Grimmige Realitäten

Moskau geht auf der Krim gegen die Tataren und sonstige „Feinde“ vor

1. January 2015 - 0:00 | von Liana Fix

Internationale Politik 1, Januar/Februar 2015, S. 36-41

Kategorie: Konflikte und Strategien, Ukraine, Russische Föderation

Man müsse doch Russlands Annexion der Krim hinnehmen, meinen einige Politiker und meint laut Umfragen über ein Drittel der Deutschen. Das ist nicht nur völkerrechtlich problematisch. Mit einer Anerkennung würde man auch Russlands Politik der rigorosen Unterdrückung der indigenen Krimtataren und der ukrainischen Opposition legitimieren.

Die Annexion der Krim ist in der Nachkriegsgeschichte Europas präzedenzlos. Und doch wurde sie vor über 30 Jahren bereits einmal durchgespielt: Im 1981 erschienenen Roman „Die Insel Krim“ stellt der Autor Wassilij Aksjonow die kontrafaktische Frage, was passiert wäre, hätte die Rote Armee im November 1920 gegen die letzten auf der Krim ausharrenden weißen Truppen verloren und wäre ein zweiter, demokratischer und prosperierender russischer Staat neben der Sowjetunion auf der Krim entstanden. Aksjonow kommt zum gleichen Schluss – Russland, bzw. die Sowjetunion, hätte die Krim annektiert: „Der totalitäre Riese frisst das fröhliche Kaninchen auf dessen letzten Wunsch.“

Nun kann man von der Krim sicher nicht als „fröhlichem“ Ort sprechen. Die sowjetische Tristesse hat hier die Jahre überdauert. Viele russische Touristen, die sich im patriotischen Überschwang 2014 für einen Urlaub auf der Krim entschieden, dürften nächstes Mal doch lieber wieder nach Ägypten oder in die Türkei fahren. Und dennoch: 86 Prozent der Russen unterstützen ausdrücklich die „Heimkehr“ der Krim in die Russische Föderation.

Die restliche Welt sieht die Angelegenheit umkehrt: Nur elf Staaten stimmten Ende März 2014 einer Resolution der UN-Vollversammlung nicht zu, in der die Krim-Annexion verurteilt wurde, darunter Staaten wie Syrien, Nordkorea und Simbabwe. Dabei erhoffte sich Wladimir Putin insbesondere von Deutschland Verständnis für die von ihm so genannte „Wiedervereinigung“ Russlands mit der Krim. In seiner Annexionsrede am 18. März erinnerte der russische Präsident daran, dass die Sowjetunion die deutsche Einheit unterstützt habe. Im Gegenzug erwarte er nun von den Bürgern Deutschlands Unterstützung für die „Wiedervereinigung“ mit der Krim.
Überraschenderweise scheint die Annexion der Krim tatsächlich in Teilen der deutschen Bevölkerung auf Verständnis zu stoßen. In einer Umfrage von Infratest dimap vom November 2014 sprachen sich 39 Prozent für eine Anerkennung der Krim als Teil Russlands aus. Immerhin 48 Prozent sind dagegen. Dennoch ist es überraschend, wie verbreitet die Ansicht ist, die Krim habe doch ohnehin stets zu Russland gehört und die Annexion müsse deswegen nicht an die große politische Glocke gehängt werden. Zuletzt wurde dieses Sentiment bedient von zwei ehemals Großen der SPD, Matthias Platzeck und Egon Bahr. Letzterer schlug vor, die Ukraine solle es mit der Krim doch so handhaben wie Westdeutschland mit der DDR: Akzeptanz ohne Anerkennung, das habe schließlich für Deutschland auch zum Erfolg geführt. Der Vorschlag hat nur einen Schönheitsfehler: Während die DDR zwar in sowjetischer Einflusssphäre, aber immer noch ein eigener Staat war, ist die Krim zu einem Teil der Russischen Föderation gemacht worden. Das erschwert die Situation nicht unwesentlich.

Und solange im Osten der Ukraine ein von Russland befeuerter Konflikt weiter schwelt, ist jegliche Diskussion über Akzeptanz und Legalisierung verfrüht und deplatziert. Vor allem jedoch versperrt sie den Blick auf das, was zurzeit auf der Krim passiert. Unter dem Vorwand, gegen „politischen Extremismus“ vorzugehen, läuft gegen die indigene Bevölkerung der Krimtataren sowie gegen proukrainische Aktivisten eine Repressionskampagne. Gleichzeitig werden private Unternehmen enteignet und regionalen Machthabern unterstellt. Ziel ist es, den Widerstand vor Ort zu brechen, wirtschaftliche Vorteilssysteme aufzubauen und ein System direkter politischer und geheimdienstlicher Kontrolle nach dem Vorbild des Nordkaukasus auf der Krim zu etablieren.


Der krimtatarische Widerstand

Eigentlich wäre es eine Geschichte wie von der berühmten Anfangsseite der Asterix-Comics, wenn sie nicht so tragisch wäre: Die ganze Krim ist im russischen Hurra-Patriotismus geeint. Die ganze Krim? Nein! Die Krimtataren haben das „Potemkinsche Referendum“ im März und die Parlamentswahlen im September trotz großen Drucks kollektiv boykottiert und die Annexion kritisiert. Denn für die Krimtataren ist es nicht das erste Mal, dass sie unter russische Okkupation geraten. 1783 annektierte Katharina die Große das zuvor unter osmanischer Kontrolle stehende Khanat der Krim. Damit begann der russische „Mythos Krim“ – samt Schwarzmeerflotte, Sanatorien und Palästen.1

Das einschneidende Erlebnis für die Krimtataren war die Deportation der gesamten Bevölkerung unter Stalin im Jahr 1944. Unter dem Vorwand der Kollaboration mit der nationalsozialistischen Wehrmacht wurden 240 000 Krimtataren in den Fernen Osten, vor allem nach Usbekistan, zwangsumgesiedelt. Nur etwa die Hälfte überlebte die Deportationen. Erst in den letzten Jahren der Sowjetunion wurde den Krimtataren die sukzessive Rückkehr auf die Krim ermöglicht, die mittlerweile durch einen Verwaltungsakt Nikita Chruschtschows von der Russischen SFSR an die Ukrainische SSR übergegangen war. Wie der Historiker Mark Kramer argumentiert, handelte es sich jedoch nicht um ein „Geschenk“, sondern um einen strategischen Schachzug zur Stärkung des russischen Einflusses in der Ukrainischen SSR.2 Doch als die Ukraine im Dezember 1991 für ihre Unabhängigkeit stimmte, gab es sogar auf der Krim mit 54 Prozent eine klare Mehrheit für die Loslösung von der Sowjetunion.
Als Teil der unabhängigen Ukraine erlebten die Krimtataren eine Phase relativer Freiheit. Allerdings entstanden Konflikte durch eine unzureichende Zuteilung von Landflächen für heimkehrende Krimtataren, eine nur zögerliche Anerkennung der krimtatarischen Selbstverwaltungsorgane durch Kiew sowie infolge von Auseinandersetzungen mit nationalistischen prorussischen Gruppierungen, die die (muslimischen) Krimtataren weiterhin als Nazi-Kollaborateure sowie Islamisten diffamierten.

Es waren dann dieselben prorussischen Gruppen, die mit Unterstützung russischer Militäreinheiten im Februar 2014 die Macht auf der Halbinsel übernahmen und der Annexion den Weg ebneten. Sergei Aksjonow zum Beispiel, heute De-facto-Premierminister der Krim,3 war zuvor Anführer der Splitterpartei „Russische Einheit“, die durch Vandalismus und gewaltsame Aktionen gegen Krimtataren aufgefallen ist. Vorwürfe, er sei in den neunziger Jahren Mitglied der mafiösen Vereinigung „Salem“ gewesen, die im Zigarettenschmuggel und Erpressungsgeschäft aktiv war, hat Aksjonow stets bestritten.


Große Versprechungen, harte Hand

Um das Misstrauen der Krimtataren zu besänftigen, ist Moskau mit großen Versprechungen angetreten. In seiner Annexionsrede vom 18. März versprach Putin den Krimtataren eine formelle Rehabilitierung sowie die Erhebung des Krimtatarischen neben Russisch und Ukrainisch zur offiziellen Landessprache auf der Halbinsel. Tatsächlich wurde am 21. April das Gesetz zur Rehabilitierung ethnisch unterdrückter Völker auf die Krimtataren ausgeweitet. Auch ihre Sprache wurde als offizielle Landessprache in die Verfassung aufgenommen. Weder wurden die Krimtataren jedoch als indigenes Volk erwähnt, noch ihre Repräsentationsorgane anerkannt. Auch eine versprochene Quote von 20 Prozent der Parlamentssitze blieb unerfüllt.

Stattdessen haben die Krimtataren die harte Hand der neuen Machthaber zu spüren bekommen: Die zuvor jährlich begangene Gedenkversammlung zum Jahrestag der Deportation am 18. Mai wurde verboten, um die „Sommersaison“ nicht zu stören. Krimtatarische Aktivisten wurden von prorussischen paramilitärischen Einheiten entführt oder verschwanden unter mysteriösen Umständen. Zwei von ihnen wurden später mit Misshandlungsspuren tot aufgefunden. Die aus Moskau stammende, neu eingesetzte Oberstaatsanwältin Natalja Poklonskaja drohte den Krimtataren derweil mit hohen Strafen und sogar Deportation, sollten sie die Zugehörigkeit der Krim zu Russland nicht anerkennen und ethnische Auseinandersetzungen „anstiften“.

Seit den Parlamentswahlen im September haben sich die Repressionen noch verstärkt: Unter Berufung auf russische „Antiextremismusgesetze“ wurden Privathäuser, Schulen, Moscheen und Gebäude der Repräsentationsorgane der Krimtataren von bewaffneten Einheiten nach „Drogen, Waffen und verbotener Literatur“ durchsucht. Der Medschlis, das zentrale Exekutivorgan der Krimtataren, sowie die Crimea Foundation, eine gemeinnützige Stiftung, wurden geschlossen und ihre Bankkonten eingefroren. Rivalisierende Institutionen zum Medschlis und zum Muftiat werden unterstützt, um die Gemeinschaft politisch und konfessionell zu spalten.

Auch krimtatarische Medien sehen sich der Schließung oder Zensur ausgesetzt: Der Fernsehsender ATR, der auf Russisch, Ukrainisch und Krimtatarisch sendet, berichtet von fast täglichen Anrufen von Geheimdienstlern, die „Korrekturen“ bei der Berichterstattung verlangen.4 Einem Journalisten wurde die Akkreditierung entzogen, weil er beim Erklingen der russischen Nationalhymne nicht aufgestanden sei. Proukrainische Aktivisten sowie Repräsentanten der ukrainisch-orthodoxen Kirche (nicht der russisch-orthodoxen!) haben ebenfalls unter Repressalien zu leiden. Mehrere Priester wurden gezwungen, die Krim zu verlassen, Kirchengebäude sind geschlossen oder angegriffen worden. Zwar bestand formal für die Bewohner der Krim die Möglichkeit, ihre ukrainische Staatsbürgerschaft zu behalten. In der Realität wurde jedoch massiver Druck ausgeübt, die russische Staatsbürgerschaft anzunehmen.

Während viele proukrainische Aktivisten die Krim bereits in Richtung Festland verlassen haben, wollen die Krimtataren ihre Heimat nicht noch einmal aufgeben. Mustafa Dschemilew, Bürgerrechtler und charismatischer Anführer der Krimtataren sowie Rekordhalter des längsten Hungerstreiks aller Sowjetdissidenten (303 Tage), hat seine Landsleute zum Bleiben aufgefordert. Er selbst ist bereits im April für fünf Jahre von der Krim verbannt worden. Beim Versuch, über das ukrainische Festland auf die Krim zu gelangen, versammelten sich Tausende Unterstützer am Grenzübergang, um ein Durchgangsspalier für ihn zu bilden. Laut Dschemilew zogen die Grenzwächter daraufhin ihre Waffen, und nur seine freiwillige Umkehr habe ein „Blutbad“ verhindert.5


„Religiöser Extremismus“ als Vorwand

Als Grund für das Vorgehen gegen Medschlis und Muftiat führen die Behörden immer wieder auch „religiösen Extremismus“ an – was nicht völlig aus der Luft gegriffen ist. Tatsächlich haben auch auf der Krim transnationale islamistische Netzwerke Fuß fassen können. Insbesondere Hizb ut-Tahrir, die für die Wiedererrichtung des Kalifats kämpft, war auf der Krim aktiv und hat beispielsweise 2012 Protestversammlungen gegen den Film „Die Unschuld der Muslime“ organisiert. In Russland als terroristische Organisation verboten, geriet Hizb ut-Tahrir nach der Annexion ins Visier des russischen Geheimdiensts. Ihre Aktivisten und andere Islamisten haben die Krim seitdem verlassen oder agieren verdeckt. Russlands Repressionspolitik könnte zu einer weiteren Radikalisierung dieser Randgruppen beitragen.6 Und obwohl sich der Medschlis und das Muftiat explizit von islamistischen Gruppierungen distanziert und Hizb ut-Tahrir als Gefahr für den moderaten Islam der Mehrheitstataren bekämpft haben, wird politischer und religiöser „Extremismus“ immer wieder als Vorwand genommen, um gegen die Krimtataren vorzugehen.

Zu dieser konfliktträchtigen ethnisch-konfessionellen Konstellation kommt erschwerend die wirtschaftliche Situation. Die Lebensmittelpreise sind im Vergleich zu 2013 um fast 40 Prozent gestiegen, da die Versorgung der Krim nun über die Meerenge von Kertsch anstatt vom ukrainischen Festland aus gewährleistet werden muss. Dank der Erhöhung der Gehälter und Renten für Staatsbedienstete liegt das monatliche Durchschnittseinkommen zwar derzeit höher als in der Ukraine, erreicht aber gerade einmal die Hälfte des russischen Niveaus (bei 640 Euro).

Drängendstes Problem ist die Wasser- und Stromversorgung, die vorher zu etwa 80 Prozent vom ukrainischen Festland aus gesichert wurde. Kiew hat die Wasserversorgung seit Mai 2014 eingestellt. Zwar reichen die Vorräte noch bis ins Jahr 2015, die Agrarwirtschaft stellt der erzwungene sparsame Umgang mit Wasser jedoch vor Probleme. Auch die Stromzufuhr vom Festland wurde reduziert und sollte durch den Bau zweier neuer Kraftwerke aufgefangen werden; die dafür benötigten Turbinen können jedoch aufgrund der Sanktionen nicht geliefert werden. Auf die Ausbeutung der Erdgasfelder haben die Sanktionen auch Einfluss: Finanzielle und technische Beteiligung an Offshore-Projekten hat die EU untersagt, und ohne westliche Technik sind diese geldbringenden Ressourcen kaum erschließbar.

Gleichzeitig hat die Annexion der Halbinsel Platz eins bei russischen Investitions- und Infrastrukturprojekten gesichert. 20 Milliarden Dollar sollen in den nächsten Jahren investiert werden, davon allein bis zu sieben Milliarden in den Bau einer Auto- und Eisenbahnbrücke über die Straße von Kertsch – das wäre die teuerste Brücke, die jemals in Russland gebaut wurde. Ende November wurde eine „Freie Wirtschaftszone“ auf der Krim eingerichtet, um Investitionen anzulocken. Ob diese jedoch tatsächlich kommen werden, ist angesichts der Wirtschaftspolitik der lokalen Machthaber mehr als fraglich: In einer „Nationalisierungskampagne“ wurden laut Nachrichtenagentur AP bereits Tausende private Unternehmer auf der Krim unter Androhung von Waffengewalt enteignet. Dies sei notwendig, um dem Staat zurückzugeben, was zuvor ukrainische Oligarchen geplündert hätten, argumentieren die neuen Machthaber.

Die Krim-Bewohner jedoch sprechen von einem noch nie dagewesenen Raubzug. So tauchte zum Beispiel im Oktober vor den Jalta-Filmstudios eine Gruppe bewaffneter maskierter Männer auf, die alle Beschäftigten auf den Boden zwangen, das Gelände abriegelten und dem Besitzer mitteilten, sein Unternehmen sei nun verstaatlicht. Auch das profitable Unternehmen Krymavtotrans, der einzige Verkäufer von Bustickets auf der Krim, ist ohne Kompensation enteignet worden. Einsprüche bei Gericht, Polizei und selbst bei Moskauer Be­hörden führten bisher zu nichts.

Obwohl die Krimtataren nur 12 Prozent der Bevölkerung auf der Krim ausmachen, sind sie bei weitem politisch aktiver und besser organisiert als die üb­rige Bevölkerung. Ihre Geschichte des antiautoritären und gewaltlosen Widerstands macht sie jedoch in den Augen der neuen Machthaber zu einer potenziellen Gefahr für die russische Herrschaft auf der Krim. Mit einer weiteren Verschlimmerung der Situation ist zu rechnen. Von einer Akzeptanz darf deshalb nicht die Rede sein. Denn wer die Annexion legitimieren will, legitimiert ethnische Repression.


Liana Fix ist Associate Fellow beim Robert Bosch- Zentrum für Mittel- und Osteuropa, Russland und Zentralasien im Forschungsinstitut der DGAP.

  • 1. Die propagandistisch überhöhte Mythenbildung um die Krim fand in Putins Rede vom 5.12. einen vorläufigen Höhepunkt. Darin verglich er die Krim in ihrer geistig-religiösen Relevanz für Russland mit der Bedeutung des Tempelbergs für das Judentum – unter Verweis auf die Begebenheit, dass sein Namensvetter König Wladimir der Große dort im Jahre 987 getauft wurde.
  • 2. Mark Kramer: Why did Russia give away Crimea sixty years ago?, Cold War International History Project e-Dossier No. 47, http:/www.wilsoncenter.org/publication/why-did-russia-give-awaycrimea- sixty-years-ago.
  • 3. Der Premierminister der Krim wird seit der Annexion ähnlich wie in den nordkaukasischen Republiken auf Basis einer Empfehlung des russischen Präsidenten vom lokalen Parlament gewählt.
  • 4. Human Rights Watch: Rights in Retreat. Abuses in Crimea, November 2014, http://www.hrw.org/sites/default/files/reports/crimea1114web_0.pdf, S. 27.
  • 5. Bernhard Odehnal: Wir fühlen uns betrogen, Tages-Anzeiger, 8.5.2014.
  • 6. Anna Munster: Transnational Islam in Russia and Crimea, Chatham House, 11.11.2014.

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