Verlässlicher Verbündeter

Warum Teheran das Assad-Regime auch künftig nicht fallen lassen wird

1. November 2013 - 0:00 | von Karim Sadjadpour

Internationale Politik 6, November/Dezember 2013, S. 42-47

Kategorie: Bilaterale Beziehungen, Konflikte und Strategien, Waffenhandel, Syrien, Iran

Das Bündnis des Iran mit dem Assad-Regime hält seit mehr als 30 Jahren. Wird sich das unter dem gemäßigten Präsidenten -Hassan Rohani ändern? Nein. Das hat mit gemeinsamen Feindbildern zu tun, mit geostrategischen Überlegungen – aber auch mit der Angst Teherans vor den möglichen Alternativen zu Assad.

Es ist im Grunde erstaunlich, wie langlebig das Bündnis zwischen dem Iran und Syrien ist. Erstaunlich deshalb, weil es weder auf gemeinsamen nationalen Interessen noch auf religiösen Werten fußt. Es handelt sich um eine taktisch-strategische Partnerschaft zwischen zwei autoritären Regimen. 1980 führte sie ihre Verachtung für Saddam Husseins Irak zusammen. Die Angst vor und der Hass auf die Vereinigten Staaten und Israel trug dazu bei, die Partnerschaft aufrechtzuerhalten.

Anfangs, als es noch so schien, als seien nur die mit dem Westen verbündeten arabischen Autokratien in Tunesien, Ägypten und Jemen betroffen, unterstützte der Iran die Volkserhebungen im Nahen Osten. Er bezeichnete sie als „islamisches Erwachen“. In Syrien dagegen unterstützt Teheran standhaft das in Bedrängnis geratene Assad-Regime. Der Iran hat syrische Oppositionelle systematisch als „Terroristen“ diffamiert, hinter denen ein bunt gemischtes Bündnis aus Golf-Staaten, Israel und den USA stehe.

Die 35. Provinz des Iran

Iranische Politiker wie der frühere Außenminister Ali Akbar Velayati haben Syrien als „einen goldenen Ring des Widerstands gegen Israel“ bezeichnet. Mehdi Taeb, einer der engsten Berater des Obersten Religionsführers Ayatollah Ali Khamenei, erklärte Syrien gar zur „35. Provinz“ des Iran: „Wenn wir Syrien verlieren, können wir Teheran nicht halten.“ Ohne die militärische Unterstützung und die finanzielle Großzügigkeit des Iran wäre Baschar al-Assads Regime wohl schon längst gestürzt.

Das hat auch mit der Angst Teherans vor den möglichen Alternativen zu tun. Ungeachtet der wirtschaftlichen Nöte des Iran und ungeachtet der überraschenden Wahl des „moderaten“ Geistlichen Hassan Rohani zum iranischen Präsidenten ist es unwahrscheinlich, dass Teherans politische und finanzielle Unterstützung für Assads Regime ins Wanken gerät.

Es ist kaum übertrieben, wenn man sagt, dass Syrien seit der islamischen Revolution im Jahre 1979 der einzige verlässliche Verbündete des Iran ist. Während der Rest der arabischen Welt im irakisch-iranischen Krieg Saddam Hussein unterstützte – teilweise auch finanziell –, schlug sich Hafez al-Assad auf Teherans Seite. In den vergangenen drei Jahrzehnten wichen die Interessen des Iran und Syriens immer mal wieder voneinander ab, etwa während des libanesischen Bürgerkriegs oder nach dem Einmarsch der Amerikaner in den Irak 2003; doch in den großen strategischen Fragen zogen beide Regime in der Regel an einem Strang. Nicht nur aus Gründen des politischen Rückhalts ist Syrien wichtig für die Islamische Republik. Sondern auch, weil es der schiitischen Hisbollah im Libanon, einem Kronjuwel der iranischen Revolution, eine ideale Durchgangs- und Versorgungsroute bietet. Sowohl Syrien als auch die Hisbollah sind tragende Elemente des iranischen Widerstandsbündnisses, und man darf davon ausgehen, dass ein Großteil der Waffen der Hisbollah aus dem Iran stammt und über den Flughafen in Damaskus in den Libanon geschleust wurde.

Dass der Iran das Assad-Regime an der Macht halten will, ist auch in der tiefen Sorge davor begründet, wie eine Regierung nach Assad aussehen könnte. Angesichts der überwältigenden sunnitischen Bevölkerungsmehrheit in Syrien fürchtet man in Teheran, dass das Land ein sunnitisches Regime bekommen könnte. Dieses stünde an der Seite von Ländern wie Saudi-Arabien und den Vereinigten Staaten und wäre dem schiitischen Iran feindlich gesonnen.

Fast jedes Mittel ist recht

Bei seinem Besuch in Damaskus im August 2012 erklärte der damalige Oberste Sicherheitsberater des Iran, Saeed Jalili: „Der Iran wird nicht zulassen, dass die Achse des Widerstands, dessen wichtigste Säule Syrien ist, zerstört wird.“ Mit anderen Worten: Wenn das Ziel lautet, den Vereinigten Staaten und Israel die Stirn zu bieten, ist beinahe jedes Mittel recht – auch Zehntausende zivile Opfer.

Dass der Iran sich in beträchtlichem Maße in Syrien engagiert, ist bekannt. Schwieriger bis unmöglich ist es, Genaueres über das Ausmaß von Teherans finanzieller und militärischer Unterstützung für Assad zu sagen. Offiziellen Schätzungen zufolge hat der Handel des Iran mit Syrien ein Volumen von nur etwa 700 Millionen Dollar pro Jahr. Das ist weniger als die Hälfte seines Handels mit Afghanistan und ein Bruchteil des Handels mit China, der ein Vo­lumen von 30 Milliarden hat. Diese Zahl umfasst allerdings nicht das sub­ventionierte Öl, mit dem der Iran Syrien seit 1982 versorgt. Damals erklärte sich Damaskus einverstanden, die irakische Ölpipeline durch sein Staatsgebiet stillzulegen.

Seit Ausbruch der Unruhen in Syrien sind die Finanzspritzen aus dem Iran immer wichtiger für das Regime in Damaskus geworden. Im Januar 2013 meldeten syrische Staatsmedien ein „Kreditabkommen“ mit dem Iran in Höhe von einer Milliarde Dollar. Fünf Monate später, im Mai 2013, kündigten iranische Politiker an, ihr Land werde Syrien einen weiteren Kreditrahmen über 3,6 Milliarden Dollar gewähren, „um den Kauf von Öl und petrochemischen Produkten zu finanzieren“.

Unterstützung bei der Unterdrückung

Bei seinem Kampf gegen den Volksaufstand wird das Regime in Damaskus von Teheran nicht nur finanziell, sondern auch mit militärischer Ausrüstung und geheimdienstlicher Kooperation unterstützt. Glaubt man amerikanischen Militärberichten oder den (vermutlich deutlich übertriebenen) Angaben iranischer Politiker, dann hat der Iran Syrien dabei geholfen, eine 50 000 Mann starke paramilitärische Truppe zu schaffen, die Al-Jaysh al-Shabi („Volksarmee“). Sie soll die syrischen Regierungstruppen dabei unterstützen, Demonstranten und Rebellen niederzuknüppeln.

Wie auch bei anderen strategischen Außenposten des Iran in Ländern, in denen es Aufstände gibt – wie dem Irak und Afghanistan –, ist es nicht das Außenministerium, sondern die Elitetruppe der Islamischen Revolutionsgarde (IRGC), die Quds-Brigaden, die Teherans Aktivitäten in Syrien steuert. Der zur Opposition übergelaufene ehemalige Premierminister Syriens Riad Hijab geht so weit zu sagen, dass „Syrien durch das iranische Regime besetzt wurde. Derjenige, der das Land regiert, ist nicht Baschar al-Assad, sondern Qassem Suleimani“ (der Chef der Quds-Brigaden). Das US-­Finanzministerium hat Suleimani und dessen Einsatz- und Ausbildungskommandeur Mohsen Chizari für ihre Rolle bei der „gewaltsamen Unterdrückung des syrischen Volkes“ mit Sanktionen belegt.

Zusätzlich zu den Quds-Brigaden hat der Iran vermutlich auch IRGC-Bodentruppen nach Syrien entsandt. Sie haben Erfahrung mit der Unterdrückung von Aufständen in iranischen Provinzen, etwa bei ethnischen Konflikten oder Stammesunruhen. Dutzende dieser Kräfte wurden im August 2012 vermutlich von syrischen Rebellen entführt, um später ausgetauscht zu werden. Zwar behauptet Teheran, es habe sich lediglich um harmlose Pilger gehandelt, doch die Beweislage sieht anders aus.

Dabei hat der Iran Syrien sowohl mit konventionellen wie mit nichtkonventionellen militärischen Mitteln versorgt. Einer von WikiLeaks veröffentlichten Meldung zufolge lieferte Teheran an Damaskus „Baupläne und Ausrüstung, mit denen sich jährlich hunderte Tonnen an Chemikalien für die Produktion von VX, Sarin und Senfgas herstellen lassen“.

Die iranische Förderung der syrischen Chemiewaffenprogramme umfasst wohl auch die Entsendung iranischer Wissenschaftler, die Anlieferung von Technologie und Chemikalien sowie die technische Ausbildung. Neben der finanziellen und militärischen Hilfe hat der Iran in den vergangenen 30 Jahren auch gezielt versucht, die kulturellen und religiösen Beziehungen zwischen Iranern und Syrern zu vertiefen, u.a. indem Teheran seinen Bürgern stark subventionierte Pauschalreisen angeboten hat.

Und so haben im Laufe der Jahre Millionen von Gläubigen aus dem Iran den schiitischen Schrein von Zainab bint Ali in Damaskus besucht. Allerdings ist seine Bedeutung als Pilgerort gering, vergleicht man ihn mit den irakischen Pilgerstätten in Nadschaf und Karbala. Und nichtreligiöse Iraner, die im Mittleren Osten Urlaub machen wollen, bevorzugen ohnehin einen Abstecher nach Dubai.

Beträchtlicher Imageschaden

Die größte Herausforderung für den Iran ist es, seine massive wirtschaftliche Hilfe für Syrien aufrechtzuerhalten, obwohl er wegen seiner nuklearen Ambitionen strengen internationalen Sanktionen ausgesetzt ist, in deren Folge das Ausmaß seiner Ölexporte um die Hälfte zurückgegangen ist. Schätzungen zufolge gibt Teheran monatlich zwischen 600 und 700 Millionen Dollar aus, um Assad solvent zu halten.

Ohne eine Einigung im Nuklearstreit, die das Sanktionsregime lockern und es dem Iran erlauben würde, seine Ölproduktion und -exporte wieder hochzufahren, dürfte Teherans Syrien-Politik innenpolitisch unter Druck geraten. Denn die Bevölkerung leidet immer stärker unter dem externen wirtschaftlichen Druck und dem internen Missmanagement. Als 2012 einige Iraner gegen die steigende Inflation protestierten, skandierten sie: „Vergesst Syrien, denkt an uns!“

Abgesehen von der finanziellen Belastung hat die Syrien-Hilfe des Iran auch einen beträchtlichen Imageschaden in der überwiegend sunnitischen arabischen Welt angerichtet. Vor ein paar Jahren konnte der schiitische Iran die ethnischen und religiösen Gräben zumindest noch teilweise überwinden: Er musste nur an die Empörung der sunnitischen Araber über den Irak-Krieg der Amerikaner oder den Einmarsch der Israelis in den Libanon appellieren. Heute sprechen die Sunniten dem Iran im steigenden Maße die Orientierung an religiösen Werten rundweg ab. Der libanesischen Hisbollah ist es aufgrund ihrer Unterstützung für Assad ähnlich ergangen.

Falls Assads Regime Damaskus nicht mehr kontrollieren kann, wird Teheran eine schwierige strategische Entscheidung zu fällen haben: Soll es versuchen, seine Einflusssphäre zu sichern, indem es eine überwiegend alewitische Miliz unterstüzt, die nur einen kleinen Teil der syrischen Gesellschaft repräsentiert? Oder soll es versuchen, die sunnitischen Islamisten einzubinden, die fest entschlossen sind, die Macht in Damaskus zu übernehmen, sobald Assad gestürzt ist?

Gemeinsame ideologische Weltsicht

Entgegen der vorherrschenden Meinung ist die religiöse Prägung von Syriens künftigen Herrschern für den Iran nicht allein entscheidend. Wichtiger ist eine ähnliche ideologische Weltsicht, die auf dem Widerstand gegen die Vereinigten Staaten und Israel beruht. Der Oberste Religionsführer des Iran, Ayatollah Ali Khamenei, hat es einmal so ausgedrückt: „Wir werden jede Nation und jede Gruppe unterstützen, die irgendwo auf der Welt gegen das Zionistische Regime kämpft“. Beispiele hierfür sind die sunnitischen Verbündeten des Iran, Hamas und der palästinensische Islamische Dschihad.

Nun gibt es durchaus das eine oder andere Feindbild, das der Iran mit einigen syrischen Rebellengruppen teilt. Sich diesen Gruppen anzunähern, dürfte für Teheran dennoch unmöglich sein – schließlich hat es in den vergangenen zwei Jahren dabei mitgeholfen, sie zu massakrieren. Unter den Rebellen sind antischiitische und antiiranische Gefühle verbreitet. Als Öllieferant war der Iran attraktiv – doch seine Großzügigkeit wird längst von Saudi-Arabien und Katar in den Schatten gestellt, die tiefer in die Taschen greifen. Teherans vorrangiges Interesse ist es, dass Syrien ein strategischer ­Verbündeter des gemeinsamen „Widerstands“ und eine Durchgangsstraße zur libanesischen Hisbollah bleibt. Der Idealzustand aus Sicht des Iran – der Status quo ante, also ganz Syrien wieder unter Assads Kontrolle – scheint außerhalb des Möglichen zu liegen. Für Teheran lauten die Schlüsselfragen also: Wie lange kann Assad Damaskus noch halten? Wieviel iranische Unterstützung wird er dafür brauchen? Und was geschieht, wenn er stürzt?

Mit Blick auf einen wichtigen Punkt, der iranischen Unterstützung für die Hisbollah, vertreten einige Beobachter die Auffassung, dass die entsprechenden Versorgungswege aufrechterhalten werden könnten, solange Assad zumindest die Kontrolle über Damaskus, Homs und die Küste behalte. Und wenn Assad stürze, so die Überlegung, dann ließen sich die Nachschublinien durch Stellvertreter schützen, solange die Opposition nicht in der Lage sei, eine effektive Kontrolle über Syriens Grenzen auszuüben.

Das Bündnis des Iran mit dem Assad-Regime hat mehr als 30 Jahre gehalten. Doch in den kommenden Monaten wird die entscheidende Frage lauten, ob sich mit der Überraschungswahl des „moderaten“ Geistlichen Hassan Rohani die Strategie des Iran gegenüber Syrien ändert. Oder anders ausgedrückt: Hat Rohani den Willen und die Macht, die Syrien-Politik des Iran ganz neu aufzustellen?

Öffentlich hat Rohani seine Solidarität mit dem Assad-Regime bekundet. Anlässlich eines Besuchs des syrischen Premierministers, Wael al-Halqi, erklärte er vor Kurzem, dass „die Islamische Republik Iran ihre Beziehungen mit Syrien ausbauen und dem Land bei der Bewältigung aller Herausforderungen zur Seite stehen will. Die tiefen strategischen und historischen Verbindungen zwischen der syrischen und iranischen Bevölkerung … kann keine Macht der Welt erschüttern.“ Ein ehemaliger Berater Rohanis äußerte sich privat deutlich skeptischer über Teherans Syrien-Politik. Der beste Weg, die amerikanisch-iranischen Spannungen in Syrien aufzulösen, sei es, einen „syrischen Karzai“ zu finden – einen sunnitischen Politiker, der Teheran und Washington sowie der syrischen Öffentlichkeit gleichermaßen genehm ist.

Ob Rohani die iranische Syrien-Politik wirklich verändern will, bleibt also fraglich. Ob er überhaupt den Spielraum hätte, dies zu tun, bleibt noch fraglicher. Die Kräfte, die hinter Teherans Syrien-Unterstützung stehen – namentlich der Kommandeur der Quds-Brigaden, Quassem Soleimani – unterstehen nicht Rohani, sondern dem Obersten Religionsführer Ali Khamenei.

Was Syriens Bedeutung für den anderen unverzichtbaren Verbündeten des Iran anbelangt, so heißt es von Regierungsseite, wer glaube, Rohani könne etwas ändern an Teherans Unterstützung für die Hisbollah, der sei „entweder naiv oder ein Tagträumer“. Wer auch immer Präsident sei, und wer auch immer die Minister seien, Teheran werde „die Hisbollah nicht aufs Spiel setzen“, denn sie sei „das Kronjuwel des Widerstands“.

Vor diesem Hintergrund scheint es höchst fraglich, dass der Iran seine Unterstützung für das Assad-Regime in nächster Zeit aufgeben wird. Für amerikanische Politiker sind das gemischte Aussichten. Die Syrien-Hilfe des Iran verlängert die Haltbarkeitsdauer des Assad-Regimes und vertieft die Spannungen und das Misstrauen zwischen dem Iran und den USA, was eine Einigung in der Nuklearfrage unwahrscheinlicher werden lässt. Gleichzeitig schadet sie dem regionalen Ansehen des Iran und sorgt dafür, dass das Land finanziell aus­blutet. All das trägt dazu bei, dass Teherans Macht und Einfluss im Nahen und Mittleren Osten schwindet.

Karim Sadjadpour ist Senior Associate des Carnegie Endowment for International Peace in Washington und Autor von „Reading Khamenei: The World View of Iran’s Most Powerful Leader“.

 
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