Zwei Welten am Mittelmeer

Auf der Suche nach einer gemeinsamen Zukunft für Nord und Süd

30. October 2013 - 0:00 | von Boualem Sansal

Internationale Politik 6, November/Dezember 2013, S. 118-127

Kategorie: Europäische Union, Migration, Demokratisierung/Politischer Systemwechsel, Naher und Mittlerer Osten/Nordafrika, Europa, Mittelmeer/Mittelmeerraum

Einst Wiege zweier leuchtender, sich gegenseitig inspirierender Zivilisationen, ist der Mittelmeer-Raum heute eine zersplitterte und seelenlose Gefahrenzone. Das Meer ist dasselbe geblieben, es umspült seine Ufer mit demselben Wasser. Doch es zieht eine Grenze zwischen zwei Welten, die einander bestenfalls ignorieren. Gibt es Hoffnung auf Besserung?

Pascal Le Segretain/Sygma/Corbis

Das Fehlen von Demokratie setzte Grenzen: Der französische Präsident Jacques Chirac empfängt 1997 seinen tunesischen Amtskollegen Zine El Abidine Ben Ali.

Verbunden und doch entzweit: Die Völker des Mittelmeers sind trotz gemeinsamer Geografie rund um ihr paradiesisches Mare Nostrum durch den Verlauf der Geschichte getrennt. Zentripetale und zentrifugale Kräfte sind in dieser Weltregion am Werk und halten das Gefüge in einem angespannten und un­sicheren Gleichgewicht. Die Beziehungen zwischen den beiden Ufern des ­Mittelmeers sind geprägt durch folgenschwere Konfronta­tionen und Entwicklungen: Invasionen, Kreuzzüge, Kolonialisierung, Befreiungskriege, Nahost-Konflikt, Ausbreitung von Islamismus und anderen Extremismen, Terrorismus, irreguläre Migration. Dies hat zu zwei unterschiedlichen Entwicklungslinien geführt, die mit immer höherer Geschwindigkeit auseinanderdriften. Europa fürchtet die nicht enden wollende Gewalt im Süden, die immense Migrationsbewegungen auslöst, und verbarrikadiert sich hinter seinen Schengen-Grenzen.

Das Mittelmeer ist immer noch dasselbe: Es umspült seine Ufer mit demselben Wasser, verbreitet dieselben Gerüche, nährt denselben alten Traum von Frieden und Wohlstand für alle. Aber die Gedankenwelten driften auseinander. Die europäischen Länder sind vom Erweiterungsprozess Richtung Osteuropa in Beschlag genommen und versuchen mehr schlecht als recht, Einigkeit zu demonstrieren, um ihren Platz in der globalisierten Welt zu sichern. Dort befinden sich schon die USA, China und Japan, und eine Gruppe von Schwellenländern (Brasilien, Russland, Indien) ist ihnen dicht auf den Fersen. Die arabischen Länder – erschöpft von diktatorischen Regimen, zerzaust vom Sturm des Arabischen Frühlings, vergiftet vom Islamismus – fühlen sich im Stich gelassen. Sie versinken immer tiefer in der wirtschaftlichen Misere, in Zwietracht und Gewalt. Aus dem Mittelmeer-Raum, einst Wiege zweier leuchtender, sich gegenseitig inspirierender Zivilisationen, der christlichen, westlichen und der arabisch-islamischen, ist eine zersplitterte und seelenlose Gefahrenzone geworden, ein steriles Niemandsland; das Meer zieht eine Grenze zwischen zwei Welten, die einander bestenfalls ignorieren und schlimmstenfalls hassen.

Eigentlich gelang es nur dem Römischen Imperium, alle Mittelmeer-Völker unter demselben Weltbild zu vereinen – zunächst heidnisch, dann, mit dem Übertritt zum Christentum durch Kaiser Konstantin, christlich. Alle wurden romanisiert und in der Pax Romana vereint. Hier und da kam es zu Revolten, die aber schnell niedergeschlagen wurden, damit wieder Frieden einkehren konnte. Niemals, weder vorher noch danach, nahm die Durchmischung der verschiedenen Völker solche Ausmaße an. Wie keine andere Armee der Welt waren die römischen Legionen ein Schmelztiegel unterschiedlicher Nationen. An der Spitze des Staates standen Patrizier und schließlich auch Kaiser, die aus allen Schichten und allen Völkern stammten; sie wurden häufig nach ihren Verdiensten ausgewählt, ungeachtet ihrer Herkunft.

Das Römische Imperium konnte sich fünf Jahrhunderte lang behaupten und wies eine bemerkenswerte Stabilität auf. Sein Zusammenbruch war schließlich die Folge von Angriffen von außen – Invasionen der Vandalen, der Hunnen, der Slawen und später der Araber – und nicht die Folge einer inneren Spaltung, auch wenn die Teilung des Imperiums im 3. Jahrhundert in das Weströmische und das Oströmische Reich sicherlich zu seiner Schwächung beigetragen hat. Zwischen dem 8. und dem 18. Jahrhundert gelang es dann dem Osmanischen Reich, alle Länder des Südens (außer Marokko) unter der Fahne der Hohen Pforte zu vereinen. Aber zugleich wurde eine unüberwindbare Mauer zwischen ihnen und den christlichen Ländern im Norden errichtet. Das Osmanische Reich konnte sich sechs Jahrhunderte lang halten und zerbrach erst durch die Kolonialherrschaft der europäischen Mächte. Besonders die Eroberung von Algier 1830 durch Frankreich entriss dem Osmanischen Reich eine starke Bastion im Herzen des Mittelmeer-Raums. Das ist die Geschichte des Mittelmeers: Der Rhythmus von Ebbe und Flut bestimmt seinen Verlauf.

Enttäuschte Hoffnungen

Ende der fünfziger Jahre erlangten die Länder des Südens nach Jahren des Kampfes endlich ihre Unabhängigkeit. Sie läuteten eine Ära des Friedens und der intensiven Zusammenarbeit zwischen Nord und Süd in so unterschied­lichen Bereichen wie Wirtschaft, Wissenschaft, Technologie und Kultur ein, mit der niemand zuvor gerechnet hatte. Auf beiden Seiten des Mittelmeers waren große Hoffnungen mit dieser Phase verbunden, die bis zum Beginn des neuen Jahrtausends andauern sollte. Von gemeinsamen Projekten und Technologietransfer war die Rede, von Partnerschaft, nachhaltiger Entwicklung und dem gemeinsamen Kampf gegen die in der Region zu einem großen Problem gewordene Umweltverschmutzung. Der Tourismus erfuhr in mehreren Ländern, Marokko, Tunesien, Ägypten, Jordanien und Libanon, einen echten Boom; der enorme Zustrom europäischer Touristen ermöglichte den direkten Kontakt der Völker – eine Premiere in der Geschichte der Beziehungen zwischen beiden Ufern des Mittelmeers. Mit Tourismus, Migration und wirtschaftlicher Zusammenarbeit stieg die Zahl binationaler Ehen. Es entstand eine neue lebendige Verbindung zwischen dem Norden und dem Süden. Auch die Kooperation zwischen Universitäten erlebte ihre Blütezeit. Dies ist umso erstaunlicher, waren doch postkoloniale, von einem lautstarken antiimperialistischen Diskurs getragene Ressentiments noch sehr präsent. Der Großteil der arabischen Länder hatte sich der Sowjetunion angenähert und sich so in den Rahmen der Ost-West-Konfrontation mit der atomaren Wettrüstung eingefügt. Trotz zweier israelisch-arabischer Kriege (1967 und 1973) und unzähligen wiederkehrenden Krisen nach gegenseitigen Angriffen der Israelis oder der Palästinenser, die die Nord-Süd-Beziehungen getrübt haben, wurde die Kooperation beibehalten und sogar ausgeweitet.

Für diese Annäherung finden sich meiner Meinung nach zwei Erklärungen: Im Norden offenbarte die Entkolonialisierung den Europäern die gewaltige Ungerechtigkeit des Kolonialsystems – danach entwickelte sich ein Diskurs zugunsten der Entwicklungshilfe für die so genannte Dritte Welt. Getragen wurde er von den europäisch dominierten Institutionen der Vereinten Nationen (UNCTAD, FAO, WHO, UNESCO) und von progressiven Strömungen in Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen. Im Süden entstand durch die von den meisten arabischen Ländern getroffene Entscheidung für Sozialismus und Laizismus eine soziale Schicht, die es bis dahin nicht gegeben hatte: eine moderne, gebildete und überwiegend an westlichen Universitäten oder in Kooperation mit ihnen ausgebildete Mittelklasse, deren Interesse vor allem der Modernisierung ihrer Länder galt. Dank dieser Bildungselite und durch die Verstaatlichung ihrer Bodenschätze hatten sie also die notwendigen Mittel und die Autonomie, um ihre Entwicklung voranzutreiben. Dies brachte sie im globalen Wettbewerb nach vorne: Nun waren diese Länder nicht mehr Bittsteller für internationale Hilfe, sondern Lieferanten von Bodenschätzen, Abnehmer von Industrie- und Technologie­gütern und nicht zuletzt auch bei Touristen beliebte Reiseziele.

Gescheiterte Großprojekte

Dies alles eröffnete den südlichen Mittelmeer-Anrainern neue Perspektiven. Doch das Fehlen von Demokratie setzte der Reichweite dieser Entwicklung Grenzen. Sie diente nur denjenigen, die an den Schalthebeln der Macht saßen und die sich durch ihre „Verwestlichung“ vom Rest der Bevölkerung distanzierten. In den meisten Fällen schlossen sie sich den korrupten Oligarchien an oder sie verließen ihr Land. Zurück blieb eine auf sich gestellte Bevölkerung, die durch den Wind der Modernität, der durch ihre Länder wehte, die Orientierung verloren hat und sich nun alten Traditionen und der Moschee zuwendet, wo professionelle Prediger aus dem Iran, Saudi-Arabien oder von Untergrundorganisationen wie den Muslimbrüdern schon auf sie warten. Diese erwecken in ihnen längst vergessene Erinnerungen wieder zum Leben, die auf die Heldengeschichten des ursprünglichen Islam und auf den Dschihad gegen die Kreuzritter zurückgehen, durch den die Araber die Welt erobert und Jerusalem zurückerhalten hatten.

Die bilateralen Beziehungen erfuhren in dieser Phase eine rasche Ausweitung. So entstanden zwei bemerkenswerte Einrichtungen mit dem Auftrag, die multilaterale Kooperation voranzutreiben und den Mittelmeer-Raum zum Bindeglied zwischen Europa und der arabischen Welt zu machen: die 1995 gegründete Euromediterrane Partnerschaft (EUROMED), auch bekannt als Barcelona-Prozess, und die 2008 geschaffene Union für das Mittelmeer (UfM). Doch trotz des anfänglichen Enthusiasmus und einiger vielversprechender Schritte wurden bald Zweifel laut.

Der Barcelona-Prozess stockte wegen der Bürokratie der EU sowie mangelnder Umsetzung durch die südlichen Partner. Der moralisierende Menschenrechtsdiskurs des Nordens und der schreckhafte Nationalismus des Südens gerieten immer öfter in Konflikt. Das Projekt der UfM wiederum scheiterte von Beginn an wegen des chaotischen Aktionismus seines Initiators, des damaligen französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, und durch die Zuspitzung des Nahost-Konflikts infolge der israelischen „Operation Gegossenes Blei“, mit der auf den Raketenbeschuss der Hamas geantwortet wurde und bei der 1200 Menschen im Gaza-Streifen getötet wurden.

Ein weiterer Grund für das Scheitern sind die Ausbreitung des Islamismus und die Zunahme von terroristischen Anschlägen im Süden und deren „Export“ nach Europa. Auch auf bilateraler Ebene wurde der Prozess gehemmt, da sich die Kooperation auf den Austausch von Waren beschränkte und keinerlei übergeordnete Ziele vor Augen hatte. Abgesehen von den Gasleitungen, die Algerien mit Spanien und Italien verbinden, gibt es nur wenige gemeinsame Projekte, die alle auf ihre Fertigstellung warten. So auch das von einem deutschen Konsortium initiierte Großprojekt DESERTEC, mit dem die Sonnenenergie der Sahara nutzbar gemacht werden soll, um Europa mit Energie zu versorgen.

Konstante Verschlechterung

In den vergangenen 20 Jahren haben sich die Beziehungen zwischen den beiden Seiten des Mittelmeers trotz gelegentlicher Aufheiterungen hier und dort ständig verschlechtert. Im Süden brachten verschiedene Krisen die desolate Wirtschaftslage ans Licht, was zu tiefgreifenden und kräftezehrenden ­Restrukturierungen nach den Vorgaben des Internationalen Währungsfonds führte. Sie brachten aber auch „Nebenwirkungen“ wie Arbeitslosigkeit, Infla­tion, Korruption, Landflucht, Braindrain, irreguläre Migration, Kriminalität, Krank­heiten – und zusätzlich noch die Welle eines Islamismus, der sich immer weiter radikalisiert, um schneller an die Macht zu kommen und mit dem Westen und der Moderne zu brechen.

Der Westen wird von der Bevölkerung für all ihre Nöte verantwortlich gemacht: Er unterstütze einerseits die Diktatoren und gebe andererseits den ­Islamisten sowohl eine Aufenthaltserlaubnis als auch eine Plattform zur Selbstdarstellung. Die Wirtschaftskrise in Europa hat die Handlungsfähigkeit der Regierungen in sozialen Fragen drastisch eingeschränkt und damit den Anstieg des Rechtsextremismus und die Abschottung von Minderheiten gerade in Problembezirken begünstigt. Diese Tendenz wird von Islamisten aus religiösen Motiven gefördert, hat aber auch einen kriminellen Hintergrund: Diese Bezirke sind der staatlichen Kontrolle ent­zogen und beherbergen oft Netzwerke, die Teil der internationalen organisierten Kriminalität sind. Die öffentliche Meinung in Europa macht immer häufiger muslimische Zuwanderer für diese Probleme verantwortlich; die Konflikte zwischen den Religionsgemeinschaften und Angriffe auf Gotteshäuser häufen sich. Zwar gehen diese Ausschreitungen von extremistischen Splittergruppen aus, doch die verärgerte oder manipulierte öffentliche Meinung schließt sich ihren Ideen an und ermutigt sie stillschweigend. Auf diese Art verschafft sich die schweigende Mehrheit Gehör.

Die Mechanismen, die das Zusammenleben und den sozialen Dialog fördern, sind zum Großteil defekt oder haben ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt. Mit der Aussicht auf Wählerstimmen reiten die Politiker auf einer Welle der Ängste und Vorurteile, da es ihnen nicht gelingt, die Probleme der Bevölkerung in den Griff zu bekommen. Das Thema Sicherheit, Zugpferd der extremen Rechten, bestimmt den Diskurs aller Parteien. Die Fremdenfeindlichkeit nimmt überall zu – im Norden wie im Süden.

Die Europäer verkehren mit den Ländern des Südens auf zwei Ebenen: der nationalen und der EU-Ebene. Dadurch wird die tatsächliche Politik gegenüber dem Süden unkenntlich, wenn nicht sogar widersprüchlich, und die Diskurse werden dissonant. Hinter dem offiziellen Rahmen agieren oft verborgene, vom Neokolonialismus inspirierte Netzwerke, die eine außerordentliche Macht ­besitzen (im französischsprachigen Raum zum Beispiel „françafrique“ und „françalgérie“). Im Süden herrschen dieselben Seilschaften, die mit den Machtzentren eng verbunden sind. Dieses Schmarotzertum richtet enormen Schaden an und muss beseitigt werden.

Es fällt auf, dass sich die Intellektuellen über die Frage der Nord-Süd-Beziehungen in Schweigen hüllen, und genau hierin besteht die Lücke auf der Suche nach einem neuen Weg für das Zusammenleben. Es scheint sehr schwierig zu sein, offene Debatten über bestimmte Themen wie den Islam, Migration und den Nahost-Konflikt zu führen. Doch ist es von großer Wichtigkeit, genau diese Debatten zu fördern, denn nur durch sie kann die Demokratisierung vorankommen.

Arabischer Frühling und europäische Krise

Der Krieg in Afghanistan und der algerische Bürgerkrieg (1991 bis 2004) haben ein neues Zeitalter eingeläutet: das des islamistischen Terrorismus, der in den Westen exportiert wird. Bis dato trat er „nur“ innerhalb der muslimischen Länder auf, wo er auf die Machtübernahme abzielte. Die algerischen Islamisten der GIA (Groupe Islamique Armé) und Al-Kaida haben sich für eine globale Ausweitung ihrer Strategie entschieden und wollen den Westen – den Komplizen von Diktatoren und Verantwortlichen für den Niedergang des Islam – im eigenen Zuhause treffen. Teil dieser Strategie war es, die für die Durchführung ihrer Anschläge notwendigen Ressourcen (Menschen, Geld und Technologie) vor Ort aufzutreiben. Die lokale Rekrutierung, Indoktrinierung, Bildung von Netzwerken und der Schwarzhandel boten den Dschihadisten die Basis, die sie benötigten, um im Westen unterzutauchen und von innen zuzuschlagen. Der Erfolg dieser Operation erhöhte ihre Anziehungskraft auf perspektivlose Jugendliche in den Problembezirken der Städte. Seitdem wurden die meisten Attentate im Westen von Menschen begangen, die dort ansässig waren, wie Einwanderer der zweiten Generation oder konvertierte Christen.

Vor diesem Hintergrund der weltweiten Verbreitung des radikalen Islamismus begann der Arabische Frühling, in dem man je nach Land eine demokratische Revolution, einen Aufstand gegen die Diktatur, eine islamische Revolution, einen Nachfolgekrieg zwischen Clans oder eine von äußeren Mächten eingefädelte Verschwörung sehen konnte.

Letztlich haben die Islamisten in Tunesien, Ägypten und Marokko durch Wahlen den Sieg davongetragen und die Macht erlangt, doch diese wird von allen Seiten angefochten: von Salafisten, Demokraten, Gewerkschaftern oder den Hinterbliebenen des alten Regimes, die alles tun, um die wirtschaftliche Flaute noch zu verschlimmern, indem sie die Wut des Volkes anstacheln und darauf warten, selbst wieder an die Macht gerufen zu werden (was soeben in Ägypten geschehen ist). Diese Unbeständigkeit erfüllt die Menschen im Süden und im Norden gleichermaßen mit Angst.

Die Beziehungen zwischen beiden Seiten des Mittelmeers sind heute stark belastet. Das gegenseitige Misstrauen wächst stetig, der Süden beschuldigt den Norden der Einmischung und des doppelten Spiels mit dem Ziel, sich seiner Reichtümer zu bemächtigen. Der Norden beschuldigt den Süden, seine Probleme nach Europa zu exportieren, seine Jugend zu islamisieren und seine christlichen und laizistischen Grundwerte zu bedrohen. Die muslimische Gemeinschaft in Europa steht unter permanenter Überwachung, während die christliche Gemeinschaft im Süden wegen ihres Glaubens verfolgt und verdächtigt wird, im Dienste des Westens zu stehen. In Verhandlungen verlangt der Norden zu viel vom Süden und der Süden erwartet zu viel vom Norden. Jeder sieht die Lösung seiner Probleme beim anderen und macht ihm den Vorwurf, sie nicht umzusetzen. Den Stimmen, die an die Vernunft und an eine echte, aufrichtige Zusammenarbeit appellieren, gelingt es kaum, sich Gehör zu verschaffen.

Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Seiten bleiben trotz der Probleme und Unsicherheiten auf einem hohen Niveau, beschränken sich aber auf den Handel. Investitionen hingegen, die Stabilität und Vertrauen erfordern, befinden sich auf einem Tiefstand, auch im strategisch wichtigen Erdölsektor, der durch die Krise in Europa und die weltweite Rezession leidet. Doch ohne dynamische, wachsende und diversifizierte Wirtschaftsbeziehungen verkümmern auch politische, diplomatische, kulturelle und wissenschaftliche Bindungen, bis sie sich schließlich auflösen.

Auf diesem Stand befinden wir uns nun schon seit mehreren Jahren, und ein dynamischer Neubeginn zwischen europäischen und arabischen Ländern ist auf mittlere Sicht schwierig und eher unwahrscheinlich geworden. Hinzu kommt, dass andere Partner wie China, Indien, Brasilien und die Türkei die Bühne betreten haben und ihren Platz einnehmen wollen. Mit ihnen sind die Beziehungen einfacher: Sie verhandeln nicht aus der Ferne, sondern lassen sich direkt in den Ländern nieder und passen sich an die dortigen Verhältnisse an. Zwischen einem hochentwickelten Europa, das viel verlangt und in feste Verfahren eingebunden ist, und einer destabilisierten, schlecht verwalteten arabischen Welt sind die Beziehungen naturgemäß schwierig. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die Nord-Süd-Beziehungen zugunsten der Schwellenländer verkümmern. In Algerien beispielsweise kam der Boom des Außenhandels, dessen Volumen sich seit dem Jahr 2000 vervierfacht hat, vor allem diesen neuen Partnern zugute, auch wenn Europa noch immer eine wichtige Position einnimmt. Dieselbe Entwicklung lässt sich in den anderen Ländern des Maghreb und des Nahen Ostens beobachten. Im Prinzip findet sie in ganz Afrika statt.

Manche fragen sich, ob es tatsächlich wichtig ist, die Nord-Süd-Beziehungen unter diesen Umständen zu retten, da sie ja doch nur wirtschaftlicher Natur sind. Der Pessimismus hat gesiegt. Die allgemeine Stimmung steht für Abschottung und die Zurückweisung des anderen. Aus Angst vor Terrorismus und ­irregulärer Migration sowie durch die schwere Krisensituation schottet sich Europa ab. Nur wenige Visa werden für Menschen aus dem Süden ausgestellt – betroffen sind davon auch Geschäftsleute, die sich dann natürlich den Schwellenländern zuwenden, von denen sie mit offenen Armen empfangen werden. Auf der anderen Seite stehen die arabischen Länder, denen es nicht gelingt, ihre Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen und damit ihrer Be­völkerung eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Sie sehen in allen europäischen Vorschlägen nur einen Vorwand, um Profit aus ihren Problemen zu schlagen und sich ihrer Reichtümer zu bemächtigen. Wir können davon ausgehen, dass dies noch lange andauern wird und sich die Mauer der Angst noch verstärken wird.

Kultureller und technologischer Graben

Auf beiden Seiten des Mittelmeers dominiert das Gefühl, dass zwischen europäischen und arabischen Ländern keine dauerhafte und Gewinn bringende Verbindung möglich sei. Ein zu großer kultureller und technologischer Graben trennt sie, vor allem in den turbulenten Zeiten des Arabischen Frühlings. Die wichtigste Aufgabe besteht nun darin, gegen dieses weit verbreitete Gefühl anzukämpfen. Wir müssen neue Wege finden, um überzeugend die Idee zu vermitteln, dass das Mittelmeer eine treibende Kraft für eine gemeinsame Zukunft seiner Anrainer sein kann und dass es nicht dazu verdammt sein sollte zu bleiben, was es gerade ist: eine streng überwachte Grenze, die Warenströme aller Art hindurchlässt, aber nicht die Menschen aus dem Süden in den Norden.

Vor genau dieser Herausforderung stehen wir heute. Es ist dringend notwendig, eine klare Strategie zu entwickeln, mit der die Erneuerung des Südens eingeleitet wird, vor allem um einen demokratischen Übergang aus dem Arabischen Frühling und dem Islamismus zu finden. Ein Marshallplan könnte dabei helfen, eine gemeinsame Dynamik zu erzeugen und die Nord-Süd-Verbindungen zu stärken. Nur weil sich die Länder Osteuropas nach ihrer Revolution für den Weg der Demokratie und der Erneuerung entschieden haben, war es möglich, sie in die EU zu integrieren und ihre schnelle Entwicklung zu fördern. Die „Somalisierung“ der arabischen Welt, die sich schon im Irak und in Libyen abzeichnet und vielleicht auch Ägypten, Tunesien, Syrien und den Libanon ergreift, wäre eine weltweite Katastrophe, wenn sie sich fortsetzen sollte. Es gibt keine andere Option als Demokratie, selbst wenn sie angesichts des aktuellen Zustands der arabischen Welt als unwahrscheinliche Hypothese erscheint. Ebenso wird die schon fortgeschrittene „Festung Europa“ ihren eigenen Interessen schaden und jede Normalisierung der euro-arabischen Beziehungen unmöglich machen, sollte sie sich weiterhin so entwickeln.

Damit dieser neue Diskurs über die Zukunft des Mittelmeer-Raums keine reine Beschwörungsformel bleibt, brauchen wir ein konkretes Projekt, das von einer offiziellen Organisation getragen wird. Eine von Grund auf erneuerte Union für das Mittelmeer, die klare Ziele und ausreichende Mittel hat, könnte ein solches Projekt sein. In diesem Rahmen müssen so bald wie möglich die folgenden Probleme behandelt werden, denn eine Kooperation kann nicht auf unausgesprochenen Problemen aufgebaut werden, auf Schatten der Vergangenheit oder auf der ungerechten Gewohnheit des Messens mit zweierlei Maß.

Das erste Problem ist die Freizügigkeit von Personen. Wir können nicht nur Freiheit in eine Richtung gewährleisten, in die andere aber nicht. Wenn die Menschen des Nordens frei in den Süden reisen können, so muss dies auch den Menschen des Südens in die andere Richtung ermöglicht werden. Die Ankündigung der Absicht, dieses Ziel in einer angemessenen Zeitspanne (zehn bis fünfzehn Jahre) zu erreichen, wäre eine starke und motivierende Botschaft.
Das zweite Problem ist die gemeinsame Kontrolle der irregulären Migration, die für alle eine Gefahr darstellt. Wir brauchen Mechanismen, die die Migrationsströme im Zaun halten und vermindern, bis die Demokratisierung und Entwicklung des Südens die einzig wahre Lösung bringen.

Die dritte Herausforderung ist der Dialog zwischen den Religionen, der in allen Formen gefördert werden muss, um frei von starken Emotionen vernünftige Antworten auf die Fragen zu finden, die sich stellen. So könnte ein Konkordat geschlossen werden, das einen Rahmen schafft, in dem die Schwierigkeiten des Zusammenlebens, denen Bürger und Gläubige (Christen, Muslime, Juden und andere) jetzt und zukünftig ausgesetzt sind, zu diskutieren wären.

Sobald diese Probleme offen debattiert werden und in eine feste Agenda aufgenommen werden, können die Beziehungen zwischen Europäern und Arabern einen Weg finden, sich vernünftig zu entwickeln. Doch diese Debatten und Maßnahmen werden ihr Ziel nur dann erreichen, wenn es beiden Seiten gelingt, tief verankerte Vorurteile zu überwinden, die das Ergebnis einer gemeinsamen, bewegten Geschichte sind. Die Länder des Nordens wie des ­Südens müssen lernen, einander mit neuen Augen zu sehen. Die arabische Welt lediglich durch die Brille der Angst (vor dem Islam, dem Terrorismus, der Migration) oder nur unter dem Gesichtspunkt der zu erschließenden Märkte zu sehen, kann bei den Europäern keine Dynamik für eine echte Partnerschaft schaffen. Den Süden nach ihrer Vorstellung zu formen, ist eine Illusion und führt zu Einmischung und schließlich Neokolonialismus. Der Süden seinerseits muss sein Urteil über Europa, das noch aus der kolonialen Vergangenheit stammt, seine islamistische Propaganda (Europa sei eine Bedrohung für den Islam) und seine überzogenen, irrealen Hoffnungen möglicher Migranten (Europa ist die Höhle des Ali Baba, in der man mit dem Eintritt zu Reichtum kommt) aufgeben. Er kann nicht fortfahren, seine negativen Vorurteile gegenüber Europa zu pflegen und gleichzeitig als moralische Pflicht der Entschädigung der kolonialen Vergangenheit alles von ihm zu erwarten. Der Süden kann eine echte Partnerschaft mit Europa nur dann erhoffen, wenn er sich entschlossen und mutig an seine eigene politische, administrative, kulturelle und religiöse Erneuerung macht. Er muss in die Gegenwart treten und die Werkzeuge dieser Gegenwart anwenden. Doch zu allererst muss der Süden so schnell wie möglich zu Frieden, Stabilität und Einheit finden, um sich dann tiefgreifend zu reformieren.

Mit der Zivilgesellschaft beginnen

Die Beziehungen zwischen dem Norden und dem Süden sind auf einem Tiefpunkt. Es besteht die Gefahr, dass sie sich in Zukunft noch weiter verschlechtern, da die Erschütterungen in der arabischen Welt vermutlich andauern werden. Ebenso ist es sehr wahrscheinlich, dass Europa sich weiterhin verschließen und wie in der Vergangenheit in Doppelbödigkeit verstricken wird: Erst werden die Menschenrechte aus humanistischen Gründen öffentlich bekundet, und dann werden im Namen der Realpolitik doch diktatorische und korrupte Regime unterstützt.

Man müsste die Initiative ergreifen und baldmöglichst zu einer euromediterranen Konferenz aufrufen, die sich aus Mitgliedern der Zivilgesellschaft (Ökonomen, Soziologen, Philosophen etc.) aus allen europäischen und arabischen Ländern zusammensetzt. Menschen, die von der Möglichkeit einer gemeinsamen Zukunft überzeugt sind, und die merken, dass es höchste Zeit ist, mit ihrem Entwurf zu beginnen. Die Ergebnisse dieser Konferenz werden Politikern, Verbänden und anderen Akteuren dazu dienen, ihre eigenen Überlegungen fortzuführen und umzusetzen.

Boualem Sansal ist preisgekrönter Schriftsteller aus Algerien; unter anderem erhielt er 2011 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
 

 
Aktuelle Ausgabe

IP Wirtschaft

 

ip archiv
Meistgelesen