Die verspätete Weltregion

Ist die Arabellion gescheitert? Vier Versuche einer AntwortI

1. March 2016 - 0:00 | von Jan Kuhlmann

Internationale Politik 2, März/April 2016, S. 139-141

Kategorie: Staat und Gesellschaft, Naher und Mittlerer Osten/Nordafrika

Anlässlich des fünften Jahrestags des Arabischen Frühlings ist immer wieder der Abgesang auf die einst mit vielen Hoffnungen verbundenen Aufstände angestimmt worden. Kurzfristig mag die Arabellion gescheitert sein. Langfristig aber war sie nur der Auftakt einer Umbruchphase, deren Dauer und Ausgang ungewiss sind.

„Das Ende des Nahen Ostens, wie wir ihn kennen“: Volker Perthes, Direktor der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, bringt es im Titel seines überzeugenden Essays auf den Punkt. Der Kenner der Region sieht eine Zeitwende in der arabisch-islamischen Welt und legt in dem schmalen Band die Triebkräfte des Wandels und die geopolitischen Entwicklungstrends dar. Die bevorstehende lange „Phase der Turbulenz“ werde kein Land unberührt lassen, auch nicht diejenigen, die sich wie Saudi-Arabien in den vergangenen Jahren als vergleichsweise stabil erwiesen haben.

Udo Steinbach, langjähriger Leiter des einst in Hamburg beheimateten Orient-Instituts, rechnet mit einer „zeitlichen Dimension von zehn Jahren und mehr“, wie er in seinem Buch „Die arabische Welt im 20. Jahrhundert“ schreibt. In dem Band, ein Opus Magnum seiner langen Karriere, führt der Islamwissenschaftler die Leser in einzelnen Kapiteln durch die Nationalgeschichten der arabischen Welt – in komprimierter, schnörkelloser Form, in vielen Passagen geradezu lexikalisch.

Für Steinbach endet in der Region mit dem Ausbruch der Revolutionen – und rund zehn Jahren Verspätung – das 20. Jahrhundert, dessen Anfang er auf das Ende des Ersten Weltkriegs datiert. Damals schufen die Kolonialmächte mehr oder weniger nach ihrem Gutdünken die Nationalstaaten, die bis heute Bestand haben, jedoch wie Syrien, der Irak oder Libyen vom Zerfall bedroht sind. Steinbach sieht die Aufstände von 2011 als dritte große Revolte in der arabischen Welt. Die erste habe sich nach dem Ersten Weltkrieg gegen die Kolonialherren gerichtet, die zweite habe mit der ägyptischen Revolution 1952 begonnen. Sie habe in vielen Ländern endgültig die Fremdherrschaft abgeschüttelt, sei aber ebenso gescheitert wie die erste. Am Ende standen „autokratische und korrupte Regime“, schreibt Steinbach – gegen die sich dann die dritte Revolte gerichtet habe.

Ob sie letztlich erfolgreicher sein wird? Eine seriöse Vorhersage lässt sich nicht machen. Steinbach ist aber überzeugt, dass das „letzte Wort der Geschichte“ noch nicht gefallen ist. Dabei hat er vor allem die große Gruppe der jungen Generation im Blick, die an dem ohnehin bescheidenen Wohlstand vieler Länder kaum teilhat. Er erkennt eine „geradezu dramatische Entschlossenheit der arabischen Jugend, den angestoßenen Wandel nicht bereits am Beginn der Strecke zum Stillstand kommen zu lassen. Nach Phasen politischer Regenera­tion und versuchter Repression wird sie den Faden der Revolte wieder aufnehmen, um das Ziel zu erreichen.“

Besonders schwierig sind die Konflikte jedoch dort zu lösen, wo diese „von einer transnationalen ideologischen und konfessionellen Polarisierung oder von regionalen und internationalen geopolitischen Konkurrenzen überlagert werden“, wie Perthes zutreffend darlegt. Zu sehen ist das vor allem in Syrien, aber auch im Jemen, wo die Kriege zu Stellvertreterkonflikten zwischen dem sunnitischen Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran ausgeartet sind. Das ist Perthes zufolge deshalb besonders gefährlich, weil „Konfessionszugehörigkeit ideologisiert“ und „politische, soziale oder geopolitische Konflikte konfessionalisiert“ werden – eine Polarisierung, die rasch eine Eigendynamik gewinnt, wie Perthes zu Recht warnt.
 

Islamische Öffentlichkeit

Eine Konfessionalisierung macht auch der Islamwissenschaftler Rainhard Schulze aus, der sich in seiner aktualisierten und erweiterten „Geschichte der Islamischen Welt“ wie Steinbach dem 20. Jahrhundert widmet. Er setzt im 19. Jahrhundert ein, in dem als Reaktion auf die Konfrontation mit der europäischen Moderne eine „islamische Öffentlichkeit“ entstanden sei. Mit dieser Metaperspektive erweitert Schulze maßgeblich das Verständnis für die tiefer liegenden Wirkungsmechanismen in den islamischen Gesellschaften, verharrt aber recht oft – auch sprachlich – auf der abstrakten Ebene.

Der „Epochenbruch, der im Arabischen Frühling einen ersten machtvollen Ausdruck fand“, deutete sich ihm zufolge schon in den achtziger Jahren an, als Ideologien allgemein, aber auch die „ideologische Ausdeutung islamischer Traditionen“ deutlich an Wirkungsmacht eingebüßt hätten. Oder anders gesagt: Damals und verstärkt nach der Jahrtausendwende sei der Konsens verloren gegangen, was der Islam sei. Schulze macht einen „Zerfall des Islam und der islamischen Öffentlichkeit“ und damit einhergehend den „Zerfall einer normativen Ordnung“ aus: „Neben wertkonservativen Deutungen aus der Mitte einer islamischen Bürgerlichkeit traten eine Vielfalt von Ausgestaltungen einer konsumorientierten Erlebnisfrömmigkeit sowie ultrareligiöse Islamdeutungen, die den Islam allein durch eine radikale Normativität Wirklichkeit werden lassen.“ Mit der Terrormiliz Islamischer Staat erlebt die Region diese Entwicklung in ihrer extremsten Ausprägung.

Wegbereiter waren für Schulze aber auch die Staatseliten, durch deren Herrschaftspolitik die Milieus, „die der Ort einer Bürgerlichkeit gewesen waren, nicht nur entmachtet, sondern wie in Syrien und im Irak weitgehend zerstört wurden“. Wegen der ökonomischen Strukturkrise der achtziger Jahre seien die Regime nicht mehr in der Lage gewesen, für einen „innergesellschaftlichen Solidaritätsaustausch“ zu sorgen. Die Folge sei eine „schleichende soziale Desintegration“ gewesen, die zu den Aufständen geführt habe.
 

Religiöse Polarisierung

Doch was ist schiefgelaufen in den vergangenen fünf Jahren? Das fragt die langjährige Kairo-Korrespondentin Julia Gerlach in ihrem Buch „Der verpasste Frühling“ so simpel wie berechtigt. Gerlach widmet sich vor allem der Entwicklung in Ägypten, schaut aber auch auf wichtige andere Länder. Sie hat die Ereignisse in Kairo aus nächster Nähe miterlebt und lässt sie in unmittelbarer Form Revue passieren. Deutlich herauszulesen sind ihre Sympathien für die Aktivisten von damals, die weitgehend einem urbanen Mittelstandsmilieu der Hauptstadt entstammten und insofern eine Minderheit waren, deren Hoffnungen maßlos enttäuscht wurden.

In der Polarisierung zwischen Islamisten und Nichtislamisten sieht Gerlach einen der wichtigsten Gründe, weshalb der demokratische Neuanfang am Nil und anderswo gescheitert ist. In Ägypten etwa sei es den Vertretern des alten Regimes gelungen, einen Keil zwischen diese beiden großen Blöcke zu treiben. Die islamistischen Muslimbrüder – zwischenzeitlich zwar nicht wirklich an der Macht, aber immerhin an der Regierung – hätten sich als unfähig erwiesen, ihren über Jahrzehnte eingeübten Habitus einer im Geheimen agierenden Organisation abzulegen, Gegnern die Hand zu reichen und das Land zu gestalten.

Gerlach macht zudem eine Resistenz der „sehr standhaften alten Regime“ aus, die sich mit allen Mitteln zur Wehr setzen und sich dabei auf ihre Staatsinstitutionen verlassen konnten. Beinahe überall seien die „alt-neuen Regime“ als Sieger hervorgegangen: „In fast allen Ländern konnten die alten Regime letztlich sogar von den Aufständen profitieren.“

In Ägypten mag das fast uneingeschränkt gelten, in Syrien aber stellt sich die Lage differenzierter dar. Das Assad-Regime scheint derzeit im Bürgerkrieg dank russischer und iranischer Hilfe die Oberhand zu gewinnen, doch die weitgehende Isolierung des Landes und die massive Zerstörung weiter Landstriche haben die wirtschaftliche Basis stark in Mitleidenschaft gezogen, aus der die politische Elite ihre Einnahmen generiert. Sein Überleben bezahlt Baschar al-Assad zudem damit, dass er sich in eine totale Abhängigkeit von Moskau und Teheran begibt – sie sind für viele die neuen Kolonialherren Syriens.

Wie Steinbach hat auch Gerlach ihren Optimismus nicht verloren. Die meisten Menschen in der Region hätten „die Freiheit gekostet und werden den Geschmack nie vergessen“, zitiert sie einen ihrer Interviewpartner: „Wenn die Zeit reif ist, werden sie nach mehr verlangen, und dann werden sie auf den vergangenen Erfahrungen aufbauen können!“

Volker Perthes: Das Ende des Nahen Ostens, wie wir ihn kennen. Ein Essay. Berlin: Suhrkamp Verlag 2015. 144 Seiten, 14 €

Rainhard Schulze: Geschichte der Islamischen Welt. 1900 bis zur Gegenwart. München: C.H. Beck Verlag 2016. 767 Seiten, 34,95 €. Erscheint am 9.3.

Julia Gerlach: Der verpasste Frühling. Woran die Arabellion gescheitert ist. Berlin: Christoph Links Verlag 2016. 248 Seiten, 18 €

Udo Steinbach: Die arabische Welt im 20. Jahrhundert. Aufbruch, Umbruch, Perspektiven. Stuttgart: Kohlhammer Verlag 2015. 414 Seiten, 49 €

Jan Kuhlmann ist dpa-Korrespondent für die arabische Welt mit Sitz in Istanbul.

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