Trittbrettfahrer des globalen Hilfskonvois

Warum die internationalen Missionen oft mehr Schaden anrichten als Nutzen

1. July 2015 - 0:00 | von Paul Hockenos

Internationale Politik 4, Juli/August 2015, S. 138-140

Kategorie: Humanitäre Intervention, Weltweit

Nach dem Kalten Krieg schossen internationale Hilfsmissionen wie Pilze aus dem Boden. Seither ist viel Kluges über Strategien und Mandate dieser Missionen geschrieben worden. Doch was ist mit denen, die sie vor Ort umsetzen müssen? Was treibt sie an? Und wie gehen sie mit dem Leid um, das bleibt, wenn sie entweder weiterziehen – oder kapitulieren?

Dass das Private politisch sei, ist eine These, die ein bisschen in die Jahre gekommen ist. Immerhin, wer sich mit den internationalen Hilfsmissionen in den Konfliktregionen dieser Welt beschäftigt, dem wird sie hochaktuell erscheinen. Nirgends in der internationalen Politik verschwimmen die Grenzen zwischen Privatem und Politischem derart wie hier. Es sind in der Regel wohlmeinende, idealistische und doch mitunter seltsam deplatziert wirkende Frauen und Männer aus hochentwickelten Staaten, die unter dem Dach von UN, OSZE, EU, Rotem Kreuz oder Oxfam einige Jahre ihres Lebens dem Versuch widmen, durch Krieg zerrütteten Gesellschaften wieder auf die Beine zu helfen.

Idealistisch gesinnt sind viele der „Internationals“ nur zu Beginn ihres Einsatzes. Mit den Schecks der finanzstärkeren Organisationen kommt oft der Zynismus, und der macht aus Idealisten Karrieristen, die von einer Mission zur nächsten tingeln. Dabei tun sie oft wenig Gutes, zuweilen sogar viel Schlechtes.


Alltag als monotones Ritual

Drei ausgezeichnete Bücher, zwei neuere und ein Klassiker, liefern einen Blick aus der Froschperspektive und liefern Vorschläge, wie man es künftig besser machen könnte. Das mit Abstand beste davon und längst ein Standardwerk ist „Emergency Sex and Other Desperate Measures“. Geschrieben wurde es von drei Freunden – einer amerikanischen Sozialarbeiterin, einem Jurastudenten aus Harvard und einem neuseeländischen Arzt. Das Trio traf sich 1991 in Kambodscha, wo sie als Mitglieder der Übergangsverwaltung der Vereinten Nationen für die Überwachung des Waffenstillstands, die Einhaltung der Menschenrechte und die Organisation freier Wahlen zuständig waren.

Der Titel ihres Buches, der sich vielleicht mit „Notfall-Sex“ übersetzen lässt, bezieht sich auf eine der Methoden, mit denen die Helfer der Eintönigkeit und den Entbehrungen ihrer Missionen zu entfliehen versuchen – neben Drogen, der Dauerberieselung durch DVDs oder der Betäubung durch Arbeit. Die „Internationals“ kommen und gehen in derart fliegendem Wechsel, dass kaum Zeit bleibt, Beziehungen aufzubauen. Der Glanz des Abenteuers und des Kampfes für das Gute nutzt sich schnell ab, und der Alltag wird zum monotonen Ritual.

In kurzen, tagebuchähnlichen Einträgen gewähren die drei Helfer Einblicke in ihre Arbeit. Ihre Wege führen kreuz und quer durch die Krisenherde dieser Welt: von Kambodscha und Vietnam über Somalia, Ruanda, Bosnien, Kenia und zuletzt nach Haiti. Einige ihrer Geschichten erzählen von Mut und Zivilcourage; etwa von dem Arzt, der direkt in das Innere eines der berüchtigten kambodschanischen Gefängnisse marschiert und Beweise für die Folterpraxis des Regimes sichert.

Doch unvermeidlicherweise überschatten viele groteske Episoden diese seltenen Erfolge, etwa die von Heidi Postlewait, einer US-Sozialarbeiterin, die bei den UN als Büroangestellte arbeitete, bis sie sich auf einmal in Mogadischu wiederfand und vom Schreibtisch aus Truppen befehligte – gegen bis an die Zähne bewaffnete somalische Warlords, die das UN-Quartier belagerten. Im Hintergrund dudelte das Radio der US-Kampfeinheiten: „You’re listening to 99.9 FM Mogadishu – rockin’ the dish. Keep your head down and the volume up!“

Meine eigene Erfahrung als „International“ auf dem Balkan ab den späten neunziger Jahren deckt sich in mancherlei Hinsicht mit diesen Schilderungen. Einerseits trug die internationale Verwaltung etwa in Bosnien einiges zur Befriedung des zerrissenen Landes bei. Sie war Geburtshelferin für unabhängige Medien und ­parlamentarische Demokratie. Aber andererseits gibt es Hunderte von ­Beispielen für Inkompetenz, Geldverschwendung und unglaubliche Fehltritte in kulturelle Fettnäpfchen, die urkomisch sein könnten, wenn sie nicht so gravierende Folgen hätten.

Viele meiner Kollegen machten sich nicht einmal die Mühe, die Literatur über ihr Einsatzgebiet zu lesen, geschweige denn die Sprachen zu lernen. Psychisch labile Persönlichkeiten nahmen Führungspositionen ein – unqualifizierte Leute, die niemals hätten dort sein dürfen. Schließlich brachen sie unter dem Druck zusammen, doch anstatt sich nach einer anderen Tätigkeit umzusehen, tauchten sie ein Jahr später anderswo in der nächsten Mission auf. Ich konnte von Glück reden, mit der Projektarbeit vor Ort beschäftigt zu sein und Sarajewo meiden zu können, wo die „Internationals“ tagsüber Intrigen gegeneinander sponnen und sich nachts in den Bars gemeinsam volllaufen ließen.


An den Symptomen herumdoktern

„Chasing Chaos“ hat Jessica Alexander ihr Buch genannt. Als die frischgebackene Universitätsabsolventin 1994 nach Ruanda kam, fand sie sich plötzlich in verantwortlicher Position für ein Flüchtlingslager von 24 000 Menschen wieder. Permanentes Katastrophenmanagement lautet fortan ihre Mission, limitierte Mittel und personelle Unterbesetzung machten ihr die Arbeit fast unmöglich. Anstatt die grundlegenden Probleme der Region anzugehen, wird an den Symptomen herumgedoktert, was dazu führt, dass es nie zu einer Lösung kommt, während neue Generationen von Entwicklungshelfern kommen und gehen.

Wie andere Kritiker der Hilfsmissionen hält es auch Jessica Alexander für ein Problem, dass diese Missionen Parallelsysteme schaffen, die von internationaler Entwicklungshilfe abhängig sind, und so jeglichen Anreiz für die lokalen Regierungen beseitigen, diese Dinge selbst zu regeln. Allerdings ist Alexander grundsätzlich der Meinung, dass internationale Interventionen Gutes leisten können, sofern das Personal ausgebildet, die Mandate vernünftig umrissen, die Hilfe gut koordiniert und die Ziele realistisch sind. Letzten Endes gehe es darum, den Regierungen vor Ort das Werkzeug in die Hand zu geben, um sich selbst zu helfen – nach wie vor einfacher gesagt als getan.

Wenig optimistisch ist auch Vera Kühne. „Grenzenlos“ sind berührende, sehr persönliche Memoiren, die im Sudan beginnen, den Leser nach Mazedonien, Papua-Neuguinea, Afghanistan führen und in Haiti enden. Kühne ist eine Idealistin mit religiöser Überzeugung, die an ihrem eingeschränkten Handlungsspielraum leidet. So erzählt sie von der Frustra­tion beim Versuch, ein Gesundheitszentrum in Rumbek, Südsudan, zu errichten. Angesichts von Unter­finanzierung, nicht qualifiziertem Personal und interkulturellen Problemen bleibt die Zukunft dieses Zentrums ungewiss.

Vera Kühne selbst ist der beste Beweis dafür, wie widersprüchlich die Situation der humanitären Helfer in Kriegsgebieten zuweilen ist: Als pazifistisch gesinnte Ärztin im afrikanischen Busch begann sie, um dann als Kämpferin bei der Bundeswehr in Afghanistan zu landen.

Wie die anderen Autoren will auch Vera Kühne die Welt verbessern. Doch was sie in Port-au-Prince, Haiti, aufschreibt, spricht Bände: „Ich fühlte eine große Ohnmacht. Wo sollte man hier bloß anfangen? Wohin mit den Tonnen von Schutt? Wohin mit den Menschen? In dieses Chaos konnte man keine Struktur hereinbringen.“

Keiner der Autoren gehört selbst zu den Karrieristen, die vom Leid anderer profitieren. Doch fürchte ich, dass sie diese Karrieristen zu einfach aus der Verantwortung lassen. Die exotischen Urlaube, die teuren Restaurants, das unglaubliche Missverhältnis zwischen ihren Gehältern und denen der Einheimischen: All das hätten sie eingehender beleuchten können. Und dann ist da noch die unerträgliche Arroganz der Westler, die ihre Qualifikation dafür, die Politik in Nachkriegsregionen auf der anderen Seite der Welt zu bestimmen, allein darin begründet sehen, dass sie in Demokratien aufgewachsen sind.

Wenn dem so sein sollte, dass die Hilfsprogramme so fehlerhaft sind, was ist die Alternative? Es gibt keine – diejenigen, die sie gestalten, müssen  weiter lernen und sie verbessern. Diese Bücher sind nicht nur guter Lesestoff, sie können auch dazu beitragen.


Paul Hockenos ist freier Autor in Berlin.


Andrew Thomson, Heidi Postlewait, Kenneth Cain: Emergency Sex (And Other Desperate Measures): True Stories from a War Zone. London: Ebury Press 2006, 320 Seiten, 10,70 €
Jessica Alexander: Chasing Chaos: My Decade In and Out of Humanitarian Aid. New York: Broadway Books 2013, 400 Seiten, 15,00 $
Vera Kühne: Grenzenlos – Mein Leben als Ärztin in Krieg und Frieden. München: Pattloch Verlag 2013, 288 Seiten, 19,99 €





 

 
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