Immer noch Krieg!

1. September 2015 - 0:00

Internationale Politik 5, September/Oktober 2015, S. 144

Kategorie: Financial Crisis, Economy and Finance, Greece

Wir haben Yanis Varoufakis nicht gefragt, kennen aber seine Antworten

IP: Herr Varoufakis, Ihr halbes Jahr …?
Yanis Varoufakis: Es war ein Krieg. Und es ist immer noch ein Krieg. Ein Finanzkrieg.

IP: Sie meinen …?
Varoufakis: Die Ziele sind die gleichen wie bei einer militärischen Eroberung. Heute brauchen sie keine Panzer. Sie haben ihre Banken, um einen zu besiegen.

IP: Aber Banken können doch nicht …?
Varoufakis: Das Imperium musste zurückschlagen gegen ein Land, das es gewagt hat, „Nein“ zu sagen zu einem dem Untergang geweihten Programm.

IP: Wo Sie den „Krieg der Sterne“ ins Spiel bringen, wie war denn …?
Varoufakis: Es geht in den Sitzungen oft rüpelhaft, rüde, ungehobelt zu. Schäuble kann explodieren und sehr scharf sein. Ich hab erlebt, wie er Dijsselbloem fertiggemacht, wie er Draghi runtergeputzt hat – nicht schön das.
 
IP: Der Darth Vader der Euro-Zone …?
Varoufakis: Mit mir hat er das nie gemacht, er war immer sehr freundlich. Ich schätze ihn, ich mag Wolfgang. Und er schätzt, glaube ich, meine Expertise. … Einen Moment bitte, das Handy klingelt. Paul? I was going to call you, too! What were you talking about on CNN – „I overestimated the competence of …“? Paul? Hello?

IP: Dann waren Sie und Schäuble eigentlich …?
Varoufakis: Sie können noch so klug sein, aber wenn Ihr Gegenspieler in einem Panzer sitzt und Sie vor dem Kanonenrohr stehen, helfen Ihnen auch die besten Argumente nichts.

IP: Also doch Panzer?
Varoufakis: Ich habe nichts gesehen, was ich nicht erwartet hätte. Natürlich lernt man auch etwas. Es war eine wahnsinnige Achterbahnfahrt. Was mich überrascht hat, ist die Fähigkeit der Presse, Dinge verzerrt darzustellen.

IP: Wirklich? Aber Sie als selbst erklärter Außenseiter …
Varoufakis: Als ich Anfang der achtziger Jahre in Großbritannien studierte, war ich der Generalsekretär der Vereinigung der schwarzen Studenten. Ich wurde von ihnen selbst darum gebeten. Weil ich bei ihren Treffen stets gesagt habe: „Wir Schwarzen …“ Alle haben gelacht. Und ich sagte: „Genossen, schwarz zu sein ist eine Frage der Einstellung, nicht der Hautfarbe.“ Wir Griechen sind die Schwarzen Europas.

IP: Moment, dann wären also …?
Varoufakis: Die letzten Monate hatte ich nachts kaum mehr als zwei Stunden geschlafen. Die Gefahr, dass man in diesem ständig überdrehten Polit-Getriebe verblödet, ist ziemlich groß.

Die IP entschuldigt / bedankt sich u.a. beim Stern, dem ZEITmagazin und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung – und natürlich bei Yanis Varoufakis.
 

 
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