Der unheimliche Aufstieg des IS

Warum die dschihadistische Terrormiliz so mächtig werden konnte

1. July 2015 - 0:00 | von Jan Kuhlmann

Internationale Politik 4, Juli/August 2015, S. 130-133

Kategorie: Terrorismus, Naher und Mittlerer Osten/Nordafrika

Ist die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) unaufhaltbar? In Syrien kontrollieren die Dschihadisten mittlerweile mehr als die Hälfte der Landesfläche. Auch im benachbarten Irak beherrschen sie riesige Gebiete. Gleich mehrere Bücher beschäftigen sich mit den Extremisten, den Ursachen ihrer Entstehung und ihres Erstarkens.

Der Vormarsch der IS-Terrormiliz ist beängstigend. Anfang dieses Jahres sah es noch so aus, als sei dem Siegeszug der Dschihadisten Einhalt geboten. Doch von ihren Niederlagen etwa in der nordsyrischen Stadt Kobane oder im irakischen Tikrit haben sie sich erholt. Auch wenn die US-Regierung regelmäßig betont, die Ausdehnung des IS sei gestoppt – bislang hat keine Kraft die Terrormiliz dauerhaft aufhalten können, auch nicht die von den USA geführte Militärallianz mit ihren Luftangriffen.

Dementsprechend viel Aufmerksamkeit bekommen die Extremisten in den Medien. Gleich mehrere Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt beschäftigen sich mit dem Aufstieg des IS, und immer steht eine Frage im Mittelpunkt: Wie konnte es dazu kommen? Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Die Erfolge der Terrormiliz lassen sich wohl am ehesten durch ein ungünstiges Zusammenspiel verschiedener Faktoren erklären, die weit in die Geschichte des Irak, Syriens und der gesamten arabischen Welt zurückreichen. Neben der eigenen Stärke sind es die Schwäche und fatale Entscheidungen seiner Gegner, die dem IS in die Hände spielen.


Fanatismus als Methode

Das beeindruckendste Buch über die Terrormiliz hat der Spiegel-Reporter Christoph Reuter geschrieben, schon allein deswegen, weil er den Dschihadisten so nahe gekommen ist wie kaum ein anderer Journalist aus dem Westen. Ungeachtet der Gefahren des Bürgerkriegs ist Reuter nicht weniger als 17 Mal in die syrischen Rebellengebiete gereist, wo er zusammen mit einheimischen Rechercheuren nach Material über den IS gesucht hat.

Was er dabei gefunden hat, gibt der Terrormiliz, die ansonsten häufig schemenhaft bleibt, ein Gesicht, wenn auch ein schreckliches. Vor allem eins macht der Journalist deutlich: Beim IS handelt es sich nicht um eine wilde Horde, sondern um eine gut strukturierte Organisation, die „Fanatismus als Methode der Mobilisierung einsetzt“ und „dabei äußerst rational agiert“.

Exemplarisch beschreibt Reuter dieses Phänomen anhand des mittlerweile getöteten IS-Anführers Haji Bakr, einem ehemaligen Oberst aus Saddam Husseins Luftabwehr-Geheimdienst, ein unauffälliger, aber strategisch kühl planender Mann. Reuter nennt ihn den „Architekten des Terrors“. In Syrien entdeckte der Spiegel-Reporter handschriftliche Aufzeichnungen Bakrs, in denen dieser Seite um Seite den Plan dargelegt hat, wie der IS die Macht übernehmen will. Er skizziert darin nicht nur die „Verwaltungsstruktur eines Staates bis auf Ortsebene“, sondern entwirft auch den Bauplan für ein „Stasi-Kalifat“, der danach „erstaunlich akkurat“ umgesetzt worden sei.

Dabei ging der IS stets nach demselben Muster vor: Seine Anhänger tauchten als Missionare in Dörfern auf, warben Einheimische als Gefolgsleute an und spionierten jeden Ort „bis in die letzte Faser“ aus, um schließlich die Macht an sich zu reißen. Haji Bakr kopierte dabei nichts weiter als „Saddam Husseins allumfassenden Geheimdienstapparat“. Auch ansonsten profitiert der IS von der Expertise aus den alten Zeiten im Irak. Längst haben Ex-Saddam-Kader den IS übernommen, darunter viele frühere Armeeoffiziere, die mit ihrer Kampferfahrung für die militärischen Erfolge der Terrormiliz verantwortlich sind.

Doch trotz dieser eigenen Stärke musste dem IS für einen derartigen Vormarsch der Boden bereitet werden. So ist es kein Zufall, dass die Dschihadisten vor allem in Syrien, dem Irak und Libyen Fuß gefasst haben, da in all diesen Ländern der Staat versagt hat und seine Strukturen zerfallen sind. Nur in diesem Vakuum konnte die Terrormiliz gedeihen.


Fatale Entscheidungen

Den Absturz des Irak beschreibt der Islamwissenschaftler Wilfried Buchta sehr eindrucksvoll und mit großer Kenntnis des Landes, die er in seinen Jahren als Mitarbeiter der UN-Mission in Bagdad gewonnen hat. Sein Buch „Terror vor Europas Toren“ ist ein neues Standardwerk über den Irak.

Der Zerfall des Landes geht zurück auf Saddams Herrschaft: Diktatur, Kriege, Sanktionen führten seit den achtziger Jahren zu tiefen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Verwerfungen. Schon beim Einmarsch der US-Armee 2003 habe sich der Staat in Auflösung befunden, schreibt Buchta. Fatale Entscheidungen des US-Zivilverwalters Paul Bremer, der wie ein „selbstherrlicher spanischer Vizekönig in einer abgelegenen südamerikanischen Provinz“ schaltete und waltete, hätten ihr Übriges getan. So löste Bremer mit einem Federstrich die irakische Armee auf und schuf so nicht nur ein Sicherheitsvakuum, sondern auch ein Reservoir geschasster Soldaten, die ihrer Lebensgrundlagen beraubt worden waren. Ganze Scharen von ihnen schlossen sich später dem IS an.

Ein anderes Grundübel sieht Buchta in der Etablierung des „Muhassasa“-Prinzips, also der Vergabe von Regierungsposten an Schiiten, Sunniten und Kurden nach einem festgelegten Schlüssel. Was zunächst nach einer gerechten Machtverteilung aussah, öffnete Korruption und Vetternwirtschaft den Weg. Dank „Muhassasa“ betrachte jeder Minister sein Haus „als Erbhof und persönliches Lehen, über das er unumschränkte Kontrolle ausübe“, so Buchta. Generell fällt er ein hartes Urteil über die politische Elite: Er habe praktisch keinen Politiker oder geistlichen Führer getroffen, der auch nur „einen Hauch von Verantwortungsbewusstsein für den Irak als Ganzes“ bewiesen habe. Auch wegen solcher klaren Urteile ist Buchtas Buch äußerst lesenswert.


Dreißigjähriger Krieg

Das gilt auch für Rainer Hermanns Band „Endstation Islamischer Staat?“, in dem er knapp und thesenhaft den Aufstieg des IS in den größeren zeitlichen Horizont einordnet. Wie Buchta sieht der langjährige Nahost-Korrespondent der FAZ die Wurzeln des IS im Versagen und Zerfall der arabischen Staaten, wodurch der Raum für die Terrormiliz entstand.
Hermann betont dabei stärker die religiöse Dimension. Er spricht von einem „Dreißigjährigen Krieg“, der in der arabischen Welt, vor allem in der Levante, ausgebrochen sei. Nach jahrzehntelangem Stillstand habe mit dem Arabischen Frühling ein langfristiger Umbruch eingesetzt, prophezeit Hermann: „Das Nachholen historischer Prozesse führt nun zu Eruptionen, die einem Erdbeben gleichen.“

Eine starke Konfessionalisierung der Konflikte, Zerstörung weiter Landstriche, die Einmischung auswärtiger Mächte wie Iran und Saudi-Arabien – in der Tat gibt es einige Parallelen zum Dreißigjährigen Krieg. Trotzdem handelt es sich bei den Konflikten in der arabischen Welt nicht um Religionskriege. In Syrien etwa kämpft ein bis dato sehr weltliches Regime um sein Überleben und instrumentalisiert dafür die Konfessionen. Wie in Ägypten sind es in Syrien – und zu einem nicht unerheblichen Teil auch im Irak – die alten Kräfte, die sich gegen Aufstände wehren. Das von den Alawiten, Anhängern eines Seitenstrangs des schiitischen Islam, getragene syrische Regime paktierte dabei sogar lange mit einer sunnitischen Organisation, die eigentlich ihr schlimmster Feind sein müsste: der IS-Terrormiliz.

Der Journalist Daniel Gerlach, Chefredakteur des Nahost-Magazins Zenith, sieht in seinem Buch „Herrschaft über Syrien“ das Damaszener Regime in einer Art „taktischem Gleichgewicht“ mit den Dschihadisten. So kann sich der IS laut Gerlach auf sein „dschihadistisches Projekt“ konzentrieren. Derweil nutzt Syriens Präsident Baschar al-Assad seinerseits die religiöse Terrorgruppe als Feindbild, um sich internationale Unterstützung zu sichern. Allerdings sieht es seit der Niederlage des Regimes gegen den IS im Kampf gegen die historische Oasenstadt Palmyra so aus, als habe der IS dieses Bündnis aufgekündigt.

Gerlach beschreibt in seinem Buch vor allem das Regime, seine Akteure und Machtstrukturen. Er meldet zudem Zweifel an, ob beim IS von einem „Staatsbildungsprojekt“ gesprochen werden sollte, weil damit nicht nur die Dschihadisten aufgewertet, sondern auch der Begriff „Staat“ ­herabgewürdigt werde. Gerlach will lieber von einem „terroristischen Gebilde“ oder einem „terroristischen ­Regime“ sprechen. Damit wird er aber dem Ausmaß und der ganzen Dimension des Phänomens nicht gerecht. Würde der IS allein als Terrororganisation wahrgenommen, hätte er nicht einen derart massiven Zulauf aus aller Welt. Erst der Anspruch, einen „Staat“, ein „Kalifat“ aufzubauen, macht die Attraktivität aus, die der IS auf viele Muslime ausübt. Gar nicht zu reden davon, dass die Terrormiliz im Irak und in Syrien längst quasistaat­liche Strukturen aufgebaut hat. Ob es sich dabei allerdings tatsächlich um einen „islamischen“ Staat handelt, ist wiederum eine andere Frage.


Schwachstelle Finanzierung

Der IS ist zu einem mächtigen Gegner erwachsen, aber seine Schwächen sind unübersehbar. Zum einen seien die staatlichen Strukturen in Syrien und im Irak nur schwach ausgebaut, schreibt Guido Steinberg, Terrorexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik, in seinem Band „Kalifat des Schreckens“. Zum anderen sei ungeklärt, wie der IS seinen Staat längerfristig finanzieren will, was eine seiner „empfindlichsten Schwachstellen“ sein könnte. Er verfüge zwar über hohe Einnahmen, doch auch die Ausgaben seien beträchtlich. Je mehr staatliche Funktionen der IS übernehme, desto höher würden die Kosten. Die Beuteökonomie habe bisher nur funktioniert, weil die Terrororganisation schnell große Gebiete erobert habe.

Sehr ausführlich geht Steinberg auch auf das Verhältnis zwischen dem IS und dem Terrornetzwerk Al-Kaida ein, die miteinander verfeindet sind. Sie teilen zwar die Dschihad-Ideologie, unterscheiden sich aber in wichtigen Merkmalen. So wendet sich der IS mit massiver Gewalt gegen Schiiten, was Al-Kaida-Chef Ayman al-Zawahiri ablehnt. Während Al-Kaida weite Teile der Muslime als Unterstützer gewinnen wolle, seien IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi und sein Vorgänger Abu Musab al-Zarqawi „Menschenfeinde, die nicht daran glauben, allzu viele Muslime von ihren Ideen überzeugen zu können“. Neben Christoph Reuter ist Steinberg das fundierteste Buch über den IS gelungen, das sehr detailliert den Werdegang der Terrormiliz nachzeichnet.

Aus jedem dieser Bände wird klar, dass der IS nicht unterschätzt werden sollte. Das scheint die internationale Gemeinschaft verstanden zu haben, allein, es fehlen die Mittel (und zum Teil auch der Wille), die Terrormiliz zu bekämpfen. Die irakische Armee erwies sich bislang als untauglich; die kurdischen Peschmerga im Nordirak wollen und werden nur ihr eigenes Gebiet verteidigen; das syrische Militär ist nach mehr als vier Jahren Bürgerkrieg ausgelaugt; die Rebellen des Landes sind zu schwach und zu zersplittert. Mit Luftschlägen allein wird sich der IS nicht besiegen lassen – zumal er nur dann von der Bildfläche verschwinden wird, wenn im Irak und in Syrien wieder funktionierende Staaten etabliert werden können. Davon aber ist nichts zu erkennen.

Jan Kuhlmann ist dpa-Korrespondent für die arabische Welt mit Sitz in Istanbul.


Christoph Reuter: Die schwarze Macht. Der „Islamische Staat“ und die Strategen des Terrors. München: DVA 2015, 351 Seiten, 15,99€
Wilfried Buchta: Terror vor Europas Toren. Der Islamische Staat, Iraks Zerfall und Amerikas Ohnmacht. Frankfurt: Campus Verlag 2015, 413 Seiten, 22,90€
Rainer Hermann: Endstation Islamischer Staat? Staatsversagen und Religionskrieg in der arabischen Welt. München: Dtv 2015, 144 Seiten, 12,90€
Daniel Gerlach: Herrschaft über Syrien. Macht und Manipulation unter Assad. Hamburg: Edition Körber-Stiftung 2015, 388 Seiten, 17€
Guido Steinberg: Kalifat des Schreckens. München: Knaur 2015, 208 Seiten, 12,99€



 

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