Hohe Schule der Prinzipienlosigkeit

Äquidistanz für Postfaktiker: Ein Grundkurs mit Lafontaine und Todenhöfer

1. November 2016 - 0:00 | von Alan Posener

Internationale Politik 6, November/Dezember 2016, S. 144

Kategorie: Politische Kultur, Deutschland

Liebe Kursteilnehmer! Sie sind hier, weil Sie unserer Methode vertrauen: ICH – Individuelles Coaching für Halbgebildete. Sie wollen in der postfaktischen Welt reüssieren, wir liefern Tipps und Tricks. Letzte Woche haben wir über Distinktionsgewinn durch Dada gesprochen: Unsinn reden, um als „Querdenker“ zu gelten. Heute geht es um eine nur scheinbar gegensätzliche Grundtechnik der Selbstdarstellung: die Äquidistanz.

Sie wollen ja als originelle Denker dastehen, ohne denken zu müssen. Und da fragt Sie jemand, ob Sie eher Hunde- oder Katzenmensch sind, Sushi oder Pasta, Italien oder Frankreich, die Beatles oder die Stones mehr mögen. Grundfragen. Und schon sind Sie in der Klemme.

Wenn Sie sich entscheiden, haben Sie schon die Hälfte Ihrer potenziellen Bewunderer verloren. Hier hilft die Äquidistanz: Sie sagen: Meine Hunde sind große Katzenfreunde; Sushi esse ich mittags, Pasta abends; Frankreich hat Esprit, Italien Aperol Spritz; ich habe alle Beatles-Alben und Karten fürs nächste Stones-Konzert. Einfach.

Schwieriger wird es in der Politik. Sie können kaum für Merkel und Seehofer, Erdogan und Gülen, Obama und Putin, Clinton und Trump sein. Gewiss, Theresa May war für den Verbleib Großbritanniens in der EU und ist nun für einen harten Brexit. Und Angela Merkel war eigentlich schon für alles, und dagegen auch. Aber völlige Prinzipienlosigkeit ist hohe Schule. Für den Anfänger empfehlen wir die negative Äquidistanz. Lernen wir von zwei Meistern der Selbstinszenierung: Jürgen Todenhöfer und Oskar Lafontaine.

Todenhöfer unterstützt seit Jahren den syrischen Diktator Assad. „Assad ist der einzige Anführer, der Deinem Land eine moderne Demokratie und eine stabile Zukunft ohne Fremdherrschaft geben kann. Das müssen wir der Welt klarmachen. Und Deinem Volk.“ Das schrieb Todenhöfer einmal seiner „Prinzessin des Nahen Ostens“ Sheherazad Jaafari, einer jungen Assad-Vertrauten, die aufs Bezirzen alternder europäischer Männer spezialisiert ist.

Um das vergessen zu machen, verwendet Todenhöfer die negative Äquidistanz. Putins Bombardement Aleppos sei zwar nicht gut, sagt er jetzt, aber Obama würde ja auch Al-Kaida unterstützen. Das belegte der Starreporter durch ein Interview mit einem proamerikanischen Dschihadisten. Dass es sich um einen verkleideten Assad-Soldaten handelte, war ein Schönheitsfehler. Shit happens.

Noch besser gerierte sich Lafontaine bei einer Talkshow. Er wüsste nicht, für wen er sein solle, Clinton oder Trump, sagte Lafontaine, denn beide würden der „Wall Street“ dienen. Meisterhaft! Zumal wir in Deutschland alle wissen, welche, ähm, Ethnie hinter der Wall Street steckt. So wird aus Äquidistanz Ressentiment. Aber das ist Gegenstand unserer nächsten Stunde.

Alan Posener ist politischer Korrespondent der WELT-Gruppe.

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