Spaceship Syriza

Warum Alexis Tsipras seine Partei demnächst um die Ohren fliegen dürfte

1. May 2015 - 0:00 | von Jochen Bittner

Internationale Politik 3, Mai/Juni 2015, S. 144

Kategorie: Government and Society, Greece

Wenn wir bloß wüssten, wo Syriza hin will. Manche ihrer Mitglieder träumen von einem anderen Europa, in dem der „neoliberale“ Zeitgeist durch sozialistische Ideale korrigiert wird. Andere möchten eher praktische Lösungen. Mehr EU-Geld für weniger griechische Reformen, zum Beispiel.  

Nur eines ist gewiss: Griechenlands neue Staatspartei wird sich spalten. Warum? Keine radikal linke Partei hält es (außerhalb einer sozialistischen Diktatur) auf Dauer aus, mehr als 35 Prozent der Wählerstimmen zu bekommen, Regierungsverantwortung zu übernehmen und inhaltlich stabil zu bleiben. Den inneren Zerstäubungseffekt, der einsetzen dürfte, wenn linksradikale Ideologie mit Schwung auf marktwirtschaftliche Realität trifft, stellt man sich am besten anhand eines cineastischen Vergleichs vor: den Kollisionsszenen von Weltraumstation und Trümmergürteln im Film „Gravity“. Viel Partei dürfte am Ende nicht übrig bleiben.

Wie unausweichlich das ist, wurde mir klar, als mir ein Vorstandsmitglied der Partei, Alekos Kalyvis, Folgendes sagte: „An der Einheit der Syriza besteht kein Zweifel.“ Hätte Kalyvis gesagt, klar, wir haben Probleme, dann hätte es eine Chance gegeben. Aber „kein Zweifel“? Einen besseren Beweis für jene Realitätsverleugnung, die die Partei zerreißen wird, gibt es kaum.

Ein kurzer Blick in die innerparteiliche Wirklichkeit. Das Mutterschiff, die Kommunistische Partei, zerfiel 1968 aufgrund einer Kollision ihrer Denke mit der Praxis (Prager Frühling) in zwei Teile, in die Eurokommunisten und die prosowjetischen Kommunisten. Aus den Eurokommunisten ging 1991 die reformerische Linke Synaspismos hervor. An sie dockten allerlei Linksalternative, Antikapitalisten, Feministen und Pazifisten an, später noch Maoisten und Trotzkisten. Aus dieser Sammlungsbewegung entstand 2013 die Syriza. Sie schaffte es, größere Teile der in Auflösung befindlichen sozialdemokratischen Pasok an sich zu binden.

Mit anderen Worten: Syriza ist keine Partei im programmatischen Sinne, sondern eher ein extrem schnell zusammengeflogener Haufen vieler Teile, die mit nur geringer innerer Bindekraft aneinanderhängen. Ein falscher Schubs, und das ganze Gefährt kracht auseinander.

Ministerpräsident Tsipras muss deshalb im Kosmos Athen ähnliche Kunststücke vollbringen wie Sandra Bullock im Orbit. Einerseits darf er nicht an den Reformforderungen vorbeischrammen. Andererseits werden ihn Teile seiner Partei als Verräter abschießen wollen, wenn er zu weit vom Leitstrahl der Wahlversprechen abweicht. Noch verlässt sich Tsipras auf die Trägheit des Parteikörpers. Einen Tick nach rechts geschubst, gewöhnt sich der Apparat vielleicht an die neue Richtung. Aber wie oft kann das gut gehen? Nicht oft genug, um das Spaceship Syriza zu landen.


Jochen Bittner ist Redakteur der ZEIT.
 

 
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