Drei kleine Wörter

Fuck the EU. Mal ehrlich, wer hat das noch nie gedacht?

28. February 2014 - 0:00 | von Jochen Bittner

Internationale Politik 2, März/April 2014, S. 144

Kategorie: Europäische Union, Europa

Ich glaube nicht, dass Victoria Nuland das einfach rausgerutscht ist. Es muss etwas tief in ihr drin sein. In uns drin. „Fuck the EU!“ hatte die Abteilungsleiterin Europa im US-Außenministerium ihren Botschafter in der Ukraine angewiesen.

 Sofort habe ich in der größten Enzyklopädie unserer Zeit das Stichwort „Projektion“ nachgeschlagen. „Der Begriff Projektion“, steht da, „umfasst das Übertragen und Verlagern eines innerpsychischen Konflikts durch die Abbildung eigener Emotionen, Affekte, Wünsche und Impulse, die im Widerspruch zu eigenen und/oder gesellschaftlichen Normen stehen können. Eine solche Projektion richtet sich auf andere Personen, Menschengruppen, Lebewesen oder Objekte der Außenwelt.“

Zu ergänzen wäre im letzten Satz dringend der Zusatz: „ … insbesondere auf die Europäische Union“. Politisch kann man lange darüber streiten, was die EU ist, gut, schlecht, Staatenbund, Staatenverbund, zukunftsverheißend oder dem Ende nah. Psychologisch ist die Sache völlig klar: Die EU ist die breiteste Projektionsfläche aller Zeiten. All das, was wir an uns oder anderen hassen, lässt sich auch ihr anhängen. Trägheit, Risikoaversion, ständiges Sich-Befragen …

Hören wir nochmal Nuland: „Fuck the EU!“ Hach, ist das nicht das kürzeste Gesamtverzweifeln an der Menschheit, das sich denken lässt? Es funktioniert von links wie von rechts, in schier endlose Klagen lassen sich diese drei kleinen Wörter entfalten, von der Genmais-Angst bis zur Einwanderung.

Fuck nicht den deregulierten Finanzmarkt, dessen Derivat-Exzesse sich mit überbordender Staatsverschuldung vermischt und die Schuldenkrise ausgelöst haben, für die der kleine Mann jetzt blecht, nein: Hey, fuck doch einfach die EU! Fuck auch nicht die Kluft zwischen Anspruch der Europäer als Ordnungsmacht und ihrem eher halbherzigen Engagement für ihre Anrainer, nein, sag’s einfach mit einer bekannten US-Diplomatin.

Wäre Victoria Nuland ein bisschen mehr Dichterin, sie hätte es ausdrücken können wie Friedrich Schiller in seiner „Jeremiade“:
„Alles in Deutschland hat sich in Prosa und Versen verschlimmert,
Ach, und hinter uns liegt weit schon die goldene Zeit!“

Was folgt daraus? Nun, dass wir gnädig sein sollten gegenüber jedem, der die EU in unflätiger Weise anruft. Was Frau Nuland wahrscheinlich eigentlich sagen wollte, war: „Ist es nicht bitter, dass Europa der Ukraine im Moment kein Beitrittsangebot machen oder auch nur Gaslieferungen verbilligen kann – und dass wir Amerikaner, wenn wir ehrlich sind, im Grunde genauso machtlos sind?“ Klar. Nur klingt das nicht halb so cool.

Jochen Bittner ist Redakteur der ZEIT.
 

 
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