Pflichtlektüren 2015

Was man in diesem Jahr gelesen haben sollte

1. November 2015 - 0:00

Internationale Politik 6, November/Dezember 2015, S. 128-132

Kategorie: Staat und Gesellschaft, Weltweit

Thomas Bagger
Leiter des Planungsstabs im Auswärtigen Amt

Für alle, die glauben, über die Geschichte und die Triebkräfte der europäischen Einigung schon alles zu wissen. Originell, historisch wie philosophisch tiefschürfend und mit einem Optimismus, dem man sich nur schwer entziehen kann. Erscheint 2016 endlich auch auf Deutsch.

Luuk van Middelaar: The Passage to Europe, Yale University Press 2013

Gernot Erler
Staatsminister a.D.

Daniil Granin, 1919 geborener Überlebender und Chronist der Blockade Leningrads, schildert seine persönlichen Kriegserfahrungen – schonungslos authentisch, distanziert zu sich selbst und zu den vaterländischen Legenden – und schafft damit ein tiefenwirksames Antikriegsbuch, das passgenau zum Gedenken an 70 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs erschienen ist.

Daniil Granin: Mein Leutnant, Aufbau Verlag Berlin 2015

Klaus-Dieter Frankenberger
Leiter Außenpolitik, FAZ

Die Flüchtlingskrise ist von historischer Dimension – sie überwältigt die Mitgliedsländer der EU. Viele Bürger glauben, anders als die Kanzlerin, „wir schaffen das nicht“. In „Exodus“ begründet der Wirtschaftswissenschaftler Paul Collier ebenso anschaulich wie nachvollziehbar, warum Einwanderung gesteuert und begrenzt werden muss: weil andernfalls der soziale Zusammenhalt erodiert.

Paul Collier: Exodus. Warum wir Einwanderung neu regeln müssen, Siedler Verlag 2014

Ulrike Guérot
Direktorin des European Democracy Lab, Berlin 

Das kleine Buch eines bis dato eher unbekannten Professors hat in Frankreich für einige Furore gesorgt. Im Wesentlichen setzt es sich mit den Fehlinterpretationen von Adam Smith auseinander, die sich über die Jahrhunderte in der Liberalismus-Rezeption verfestigt und dazu geführt haben, dass der Liberalismus heute zu einer Ideologie mutiert ist, die den Markt absolut setzt. Ein kluges Buch für alle, die sich nicht mit den Perversionen des Finanzmarktkapitalismus und dem damit einhergehenden Staatsversagen abfinden wollen, ohne deswegen unbedingt „links“ zu sein. Und ein Appell an einen modernen Republikanismus, in dem das „Wir“ und das „Öffentliche Gut“ wieder zählen.

Jean-Claude Michéa: Das Reich des kleineren Übels. Über die liberale Gesellschaft, Matthes & Seitz 2015

Hans-Ulrich Klose
ehem. Vorsitzender Auswärtiger Ausschuss des Deutschen Bundestags

Zwei wiedergelesene Bücher: Simone de
Beauvoirs „New York, mon amour“ und Max Frischs „Amerika!“. De Beauvoir besuchte die Vereinigten Staaten 1947, Frisch erstmals 1951. Beide sind fasziniert von Amerika, beurteilen Land und Leute aber durchaus kritisch, genauer: kritisch-analysierend. Und genau das unterscheidet sie von heutigen „klugen Köpfen“, die immer öfter dumpf und vorurteilsbeladen urteilen. Da hat sich etwas – scheint’s – nicht nur im Ton verändert.

Simone de Beauvoir: New York, mon amour, Ebersbach & Simon 2011; Max Frisch: Amerika!, Suhrkamp/Insel 2011

Stefan Kornelius
Leiter Außenpolitik, Süddeutsche Zeitung

Herfried Münkler gibt der deutschen Hegemondebatte jede Menge neue Impulse. Ein bisschen mehr Sprachredigat und weniger Akademie hätten dem Buch gut getan; aber Münkler gleicht das Defizit aus durch großartigen Gedankenreichtum. Stechende Fragen sind das, die uns über die nächsten Jahre begleiten werden.

Herfried Münkler: Macht in der Mitte. Die neuen Aufgaben Deutschlands in Europa, Edition Körber Stiftung 2015

Joachim Krause
Direktor des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel

Dieses „reife Spätwerk“ des in Braunschweig lehrenden Politikwissenschaftlers Ulrich Menzel blickt auf die Geschichte der internationalen Beziehungen vom Standpunkt der Ordnungsbildung. Damit verlässt er die konventionellen Bahnen der Diplomatiegeschichte und legt eine gut recherchierte und hervorragend zu lesende Arbeit vor, die auch dann extrem bereichert, wenn man nicht alle  Schlussfolgerungen des Autors nachvollzieht.

Ulrich Menzel: Die Ordnung der Welt, Suhrkamp Verlag 2015

Stefan Liebich
Mitglied im Auswärtigen Ausschuss für Die Linke

Ich habe in meinem Bücherschrank „Kreuzfahrer – Der bittere Lorbeer“ von Stefan Heym wiederentdeckt. Der 1948 geschriebene Roman schildert die Befreiung Deutschlands und Europas aus Sicht der US-Armee, in der Heym als eingebürgerter US-Soldat in einer Propagandaabteilung diente. Hier werden Fragen über die Notwendigkeit und den Sinn von Kriegen diskutiert; und hier zeichnet der Autor meisterhafte Kurzporträts der unterschiedlichen Charaktere in der US-Armee – vom tapfer kämpfenden Soldaten bis zum Karrieristen. Heute, 70 Jahre nach der Befreiung unseres Landes durch die alliierten Armeen, lohnt es zurückzuschauen.

Stefan Heym: Kreuzfahrer – Der bittere Lorbeer, Neuausgabe btb Verlag 2005  

Hanns W. Maull
Senior Distinguished Fellow SWP

Eine klug abwägende Analyse der wichtigsten bilateralen Beziehung der Weltpolitik. Coker, der an der LSE Internationale Beziehungen lehrt, beeindruckt mit seinem fundierten Wissen um die Logik von Großmachtkonflikten. Der Tenor seiner Untersuchung ist sorgenvoll, aber nicht hysterisch. Seine wichtigste Empfehlung an die Adresse der beiden Regierungen lautet: Seid vorsichtig und vergesst nie, dass eine große militärische Auseinandersetzung zwar unwahrscheinlich ist, aber eben auch nicht völlig ausgeschlossen.

Christopher Coker: The Improbable War. China, The United States and Logic of Great Power Conflict, Oxford UP 2015

Hildegard Müller
Hauptgeschäftsführerin Bundesverband Energie- und Wasserwirtschaft

Laut UNICEF-Flüchtlingsbericht zur Lebenssituation von Flüchtlingskindern in Deutschland ist jeder dritte nach Deutschland einreisende Flüchtling ein Kind oder Jugendlicher. Etwa 65 000 Flüchtlingskinder leben derzeit mit unsicherem Aufenthaltsstatus in Deutschland – häufig über lange Zeit in Gemeinschaftsunterkünften ohne Privatsphäre. Sie erhalten oft nur unzureichende staatliche Unterstützung; bürokratische Hindernisse erschweren den Zugang zu Schulbildung. Ihre Lebenssitua-tion, ihre oft sehr belastenden Erlebnisse im Heimatland, ihre Fluchterfahrungen und ihre Bedürfnisse finden in der öffentlichen Diskussion kaum Beachtung. Dabei brauchen genau diese Kinder besondere Förderung. Ein wichtiger Bericht zur aktuellen Flüchtlingsthematik – und das vor allem, weil eindeutige Handlungsalternativen aufgezeigt werden.

Thomas Berthold: In erster Linie Kinder. Flüchtlingskinder in Deutschland, UNICEF 2014

Rolf Mützenich
Stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD

Lehrreiche und gut geschriebene Darstellung einer Ordnung der Welt, die offensichtlich weniger anarchisch ist oder sein muss, als manche glauben machen wollen. Ein ausgezeichneter Beitrag zu 1200 Jahren Weltgeschichte und einer internationalen Debatte zum imperialen und hegemonialen Verhältnis von Staaten durch einen deutschen Wissenschaftler.

Ulrich Menzel: Die Ordnung der Welt, Suhrkamp Verlag 2015

Omid Nouripour
Außenpolitischer Sprecher von Bündnis 90 / Die Grünen

Das Buch bietet überraschende Perspektiven auf bekannte Probleme: den Zusammenhang zwischen staatlicher Korruption, organisierter Kriminalität und Terrorismus. An zahlreichen Beispielen zeigt Shelley eindringlich: Terrorgruppen funktionieren und finanzieren sich wie erfolgreiche Businessunternehmen. Korruption und Kriminalität sind dafür der notwendige Nährboden.

Louise Shelley: Dirty Entanglements. Corruption, Crime, and Terrorism, Cambridge University Press 2014

Thomas Paulsen
Mitglied des Vorstands der Körber-Stiftung

Wegweisender Essay zur neuen deutschen Frage: Als Macht in der Mitte Europas muss Deutschland Europa zusammenhalten. Und sich seiner historischen Verantwortung stellen. Nur so wird die neue Stärke Berlins nicht zur Belastungsprobe.

Herfried Münkler: Macht in der Mitte. Die neuen Aufgaben Deutschlands in Europa, Edition Körber-Stiftung, 2015

Volker Perthes
Direktor Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP)

Menzels historisches Opus Magnum trägt zur Debatte um Ordnung und Unordnung in der Welt vor allem eines bei: Es unterstreicht, dass Ordnung im internationalen System auf Hierarchie und der Bereitschaft der großen Mächte beruht, durch die Bereitstellung öffentlicher Güter für Ordnung zu sorgen.

Ulrich Menzel: Die Ordnung der Welt, Suhrkamp Verlag 2015

Eberhard Sandschneider
Direktor des Forschungsinstituts der DGAP

Dieses Buch muss jeder gelesen haben, der verstehen möchte, wie exponentielle technologische Entwicklungen die Tiefenstruktur der internationalen Politik fundamental verändern. Das Buch präsentiert Forschungsergebnisse, die jeden interessieren müssen, der Verantwortung in Institutionen trägt, und stimuliert eine ganz andere Art des Nachdenkens über internationale Politik.

Peter Diamandis, Steven Kotler: Bold. How to Go Big, Create Wealth and Impact the World, Simon & Schuster 2015

Klaus Scharioth
Rektor des Mercator Kollegs für internationale Aufgaben

Als wichtigstes Buch des Jahres eine Dokumentensammlung? Ja! Der 2+4-Prozess bleibt ein außergewöhnliches Lehrstück gelungener Diplomatie. Die Beschäftigung damit lohnt auch 25 Jahre später ungemein. Heike Amos und Tim Geiger machen die Zeitreise zu einem faszinierenden Leseerlebnis, zumal sie den bisher weniger bekannten, aber essenziellen Beitrag des AA herausarbeiten.

Die Einheit. Das Auswärtige Amt, das DDR-Außenministerium und der 2+4-Prozess. Institut für Zeitgeschichte. Vandenhoeck & Ruprecht 2015

Thomas Schmid
Publizist, ehemaliger Chefredakteur und Herausgeber der Welt-Gruppe

Mit dem Krieg im Osten der Ukraine hat Russland Europa mit dem Ernstfall konfrontiert: der Rückkehr des Krieges. Karl Schlögels Buch reflektiert diese ungeheuerliche Erfahrung, über die so viele Zeitgenossen nonchalant hinweggehen. Die Lektüre macht schmerzhaft klar: Die Ukraine geht uns etwas an.

Karl Schlögel: Entscheidung in Kiew. Ukrainische Lektionen, Carl Hanser Verlag 2015

Constanze Stelzenmüller
Robert Bosch Senior Fellow, Brookings Institution

Der Yale-Historiker Timothy Snyder vertieft in „Black Earth“ seine These aus „Bloodlands“: Der Holocaust geschah nicht nur in den KZs, und die Täter waren nicht nur Deutsche. Das ist nicht Geschichtsrelativismus, sondern der Versuch, die Verbrechen der Nationalsozialisten in einen breiteren Kontext der Barbarei zu stellen. Vor allem aber will er warnen: Wiederholung nicht ausgeschlossen.

Timothy Snyder: Black Earth. The Holocaust as History and Warning, Tim Duggan Books 2015

Buchempfehlungen der Redaktion

Ramita Navai: City of Lies. Love, Sex, Death and the Search for Truth in Tehran. Weidenfeld & Nicolson, London 2015

Der Titel mag ja reißerisch klingen. Aber es geht um eine ebenso schlichte, wie hoch komplizierte Frage: Wie lebt man in einem Land, dessen religiös fundiertes Regime tief in die Privatsphäre seiner Bürger hinein regiert, Anspruch auf die absolute Wahrheit erhebt und damit seine Bürger zwingt, zur Lüge zu greifen? Um sich zu schützen, Abweichungen von der gesellschaftlichen -Moral zu verbergen, oder sich schlicht eine Nische zu schaffen.

Die britisch-iranische Journalistin hat keine soziologische Abhandlung geschrieben, sondern Porträts von Menschen, denen sie als Korrespondentin im reichen, hedonistischen Norden der Stadt und als Grundschullehrerin im armen, konservativen Süden Teherans begegnet ist. Und diese Porträts sind vor allem eines: sehr nah an einer faszinierenden und komplexen Gesellschaft und sehr ergreifend. 

David Remnick: Lenin’s Tomb – The Last Days of the Soviet Empire. Vintage Books, New York, 1993

Das mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Buch des ehemaligen Moskau-Korrespondenten der Washington Post und jetzigen Chefredakteurs des New Yorker erschien schon vor über 20 Jahren. Aber es ist ungemein erhellend, es mit diesem großen Abstand wieder zu lesen. 

Remnick beschreibt den Weg von Perestroika und Glasnost bis zum Zusammenbruch des Sowjetimperiums, von der Wiederent-deckung der Geschichte jenseits offizieller Versionen durch Organisationen wie Memorial bis hin zu den Unabhängigkeitsbewegungen der Teilrepubliken. Erhellend ist die Neu-Lektüre, weil „Lenin’s Tomb“ dabei hilft, Russland zu verstehen, ohne zum Putin-Versteher zu werden. Denn mit Ent-setzen stellt man fest, wie systematisch Wladimir Putin die (ja durchaus auch positiven) Entwicklungen seit den achtziger Jahren „rückentwickelt“. 

 
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