Wahlkampf im Wohnzimmer

Im ländlichen Ägypten ist in Wirklichkeit der Clan der tiefe Staat

1. May 2016 - 0:00 | von Peter Hessler

Internationale Politik 3, Mai/ Juni 2016, S. 52-61

Kategorie: Politische Partizipation, Ägypten, Naher und Mittlerer Osten/Nordafrika

Programme, Grundsatzfragen oder gar Parteien spielen keine Rolle für die Wahlkämpfer von El-Balyana im Süden Ägyptens. In Oberägypten, und nicht nur dort, sind es Traditionen und die Macht der alten Clan-Patriarchen, welche die Politik bestimmen. Daran hat auch der Aufstand der Jugendlichen vom Tahrir-Platz in Kairo nichts geändert.

In El-Balyana, einem entlegenen Bezirk in Oberägypten, bewarben sich im vergangenen Herbst 19 Kandidaten um zwei Sitze im neuen Nationalparlament. Keinem schien der Wahlkampf mehr Spaß zu bereiten als Yusuf Hasan Yusuf, einem groß gewachsenen Mittvierziger, Vater von neun Kindern und Besitzer eines Juweliergeschäfts sowie einer Landwirtschaft, auf der Weizen, Mais und Zuckerrohr angebaut wird. Seinen Wahlkampf bestritt Yusuf ausschließlich, indem er von Tür zu Tür zog. Politische Aktivität in der Öffentlichkeit fand er unnütz. Yusuf sprach nicht über Schlüsselthemen, Maßnahmenpakete oder Gesetzesvorhaben. Nie hat er auch nur ein einziges Wahlkampfversprechen gemacht und niemals wurde er von einer politischen Partei oder anderen Institutionen unterstützt. Dennoch gelang ihm eine erfolgreiche Karriere als Politiker.

Im Dezember 2010 errang Yusuf zum ersten Mal einen Sitz im ägyptischen Parlament. Als unabhängiger Kandidat setzte er sich gegen den Kandidaten der Nationaldemokratischen Partei (NDP) durch, die den De-facto-Einparteienstaat Ägypten über 30 Jahre lang regiert hatte.

Knapp zwei Monate später begann auf dem Tahrir-Platz die Revolution. Präsident Hosni Mubarak trat zurück, das Parlament und die NDP wurden aufgelöst. Islamisten durften erstmals politische Parteien gründen und gewannen im Winter 2012 mehr als 70 Prozent der Sitze in den Parlamentswahlen. In El-Balyana allerdings erhielt Yusuf deutlich mehr Stimmen als sein Gegenkandidat von der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei der Muslimbruderschaft.

Erneut reiste Yusuf nach Kairo, um sein Amt anzutreten, doch wieder wurde das Parlament aufgelöst, diesmal per Gerichtsbeschluss. Nach landesweiten Protesten entfernte das Militär im Sommer 2013 Mohammed Mursi, den ersten demokratisch gewählten Präsidenten des Landes, aus dem Amt. Mursis Muslimbrüder wurden bald darauf als terroristische Organisation verboten.

Eine Antwort auf die Frage, was er aus diesen Ereignissen gelernt habe, fiel Yusuf schwer. Die Frage implizierte eine Logik, die nicht für Ägypten gilt. Aus Yusufs Sicht mussten sowohl die Verlierer wie die Gewinner einer Wahl damit rechnen, dass ihre Parteien verboten oder aufgelöst werden können. Nach der Auflösung des Parlaments verschob die Regierung wiederholt den Termin für Neuwahlen. Fast drei Jahre gab es keine Legislative in Ägypten. In der Zwischenzeit tat Yusuf weiter das, was er am besten kann. „Ich mache immer Wahlkampf“, erzählte er Monate, bevor ein neuer Wahltermin feststand. Auch zwei andere Abgeordnete aus der Region hatten ihre Jobs ruhen lassen, um sich fast ausschließlich dem Wahlkampf zu widmen.

El-Balyana liegt am Westufer des Nils, etwa 300 Meilen flussaufwärts von Kairo. Oberägypten ist nur dünn besiedelt und der ärmste, am meisten vernachlässigte Teil des Landes. Als Antwort auf die Dysfunktionalität des Staates haben die hiesigen Bewohner über die Jahre ihr eigenes Wahlsystem entwickelt. Schon während der NDP-Herrschaft schufen sie lokale Ableger der Parteien und pflegten regionale Wahlkampftraditionen. Dieses informelle System überlebte den Arabischen Frühling und dessen Nachwirkungen. In gewisser Weise ist es genauso stabil wie andere politische Institutionen in Ägypten. Die Wahlkämpfe im Süden des Landes zeigen allerdings, dass in einem repressiven, aber schwachen Staat die Probleme nicht in der Beschneidung der politischen Freiheiten durch die Regierung liegen. Sie zeigen vielmehr, wie mangelhaft die Organisationen sind, die Menschen bilden, wenn sie völlig sich selbst überlassen werden.

Yusufs Hauptgegner in El-Balyana war Rafat Mohamed Mahmud, in allem das komplette Gegenteil Yusufs. Rafat hatte der NDP angehört und nach der Revolution trat er als unabhängiger Kandidat an. Bei der Wahl 2012 setzte er sich knapp gegen den Kandidaten der Muslimbrüder durch und sicherte sich hinter Yusuf den zweiten Sitz des Wahlbezirks. Für die nächste Wahl hatte Rafat erneut die Partei gewechselt: Er trat den Freien Ägyptern bei, der Partei Naguib Sawiris, einem koptischen Christen und einem der reichsten Männer des Landes. Auch Rafat stammt aus einem großen, wohlhabenden Clan, den Abul-Khair. Für seine Wahlkampftouren reiste er mit einer beeindruckenden Entourage von einem Dutzend Verwandten in einer Mercedes-Limousine, einem Jeep-Geländewagen und zwei weiteren Fahrzeugen von Tür zu Tür.

Ein Mann in Rafats Gefolge namens Abu Steit war dafür zuständig, die Hausbesuche nach gegebener Zeit zu beenden. Bei jedem Halt wurde die Gruppe in den Dawar eskortiert, den traditionellen Empfangsbereich im ländlichen Ägypten, wo die Familien­ältesten warteten. Am Eingang hatten sich die jungen Männer des Clans aufgereiht, um die Besucher zu begrüßen. Während des Besuchs boten sie den Älteren immer wieder Getränke an, doch Abu Steit winkte häufig ab und rief: „Halawa!“ – Süßigkeiten.

In Oberägypten können sich soziale Aktivitäten hinziehen. Bis Mitternacht hatte ich den Überblick verloren, wie viele Schokoriegel Abu Steit verputzt hatte. Mit seinem Blutzuckerspiegel stieg meine Faszination: Der kleine Mann mit dem Hitler-Bart konnte plötzlich mit seinem Gehstock auf den Boden stampfen und rufen: „Al Fatiha! Al Fatiha!“ Al Fatiha ist die erste Sure des Korans und sie wird rezitiert, um Rafats Aufbruch zu segnen. Ein Hausbesuch konnte eine halbe Stunde dauern oder nur eine Minute. Nur Abu Steit schien die angemessene Dauer zu kennen.

Während vieler Besuche gab es lange Phasen der Stille. Niemand hielt große Reden; niemand kümmerte sich um formelle Einführungen. Rafat, ein großer Mann mit einem Hang zu teuren, fein gestreiften Galabias, saß oft auf einem Ehrenplatz und starrte still in die Luft, bis Abu Steit ihn endlich mit dem Ruf nach der Fatiha erlöste. Rafats NDP-Vergangenheit oder seine derzeitige Parteizugehörigkeit, die ihm hauptsächlich finanziell nützte, wurde nie erwähnt.

In El-Balyana finanziert eine in Kairo ansässige Partei wie die Freien Ägypter vielleicht Plakate und andere Wahlkampfausgaben, aber sie hat kein lokales Netzwerk oder Büro. Es gibt keine funktionierende Lokalpresse, die es einer Partei ermöglichen würde, ihre Politik darzustellen. Das ist einer der Gründe, warum die Kandidaten ihren Wahlkampf ausschließlich per Hausbesuch führen. El-Balyana besteht aus zwei Kleinstädten und 33 Dörfern, in denen etwa 600 000 Menschen leben. Die Kandidaten konnten diese große Region abdecken, weil sie mit ihren Besuchen schon lange vor der offiziellen heißen Phase des Wahlkampfs begonnen hatten. An einem Tag des offiziellen Wahlkampfs traf ich jemanden, bei dem schon zehn Kandidaten aufgetaucht waren.

In diesem Wahlkampf geht es nicht um Parteien, sondern um Clans: die Hawwara, zu denen Yusuf gehörte, und die Araber, Rafats Stamm. Als ich El-Balyana im Frühjahr 2013 erstmals besuchte, erschienen mir die beiden Gruppen ununterscheidbar: Sie sprachen denselben arabischen Dialekt, lebten und kleideten sich ganz ähnlich, alle waren Muslime, die meisten Bauern. Ich hatte Ägypten nie als eine Stammesgesellschaft empfunden – im Gegensatz zu anderen Teilen des Nahen Ostens. Aber die meisten Menschen in El-­Balyana insistierten auf einer Herkunft von nomadischen Stämmen.


Erfundene Stammesgeschichte

In Wahrheit ist die vermeintlich lange Geschichte einiger oberägyptischer Stämme eine eher neue Erfindung. Im Mittelalter wanderten nomadische Beduinen, einschließlich der Hawwara, aus Nordwest-Afrika ins heutige Ägypten ein. Sie vermischten sich mit der lokalen Bevölkerung und übernahmen deren Gebräuche. Einen Stamm namens „Araber“ hat es nie gegeben; der Begriff wurde in den fünfziger Jahren mit dem Pan­arabismus Gamal Abdel Nassers populär. In Oberägypten ersetzte er den negativ konnotierten Begriff „Fellache“ (Landarbeiter).

In den vergangenen 30 Jahren erfanden sich die Araber jedoch neu, genau wie andere Gruppen in der Region. „Noch in den Sechzigern und frühen Siebzigern waren die Stämme nicht sehr wichtig“, erzählte mir Hans Christian Korsholm Nielsen, ein dänischer Anthropologe, der die Politik in Oberägypten untersucht. „Aber es gab ein Wahlsystem, das einen Gruppenzusammenhang brauchte, und da boten sich die Stämme an.“

Mubarak hatte Parlamentswahlen abgehalten, um zu zeigen, dass Ägypten demokratisch verfasst sei, obgleich die Ergebnisse in den großen Städten häufig manipuliert wurden. Im vernachlässigten Süden waren die Wahlen laut Korsholm Nielsen tendenziell freier – die NDP rekrutierte einfach die Wahlsieger. In diesem unstrukturierten, aber konkurrenzbetonten Umfeld ohne institutionalisierte Politik wandten sich die Leute der Organisation zu, die sie am besten kannten: dem Clan. Sie weiteten das Konzept der Stammesidentität aus; manchmal indem sie eine ausführliche Geschichte erfanden.

Im Norden konnte ein siegreicher Politiker staatliche Gelder direkt an Projekte verteilen, von denen seine Unterstützer profitierten. In El-Balyana waren die Erwartungen bescheidener. Manchmal wurde ein Kandidat gebeten, einen Anruf zugunsten des potenziellen Wählers bei einer Behörde zu tätigen. Und das ist einer der Gründe, warum Wahlkampf in Oberägypten so persönlich ist: Man weiß, dass die Kandidaten keine institutionelle Unterstützung haben und dass man sie nur um kleine Gefallen bitten kann. Dennoch nehmen die Oberägypter Wahlen deutlich ernster als die Menschen in Kairo. Wahlen vermittlen ein Gefühl von Stolz und sie dienen der Stärkung von Familienbanden. In ägyptischen Clans gibt es strikte Hierarchien, besonders im Süden genießen es die Ältesten sichtlich, jungen Männern Befehle zuzubellen.

Die Alten bestimmen außerdem auch die Wahlentscheidung der Familienmitglieder. Ein Familienpatriarch erzählte mir, dass er im Rahmen seines ausgedehnten Clans etwa 600 Wahlberechtigten Anweisung erteilte. „Gebe ich am Wahltag den Befehl, dann müssen die Leute wählen“, sagte er. „Es geht sie nichts an, ob das richtig oder falsch ist.“ Um den Ausgang schert er sich nicht wirklich. Ihm geht es um die Möglichkeit, Kontrolle über seine Sippe auszuüben.


Ein unabhängiger Salafist

Die Mehrheit der ägyptischen Bevölkerung ist jünger als 25 Jahre. Wie autokratisch das Verhalten der Älteren ist, wird noch deutlicher, wenn man bedenkt, dass Männer über 55 Jahren gerade einmal 5,7 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Der Großteil der jungen Ägypter ist unterbeschäftigt oder arbeitslos. Diese Gruppe dominierte die Tahrir-Proteste von 2011, bei denen unter anderem mehr Mitsprache für die Jüngeren gefordert wurde. Für die erste Parlamentswahl nach dem Arabischen Frühling waren zwei Drittel der Sitze für Listenkandidaten reserviert, die Parteizugehörigkeiten oder Mitgliedschaften in anderen Allianzen teilten und deren Programme Ägypter unter 35, Frauen, Christen und andere traditionell unterrepräsentierte Gruppen einbeziehen mussten.

Der jüngste Ägypter, der bei dieser Wahl über einen Listenplatz ins Parlament einzog, war der 26-jährige Mahmud Hamdy Ahmed aus El-­Balyana, ein Vetter Rafats und Mitglied des Abul-Khair-Clans. Anders als Rafat, der sich in der NDP etabliert hatte, gelang Mahmud der Einstieg in die Politik durch das plötzliche Aufkommen der Post-Tahrir-Parteien. Er wurde Mitglied der den Salafisten nahestehenden Nour-Partei, die landesweit knapp ein Viertel der ­Sitze gewann. Zusammen mit den Muslimbrüdern sah man sie als Vorreiterin eines neuen politischen Islams in Ägypten.

Allerdings gerieten die Abgeordneten der Nour-Partei im Parlament häufig mit Mitgliedern der Muslimbrüder aneinander; im Juli 2013 unterstützten sie sogar die Absetzung Mohammed Mursis, nicht aber die Gewalt, mit der Sicherheitskräfte danach gegen Mursi-Anhänger vorgingen. Nach der Festlegung neuer Regeln für die Parlamentswahlen wurde 2015 die Anzahl der Listenplätze drastisch reduziert – und die Nour-Partei immer schwächer.

Mahmud gab seine Mitgliedschaft auf und wurde unabhängig. Aber er behielt den Bart. Kein anderer Kandidat in El-Balyana war auf den Plakaten mit einer Salafi-Gesichtsbehaarung zu sehen, bei der nur der Oberlippenbart rasiert ist. Der Bart ist ein aussagekräftiges Symbol, aber was davon zu halten war, darüber waren sich die Leute von El-Balyana nicht einig: Manche hielten Mahmud für einen echten Fundamentalisten, manche für einen Opportunisten.

Der Abul-Khair-Clan war politisch nie sehr mächtig, bis einige Mitglieder in den achtziger Jahren als Gastarbeiter nach Kuwait gingen und dort reich genug wurden, um große Wahlkampagnen zu finanzieren. Mit seiner Kandidatur für die Salafisten hatte sich Mahmud von Rafat und dessen NDP-Vergangenheit distanziert. Einige Verschwörungstheoretiker im Dorf aber glaubten, dass die Vettern die Fassade der landesweiten Politik nur nutzten, um von einer anderen Tatsache abzulenken: Die ­Abul-Khair-Familie war auf dem Weg zu beeindruckendem Reichtum und lokalem Ansehen.

Mahmud Dawar ist ein großer, dünner junger Mann, der gleichermaßen Scharfsinn und Argwohn ausstrahlt. Er hat eine Ausbildung zum Apotheker absolviert, was viele kluge ägyptische Studenten tun. Ich interviewte ihn mit einem Übersetzer, aber er schien nicht willig oder war außerstande, genauere Fragen zu politischen Maßnahmen oder potenziellen Gesetzesvorschlägen zu beantworten. Das ist nicht unüblich in El-Balyana, wo die Kandidaten nur selten Erfahrung im Umgang mit der Presse haben. Als ich Mahmud fragte, warum er die Nour-Partei verlassen hatte, war seine Antwort schlicht, dass die Leute unabhängige Kandidaten vorzögen. Er jedenfalls sei weder Salafist noch Islamist, denn hier, so sagte er, „gibt es die Hawwara und die Araber und sonst nichts. Keine Islamisten oder Nichtislamisten.“

Mahmud nutzte im Wahlkampf eine Mercedes-Limousine, deren Rückscheibe mit seinem offiziellen Logo dekoriert war: einer Kanone und dem Slogan „Hand in Hand … Wir bauen für deine Kinder und für meine“. Seine Leute stellten Holzkanonen an vielbefahrenen Kreuzungen in El-Balyana auf und brachten weiße Plastikkanonen auf den Dächern der dreirädrigen Tuk-Tuk-Taxis an, die durch die Stadt fuhren wie eine winzige Kavallerie.

Wahlkampfsymbole sind ein Muss, weil mehr als ein Viertel der Ägypter Analphabeten sind. In einigen Wahllokalen in El-Balyana, so berichteten mir Wahlhelfer, könne die Mehrheit der Wähler nicht lesen. Dass aber ein reformierter Islamist wie Mahmud eine Kanone gewählt hatte – und nicht ein anderes der 160 von der Regierung anerkannten Symbole – und sich mit Salafistenbart zeigte, schien mir angesichts der Sicherheitslage doch recht kühn.


Schwache Muslimbrüder

Im ersten Jahr nach der Revolution gewann Mursi in El-Balyana eine breite Mehrheit in den Präsidentschaftswahlen. Bei den Parlamentswahlen landete der Kandidat der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei der Muslimbrüder hinter Rafat und verpasste damit knapp den zweiten Parlamentssitz des Bezirks.

Die Muslimbruderschaft war lange Zeit verboten, genoss aber hohes Ansehen wegen ihrer Wohltätigkeitsarbeit und der guten Organisation an der Basis. Bei den Wahlen schnitt sie in Oberägypten sehr gut ab, weshalb die Region schnell als Hochburg der Muslimbrüder galt. In El-Balyana besaß die Organisation jedoch nur ein kleines Büro. Wesentliche Hinweise auf ihre Wohltätigkeitsarbeit habe ich nicht finden können. Das galt auch für andere Regionen in Ägyptens ­Süden, die ich während der Amtszeit Mursis besuchte.

Die Muslimbrüder waren also gar nicht so präsent, und die Wahl hatten sie wohl nur gewonnen, weil es keine organisierte Konkurrenz gab. Im April 2013 hatte ich mich mit dem Arzt Ayman Abdel Hamis getroffen, der als führendes Mitglied der lokalen Bruderschaft für deren Kandidatur bei den nächsten Parlamentswahlen vorgesehen war. Damals sagte er mir, dass die Bruderschaft im Bezirk nur 150 Mitglieder zählte. Im vergangenen Sommer besuchte ich Ayman erneut in seiner kleinen Privatklinik. Im Süden ist es einfacher, Muslimbrüder zu treffen als in Kairo, weil sie durch ihren Familienverband eher vor den Sicherheitskräften geschützt sind. Ob die Anzahl der Mitglieder in der Bruderschaft wirklich 150 betragen habe, fragte ich ihn nochmals. „Das war die Gruppe um die Bruderschaft, denen wir erlaubten, sich als Mitglieder auszugeben “, gab Ayman zu. „Als Wahlkampftaktik und um die anderen Parteien zu beeindrucken, haben wir die Zahlen aufgebauscht.“ In Wirklichkeit gäbe es nur zehn.

In einem Bezirk mit rund 600 000 Einwohnern hatte eine Organisation mit nur zehn ansässigen Mitgliedern bei den Präsidentschaftswahlen dominiert und beinahe einen Sitz im Parlament gewonnen. Neben der Nour-Partei war die Bruderschaft in Oberägypten besonders bei jungen Männern beliebt gewesen. Das hatte weniger mit Sympathien für den politischen Islam zu tun. Junge Ägypter ergriffen einfach jede Alternative zu den lokalen Traditionen, nach denen ihre einzige Teilhabe darin bestand, alten Männern bei Wahlkampfveranstaltungen Schokoriegel zu reichen. Nachdem die Islamisten zerschlagen waren, konnte sich das traditionelle System wieder behaupten. In El-Balyana reduzierte der erste Wahlgang Mitte Oktober das Feld auf vier Finalisten: Yusuf, Rafat, Mahmud und einen ehemaligen Polizeigeneral namens Nour Abu Steit. In Sachen Stammeszugehörigkeit war die Teilung perfekt: zwei Hawwara und zwei Araber.

Einer der ausgeschiedenen Kandidaten war Mahmud Abu Mohasseb, ein Anwalt, der bei einer regionalen Wahl 2010 respektabel abgeschnitten hatte, aber diesmal nur 17. von 19 Kandidaten wurde. Nach dieser Schlappe zog er sich völlig zurück, zeigte sich nicht mehr im Dorf und nahm keine Anrufe mehr entgegen. In El-Balyana schien es sehr schwer zu sein, mit Anstand zu verlieren oder zu gewinnen. Manche vermuteten bei einem Sieg Bestechung, manche schlicht „schmutzige Politik“. Ein verbitterter Verlierer rief sogar dazu auf, nun einen Kandidaten des konkurrierenden Stammes zu wählen.

Ahmad Diyab, Kinderpsychologe an einer örtlichen Grundschule, hatte für solch paradoxes Verhalten eine Erklärung: Manche, die ein Problem nicht ausdrücken könnten, wendeten eben Gewalt an. Das war ein erfrischender Gegensatz zu den vielen Erklärungen für die Mängel der ägyptischen Politik, die ich über Jahre hinweg von den Eliten Kairos gehört hatte. Dort machte man häufig den „tiefen Staat“ verantwortlich, in dem militärische und finanzielle Interessen vermeintlich alles kontrollierten. Oder man ergeht sich in Verschwörungstheorien, in denen die USA, Katar, Israel und die Muslimbrüder irgendwie die Schuld tragen.


Unsichtbare Frauen

In einem isolierten Ort wie El-Balyana kann man recht deutlich erkennen, wie soziale Traditionen zu politischen Fehlfunktionen beitragen. Ich vermute aber, dass es sich in der Millionenmetropole Kairo nicht anders verhält. Auch dort sind die Institutionen schwach und familiäre Hierarchien prägen das Leben der Menschen. Die Muster ähneln sich, inklusive der Verschwörungstheorien und Beschuldigungen. Verlierer werden fallengelassen, die Alten kontrollieren die Jungen, die Männer kontrollieren die Frauen. Aber nichts davon kann der Bruderschaft, der NDP oder irgendeinem anderen politischen Akteur zur Last gelegt werden. In Ägypten ist der Clan der tiefe Staat.

Am alten Geschlechterverhältnis hat die Revolution nichts geändert. Während des gesamten Wahlkampfs sah ich niemals einen Kandidaten mit einer Frau sprechen, und in Dutzenden Hausbesuchen fragte nie jemand nach dem Wohl der dort lebenden weiblichen Familienmitglieder. In südägyptischen Dörfern behandeln Männer ihre Frauen, Töchter und Schwestern wie Besitz; manche Patriarchen verbieten den Frauen ihres Clans das Wählen. Sie bräuchten jemanden, der sie zu Hause erreicht; würden sie wählen gehen, müssten sie von Fahrern gebracht werden, was nur reicheren Kandidaten möglich ist. Nicht einmal Treffen zwischen den Frauen unterschiedlicher Familien sind üblich, weil es keinen „Frauen-­Dawar“ gibt.

Daware sind beeindruckende Innenhöfe unter freiem Himmel, wie sie wohlhabende Familien besitzen. An einem Abend kurz vor dem entscheidenden zweiten Wahlgang besuchte ich den Dawar von Nour Abu Steit, dem Viertplatzierten. Abu Steit ist ein kleiner, grimmig aussehender ehemaliger Polizist, der kurz zuvor pensioniert worden war. Selbst ein Hawwara, begann er die Unterhaltung mit der Behauptung, die ­Abul-Khair-Cousins seien in Wahlbetrug verwickelt. Solche Vorwürfe sind üblich, werden aber nie mit Beweisen untermauert. Nachdem er erfuhr, dass ich Amerikaner bin, führte er die Unterhaltung mit der Behauptung fort, dass die USA für die Armut in El-Balyana verantwortlich seien. „Ihr seid sauer auf uns, weil wir eine 7000 Jahre alte Zivilisation besitzen“, sagte er unter dem liebedienerischen Gelächter der umsitzenden Männer. Im Übrigen habe Amerika den Islamischen Staat erschaffen. „Gott soll euch dafür Erdbeben und Vulkane schicken!“

Angefeuert vom Gelächter der Männer erzählte Abu Steit unter genüsslicher Ausbreitung der Details von einer amerikanischen Diplomatin, die angeblich Iraks Diktator Saddam Hussein Sex anbot, um ihn zu manipulieren. Ich habe in Ägypten häufiger Situationen erlebt, in denen ein Mann einen Ausländer oder Fremden verspottete, um sich vor seinen eigenen Leuten wichtig zu machen. Diese Macke schien mir viele der schlimmsten Aspekte ägyptischer Politik zu charakterisieren: Stolz gemischt mir Scham, Schonungslosigkeit, eine Neigung zu wiederkehrenden, wenngleich oft „nur“ verbalen Gewaltausbrüchen. Zuweilen fragte ich mich, wie sehr die Dysfunktionalitäten des heutigen Ägyptens der unerbittlichen Männlichkeit der Macht geschuldet sind. Vielen Männern, die in der Öffentlichkeit stehen, hätte es recht gut getan, wenn sie ab und zu auf eine weibliche Stimme gehört hätten, die ihnen sagt: „Vielleicht solltest du jetzt aufhören zu reden.“


Warten auf den Sieg

Der einladenste Dawar gehört Yusuf, wohl der einzig neutrale Politiker, dem ich begegnete. Viele Christen stimmten für ihn. Obwohl sie rund 10 Prozent der Bevölkerung ausmachen, werden sie von den meisten Kandidaten ignoriert, weil sie nicht zum Stammessystem gehören.

Nach dem Schließen der Wahllokale wartete ich im Dawar von Yusuf, wo die Patriarchen versuchten, die vorläufigen Ergebnisse zu verfolgen, indem sie chaotisch Zahlen auf Schmierzettel schrieben. Dabei hätten einige computeraffine Youngster sicherlich ein Programm dafür entwickeln können. Nur warteten all die jungen Unterstützer Yusufs draußen, große Holzstäbe in den Händen, die sie für den traditionellen Tahtib-Tanz brauchten, der nach einem Sieg des Kandidaten aufgeführt wird. Oft kommt es an Wahltagen zu Schlägereien. Dass man während des Wartens auf die Wahlergebnisse eine Horde junger Männer mit Holzknüppeln ausstattete, schien mir keine sonderlich gute Idee.

Um Mitternacht rief mich jemand aus Rafats Dawar an, um Bescheid zu geben, dass dessen Unterstützer schon ihren Wahlsieg mit Pistolenschüssen feierten. Kurz darauf stürzte ein junger Mann in das Hauptquartier von Yusuf und rief jubelnd „Allahu akbar! Allahu akbar!“ Alle rannten ins Freie. Auf der verstopften Straße begannen einige Männer, ihre Knüppel zu schwenken, andere gaben Schüsse aus Gewehren und Schrotflinten ab. Einige Minuten später tauchte ein Mob mit Knüppeln und Pistolen auf und skandierte den Namen von Nour Abu Steit. Das Gleiche passierte im Wahlbezirk von Mahmud: An verschiedenen Orten in El-Balyana beanspruchten Unterstützer aller vier Kandidaten den Sieg. Laut eines Fernsehsenders mit Sitz in Kairo waren Yusuf und Nour die Sieger. Wenig später kamen Gerüchte auf, dass die Meldung falsch sei. Um zwei Uhr morgens erreichte uns dann das offizielle Ergebnis: Die Abul-Khair-Vettern hatten beide Sitze errungen. Der Gesamtsieger der Wahl war Mahmud. Er lag mit weniger als 500 Stimmen vor den anderen drei Kandidaten.

Später an diesem Abend besuchte ich Mahmuds Haus. Ich habe mich häufig gefragt, welche Lehren seine Generation aus den Ereignissen seit den Aufständen ziehen würde. Aktivisten behaupten, dass jungen Ägyptern nun bewusst sei, welche Macht sie hätten, schließlich hätten Proteste zur Absetzung zweier Präsidenten geführt. Ebensogut könnten sie aber auch zu dem Schluss kommen, dass politisches Engagement am Ende doch nichts ändert. Von Mahmud war an jenem Abend jedenfalls keine klare Aussage zu bekommen. Der ehemalige Salafist umging die Frage, ob es mehr Raum für den politischen Islam geben solle („wir haben jetzt andere Themen“). Zu den Muslimbrüdern wollte er sich nicht äußern („ich möchte nicht über alte Sachen reden“). Für Präsident Abdel Fattah al-Sisi, der die Kampagne zur Zerschlagung des politischen Islam initiierte hatte, hegte er nur Sympathie („er ist respektvoll“).

Landesweit war eine Koalition namens „Für die Liebe Ägyptens“ der große Sieger. Das Bündnis unter dem ehemaligen Armeegeneral Sameh Seif el-Yazal gewann alle 120 Listenplätze und hoffte, im Parlament mit insgesamt 568 Sitzen eine mehrheitsfähige Allianz bilden zu können. Da es keine starken Parteien gab, war ein gewisses Chaos vorprogrammiert. Im Januar lehnte das Parlament einen Gesetzentwurf für den öffentlichen Dienst ab, mit dem al-Sisi den Bürokratieabbau voranbringen wollte. Dieses Parlament würde die Vorlagen wohl nicht einfach durchwinken. Aber es ist auch nicht in der Lage, eine angemessene Kontrolle zu gewährleisten.


Ende einer Karriere

Nach der Meldung von Yusufs Niederlage standen alle Besucher seines Dawar für einen Moment unter Schock. Dann tauchte der Kandidat auf. Er schickte die jungen Männer mit ihren Holzstöcken nach Hause und tröstete seine Anhänger. Sobald er alleine war, sackte er in sich zusammen. Wir saßen im stillsten und leersten Dawar der Welt. „Viel Glück beim nächsten Mal“, murmelte ich. „Es gibt kein nächstes Mal“, antwortete Yusuf. „Das war mein politisches Ende. In diesen Wahlen ging es nicht um den Dienst am Land. Wäre es darum gegangen, hätte ich gewonnen.“ Gewonnen, so glaubte er, hatten die ­Abul-Khair-Cousins, weil sie wesentlich mehr finanzielle Mittel zur Verfügung gehabt hätten.

Während wir uns unterhielten, näherte sich ein kleiner Junge und setzte sich mit Tränen in den Augen zu uns. Auf dem Weg nach draußen blieb Yusuf stehen, um den Jungen zu trösten. Ich fragte, ob er einer seiner Söhne sei. „Nein“ antwortete Yusuf und lächelte – sein letzter Akt als Politiker. „Ich habe diesen Jungen noch nie gesehen.“

Peter Hessler schreibt seit 2000 für den New Yorker und ist seit 2011 Korrespondent des Magazins in Kairo.

 
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