Aussicht auf Besserung: kaum

Acht Neuerscheinungen zur arabischen Welt

5. May 2014 - 0:00 | von Jan Kuhlmann

Internationale Politik 3, Mai/Juni 2014, S. 137-141

Kategorie: Demokratisierung/Politischer Systemwechsel, Staatsaufbau, Politische Partizipation, Arabische Länder

Waren die Erhebungen in der arabischen Welt nichts anderes als ein kurzes Intermezzo der Hoffnung? Kehrt die Region wieder zurück zu alten Zeiten der Despotie und des Stillstands? Oder führt der Weg zumindest langfristig in eine bessere Zukunft? Wer die neuen Bücher über die Region liest, erhält nur wenig Gründe, um optimistisch zu sein.

Vor einem Polizeihauptquartier in Kairo jagen Attentäter eine Autobombe in die Luft. In Libyen berichten die Medien über Dutzende Tote und Verletzte bei Kämpfen zwischen Regierungstruppen und Anhängern des früheren Diktators Muammar al-Gaddafi. Und in Genf verhandeln syrische Regierung und Opposition nach drei Jahren blutigem Bürgerkrieg zum ersten Mal über einen Frieden. Nur direkt miteinander sprechen wollen sie nicht – zu tief sitzt der Hass. Der 24. Januar 2014: ein ganz normaler Tag in der arabischen Welt drei Jahre nach Ausbruch der Aufstände.

Kein Wunder, dass die vielen Neuerscheinungen zur Region kaum Hoffnung auf baldige Besserung machen.So kommt etwa der Tübinger Politik-Professor Oliver Schlumberger in seinem Beitrag für den Sammelband „Der Arabische Frühling. Hintergründe und Analysen“ zu einem ernüchternden Fazit. Zusammen mit zwei Mitarbeitern untersucht Schlumberger die Ursachen der Aufstände und erkennt „aus herrschaftspolitischer Warte wenig Grund zur Euphorie“: Zu mächtig seien die Beharrungskräfte in der Region, als dass man sich große Hoffnungen auf eine „verspätete arabische Welle von Demokratisierungen“ machen könne.

Das habe nicht nur mit dem bekannten Problem der „Rentierstaaten“ zu tun, wonach hohe Einnahmen aus dem Ölgeschäft autoritären Regimen zugutekommen, sondern auch mit einem internationalen Umfeld, in dem autoritäre Staaten wie Russland und China einen Aufschwung erlebten, während der Westen unter einem Glaubwürdigkeitsproblem leide. Zwar fordere die Jugend der arabischen Welt die patriarchalen Gesellschaftsstrukturen heraus; die Mehrheit der Bevölkerung bleibe jedoch in sie eingebettet.

Autoritärer Sozialvertrag

Wenn es eines Beispiels bedarf, dass die Autoren im Kern richtig liegen, dann ist es in Ägypten zu finden. Dort ist es der Armee sogar gelungen, ihre Macht nach dem Sturz von Präsident Mohammed Mursi im vergangenen Sommer auszubauen.
Man sollte sich davor hüten, die Region über einen Kamm zu scheren. Viel mehr spricht dafür, dass unterschiedliche Herrschaftsformen entstehen werden: Zu diesem Ergebnis kommen Martin Beck und Simone Hüser in ihrem Beitrag zum Buch „Arabisches Erwachen“, einem weiteren Sammelband zu den Umbrüchen. Die Autoren unterscheiden zwischen stabilen und instabilen autoritären Systemen (Saudi-Arabien und Syrien) und stabilen und instabilen Transformationssystemen (Tunesien und Ägypten). Während sie Tunesien auf dem Weg zur Demokratie vergleichsweise gute Chancen einräumen, sehen sie in Ägypten das Militär als „die größte Gefahr für eine progressive politische Entwicklung“.

Dennoch machen mehrere Faktoren ein „Zurück“ zum Status quo ante selbst in Ägypten unwahrscheinlich. Einer der wesentlichen Auslöser für den Ausbruch der Aufstände war Beck und Hüser zufolge der demografische Wandel. Er hat dazu geführt, dass das Durchschnittsalter der Gesellschaften rapide sank, ohne dass sich aber den jungen Frauen und Männern eine Perspektive auf Einkommen oder Wohlstand geboten hätte. Die Regierungen waren nicht mehr in der Lage, den „autoritären Sozialvertrag“ zu erfüllen.
Gerade unter den Jüngeren entstand der Ruf nach „Karama“, nach Würde, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit. Die sozialen Medien versetzen die Unzufriedenen in die Lage, ihren Unmut mit Gleichgesinnten zu teilen und „strukturierte Bewegungen gegen autoritäre Herrschaften zu organisieren“.

An all dem hat sich nichts geändert. Keines der Kernprobleme, die den Aufstand entfacht haben, ist auch nur ansatzweise gelöst. Dem Militärregime in Ägypten mag es gelingen, die Sehnsucht großer Bevölkerungsteile nach einem „starken Mann“ zu befriedigen. Wenn es aber nicht für eine Verbesserung der sozialen Lage der verarmten Schichten sorgt und den Jüngeren Perspektiven bietet, wird sich neuer Unmut regen. Die Aufstände haben ein neues politisches Bewusstsein geschaffen, das sich immer wieder in der „Macht der Straße“ entfalten kann.

Umbrüche, die noch kommen

So ist auch der US-Politikwissenschaftler Marc Lynch davon überzeugt, dass die Aufstände bislang weder ein Übergang zur Demokratie noch Revolutionen im eigentlichen Sinn des Wortes waren, sondern vielmehr „erste, frühe Erscheinungsformen von Umbrüchen, die noch kommen werden“. Dem Direktor des Institute for Middle East Studies an der George Washington University ist eines der besten Bücher über den arabischen Aufstand gelungen. Stringent erzählt er in „The Arab Uprising“ die Ereignisse seit dem Dezember 2010 und der Selbstverbrennung des Tunesiers Mohammed Bouazizi.

Lynch bettet die Erhebungen zeitlich und geografisch in einen größeren Rahmen ein. Er erinnert daran, dass die Aufstände nicht die ersten Massenproteste in der Region waren. Vielmehr spielte die „Straße“ schon in den fünfziger Jahren eine gewichtige Rolle, als die konservativen Monarchien den vom ägyptischen Machthaber Gamal Abdel Nasser angeführten panarabischen Nationalisten im arabischen „Kalten Krieg“ gegenüberstanden. Auch in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren erlebte die Re­gion Massenproteste. Jedes Mal endeten die Erhebungen in einer Stärkung der autoritären Regime. Das erinnert fatal an die jetzige Lage in Ägypten.

Lynch erkennt aber zugleich eine „neue öffentliche Sphäre“, das Ergebnis neuer oder weiterentwickelter Informations- und Kommunikationstechnologien. Nicht nur Facebook und Twitter gehören dazu, sondern auch Satelliten-TV und günstige Mobiltelefone. Autoritäre Staaten hätten die Macht verloren, die Weiterverbreitung von Ideen zu kontrollieren. Nicht zuletzt sei so die politische Sphäre der arabischen Welt vereinigt worden, sodass die nationalen Konflikte der arabischen Länder durch das „gemeinsame Narrativ eines geteilten Schicksals und Kampfes“ verbunden seien. Das erklärt, warum Ereignisse in einem Land so massive Auswirkungen auf andere Länder haben.

Rudern, ohne das Ufer zu erreichen

Da Ägypten ein Kernstaat der arabischen Welt ist, sind die dortigen Ereignisse zentral für die weitere Entwicklung der Region. Der Politologe und Dokumentarfilmer Asiem El Difraoui ist für sein Buch „Ein neues Ägypten?“ durch das Land gereist und hat ein Porträt mit tiefen Einblicken in die komplexe ägyptische Gesellschaft geschrieben. Aufschlussreich lesen sich vor allem die Kapitel, in denen El Difraoui den Leser an Orte mitnimmt, in die sich sonst nur selten ein ausländischer Beobachter verirrt: die verarmten Vorstädte Kairos, chaotisch bebaute Außenbezirke mit dunklen Gassen und aus Tonziegeln gebauten, unverputzten vier- bis fünfstöckigen Häusern; oder den Badeort El Gouna, wo die Reichen und Schönen Ägyptens Linguine mit Langusten verspeisen.

El Difraouis Schilderungen lassen wenig Gutes für die nahe Zukunft erahnen – zu groß sind die sozialen Probleme des Landes, als dass sie auf absehbare Zeit gelindert werden könnten. El Difraoui besucht Hagga Karima, eine Frau, die davon lebt, dass sie in Kairo subventionierten Diesel illegal weiterverkauft. Drei bis fünf Euro verdient sie damit am Tag, womit sie – zumindest theoretisch – über der Armutsgrenze lebt.

Doch Statistiken sagen letztlich wenig über das wahre Leben aus. Um sich ein Kilogramm Fleisch schlechtester Qualität leisten zu können, muss Hagga Karima zwei Tage arbeiten. Ein noch ärmerer Melonenhändler klagt: „Ich komme mir vor wie in einem Boot auf hoher See, auf der ich rudere und rudere, aber niemals das Ufer erreiche.“

Die drängenden Probleme des Landes ließen sich nur lösen, „wenn es einen breiten Konsens für schmerzhafte Entscheidungen gibt“, schlussfolgert El Difraoui. Ein solcher Konsens aber ist nicht in Sicht – und das hat nicht nur mit der riesigen Kluft zwischen reichen Eliten und Besitzlosen zu tun, sondern auch mit der zwischen den politischen Lagern. Für die Zukunft ist eher zu erwarten, dass das Militär versucht, die armen Massen mit Geldern vom Golf ruhig zu stellen. Gleichzeitig bekämpft es echte oder angebliche ­Terroristen mit harter Hand, etwa auf dem Sinai, ohne sich um die wahren Ursachen der Unruhen zu kümmern. Die Halbinsel gehört zu den vernachlässigsten Regionen Ägyptens. „So wie wir Beduinen hier behandelt werden, kann man sich nicht wundern, dass Gewalt ausbricht“, hört El Difraoui von einem der lokalen Anführer. Aussicht auf Besserung: keine.

Mit großer Sympathie für seine Protagonisten gibt El Difraoui all den sozialen Problemen Ägyptens Gesichter. Symbolisch für die Gemütsverfassung breiter Milieus im Jahre vier nach dem Aufstand steht die Bauersfrau Marjam, die El Difraoui in Fay­yum trifft. „Mubarak war letztendlich ein guter Präsident“, sagt sie. Als er gestürzt wurde, habe sie geweint. Jetzt wünscht sie sich die harte Hand des Militärs: „Ägypten braucht Stabilität und Ordnung.“ Ein Schwachpunkt des Bandes: Leider fehlt aus­gerechnet ein Porträt der wichtigsten Institution Ägyptens – dem allmächtigen Militär.

Über Porträts bringt auch der Journalist Karim El-Gawhary den Lesern die arabische Welt näher. In dem Buch „Frauenpower auf Arabisch“ hat er Reportagen über Frauen gesammelt, die so gar nicht dem westlichen Klischee von den unterdrückten Musliminnen entsprechen.

Er begleitet Inas, die resolute Kairoer Taxifahrerin, trifft Um Khaled, die einen 30-Tonner durch Ägypten steuert, und interviewt Tahani, Ägyptens erste Richterin. El-Gawhary sind erfrischende Gegenerzählungen gelungen, die das Bild der arabischen Frauen gegen den Strich bürsten.

Eingang zur Hölle

Mag es für Ägypten trotz der tiefen Konflikte in der Gesellschaft noch Hoffnung auf eine bessere Zukunft geben – in Syrien ist sie gänzlich verflogen, zumindest bei denen, die nicht verblendet auf das Land blicken. Es ist schwer, sich ein Bild von der Lage im Bürgerkrieg zu machen, weil sich nur noch wenige Ausländer ins Land wagen. Drei Deutsche haben sich in der jüngeren Vergangenheit auf den Weg nach Syrien gemacht und Bücher darüber geschrieben: der Autor Navid Kermani, der Menschenrechtsaktivist Rupert Neudeck und der Fernsehjournalist Jörg Armbruster.

Kermani hat seine Erlebnisse in dem Reportageband „Ausnahmezustand“ verarbeitet, in dem er von seinen Besuchen in verschiedenen Ländern einer „beunruhigten Welt“ berichtet. Die Reise führte ihn unter anderem nach Kaschmir, Indien, Pakistan, Afghanistan, in den Iran – und nach Syrien. „Eingang zur Hölle“ hat er das Kapitel über das geschundene Land genannt.

Der Horror erscheint bei Kermani nicht mit Krach und Kawumm, sondern sehr leise, was ihn subtiler und noch schlimmer macht. Er zeigt sich in Form von zerschossenen Häusern, menschenleeren Straßen und einer Stille, die erahnen lässt, welches Leid geschehen ist.

In einem abgebrannten Krankenhaus trifft Kermani auf Ärzte in rußbedeckten Kitteln. Die Mediziner sind zurückgekommen, um drei Patienten zu retten, die bei einem Angriff auf die Klinik nicht abtransportiert werden konnten: zwei sehr alte Männer und ein Junge. Doch die Betten sind leer – und an der Wand auf Kopfhöhe Einschusslöcher von zahlreichen Kugeln zu sehen. Die Blutlachen unter den Betten sind getrocknet.

Wer steckt dahinter? Kann die Situation gestellt sein? Alles, was Kermani sieht, hinterfragt er, um sich so der „Wahrheit“ zu nähern. Er ist ein eleganter Erzähler, der genau beobachtet und sich um einen Blick jenseits von Gut und Böse bemüht. Ihn interessieren die Motive der Assad-Gegner genauso wie die der Regime-Anhänger. Und er entdeckt überraschende Parallelen in den Erzählungen beider Seiten: „Man muss nur einmal Al-Dschasira und den syrischen Nachrichtenkanal nebeneinander sehen, ohne den jeweiligen Ton zu hören (…) – es sind die gleichen Aufnahmen von zerstörten Städten und weinenden Müttern, die als Beweis für die Barbarei des jeweils anderen angeführt werden.“

Rupert Neudeck dagegen bemüht sich gar nicht erst um Grautöne. Als Aktivist kämpft er für das Gute. Über Monate ist er mehrmals nach Nord­syrien in Gebiete gereist, die von Rebellen beherrscht werden, um dort Projekte seiner Hilfsorganisation „Grünhelme“ aufzubauen. Festgehalten hat er seine Erlebnisse in einem Tagebuch mit dem Titel „Es gibt ein Leben nach Assad“ – ein sehr emotional geschriebener Band mit viel ­Empörungspathos.

Der Optimismus verflüchtigt sich von Seite zu Seite. Was mit dem Wiederaufbau von Krankenhäusern und Schulen gut beginnt, endet für die Grünhelme in einer Katastrophe, als drei Mitarbeiter verschleppt werden und erst nach Wochen und Monaten wieder freikommen – für Neudeck „eine der schlimmsten Erfahrungen meines Lebens“. Ähnliches dürfte auch der Fernsehjournalist Jörg Armbruster über seine letzte Reise nach Syrien sagen. In Aleppo verletzte ihn ein Scharfschütze schwer. Er kam nur knapp mit dem Leben davon. Armbruster gehört zu den Journalisten, die den Mut haben, von den Brennpunkten der Welt zu berichten, immer bemüht um einen distanzierten Blick.

In seinem Buch „Brennpunkt Nahost“ blickt Armbruster vor allem auf den Bürgerkrieg in Syrien. Mit Neudeck verbindet ihn eine scharfe Kritik am Westen, dem beide Versagen vorwerfen. Ansonsten bleibt Armbrusters Analyse aber allzu sehr an der Oberfläche. Die Stärken des Buches liegen woanders: in den Eindrücken aus erster Hand. Armbruster führt den Leser sehr nah an den Konflikt heran. Enthemmte Gewalt erlebt er bei den Assad-Getreuen, aber auch bei den Gegnern des Regimes.

Die wahrscheinlich fanatischsten Feinde des Diktators aus Damaskus stammen aus den Reihen der Al-Kaida-nahen Organisation „Islamischer Staat im Irak und in Syrien“ (ISIS). Sie haben Teile Nordsyriens unter ihrer Kontrolle. In der Stadt Al-Raqqa ließen die ISIS-Dschihadisten zwei junge Männer köpfen, weil sie den Propheten beleidigt haben sollen. Auch das geschah am 24. Januar 2014.

Thorsten Gerald Schneiders (Hrsg.): Der Arabische Frühling. Hintergründe und Analysen. Wies­baden: Springer VS 2013, 310 Seiten, 39,99 €

Annette Jünemann und Anja Zorob (Hrsg.): Arabisches Erwachen. Zur Vielfalt von Protest und Revolte im Nahen Osten und Nordafrika. Wies­baden: Springer VS 2013, 337 Seiten, 34,99 €

Marc Lynch: The Arab Uprising. The Unfinished Revolutions of the New Middle East. New York: Public Affairs 2013, 289 Seiten, 15,99 $

Asiem El Difraoui: Ein neues Ägypten? Reise durch ein Land im Aufruhr. Hamburg: Edition Körber Stiftung 2013, 262 Seiten, 16 €

Karim El-Gawhary: Frauenpower auf Arabisch. Jenseits von Klischee und Kopftuchdebatte. Wien: Kremayr & Scheriau 2013, 204 Seiten, 22 €

Navid Kermani: Ausnahmezustand. Reise in eine beunruhigte Welt. München: C.H. Beck 2013, 253 Seiten, 19,95 €

Rupert Neudeck: Es gibt ein Leben nach Assad. Syrisches Tagebuch. München: C.H. Beck 2013, 192 Seiten, 14,95 €

Jörg Armbruster: Brennpunkt Nahost. Die Zerstörung Syriens und das Versagen des Westens. Frankfurt: Westend 2013, 256 Seiten, 17,99 €


Jan Kuhlmann 
arbeitet als Journalist 
in Berlin. Er schreibt vor allem über die Themen 
Islam und Nahost.
 

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