Europa für Krisengeschädigte

Sehnsuchtsort oder Sorgenkind? Neue Versuche, die EU zu verstehen

5. May 2014 - 0:00 | von Almut Möller

Internationale Politik 3, Mai/Juni 2014, S. 134-136

Kategorie: Europäische Union, Mittel- und osteuropäische Länder

Wer will eigentlich heute noch über Europa lesen? Meistens sind es schlechte Nachrichten, gespickt mit einer Rhetorik, die sich im fünften Jahr der Krise abgenutzt hat. Und doch sind Krisenzeiten gut für die schreibende Zunft. Sie zwingen, die Dinge neu zu sortieren, sie radikal in Frage zu stellen – und sie lösen Sehnsüchte aus. Drei Neuerscheinungen.

Reisend nähert sich Wolfgang Schmale dem Sehnsuchtsort Europa. In „Mein Europa: Reisetagebücher eines Historikers“ besucht der Wiener Historiker Erinnerungsorte und -regionen europäischer Geschichte. In Athen, Berlin, Wien, Paris, der Toskana oder dem Burgund scheint Europa ganz bei sich selbst zu sein, und dennoch sind Vergangenheit und Gegenwart nie widerspruchsfrei oder klar definiert zu haben. Schmale interessiert sich gleichzeitig für Regionen des Übergangs, einander überlappende Kulturräume – Usbekistan, Armenien, Jerusalem, Marokko – und mit Québec für einen Ort am anderen Ende der Welt, an dem er Europa findet. Während das politisch-institutionelle Europa immer wieder die Frage nach den Grenzen behandeln muss, kann Schmale sie in seinem subjektiv wahrgenommenen Europa beiseite schieben. Sein Anliegen ist es, Europa als kulturelle, historische und soziale Verflechtung der Völker greifbar zu machen.

Die Texte in dem Buch sind zwischen 2008 und 2013 entstanden, inmitten der Banken-, Finanz- und Schuldenkrise. Schmale will aber bewusst nicht die Tagesaktualität Europas und der EU reflektieren, „sondern Erzählungen im konkreten Raum vor Ort reisend und zu Fuß ergehen, alte Verflechtungen reflektieren und eventuell neue Verflechtungen sehen bzw. aufdecken“.

Wie klingt, wie schmeckt, wie riecht Europa – wem all das angesichts der brennenden Fragen der aktuellen Europapolitik zu verträumt klingt, der sollte das Buch getrost im Regal stehen lassen. Wer sich aber nach all dem Stakkato der schlechten Nachrichten zur EU nun wieder nach Europa sehnt, der wird in Schmales Wanderungen und Beobachtungen fündig. „Mein Europa“ ist eine Grand Tour für Krisengeschädigte – und liefert eindrucksvolle und manchmal überraschende Beobachtungen dazu, was wir Europäer miteinander teilen.

Eine andere Geschichte erzählt das Buch von Gregor Peter Schmitz, Korrespondent des Spiegel in Brüssel. Die Deutungen der Euro-Krise haben Konjunktur, entsprechend vielfältig sind die Geschichten darüber, wie die EU in ihre schwerste Krise geraten konnte. Dass George Soros dazu starke Positionen hat, ist bekannt. Dass die Analysen des Finanzjongleurs und Holocaust-Überlebenden, der einen guten Teil seines Vermögens in Projekte zur Förderung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit steckt, so manchen herausfordern, ebenso.

In „Wetten auf Europa“ diskutiert Schmitz im Gespräch mit George Soros dessen Sicht auf die Ursachen der Krise, das Krisenmanagement der Regierungen und die Zukunft des Einigungsprojekts. Als roter Faden durchzieht die Rolle Deutschlands den Band.

Vieles von dem konnte man in den vergangenen Jahren bereits an anderer Stelle lesen. Etwa, dass die Kritik an „den Märkten“ nur zum Teil trage, da Investoren lediglich die Schwächen im System der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion aufgedeckt hätten. Oder, dass Schuldenexzesse wie in Griechenland nur ein Teil der Wahrheit seien. Vor allem die Bundesregierung habe diesen Teil über Gebühr in den Vordergrund gestellt und es versäumt, kritisch die eigene Rolle zu reflektieren.

In der Tat ist die Diskussion über den deutschen Außenhandelsüberschuss hierzulande immer noch schwer zu führen. Wie kann es sein, dass der Motor der Euro-Zone zu ihrer Schwächung beiträgt? Diese Debatte aufzubrechen und dabei neue Perspektiven aufzunehmen, ist eines der zentralen Anliegen des Buches. In seiner eigenen Erzählung ist Berlin Soros zufolge der Schlüssel zur Überwindung der Probleme der Euro-Zone. Es sei aber genauso Teil des Problems. Und in Europa fehle es an visionären Politikern, die anerkennen, dass die Verantwortung für die Krise bei allen gemeinsam zu suchen sei. Und dass eine Politik der kleinen Schritte die Union nicht aus der Krise führen werde. Europa brauche endlich eine politische Union. Am Ende denkt der Investor politisch.

Man muss die Analysen eines George Soros nicht teilen, und es wird so manchen geben, der sich fragt, ob der Mann, der selbst auf Währungen gewettet hat, glaubwürdige Perspektiven für die Zukunft der EU entwickeln kann. Dass diese Lesart der Krise und der deutschen Rolle darin mit diesem Buch einem breiteren Publikum zugänglich ist, trägt aber dazu bei, die deutsche Debatte für neue Perspektiven zu öffnen.

Atemberaubende Geschichte

Eine bemerkenswerte Perspektive auf die Entwicklung der EU bietet „The Passage to Europe“ des Philosophen Luuk van Middelaar. Van Middelaar, Berater und Redenschreiber des Präsidenten des Europäischen Rates, Herman Van Rompuy, hat das Buch bereits 2009 auf Niederländisch veröffentlicht und für die englische Aus­gabe überarbeitet. Zwar waren die Arbeiten am Buch bereits im Wesentlichen abgeschlossen, als die Bankenkrise Europa erreichte. Und doch ist der Band damit keinesfalls obsolet. Denn er liefert einen Schlüssel zum grundlegenden Verständnis der Union, für das die Krise nur neues Material ist.

„The Passage to Europe“ erzählt die atemberaubende Geschichte eines Kontinents, der innerhalb weniger Jahrzehnte eine neue innere Logik der Zusammenarbeit schuf. Dabei ist der Band keine der üblichen chronologischen Zeitreisen oder institutionellen Wegweiser. Es geht dem Autor um die Frage nach Triebkräften, Interessen, Konflikten, Persönlichkeiten, Wählern und inneren Widersprüchen auf dem Weg nach Europa. Und immer wieder fragt er nach den entscheidenden Momenten, den „Wegmarken“, an denen die europäische Zusammenarbeit plötzlich und dauerhaft auf eine neue Stufe gehoben wird – beim Übergang zu Mehrheitsentscheidungen etwa.

Um zu erklären, wie die EU funktioniert, unterscheidet van Middelaar drei „Sphären“, in denen die Beziehungen zwischen Staaten und Bürgern organisiert sind. Das ist weit weniger esoterisch, als es sich zunächst anhört.

Der „äußeren“ Sphäre gehören alle souveränen Staaten des Kontinents an. Ihre Ordnung basiert auf einem Mächtegleichgewicht und den physischen Staatsgrenzen. Dynamik erhält sie durch die nationalen Interessen. Diese äußere Sphäre ist gleichsam die älteste Arena der Staaten Europas.

Die „innere Sphäre“ basiert auf dem 1951 geschlossenen Vertrag zur Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Triebkraft ist eine Idee über die Zukunft, das europäische Projekt. Die dritte Sphäre schließlich ist eine „Zwischensphäre“. Sie entstand in dem Moment, in dem sich die innere Sphäre konstituierte – unbeabsichtigt und lange Zeit unbemerkt. Das ist die Sphäre der Mitgliedstaaten der EU.

Wie in der äußeren Sphäre wird die Zwischensphäre durch die nationalen Interessen angetrieben – auch wenn diese in steigendem Maße von der Anerkennung gemeinsamer Interessen geprägt sind. Ihr Ordnungsprinzip heißt „EU-Mitgliedschaft“. Die Zwischensphäre ist eine vermittelnde Sphäre, die es ermöglicht, Zusammenarbeit zu etablieren, Ereignisse abzufedern und Übergänge zu organisieren.

Alle drei Sphären haben ihre spe­zifischen Triebkräfte und Regeln – von der Androhung militärischer Macht (äußere Sphäre) über Vetos (Zwischensphäre) bis hin zu qualifizierten Mehrheitsentscheidungen (innere Sphäre). Für das Verständnis Europas sind alle drei Sphären entscheidend – zumal innerhalb und zwischen ihnen permanent Interaktion stattfindet.

Keine Frage, hier schreibt ein Philosoph mit einem tieferen Erkenntnisziel. Weshalb der 300 Seiten starke Band auch nicht unbedingt zur Strandlektüre geeignet ist. Wer sich aber die Zeit nimmt, wird mit einer elegant geschriebenen Darstellung belohnt, die den üblichen EU-Jargon vermeidet.

Europa ist in seinen Widersprüchen nicht auflösbar. Krisen und Blockaden prägen die Union, unter deren Dach sich die Einigung des Kontinents vollzieht. Dennoch bleibt van Middelaar optimistisch: „Das, was die Union zusammenhält, mag unsichtbar sein, aber es funktioniert, und wenn man es unterschätzt, kann es einen teuer zu stehen kommen.“

Wolfgang Schmale: Mein Europa. Reisetagebücher eines Historikers. Wien: Böhlau Verlag 2013, 278 Seiten, 24,90 €

Gregor Peter Schmitz, George Soros: Wetten auf Europa. Warum Deutschland den Euro retten muss, um sich selbst zu retten. Ein SPIEGEL-Buch, 2014, 192 Seiten, 19,99 €

Luuk van Middelaar: The Passage to Europe. How a Continent Became a Union. New Haven: Yale University Press, 2013, 372 Seiten, 25,00 £

Almut Möller 
ist Leiterin des Alfred von Oppenheim-Zentrums für Europäische Zukunftsfragen im Forschungs
institut der DGAP.
 

 
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