Kein Rückzug in Sicht

Trotz Schieferrevolution bleiben die USA am Persischen Golf

1. September 2014 - 0:00 | von Marco Overhaus, Kirsten Westphal

Internationale Politik 5, September/Oktober 2014, S. 102-106

Kategorie: Rohstoffe & Energie, Nicht-erneuerbare Energien, Internationale Politik/Beziehungen, Vereinigte Staaten von Amerika, Persischer Golf, Naher und Mittlerer Osten/Nordafrika

Für die USA sind direkte Energielieferungen aus dem Persischen Golf nicht mehr von vitaler Bedeutung. Deshalb steigt die Erwartung, dass sie sich aus dieser Region zurückziehen. Aber das wird nicht geschehen. Allerdings werden sich Art und Umfang des amerikanischen Engagements verändern – mit Folgen für Europa.

Seit Jahrzehnten haben die Vereinigten Staaten eine politische und mili­tärische Vormachtstellung am Persischen Golf. Darüber hinaus war die Sicherung des Zugangs zu den dortigen Ölvorkommen immer eine wesentliche Priorität Washingtons. Diese Verknüpfung von sicherheits- und energiepolitischen Interessen wird nun durch die so genannte Schiefer­revolution in den USA in Frage gestellt. Angesichts des sprunghaften Anstiegs der Förderung von heimischem, nichtkonventionellem Öl und Gas (vor allem Tight Oil und Schiefergas) sehen sich die USA auf dem Weg zur Energie-Eigenständigkeit oder gar zur Energie-Unabhängigkeit – nicht zuletzt von Öl- und Gasimporten aus der Golf-Region.

Gleichzeitig schränken die Spar­zwänge, die politische Polarisierung in Washington und die Interventions­müdigkeit der breiteren Öffentlichkeit die sicherheitspolitischen und militärischen Handlungsmöglichkeiten der USA ein. Das zeigt sich zum Beispiel in der zunächst zurückhaltenden Reak­tion der Obama-Regierung auf das Vorrücken der IS-Dschihadisten im Irak. Beide Entwicklungen – die Schieferrevolu­tion und die innenpolitischen Zwänge – wecken Befürchtungen innerhalb und außerhalb Amerikas, dass sich die USA aus der Golf-Region zurückziehen könnten.

Eine solche Entwicklung ist jedoch unwahrscheinlich, denn die USA haben weiterhin starke wirtschaftliche und sicherheitspolitische Interessen in dieser Region. Man kann davon ausgehen, dass sich die Veränderungen auf den Energiemärkten auf die amerikanische Politik auswirken werden. Denn Washington wird gegenüber Europa noch mehr als bisher auf eine ausgewogene Lastenteilung bei der Sicherung der Seewege in der Region pochen. Zudem gewinnen wirtschaftliche Instrumente gegenüber militärischen an Bedeutung.

Die USA entwickeln sich zum Selbstversorger bei Energie. Betrachtet man den NAFTA-Raum insgesamt – also die USA, Kanada und Mexiko –, dann gilt diese Feststellung erst recht. Die USA sind seit Mitte 2013 der größte Energieproduzent weltweit. Beim Erdgas könnten sie sogar zum Nettoexporteur werden. So sanken die amerikanischen Erdgasimporte zwischen 2008 und 2013 um nahezu 40 Prozent, die Importe von verflüssigtem Gas (LNG) schrumpften gar auf ein Zehntel des damaligen Volumens.1 Die Internationale Energieagentur (IEA) geht in ihrem aktuellen World Energy Outlook davon aus, dass die Förderung von Erdgas in den USA wie im gesamten NAFTA-Raum bis 2035 kontinuierlich um 1,1 Prozent jähr­lich steigen wird. Der Erdgas-Boom soll Jahrzehnte andauern.

Zwar sind auch beim Erdöl und den Kondensaten sinkende Importabhängigkeiten zu verzeichnen, nämlich von 60 Prozent 2005 auf 40 Prozent 2012. Prognosen zufolge wird der Schieferöl-Boom nach einer Dekade aber langsam abflauen.2

Die Öl- und Gas­importe aus der Golf-Region haben bereits vor der Schieferrevolution nur einen Bruchteil der gesamten Versorgung der USA ausgemacht. Denn Washington war schon immer bestrebt, die Importabhängigkeit von der Golf-Region zu ­reduzieren. Mit einem Anteil von 13 Prozent an den Gesamtimporten der USA ist Saudi-Arabien nach Kanada zweitgrößter Lieferant von Rohöl (täglich 1,3 Millionen Barrel). Zum Vergleich: Die amerikanische Tight-Oil-Förderung 2013 machte etwa 2,3 Millionen Barrel täglich aus. Insgesamt geht die IEA davon aus, dass Nordamerika am Ende dieser Dekade unabhängig von Energieimporten sein wird. Infolge der Schieferrevolution hat sich die Energiesicherheit der USA also deutlich verbessert. Durch den Zugang zu heimischer und bezahlbarer Energie sind die USA auch weniger anfällig für Preisschwankungen auf den Energiemärkten.

Trotzdem bleibt die Golf-Region für die globale Öl- und LNG-Versorgung und mittelbar auch für die US-Wirtschaft von strategischer Bedeu­tung. Die USA werden auch in Zukunft bedeutende Mengen an Öl vom globalen Markt beziehen. Der Mittlere Osten bleibt wiederum das Rückgrat der weltweiten Energieversorgung, denn er verfügt über die größten Öl- und Gasvorkommen mit den niedrigsten Förderkosten. Die Ölproduzenten am Golf sind die „Swing Supplier“, die Lieferausfälle aus anderen Ländern mit ihren freien Förderkapazitäten kompensieren können. Im Umkehrschluss aber heißt das, dass ein Ausfall der Exporte vom Golf auch in Zeiten der Schieferrevolution kaum aufzufangen wäre.

Die strategische Bedeutung der Ölförderländer des Mittleren Ostens zeigt sich auch mit Blick auf den Irak. Noch 2012 ging die IEA in ihrem World Energy Outlook davon aus, dass der Irak gemeinsam mit nichtkonventionellen Quellen aus anderen Regionen das künftige weltweite Nachfragewachstum decken würde. Die optimistische Erwartung der IEA, dass der Irak seine Ölförderung von 3,3 Millionen Barrel auf sukzessive sechs Millionen Barrel pro Tag bis 20203 steigern könnte, erwies sich allerdings als illusorisch. Der Vormarsch der IS-Milizen ist schon heute ein großes Risiko, aber vor allem langfristig können die Folgen im Irak für den Ölmarkt gravierend sein. Gegen all diese Entwicklungen sind die USA nicht immun.


Militärische Präsenz am Golf

Amerika macht keine Anstalten, sich strategisch und politisch aus der Re­gion zurückzuziehen. Neben der energiepolitischen Bedeutung des Persischen Golfes spielen sicherheitspolitische Interessen eine wesentliche Rolle. So hat die Obama-Regierung in den vergangenen Jahren verstärkt diplomatisches Kapital am Golf bzw. im Mittleren Osten im Zusammenhang mit dem iranischen Atomprogramm investiert. Außenminister John Kerry und Verteidigungs­minister Chuck Hagel signalisieren seit 2013 sogar ein ver­stärktes Engagement in die Region, um der Verunsicherung bei den Golf­-Staaten angesichts der amerikanischen Iran-Diplo­matie entgegenzuwirken.

Die militärische Präsenz ist ein wichtiger Indikator für das außen- und sicherheitspolitische Engagement der USA am Golf. Noch 2003, nach dem Ein­marsch in den Irak, standen mehr als 120 000 US-Soldaten in dem Land sowie weitere 25 000 US-Soldaten in Kuwait. Im gleichen Jahr zogen die USA ihre Truppen aus Saudi-Arabien weitgehend ab. Ende 2011 verließen ihre Truppen dann auch den Irak. Der Rückzug aus Saudi-Arabien und dem Irak wurde begleitet durch den Ausbau der Präsenz in Katar, ­Kuwait und Bahrain.

Ungeachtet dieser großen Schwankungen war der „amerikanische Fußabdruck“ in den sechs Mitgliedstaaten des Golf-Kooperationsrats (GCC) 2013 deutlich größer als vor dem Irak-Krieg: 2001 stationierten die USA noch etwa 14 000 Soldaten auf dem Territorium dieser Staaten; 2013 waren es mehr als 26 000.4 Insgesamt verfügen die USA am oder unmittelbar um den Persischen Golf über etwa 35 000 US-Soldaten.5 Das militärische Dispositiv Amerikas schließt moderne Fähigkeiten der Armee, Marine und Luftwaffe ein sowie Ausrüstung und Installationen im Bereich der Raketenabwehr. Die maritime Präsenz Amerikas in der Golf-Region ist von großer Bedeutung für die ­Sicherung der Straße von Hormus. Sie umfasst in der Regel um die 40 Schiffe, darunter mindestens einen Flugzeugträgerverband.

Es ist nicht vorherzusehen, ob und inwiefern sich das sicherheitspolitische Engagement der USA am Persischen Golf verändern wird. Weil die Abhängigkeit Europas und Asiens von den Energiequellen am Golf im Verhältnis zu den USA steigt, ist davon auszugehen, dass Washington bei der Sicherung der Seewege von und zur Golf-Region mehr Lastenteilung erwarten wird. Zwar hält sich die US-Regierung bislang mit öffentlichen Forderungen zurück. Dennoch mehren sich Stimmen im Kongress, in den Medien und aus den Think Tanks, die angesichts des Wandels auf den Energiemärkten eine breitere Verteilung der Kosten und Risiken fordern, die mit der Sicherung der Handelswege verbunden sind.

Aus Sicht der US-Administration sowie vieler Abgeordneter und Senatoren des Kongresses stärkt die Schieferrevolution die Position Amerikas und schafft auch außenpolitisch neue Handlungsoptionen jenseits des Militärischen. Während die USA wirtschaftlich von den Veränderungen der Energiemärkte profitieren, gelten die Hauptproduzenten von konventionellem Öl und Gas – die OPEC-Staaten und Russland – als Verlierer. Ihre Marktanteile können sinken, sodass diese Staaten ihre Energieressourcen nicht mehr so stark wie bisher für außenpolitische Zwecke instrumentalisieren können.6 In dieser Konstellation gewinnt „economic statecraft“, also der Einsatz wirtschaftlicher Instrumente für außenpolitische Ziele, aus Sicht Washingtons an Bedeutung. Die Umsetzung der internationalen Sank­tionen gegen den Iran wird in diesem Zusammenhang von unabhängigen Kommentatoren wie von US-Regierungsvertretern als beispielhaft angeführt. Das Argument lautet, dass die steigende Ölproduktion in den USA der Sorge vor höheren internationalen Preisen entgegenge­wirkt und so den Aufbau einer internationalen Sanktionskoalition gegen den Iran ermöglicht oder zumindest erleichtert habe.7


Erwartungen an die Europäer

Nicht alle Experten stimmen diesen geopolitischen Argumenten zu. Sie verweisen auf erhebliche Unwägbarkeiten hinsichtlich der Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit des amerikanischen Öl- bzw. Gas-Booms sowie des Umfangs künftiger Exporte. Trotzdem gewinnt „economic statecraft“ in den USA an politischer Attraktivität. Die Schieferrevolution könnte dazu beitragen, dass sich die Gewichtung im amerikanischen Instrumentenmix am Persischen Golf verändert. Darüber hinaus ist davon auszugehen, dass die USA in Zukunft von ihren Partnern mehr sicherheitspolitische und militärische Lastenteilung am Golf einfordern werden. Bereits heute lenkt Amerika sein sicherheits- und verteidigungs­politisches Engagement verstärkt auf den Ausbau der Fähigkeiten von regionalen Partnern. Angesichts der Konflikte innerhalb des Golf-Kooperationsrats bleiben die Ergebnisse solcher Bemühungen bislang jedoch eher bescheiden. Aus Sicht Washingtons erscheint zudem eine exponiertere sicherheitspolitische Rolle Chinas am Golf nicht wünschenswert.

Die Erwartungen der USA werden sich daher in Zukunft verstärkt an die EU richten. Diese hat im Juni 2014 erstmals eine Gemeinsame Maritime Sicherheitsstrategie verabschiedet, die die Bedeutung der maritimen Sicherheit für die Energieversorgung Europas unterstreicht und den Schutz der internationalen Seewege als Kerninteresse identifiziert. Diese Strategie soll bis Ende 2014 mit konkreten Maßnahmen untermauert werden. Für eine exponiertere europäische Rolle am Persischen Golf böten sich u.a. Hilfe beim Aufbau maritimer Kapazitäten der arabischen Golf-Staaten (z.B. Küstenwache und Minenräumung) an. Aber auch energiepolitisch sollten sich Deutschland und die EU der neuen Situation stellen und die internationale Kooperation zum Ein­hegen von Energiekrisen neu ausgestalten.



Dr. Marco Overhaus ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsgruppe Amerika der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin.

Dr. Kirsten Westphal ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungsgruppe Globale Fragen der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin.

 

  • 1. BP: Statistical Review of World Energy 2014, London, Juni 2014, S. 30.
  • 2. Vgl. Adam Sieminski: Outlook for U.S. shale oil and gas, Presentation at the IAEE/AEA Meeting 4.1.2014, Philadelphia, http://www.eia.gov/pressroom/presentations/sieminski_ 01042014.pdf.
  • 3. Meghan L. O’Sullivan: Future of Oil Hangs on Iraqi Politics, Bloomberg View, 9.7.2014.
  • 4. IISS (Hrsg.): The Military Balance 2002 und The Military Balance 2014, London.
  • 5. U.S. Department of Defense: IISS Manama Dialogue: Speech Delivered by Secretary of Defense Chuck Hagel, Manama, Bahrain, 7.12.2013.
  • 6. David Hastings Dunn und Mark J.L. McClelland: Shale gas and the revival of American power: debunking decline?, International Affairs 6/2013, S.1411–1428, S. 1412, 1418 und 1421.
  • 7. Daniel Yergin: Unconventional Oil and Gas Revolution in US „Goes beyond Energy Itself“. Testimony before US House Energy and Commerce Subcommittee on Energy and Power, IHS Pressroom, 5.2.2013; Tom Donilon: Energy and American Power. Farewell to Declinism, Foreign Affairs (Snapshot), 15.6.2013.
 
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