und Reiseagenten anbieten, erwirtschaftete laut World Travel and Tourism Council (WTTC) 2012 einen Beitrag von 57,7 Milliarden Dollar zum türkischen BIP, was 4,1 Prozent entsprach. Bis 2023 soll dieser Wert auf 84,3 Milliarden steigen. Rechnet man mit dem Tourismus im weiteren Sinne verbundene Wirtschaftsaktivitäten wie den Bau neuer Hotels, Werbung, Beschäftigung von Sicherheitsdiensten und ähnliches ein, erreichte der Sektor 2012 ein Volumen von 155,8 Milliarden Dollar und damit 10,9 Prozent des BIP.

Laut WTTC unterhielt der Reise- und Tourismussektor 2012 etwa eine halbe Million Arbeitsplätze. Damit sind 2,1 Prozent der türkischen Arbeitnehmer in diesem Sektor beschäftigt. Indirekt mit Tourismus verbundene Gewerbe beschäftigten 2012 rund zwei Millionen Menschen oder 8,3 Prozent der Arbeitnehmer. Bis 2023 sollen es knapp 2,5 Millionen Arbeitsplätze werden.

Die jüngsten gewaltsamen Massendemonstrationen haben den positiven Entwicklungen in der Tourismusbranche keinen Abbruch getan. Das WTTC prognostizierte zum hundertjährigen Bestehen der Republik 2023 eine Rekordbesucherzahl von über 50 Millionen Touristen, während das Ministerium für Kultur und Tourismus Potenzial für bis zu 63 Millionen Besucher sieht.

Der oft ungesteuerte Massentourismus in Zentren wie Alanya hat allerdings auch zu großen Problemen geführt. Der Ausbau sanitärer Anlagen hielt mit dem Tempo des Stadtausbaus insgesamt nicht Schritt, Luftverschmutzung und zubetonierte Strände ließen die Reklamationszahlen ansteigen. Um dem zu begegnen, setzt das Kultur- und Tourismusministerium auf eine Diversifika­tionstrategie, die unter anderem eine Entzerrung der Touristen-Hotspots vorsieht. Auch alternativer Tourismus sowie Bereiche wie Ökotourismus, Golf­tourismus und Wintertourismus sollen gefördert werden, darüber hinaus auch Hochzeits- und Konferenztourismus. Dieser Ansatz kann bereits erste Erfolge vorweisen; Istanbul lag im Jahr 2012 laut dem Weltverband der Kongress- und Tagungswirtschaft auf Platz neun der beliebtesten Veranstaltungsorte und belegte bei Veranstaltungen mit 500 Teilnehmern und mehr sogar weltweit Platz eins.

Auch die Reiselust der Türken nimmt allmählich zu. 2012 wurden rund 5,8 Millionen Auslandsreisen mit mindestens einer Übernachtung unternommen – eine Viertelmillion mehr als 2009. Die beliebtesten Reiseziele waren Bulgarien, Georgien und Syrien, gefolgt von Griechenland und Aserbaidschan.


Zypern

Die Insel Zypern ist aufgrund historischer Spannungen seit 1974 in einen von türkischen Zyprioten kontrollierten Nordteil und die griechisch geprägte Republik Zypern im Süden aufgespalten; letztere ist EU-Mitglied. Der Nordteil erklärte sich 1983 als Türkische Republik Nordzypern für unabhängig, wird aber nur von der Türkei als souveräner Staat anerkannt.

Nach Jahren fruchtloser Verhandlungen über eine Wiedervereinigung entwickelten sich beide Staaten auseinander. Während der Süden die Bindungen mit Griechenland festigte, sich der EU zuwandte und als Steueroase einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte, traf den isolierten Norden 2000 eine verheerende Finanzkrise. Nur ein millionenschweres Rettungspaket der Türkei konnte das Schlimmste abwenden, und bis heute leistet die Türkei jedes Jahr finanzielle Unterstützung in Millionenhöhe.

Mittlerweile hat sich das Blatt jedoch gewendet: Nach Jahren der Prosperität dank russischem Offshore-Banking wurde der Süden von der Staatsschuldenkrise in Griechenland schwer getroffen. Heute steht er vor dem Niedergang seines Banken- und Immobiliensektors und ist auf die Auszahlung von insgesamt zehn Milliarden Euro aus dem Rettungsschirm ESM angewiesen.

Die nordzyprische Wirtschaft dagegen, die nach einer Periode des Wachstums zwischen 2007 und 2009 noch schrumpfte, verzeichnet seitdem ein jährliches Wirtschaftswachstum von etwa 4 Prozent. Gleichzeitig sank die Infla­tionsrate beträchtlich: Betrug sie 2001 noch 76,8 Prozent, hatte sie sich 2010 bei 3,3 Prozent eingependelt. Hierbei wirkte sich auch der EU-Beitritt Süd­zyperns aus: So kann Nordzypern seine Waren mittlerweile zollfrei über süd­zyprische Häfen verschiffen und profitiert zudem vom freien Personenverkehr zwischen Nord und Süd.

Auch der Boom in der Türkei hat die Wirtschaft Nordzyperns belebt und ihr einen im Aufschwung begriffenen Dienstleistungssektor beschert, vor allem im Tourismus. Gleichwohl bleibt der Norden von Ankara abhängig, das mit jährlich 400 Millionen Euro ein Drittel direkt zum Staatshaushalt beiträgt. Die beiden Hauptexportartikel Nordzyperns sind Zitrusfrüchte und Milchprodukte, die 2010 knapp über die Hälfte des Gesamtexportumsatzes von 116 Millionen Dollar ausmachten. Der Großteil des Außenhandels läuft über die Türkei: 46,4 Prozent der Exporte wurden von der Türkei absorbiert, während sie gleichzeitig 70 Prozent der Importe lieferte.

Zyprioten wie Gunay Cerkez, der Chef der Türkisch-Zypriotischen Handelskammer, sehen die aktuelle Krise Südzyperns als Chance für eine dauerhafte Lösung des Konflikts: Die besser ausgebauten Häfen des Südens und der starke Zufluss von türkischem Kapital in den Norden könnten die Grundlage für einen Aufschwung beider Teilstaaten bilden, sofern die EU ihre Ankündigung wahr mache, Handelshemmnisse für die Nordhälfte abzubauen. Dies wiederum könnte dann den Weg zur Wiedervereinigung ebnen.

Weiteres Konfliktpotenzial bergen allerdings neue Öl- und Gasfunde im Süden von Zypern. 2011 erschloss das amerikanische Unternehmen Noble Energy im zum Süden gehörenden „Block 12“ das Aphrodite-Feld, das Schätzungen zu­folge 198 Milliarden Kubikmeter förderbares Erdgas enthält. (Nach Schätzungen des US Geological Service lagern bei Zypern im levantinischen Becken insgesamt rund 1,7 Millionen förderbare Barrel Erdöl und 3,45 Billionen Kubikmeter Erdgas.) In Vasilikos an der Südküste entsteht derzeit ein neuer Umschlaghafen, dessen erste Bauphase Anfang 2014 abgeschlossen werden soll. Auch der Bau einer Erdgasverflüssigungsanlage wird geplant, die aus den Offshore-Gebieten gespeist werden soll. Die Investmentbank Morgan Stanley schätzt, dass die Ausbeutung des Aphrodite-Felds in der Zukunft über 90 Prozent des südzypriotischen BIP generieren könnte.

Der Norden pocht auf eine Beteiligung an den Gewinnen. „Die exklusive Nutzung dieser Ressourcen durch Südzypern wäre inakzeptabel“, sagte ein türkischer Regierungssprecher der Nachrichtenagentur Reuters im März 2013. Premierminister Erdogan bezeichnete die Bohrungen gar als „Provokation“.

 
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