Feste Feinde

Die Prinzipien der iranischen Außenpolitik bleiben unverändert

1. November 2015 - 0:00 | von Karim Sadjadpour, Behnam Ben Taleblu

Internationale Politik 6, November/Dezember 2015, S. 14-21

Kategorie: Iran

Ein Mangel an diplomatischer Elastizität ist dem Iran nicht nachzusagen. Teheran hat ein Atomabkommen unter Beteiligung der USA ausgehandelt und unterstützt gleichzeitig radikale Gruppen. Solche Flexibilität aber verdeckt: Am revolutionären Prinzip der Feindschaft gegen die USA und Israel hat der Iran immer festgehalten.

REUTERS/Stringer

Kein Land im Nahen und Mittleren Osten verfügt über Irans Kombination von geografischer Größe, strategischer Lage, großer und gut ausgebildeter Bevölkerung, alter Geschichte und enormen natürlichen Ressourcen. Wer auch immer in Teheran regiert: Diese Grundvoraussetzungen allein befördern das Streben nach einer regionalen Vormachtrolle. Unter der Herrschaft des mit den USA verbündeten Schahs Mohammed Reza Pahlevi wurde dies nicht so deutlich: Irans Außenpolitik war nationalistisch und ihr Ziel war es, die Macht und den Einfluss des Landes im internationalen System zu fördern. Seit der Islamischen Revolution von 1979 liegt der iranischen Außenpolitik eine antiimperialistische, islamistisch-revolutionäre Ideologie zugrunde, die darauf abzielt, den regionalen Einfluss der Islamischen Republik zu stärken, indem sie das internationale System herausfordert. Die eigene Bevölkerung aber hat dafür wirtschaftliche Probleme, politische Unsicherheit und globale Isolation in Kauf zu nehmen. 

Das wichtigste Element in der Außenpolitik der Islamischen Republik ist die ungebrochene Feindschaft gegen die USA und ihre Interessen im Mittleren Osten. Seit radikale Studenten 1979 die US-Botschaft in Teheran besetzten, waren die USA und der Iran immer wieder in oft kalte, zuweilen aber auch heiße politische und asymmetrische Konflikte von der Levante bis an den Persischen Golf verwickelt. Der Abschluss des Atomabkommens mag Hoffnungen auf eine iranisch-amerikanische Versöhnung aufkommen lassen. Allerdings lässt der Geistliche Führer Ayatollah Ali Khamenei keinen Zweifel daran, dass er Washington zutiefst misstraut und dass er eine politische Normalisierung zwischen den USA und dem Iran für gänzlich ausgeschlossen hält. 

Zur Feindschaft gegen den „großen Satan Amerika“ gehört als zweites wesentliches ideologisches Prinzip die aktive Ablehnung des Existenzrechts des „kleinen Satans“ Israel. Viele führende Kräfte der Islamischen Revolution wurden nach dem Unabhängigkeitskrieg Israels im Jahr 1948/49, also nach dem Verlust eines muslimischen Landes an den neu gegründeten Staat Israel politisiert. Bis heute sehen sie Zionismus und Kolonialismus als zwei Seiten einer Medaille. Im Kampf gegen Israel hat der Iran bewaffnete Gruppierungen wie die von ihm 1982 mitbegründete schiitische Hisbollah oder die palästinensische sunnitische Hamas und den palästinensischen Islamischen Dschihad generös finanziert und mit Waffen versorgt. 

Die revolutionäre Ideologie des Iran ist nicht nur eine Quelle innerer Legitimität, sondern auch ein Mittel für den schiitisch-persischen Iran, die ethnischen und religiösen Bruchlinien zu überwinden, um eine Führungsrolle im sunnitisch-arabisch geprägten Mittleren Osten einzunehmen. 2011 versuchte Teheran, den Arabischen Frühling als „islamisches Erwachen“ gegen die vom Westen unterstützten arabischen Autokraten zu vereinnahmen. Dieser Versuch wurde schnell unglaubwürdig, nachdem zwei Verbündete Teherans, Syriens Baschar al-Assad und der ehemalige irakische Premier Nuri al-Maliki, mit exzessiver Gewalt gegen ihre sunnitisch-arabischen Gegner vorgingen. Dass der Iran Komplize dieser Brutalitäten ist, hat die Popularität und den Führungsanspruch Teherans in der Region unterminiert und die Beziehungen zu seinem Hauptrivalen Saudi-Arabien weiter verschlechtert.

Wie Teheran Einfluss ausübt

Teheran war erfolgreicher als jeder andere Staat in der Region, Machtvakuen auszufüllen. In allen vier arabischen Ländern, in denen der Iran den größten Einfluss besitzt – also in Syrien, im Libanon, Irak und Jemen –, haben Bürgerkriege den Staat zerrüttet und die Zentralregierungen geschwächt. In solchen Ausgangslagen stärkt Teheran seinen Einfluss, indem es nichtstaatliche Akteure und militante Gruppen schafft oder unterstützt; die prekäre oder als prekär und diskriminierend empfundene Lage religiöser Minderheiten, vor allem schiitischer Araber, für eigene Zwecke ausnützt; den Zorn auf die USA und Israel anfacht und Wahlen so zu beeinflussen versucht, dass die eigenen Verbündeten oder die eigene Klientel an die Macht kommt. 

Nirgendwo sind diese Dynamiken sichtbarer als im Libanon, wo der Langzeitverbündete des Iran, die Hisbollah, eine übergroße Rolle in der Politik und Gesellschaft des Landes spielt und weiterhin Libanons aktivste militärische Macht ist. Während der vergangenen drei Jahrzehnte hat der Iran die Hisbollah sowohl als Droh- wie als Abschreckungsmittel gegen die USA und Israel genutzt. In jüngster Zeit hat die schiitische Miliz aber hauptsächlich für das Überleben des alawitischen Assad-Regimes in Syrien gekämpft. Dass sowohl Assad als auch die Hisbollah angreifbarer und verletzbarer sind, hat sie abhängiger von einem Iran gemacht, der mittlerweile in der Levante über enormen Einfluss verfügt (und dafür aber auch einige Kosten trägt). 

Teheran hat seine Unterstützung für das Assad-Regime seit dem Beginn der Unruhen in Syrien und trotz anhaltender Bombardierung der Zivilbevölkerung und des wiederholten Einsatzes von Chemiewaffen nie aufgegeben. Wie sehr Teheran an dieser Unterstützung festhält, wird auch durch eine Aussage des Kommandeurs der Al-Kuds-Brigaden, einer Spezialeinheit der iranischen Revolutionsgarden, Kassem Suleimani deutlich: „Wir sind nicht wie die Amerikaner. Wir lassen unsere Freunde nicht fallen.“ Der Kampf für das Überleben Assads ist für die Islamische Republik auch ein Kampf zur Bewahrung und Rettung der Hisbollah. Irans Ex-Präsident Ali Akbar Hashemi Rafsandschani hat darauf angespielt, als er 2013 sagte: „Wir müssen Syrien besitzen. Wenn die Verbindung zwischen Libanon und Iran bricht, dann werden schlimme Dinge geschehen.“ 

Versuche der USA, den regionalen Einfluss des Iran einzudämmen, haben oft das Gegenteil erzielt. Die Invasion des Irak sollte die Demokratie nicht nur an die Grenzen des Iran, sondern auch in den Iran selbst bringen. Stattdessen hat Teheran das im Irak entstandene Machtvakuum genutzt, um die iranische Theokratie nach Bagdad zu bringen. Vom Iran unterstützte schiitische Politiker haben in Wahlen die Oberhand über ihre moderateren Gegner bekommen und vom Iran unterstützte Milizen haben wesentlich dazu beigetragen, die Amerikaner zum Rückzug aus dem Irak zu bewegen. Damit wurde Teheran zur wichtigsten ausländischen Kraft im Irak. Die daraus resultierende Wut der sunnitischen Iraker und der Aufstieg des so genannten Islamischen Staates“ (IS) haben die Abhängigkeit der herrschenden schiitischen Elite vom Iran nur verstärkt. 

Schiiten bilden nur eine vergleichsweise kleine Minderheit im überwiegend sunnitisch-arabischen Nahen und Mittleren Osten. Wachsende Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten können im Grunde nicht den Interessen des Iran dienen. Das aber hat Teheran nicht davon abgehalten, die Beschwerden und Beschwernisse arabischer Schiiten auszunutzen, um seine regionale Nemesis Saudi-Arabien zu unterminieren. Im Jemen hat Teheran versucht, die schiitische Zaydi-Bewegung Ansar Allah (Huthis) finanziell und militärisch zu unterstützen. Im September 2014 eroberte Ansar Allah die jemenitische Hauptstadt Sana’a. Nun befindet sie sich im Kampf gegen eine von Saudi-Arabien geführte Koalition. Der Jemen wurde schon häufig als gescheiterter Staat bezeichnet. Die jetzigen Auseinandersetzungen und die Bombardierungen durch Saudi-Arabien und dessen Verbündete haben die dortige humanitäre Krise noch verschärft. 

In Bahrain, wo es eine schiitische Bevölkerungsmehrheit gibt und das von der mit den USA verbündeten Al-Khalifa-Dynastie regiert wird, hat der Iran gerade im Zusammenhang mit den Aufständen des Arabischen Frühlings 2011 ebenfalls versucht, Proteste zu provozieren. Bahrain war schon lange Gegenstand irredentistischer iranischer Rhetorik und iranische Eliten zeigen offen ihre Verachtung für die sunnitische Al-Khalifa-Dynastie. Beteuerungen Teherans zum Trotz, dass man sich in die inneren Angelegenheiten Bahrains nicht einmischen wolle, haben bahrainische Sicherheitskräfte iranische Waffenlieferungen aufgebracht, die vermutlich an die Anti-Regierungskräfte gehen sollten. In Bahrain ist die 5. Flotte der US Navy stationiert. Ein Regierungswechsel auf der Insel läge im strategischen Interesse des Iran und würde seiner Politik der Unterstützung religiöser Minderheiten nur zupasskommen. 

Irans wichtigstes Kriterium für Allianzen ist jedoch nicht religiöse Verbundenheit, sondern ideologische Nähe. Die Hamas und der palästinensische -Islamische Dschihad wurden in ihrem Kampf gegen Israel von Teheran großzügig unterstützt. In seinem Bemühen, den Einfluss der USA einzudämmen, hat Teheran eine bemerkenswerte Bereitschaft gezeigt, diskrete taktische Unterstützung für ideologische Gegner wie die sunnitischen Taliban zu leisten oder den Finanznetzwerken und den Aktivisten der Al-Kaida Aufenthalt auf iranischem Territorium zu gewähren. Auf globaler Ebene hat der Iran recht eigenwillige Allianzen nichtschiitischer und nichtmuslimischer Akteure geschmiedet, unter anderem mit Nordkorea und Venezuela. Das einzige verbindende Element besteht hier in der Gegnerschaft zu den USA.

Klare Absichten, unklare Beteiligungen 

Irans heimliche Unterstützung lokaler Proxies und sein so wenig transparentes politisches System machen es unmöglich, die genaue Natur und das Ausmaß iranischer Einflussnahme in der Region zu ermessen. Klar ist allerdings, dass es nicht die Diplomaten im Teheraner Außenministerium sind, die die regionale Politik entwickeln und implementieren, sondern vor allem die politisch-ideologische Armee, die Revolutionsgarden und deren Eliteeinheit, die Al-Kuds-Brigaden. 

Es ist äußerst schwierig, genaue Angaben über alle Posten des iranischen Staatshaushalts oder über Ausgaben und Investitionen jenseits des offiziellen Haushalts beizukommen. Doch der Anteil der Revolutionsgarden am offiziellen Verteidigungsbudget scheint sich um fast 62 Prozent erhöht zu haben. Die inoffiziellen Zuwendungen scheinen aber noch sehr viel höher zu liegen. Die Revolutionsgarden und deren Veteranen spielen auch eine zentrale Rolle in der iranischen Wirtschaft. Sie kontrollieren große Konglomerate, die Irans Energie- und Infrastrukturprojekte dominieren. Eines dieser Konglomerate, Khatam al-Anbia, umfasst und kontrolliert Berichten zufolge über 800 Unternehmen und beschäftigt mehr als 25 000 Angestellte. 

Die Revolutionsgarden verdienen Milliarden Dollar mit den von ihnen betriebenen kleineren Landungsbrücken und Häfen im ganzen Land, die keinen Zollregimen unterliegen. In einigen großen internationalen Flughäfen, die ebenfalls von den Revolutionsgarden kontrolliert werden, existieren zudem Bereiche außerhalb jeglicher Zollkontrolle, die es den Revolutionsgarden ermöglichen, jährlich etwa zwölf Milliarden Dollar mit Schmuggel-ware zu verdienen.

Viele Investitionen, aber keine neuen Freunde

Generell kann sich der Iran die Unterstützung seiner Verbündeten und Proxies im Nahen und Mittleren Osten schon allein durch seine Öleinnahmen leisten. Den belastenden Sanktionen zum Trotz exportiert der Iran immer noch eine Million Barrel Öl pro Tag an sechs Länder (China, Japan, Südkorea, Taiwan, Indien und die Türkei), die Sonderfreigaben von den USA erhalten haben. Laut Angaben des IWF beliefen sich die Öleinnahmen des Iran für die Jahre 2013 und 2014 auf je etwa 56 Milliarden Dollar. Die Einnahmen lagen im Vorjahr mit 63 Milliarden Dollar zwar etwas höher; aber die Ölexporte sind gestiegen. Mit dem Abschluss des Atomabkommens könnten weitere rund 50 Milliarden Dollar aus dem etwa 100 bis 140 Milliarden Dollar betragenden, in den USA eingefrorenen Vermögen in die iranische Staatskasse fließen.

Teherans finanzielle Unterstützung ist für das Assad-Regime unverzichtbar. Aber verlässliche Zahlen über die Höhe sind nicht verfügbar. Einige Berichte gehen von Summen im unteren Milliardenbereich aus. Der UN-Sonderbeauftragte für Syrien, Staffan de Mistura, hält eine jährliche Unterstützung Irans für Assad von 36 Milliarden Dollar für wahrscheinlich. Ebenso schwer ist es, genaue Zahlen zur iranischen Unterstützung für die Hisbollah zu eruieren. Schätzungen variieren zwischen 200 und 500 Millionen Dollar jährlich. Dem Iran und der Hisbollah ist es jedenfalls gelungen, eine syrische paramilitärische Gruppierung namens Jaish al-Sha’abi zur Unterstützung Assads auf die Beine zu stellen, der etwa 50 000 Kämpfer angehören sollen.

Dass der Iran sich intensiv um Einfluss auf die Zentralregierung in Bagdad bemüht (neben einigen schiitischen Milizen der engste Verbündete in der Region), führte auch zu intensiveren Aktivitäten der Revolutionsgarden im Irak. Der Bagdader Regierung hat Teheran mit Su-25-Kampfjets und einem 195 Millionen Dollar schweren Waffenpaket unter die Arme gegriffen. Iraks schiitische Milizen haben von den iranischen Waffen profitiert, und noch viel mehr von der Kampferfahrung des Kommandeurs der Al-Kuds-Brigaden, Kassem Suleimani. Er wurde des Öfteren bei verschiedenen Gruppierungen im Irak gesichtet. Suleimanis Unterstützung sowohl des irakischen Militärs als auch der schiitischen Milizen an den Frontlinien hat deren Moral im Kampf gegen den Islamischen Staat enorm gestärkt. 

Israel und Saudi-Arabien, die kontinuierlich als „Büttel der USA“ denunziert werden, sind für die Führung der Islamischen Republik die Hauptgegner im Nahen und Mittleren Osten. Die Feindschaft gegen Israel speist sich eher aus der revolutionären Ideologie des Regimes, denn aus nationalen Interessen. Vor der Revolution 1979 pflegten Israel und der Iran schließlich enge wirtschaftliche und militärische Beziehungen. Die Feindschaft zu Saudi-Arabien hingegen ist religiös (Sunniten versus Schiiten), ethnisch (Araber gegen Perser), ideologisch (US-Alliierter gegen US-Gegner) und geopolitisch begründet. Sowohl Teheran als auch Riad sehen sich als die natürlichen Führungsmächte nicht nur des Nahen und Mittleren Ostens, sondern der gesamten muslimischen Welt. 

Im Augenblick befinden sich diese beiden Länder an den jeweiligen gegnerischen Fronten einiger Konflikte, inklusive Syrien, Irak, Jemen, Libanon, Bahrain und den palästinensischen Gebieten. Es ist ein Teufelskreis. Regionale Konflikte verschärfen Feindschaft und Misstrauen zwischen Saudi-Arabien und dem Iran, was dann wieder die regionalen Konflikte verschärft. Die Kriege in Syrien und im Irak haben sich als fruchtbarer Boden für radikale sunnitische Gruppierungen wie den Islamischen Staat erwiesen, auf dem auch Dschihadisten von Al-Kaida im Irak und Soldaten aus Saddam Husseins baathistischer Armee kämpfen. Obgleich der IS eine Gefahr sowohl für den Iran als auch für Saudi-Arabien ist, bleibt es eher unwahrscheinlich, dass sich die beiden Länder auf eine gemeinsame Strategie gegen den IS einigen. Zu unterschiedlich ist deren Diagnose des Problems. Der Iran macht die finanzielle und ideologische Unterstützung der Saudis für die Erfolge des IS verantwortlich; Saudi-Arabien hingegen die Unterdrückung sunnitischer Araber in Syrien und im Irak. 

Die saudische Herrscherfamilie befindet sich in einer schwierigen Lage, denn die Ausbreitung des IS und dessen radikale Ideologie sind eine ernste Gefahr für Riad. Doch es hätte enorme Konsequenzen im Land selbst, suchte Saudi-Arabien eine Kooperation mit einem schiitischen Land im Kampf gegen die sunnitischen Brüder. Innerhalb des Iran ist der IS kein wirklich sensibles Thema – aber weder haben das iranische Regime noch dessen Klient Syrien ein echtes Interesse an einer völligen Zerschlagung der Terrorgruppe. In der Konsequenz heißt das: Der Iran ist bereit, den IS zu bekämpfen, will die Terrormiliz aber (noch) nicht vollständig vernichten. Saudi-Arabien hingegen würde den IS gerne völlig zerstört sehen, ist aber nicht bereit, ihn zu bekämpfen.

Keine Vorteile für die Bevölkerung 

Die sunnitisch-arabische Welt war nie arm an internen Konflikten. Dass die Sorgen über den Iran aber einen „Einigungseffekt“ haben, zeigt sich an der Koalition für die „Operation Decisive Storm“, die gegen die vom Iran unterstützte Gruppe Ansar Allah im Jemen vorgeht. Angeführt von Saudi-Arabien haben Kampfflieger aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar, Jordanien, Kuwait, Bahrain, Marokko und Sudan Einsätze geflogen. Selbst die Türkei, einer von Irans wichtigen Handelspartnern, hat diese Operation unterstützt. Nur wenige Tage vor einem geplanten Besuch in Teheran warnte der türkische Präsident Erdogan, dass „der Iran versucht, die Region zu dominieren“.

Die Kampfeslust der Islamischen Republik mag für einige Iraner ja eine Quelle des Nationalstolzes sein – doch für den Großteil der Bevölkerung hat sie wenige greifbare Vorteile gebracht. Außer Syrien und dem Irak hat der Iran keine echten Verbündeten in der Region. Trotz Millionen von Dollar, die Teheran seit der Revolution 1979 in der Region investiert hat, bleiben die Investitionen aus arabischen Ländern im Iran im Bereich des Marginalen. Die brutale Niederschlagung der Proteste der „Grünen Bewegung“ vom Juni 2009 und die iranische Unterstützung für das Assad-Regime, das für die Vertreibung von 20 Millionen Syrern verantwortlich ist, machen die Islamische Republik ebenfalls nicht zum großen Vorbild für die meisten Araber. 

Die schmerzhaften Sanktionen haben den Iran schließlich dazu bewegt, einem Kompromiss in der Nuklearfrage zuzustimmen. Die enormen wirtschaftlichen und humanitären Kosten und der Schaden für das Ansehen der Islamischen Republik werden den Iran auch dazu bewegen, seine Politik in der Region zu überdenken. Für den Augenblick gibt es allerdings nur wenige Anhaltspunkte, die nahe legen würden, dass dies bereits geschieht. Im Gegenteil: Aus den offiziellen Verlautbarungen, die man derzeit im Iran hört, spricht eher das Selbstempfinden einer aufsteigenden Regionalmacht. 2014 hat ein Abgeordneter des iranischen Parlaments verkündet, „dass drei arabische Hauptstädte (Beirut, Damaskus und Bagdad) bereits in iranische Hände gefallen sind und nun der Islamischen Revolution gehören“. Erst vor Kurzem brüstete sich der Kommandeur der Al-Kuds-Brigaden, Kassem Suleimani: „Wir sind Zeugen des Exports der islamischen Revolution in die gesamte Region.“ 

Manche hoffen, dass das Atomabkommen die pragmatischen Kräfte im Iran stärken könnte – jene Kräfte also, die die Berücksichtigung nationaler und wirtschaftlicher Interessen für wichtiger halten als den Export einer revolutionären Ideologie. Damit ist auch die Hoffnung auf einen Iran verbunden, der auf Diplomatie setzt. Skeptiker wiederum argumentieren, dass das Atomabkommen nicht unbedingt eine automatische Stärkung der moderaten Kräfte nach sich zieht und dass Teheran nun auch über signifikante finanzielle Mittel verfügen wird, die es ihm erlauben, Assad, die Hisbollah, irakische schiitische Milizen und andere radikale, dem Westen feindlich gesonnene Gruppierungen zu unterstützen. 

Nun sorgen die innenpolitischen Entwicklungen im Iran immer wieder für Überraschungen. Aber in einem Punkt dürfte eine solche Überraschung ausbleiben: Der 75-jährige Geistliche Führer Ayatollah Khamenei wird die Prinzipien der Islamischen Revolution weder aufgeben noch in irgendeiner signifikanten Weise ändern. Und zu diesen für ihn unerschütterlichen Prinzipien gehören der Kampf gegen den amerikanischen Einfluss in der Region und gegen das Existenzrecht Israels. In den fast schon 40 Jahren seit der Islamischen Revolution blieben die Fundamente der iranischen Außenpolitik völlig unangetastet – ungeachtet der Frage, ob nun gerade moderate Präsidenten regierten oder ob enorme Kosten anfielen, sei es wegen der Sanktionen oder wegen fallender Ölpreise. Diese Fundamente blieben auch von der Tatsache unberührt, dass die USA und der Iran seit 1979 mit der Sowjetunion, Saddam Hussein, den Taliban, Al-Kaida und jetzt dem IS immer wieder gemeinsame Feinde -hatten. Dass sich manche Interessen zu manchen Zeitpunkten überlappten, hat zwar eine taktische Kooperation erlaubt. Doch so lange Ali Khamenei Oberster Geistlicher Führer des Iran ist, wird er an der strategischen Feindschaft gegenüber den USA festhalten. 

Eine der historischen Bruchstellen zwischen Pragmatikern und „Prinzipalisten“ – den Kräften, die absolute Gefolgstreue für die Ziele und Ideale der Islamischen Revolution hegen und diese auch einfordern – beruht auf einer simplen Tatsache: Die Pragmatiker waren bereit, mit den USA gegen radikale sunnitische Gruppen wie den Taliban zusammenzuarbeiten. Die Prinzipalisten hingegen ziehen es vor, mit sunnitischen Radikalen gegen die Vereinigten Staaten zu kooperieren. Khameneis Feindschaft mag das Mäntelchen der Ideologie tragen. Aber die Triebfeder ist reiner politischer Selbsterhaltungswille. So schrieb der einflussreiche Kleriker Ayatollah Achmad Jannati: „Wenn proamerikanische Tendenzen im Iran an Macht gewinnen, dann können wir uns von allem verabschieden. Die Feindschaft gegen Amerika ist das Hauptmerkmal unseres islamischen Staates.“ Im Juli 2014 gab Khamenei zu verstehen, dass er mit einem amerikanischen Kommentator übereinstimme, den er wiedergab mit den Worten: „Versöhnung zwischen dem Iran und den USA ist möglich. Aber nicht zwischen der Islamischen Republik und den USA.“

Nationale Interessen oder revolutionäre Ideologie?

Das Paradox des Iran ist: Die iranische Gesellschaft möchte in einem Land leben, das so ist wie Südkorea: stolz, wohlhabend und global integriert. Daran gehindert wird sie von einer Revolutionselite, deren ideologische Rigorosität und Militarismus eher dem isolierten Nordkorea gleichen. Während der Präsidentschaftswahlen 2013 hat Hassan Rohani sich selbst als Politiker angepriesen, der die ideologischen Prägungen der Islamischen Republik mit den wirtschaftlichen Interessen der iranischen Nation versöhnen könnte. Diesen überhöhten Erwartungen und Ansprüchen zum Trotz bleibt der Iran bis heute das Land eines ebenso enormen wie ungenutzten Potenzials. Solange Teheran seinen nationalen Interessen nicht Vorrang schenkt vor der revolutionären Ideologie des Regimes, werden sowohl die Iraner als auch die Anrainer in der Region unter den Konsequenzen zu leiden haben. 

Karim Sadjadpour ist Senior Associate beim Carnegie Endowment for International Peace.

Behnam Ben Taleblu ist Iran-Experte in Washington, DC.

Die englische Originalversion dieses Textes erschien in Kristina Kausch (Ed.): Geopolitics and Democracy in the Middle East. http://fride.org/publication/1263/iran-in-the-middle-east:-leveraging-chaos

 
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