Wer sind wir?

Auf der Suche nach der europäischen Identität

1. November 2016 - 0:00 | von Luuk van Middelaar

Internationale Politik 6, November/Dezember 2016, S. 116-125

Kategorie: Europäische Union, EU-Verträge, Erweiterungsprozess, Westeuropa politisch

Seit ihrer Gründung schlägt sich die Europäische Union mit Fragen ihrer Identität herum; der bevorstehende Brexit wird dies befeuern. Dessen ungeachtet wird die EU bald an die Grenze ihrer Ausdehnung stoßen – was erneut ein Selbstverständnis fördern könnte, das nicht nur aus Politik, sondern auch aus Geografie und Geschichte schöpft.

REUTERS/Wolfgang Rattay

Auf den ersten Seiten des Gründungsvertrags von 1957 erklären die sechs Staaten ihre Absicht, einen immer enger werdenden Zusammenschluss der europäischen Völker anzustreben. Diese Formel findet sich im Vertrag bis heute. Sie ist vage gehalten, spielt sie doch auf ein ständiges In-Bewegung-Sein an, ohne ein Endziel zu bestimmen. Das offene Ende wurde von den Staaten heftig diskutiert („Föderation“, „Konföderation“ oder „Staatenbündnis“?). Aber wie steht es dabei mit den Bevölkerungen? Sie sollen sich einander immer mehr annähern. Doch was dann? Sollen sie am Ende in einem größeren Ganzen aufgehen oder ungeachtet ihrer jahrelangen Annäherungsbemühungen sie selber bleiben? Die Denkoptionen lauten: Einzahl oder Mehrzahl.

Das Bedürfnis nach einer einzigen europäischen Identität ist in der Innensphäre der europäischen Gemeinschaftsinstitutionen am größten. Dort nahm man es in Angriff, Europa zu errichten, dort entdeckte man, dass die Vielzahl der Nationen ein Problem darstellte, und sah die Lösung darin, die „Europäer“ zu schaffen. Das führte unweigerlich dazu, dass man Kultur- und Identitätspolitik betrieb. In dieser Sphäre lautete die implizite Hauptfrage: Wie werden wir, die vielen, eins?

Die Mitgliedstaaten hingegen wollen sich keinesfalls auflösen; das mindert natürlich ihr Interesse an der Frage, wie man jemals eins werden könnte. Stattdessen fragen sie sich permanent: Warum sind wir zusammen? Was unterscheidet uns von den Nichtmitgliedern? Die Antwort darauf bestimmt nicht nur, wie man auf den Rest der Welt wirkt, sondern auch, wie man den eigenen Bevölkerungen begegnet. Diese wollen ebenfalls gerne wissen, in welcher Gesellschaft sie sich eigentlich befinden. Die Selbstdefinition des Mitgliederkreises ist daher stets Gegenstand politischer Auseinandersetzungen gewesen.

Während die europäische Innensphäre mit der Frage kämpfte: Wie werden wir eins?, kursierte in der Zwischensphäre der Mitglieder die Frage: Warum sind wir zusammen? Doch die Frage wurde weder als Aufgabe noch als Mission verstanden und löste deshalb auch keinen besonderen Tatendrang aus. Aber sie gab den Impuls zur Selbsterforschung – mit weitreichenden politischen Folgen. Diese seit mehr als 60 Jahren betriebene Selbsterforschung seitens der Mitglieder gemahnt an einen Kreis von Gleichgesinnten, die sich um ein Lagerfeuer zusammengefunden haben: Man erzählt sich Geschichten, teilt gemeinsame Erinnerungen und versichert sich der eigenen Position in der Gemeinschaft. Die Identität des Kreises wird weniger durch Regeln als durch die Mitglieder selbst bestimmt. Immer wieder stoßen neue Mitglieder dazu: Das Gespräch wird unterbrochen, der Kreis weitet sich, man versucht aufs Neue, Intimität herzustellen und passt die Geschichten der veränderten Situation an. Die Selbstdefinition des stetig wachsenden Kreises ist kein unverbindliches Gerede; die Mitglieder nehmen sie ungewöhnlich ernst. Bei jeder grundlegenden Neubestimmung, von „Paris 1951“ bis „Lissabon 2007“, waren die Diplomaten mit der Schwierigkeit konfrontiert, die Rolle des Clubs in der Geschichte und in der Welt in Worte zu fassen. Schon lange gilt es, die Spannung auszuhalten, die zwischen dem Versprechen, eines Tages den ganzen Kontinent zu umfassen, und der Tatsache besteht, dass es im Ermessen der einzelnen Staaten liegt, ob sie sich Europa als Mitglied anschließen wollen oder nicht.

Diese Spannung machte sich bereits bei der Gründung bemerkbar. Da die Sechs nur einen kleinen Teil der europäischen Staatengesellschaft repräsentierten, konnten sie sich im Grunde nicht auf die kulturellen Werte und geschichtlichen Erfahrungen Gesamteuropas berufen, was jedoch ungeheuer verführerisch war. Schon im Gründungsvertrag von 1951 hatten sie festgestellt, dass ihre gemeinsame Vergangenheit von „jahrhundertealten Rivalitäten“ und „blutige[n] Auseinandersetzungen“ geprägt gewesen war. Sie „entschlossen“ sich, diese Geschichte zu beenden, indem sie „den ersten Grundstein für eine weitere und vertiefte Gemeinschaft unter Völkern“ legten, „die lange Zeit […] entzweit waren“.1 Diese Absicht wurde im Vertrag von 1957 bekräftigt.

Das war auch in kulturpolitischer Hinsicht ein gewaltiger Schritt. Darin drückte sich die Hoffnung aus: heute wir Sechs, morgen ganz Europa. Aufgrund der Setzung eines solchen Telos konnte man bedenkenlos das kulturelle und geschichtliche Ansehen des gesamten Kontinents für sich in Anspruch nehmen. Und dank des rhetorischen Mittels des Pars pro Toto konnte man sich für die Bezeichnung „Europäische Gemeinschaft“ entscheiden, ohne rot zu werden. Ein Nachteil war, dass die offene Beitrittseinladung an Nichtmitglieder die Ausbildung einer Identität für den Kreis, wie er sich im Hier und Jetzt darstellte, erschwerte. Bei jeder Erzählung, mit deren Hilfe man der Öffentlichkeit die Existenz der Sechs nahebringen wollte, stellte sich die Frage, ob sie denn auch noch der Wahrheit entspräche, wenn sich der Kreis auf sieben, acht, neun, zehn etc. erweitern würde. Die Mitgliedstaaten erkannten schließlich, dass die offene Tür eine Dynamik in Gang setzte, die die Öffentlichkeit dem Kreis der Mitglieder nicht annäherte, sondern entfremdete. Die Erweiterbarkeit öffnete dem Zufall Tür und Tor, und mit dem lässt sich nur noch schwer eine überzeugende Erzählung über Europa schaffen.

 

Der Hauch des Katholizismus

Im Gegensatz zu allen folgenden Mitgliederkreisen bis hin zu den 28 besaßen lediglich die ursprünglichen Sechs eine geschichtliche Grundlage. Doch diese fand sich nicht, wie zunächst zu vermuten war, im gemeinsamen Himmel, sondern in einem gemeinsamen Gebiet auf der Erde.

Ganz am Anfang hing um das Lagerfeuer noch der Hauch des Katholizismus. Die einflussreichsten der sechs Gründer waren Christdemokraten gewesen: der Franzose Schuman, der Deutsche Adenauer, der Italiener De Gasperi. Diese drei Politiker schrieben dem Glauben eine wichtige Rolle beim (moralischen) Wiederaufbau des Kontinents zu. Als Folge davon hielt so mancher Außenstehende „Europa“ für ein Komplott des Vatikans. Vorbehalte gegen den Katholizismus waren mit dafür verantwortlich, dass sich die britische Labour-Regierung gegen eine Beteiligung an der Montanunion entschied. Ein ranghoher Beamter im Außenministerium notierte in sein Tagebuch die Vermutung, der Initiator Schuman, ein frommer Christ und Junggeselle obendrein, stehe unter dem Einfluss der Priester und sein Plan sei „ein weiterer Schritt“, „um die katholische ‚schwarze Internationale‘ zu konsolidieren“.2 Der sozialdemokratische Ministerpräsident Schwedens Tage Erlander scheute ebenfalls davor zurück, einer mehrheitlich katholischen Gemeinschaft beizutreten. Der niederländische Regierungschef Willem Drees, auch er ein Sozialdemokrat, war davon ebenfalls nicht sehr begeistert, dennoch beteiligte sich sein Land. Der Katholizismus sorgte für eine Verbundenheit unter den pères fondateurs, außerdem fungierte die universalistisch ausgerichtete Religion gewissermaßen als Gegengift gegen den Nationalismus; in dieser Hinsicht passte der Katholizismus ausgezeichnet zur Friedensverpflichtung der Nachkriegszeit: Europa als neuer, sauberer Anfang. Doch zu einer gemeinsamen Identität fand man nicht. Einer der Mitgliedstaaten war seinem Selbstverständnis nach eine rein protestantische Nation, ein anderes Mitgliedsland hatte genauso viele katholische wie protestantische Einwohner. Die Sechs konnten und wollten kein „katholischer Club“ werden.

Dann stießen sie unerwartet auf eine gemeinsame geschichtliche Basis. Man entdeckte, dass das gemeinsame Territorium der Sechs sich ungefähr mit dem mittelalterlichen Reich Karls des Großen deckte. Der hatte in Aachen seine Residenz gehabt, über ein Gebiet geherrscht, das bis hinunter an die Pyrenäen reichte, die Sachsen im Osten besiegt und christianisiert und sich im Jahr 800 in Rom zum Kaiser krönen lassen. Dass dieser Herrscher in einigen alten Handschriften Pater Europae genannt wurde, machte diese Entdeckung zu einem Volltreffer. Damit bekamen die Sechs einen heroischen Ahnen gewissermaßen geschenkt und hatten fürs Erste genug Gesprächsstoff am Lagerfeuer.

Karl der Große stand unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg bei den Westdeutschen hoch im Kurs. Da durch das Nazi-Regime jede Berufung auf germanische oder deutsche Wurzeln verpönt war, bot das frühmittelalterliche fränkische Reich eine Alternative, denn es war sowohl Teil der deutschen als auch der französischen Geschichte. In Aachen kann man Karls Marmorthron besichtigen, auf dem bis 1800 alle deutschen Kaiser gekrönt wurden, während gleichzeitig vor der Pariser Notre Dame ein stolzes Reiterstandbild an Charlemagne erinnert. Karl der Große hatte regiert, als Franzosen und Deutsche noch keine voneinander geschiedenen Völker waren, also noch bevor die jahrhundertealten „blutigen Auseinandersetzungen“ begonnen hatten, die die Sechs beenden wollten. Das machte ihn zum geeigneten Symbol für die deutsch-französische Versöhnung. Den katholischen und konservativen Kreisen gefiel außerdem, dass Karl die weltliche Macht des Papstes verteidigt und im Osten des Reiches die heidnischen Barbaren – ferne Vorfahren der kommunistischen Atheisten in Moskau – verfolgt hatte.

Ein Zeichen der Zeit ist auch, dass im Dezember 1949 angesehene Bürger der alten Residenzstadt Aachen den Karlspreis ins Leben riefen. Mit ihm werden bis heute Personen geehrt, die sich um die europäische Vereinigung verdient gemacht haben. Die politische Auszeichnung gilt als „gesamteuropäischer Ritterschlag“ (Dirk Schümer). Karl der Große wurde als Symbol dermaßen strapaziert, dass der Führer der westdeutschen Sozialdemokraten, ein Gegner der Montanunion, Anfang der fünfziger Jahre schrieb: „Wir wollen die Prinzipien des Reichs Karls des Großen nicht als die Grundlage der europäischen Gestaltung des 20. Jahrhunderts.“3 Doch dem Bild von Kaiser Karl konnte die innerdeutsche Polemik nichts anhaben. Als der Ministerrat sich 1967 ein eigenes Bürogebäude in Brüssel zuteilte, bekam es den Namen „Charlemagne“: ein unübersehbar identitätspolitischer Akt der Sechs. Er kam nur etwas verspätet. Als die Regierungen vier Jahre später einzogen, waren sie schon fast zu neunt – und bis an die Küsten Irlands, Englands und Dänemarks war selbst der stolze Franke seinerzeit nicht gelangt.

Mit der Ankunft der drei neuen Mitglieder am 1. Januar 1973 wurde dem Club der karolingische Boden entzogen. Willkür schien Einzug zu halten. Doch stürzte der politische Körper Europas ohne Karl keineswegs im freien Fall ab, im Gegenteil, er bekam Flügel. Man stand erneut vor der Frage, was denn nun alle verband. Die Mitgliedstaaten beschlossen, diesmal die Antwort bei sich zu finden. Im Dezember einigten sich die neun Staats- und Regierungschefs in Kopenhagen auf das „Dokument über die europäische Identität“, mit dem sie der Welt und ihren eigenen Bevölkerungen vor Augen führen wollten, wer sie waren. Wie schon zwei Jahrzehnte zuvor gingen die Staaten davon aus, dass bei allen der Wille bestand, alte Gegnerschaften zu überwinden. Sie zeigten sich überzeugt, dass „fundamentale europäische Notwendigkeiten“ dazu drängten, „das Überleben einer Zivilisation zu sichern, die ihnen [den Staaten] gemeinsam ist“.4

Wie sich herausstellen sollte, war dies inhaltlich gar nicht so einfach zu definieren. Man wollte die „Vielfalt der Kulturen im Rahmen einer gemeinsamen europäischen Zivilisation“ erhalten, sich zu „gemeinsamen Werten und Prinzipien“ bekennen und sich in seinen „Lebensauffassungen“ annähern. Zur Beruhigung der Außenwelt betonte man: „Diese Einigung ist gegen niemanden gerichtet und entspringt auch keinerlei Machtstreben.“ Die europäische Identität schien nicht mehr zu sein als eine kaum identifizierbare dünne Membran zwischen Pluralität im Inneren und einem sanften, nach außen gerichteten Universalismus. In der politischen Umsetzung der im Dokument genannten allgemeinen Ziele fanden die Neun ihre feste Grundlage. Sie wollten die „Grundsätze der repräsentativen Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit, der sozialen Gerechtigkeit, die das Ziel des wirtschaftlichen Fortschritts ist, sowie der Achtung der Menschenrechte“ wahren. Ein weiteres auffälliges ­Element war, dass die Mitgliedstaaten das „europäische Einigungswerk“ als „Bestandteil der europäischen Identität“ verstanden. Der Bruch mit der Vergangenheit, der 1950 vollzogen wurde, hatte inzwischen eine eigene wechselvolle Geschichte.

Trotz der Phrasen stellt diese Übung in Selbstbestimmung eine doppelte kulturpolitische Wende dar. Erstens: Der Diskurs über europäische Werte, Identität und Kultur war jetzt durch die höchste politische Macht legitimiert worden. Der Inhalt war dabei gar nicht so wichtig. Wichtiger war, dass man überhaupt eine Aussage in dieser Richtung traf. Zweitens: Mit dem Kopenhagener Dokument definierten sich die Mitgliedstaaten expliziter als je zuvor als ein Kreis ­parlamentarischer Demokratien. Vielleicht ist einer der Gründe darin zu suchen, dass die Neuankömmlinge Großbritannien und Dänemark alte und selbstbewusste nationale Parlamente in die Mitgliedersphäre einbrachten.

Dieses Selbstbild hielt 20 Jahre. Der Außenwelt boten sich die Neun tatsächlich als demokratischer Kreis dar. Vor allem, nachdem ab Mitte der siebziger Jahre in Griechenland, Spanien und Portugal die Diktaturen gestürzt und von parlamentarischen Demokratien abgelöst worden waren. Diese jungen Regierungen klopften an die Tür der Neun. Zweifellos hatten sie dabei die Vorteile des gemeinschaftlichen Marktes und die europäischen Subven­tionen im Auge, doch Beobachter sind überzeugt, dass sie sich ebenfalls nach einer Einbettung in eine demokratische Umgebung sehnten, was wohl vor allem für Spanien zutraf, das 1981 einen gescheiterten Putschversuch zu überwinden hatte. Der europäische Mitgliederkreis erweiterte sich problemlos von Neun auf Zwölf.

Zufällig war Kopenhagen auch der Ort, an dem im Juni 1993 eine weitere fundamentale identitätspolitische Entscheidung gefällt wurde. Es herrschte eine gedrückte Atmosphäre am Lagerfeuer. Ein paar Halbstarke hatten die Runde gestört. Die Geschichten aus alten Zeiten waren verstummt. Alle fürchteten, schneller zusammenrücken zu müssen, als ihnen lieb war. Seit mehr als drei Jahren schon lagen den Zwölfen die mittel- und osteuropäischen Länder in den Ohren, die 1989 hinter dem Eisernen Vorhang hervorgekrochen waren und nun Anschluss bei den westlichen Nachbarn suchten. Bis jetzt hatten die Staats- und Regierungschefs die Anwärter im Niemandsland warten lassen. Sie verspürten keine große Lust, zehn oder mehr arme, abgehalfterte Länder aufzunehmen, von denen sie nicht einmal wussten, wie die Namen ihrer Hauptstädte lauteten. Doch sie hatten es nun mal im Gründungsvertrag versprochen (außerdem wurden sie von den Amerikanern dazu gedrängt). Mit ihrem Gesuch appellierten die Außerhalbstehenden an das Selbstverständnis des Kreises, der mehr denn je zum Objekt der Bewunderung und Begierde geworden war, und zwangen die Mitglieder gleichzeitig zu einer neuerlichen Selbsterforschung.

„Europäischheit“ als Kriterium

In den „Kopenhagener Kriterien“ kreuzten sich dieser Widerwille und diese Notwendigkeit. Sie geben drei Bedingungen vor, die ein Land erfüllen muss, wenn es dem Mitgliederkreis beitreten will: Es muss über stabile demokratische Institutionen, eine funktionierende Marktwirtschaft und die Bereitschaft verfügen, 80 000 Seiten europäischer Gesetzgebung zu absorbieren. Mit diesem Forderungspaket schritten die Staats- und Regierungschefs auf dem Weg voran, den sie sich 20 Jahre zuvor gewiesen hatten, und ließen dafür alternative Möglichkeiten außer Acht. Einerseits präzisierten die Zwölf ihr politisches Selbstbild aus dem Jahr 1973 – „Wir sind ein Club von Demokratien“ – und ersetzten die grobe Aufzählung demokratischer Prinzipien durch eine lange Liste erforderlicher Eigenschaften, die man auch als Hausaufgabe für Beitrittsanwärter bezeichnen könnte. Damit wurde die im Gründungsvertrag ausgesprochene offene Einladung an „die anderen Völker Europas, die sich zu dem gleichen hohen Ziel bekennen“, an Bedingungen geknüpft. Die „Europäischheit“ eines Staates schien nun von einem Entwicklungsstadium abzuhängen, das offiziell überprüft werden sollte. Seit 1993 befindet der Europäische Rat darüber, wer von welchem Moment an als „europäisch“ gilt.

Andererseits verzichteten die Zwölf damit auf ihre 20 Jahre zurückreichende Identitätsprosa. Die Bresche, die die Staats- und Regierungschefs für die europäische Kulturpolitik geschlagen hatten und die weidlich in Anspruch genommen worden war, schloss sich wieder. Die Rhetorik der gemeinsamen Vergangenheit oder Kultur wurde untergraben und damit eine potenzielle Quelle zum Versiegen gebracht, welche die öffentliche Legitimität der Union hätte stärken können, kurzum: Diese vor allem deutsche Strategie wurde durchkreuzt, und in der Folge musste sich die europäische Politik von nun an selbst tragen. Dieser Schritt kann aber auch als Ausdruck von Stärke und Selbstvertrauen gedeutet werden (wie die Worte, die Gott zu Moses sprach: „Ich bin, der ich bin“). Ob die Konsequenzen dieser dramatischen Entscheidung bis ins Detail durchdacht wurden, darf man bezweifeln.

In Kopenhagen sahen die Mitgliedstaaten 1993 der Tatsache ins Auge, dass politische Ordnungen immer kontingent sind. Den Beitrittskandidaten erklärten sie – und unbeabsichtigt vielleicht auch sich selbst: „Europa ist das, was wir sind.“ Selbstverständlich waren damit die Versuche, die freischwebende politische Ordnung im Nachhinein doch noch mit einem kulturellen oder historischen Fundament zu versehen, nicht beendet. Jedes Mal, wenn der Kreis der Mitglieder seine Geschäftsgrundlage änderte, wurde das Thema erneut aktuell.

Als die Mitgliedstaaten zwischen 2002 und 2004 einen neuen Vertrag entwarfen, verhandelten sie darüber, welche historischen und kulturellen Verweise in die Präambel aufgenommen werden sollten: Sollte man gleich am Anfang das Christentum erwähnen, den Humanismus, den Kolonialismus und die Weltkriege? Die Konfliktlinie verlief zwischen den Staaten, die sich auf das Christentum und sogar auf Gott beziehen wollten (Spanien und Polen), und denen, die nachdrücklich den säkularen Charakter des europäischen öffentlichen Lebens betonten (Frankreich und Belgien). War Europa nun ein christlicher Club, ja oder nein? Diese Frage wurde von Presse und Öffentlichkeit aufmerksamer verfolgt als so manche gleichzeitig zur Diskussion stehende Reform der Gemeinschaftsinstitutionen. Schließlich einigten sich die Mitgliedstaaten auf eine Kompromissformulierung. Sie lautet: „Schöpfend aus dem kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas, aus dem sich die unverletz­lichen und unveräußerlichen Rechte des Menschen sowie Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit als universelle Werte entwickelt haben.“5

Das Christentum wird namentlich nicht erwähnt und somit zu einem religiösen Erbe neutralisiert, das lediglich als Inspirationsquelle für demokratische politische Werte dient. Dieser Satz, der die Verhandlungsphase überlebt hat, wurde als Quintessenz eines fünf Jahre währenden diplomatischen Tauziehens in den Lissabonner Vertrag aufgenommen. Der Kreis der Regierungen blieb dabei: Weder wollten sie ein katholischer noch ein christlicher, ja nicht einmal ein postchristlicher Club sein, sondern ein Club der europäischen ­parlamentarischen Demokratien.

 

Ein neues Selbstbild der Gemeinschaft

In den kommenden Jahren wird die Mitgliedschaftsfrage abermals eine Neubestimmung des Selbstbilds der Gemeinschaft erforderlich machen. Derzeit bedrängt die islamische Demokratie der Türkei, die seit 1963 Aussicht auf den Beitritt hat und seit 1990 offiziell im europäischen Wartezimmer sitzt, die Identität des Mitgliederkreises. Soll Demokratie die einzige Bedingung sein, um dem Club beitreten zu können – ohne jede weitere Einschränkung? Europa zögert, wie es auch nach 1989 gezögert hat, als es die ehemals kommunistischen Beitrittskandidaten jahrelang warten ließ. Diese Frage hat weit mehr Einfluss auf die Stimmung in der Öffentlichkeit – von Österreich bis in die Niederlande und von Frankreich bis nach Polen – als die Haarspaltereien der Innensphäre. Die Bevölkerungen wollen wissen, wie das Europa aussehen wird, in dem sie sich zu Hause fühlen sollen.

Ironischerweise setzt sich der stärkste Gegner des türkischen Beitritts, die französische Regierung, für eine säkulare Definition des Clubs ein. Während einige christdemokratische Parteien und Regierungen aus religiösen Gründen keine Schwierigkeiten haben, ihre antitürkische Haltung zu rechtfertigen, sitzt Paris ideologisch in der Klemme. Es kann sich bei seinem Widerstand letztlich nur auf die Notwendigkeit berufen, dass man irgendwo eine geografische Grenze ziehen müsse. Chancenlos ist ein solcher Appell sicherlich nicht.

Mit oder ohne die Türkei, die Grenze ist fast erreicht. Die bei der Gründung angelegte Spannung zwischen der europäischen Staatengesellschaft insgesamt und dem auserwählten Kreis der Mitgliedstaaten hat sich reduziert. Klang es, bei Licht besehen, zu Zeiten der Sechs possierlich, wenn von „Europa“ die Rede war, so gehören inzwischen drei Viertel der europäischen Staaten der Union an. Und von den noch verbliebenen Nichtmitgliedern wird die Hälfte in den nächsten zehn Jahren beitreten – Großbritannien wohl allerdings den Club verlassen haben.

Das wird den Gesprächen rund um das Lagerfeuer eine neue Wendung geben. Wenn der auserwählte Kreis mit allen Staaten des Kontinents zusammenfällt und der letzte Beitrittskandidat entweder durch die Tür eingetreten oder endgültig abgewiesen worden ist, kann man die verbliebene Willkürlichkeit unter den Tisch fallen lassen. Es wird dann möglicherweise der Eindruck herrschen, der geografische Grenzverlauf entspräche einer historischen Notwendigkeit. Ab diesem Moment wird das Narrativ Europas so plausibel klingen wie seit den Zeiten des karolingischen Europa der Sechs nicht mehr. Vielleicht ist das auch der Zeitpunkt, um die Beantwortung der politischen Frage, wer europäisch ist und wer nicht, nicht länger der Bürokratie mit ihren Beitrittskriterien und Übergangsperioden, sondern den historischen und anthropologischen Erfahrungen des Kontinents zu überlassen. Dann kann die deutsche Strategie wieder aus dem Schatten hervortreten und der europäischen Identität einen Spiegel vorhalten, in dem sie möglicherweise einen größeren Raum und eine in fernere Vergangenheiten zurückreichende Geschichte entdeckt.

Europa als Ganzes

Auch mit verbundenen Augen weiß ich, ob ich in Europa bin, behauptete einmal ein Schriftsteller. Europa kann man hören und riechen, schrieb er: Hundegebell, Kirchenglocken, Kinder, die im Freien spielen.6 Ein anderer Schriftsteller ist der Ansicht, zum spezifischen Wesen Europas gehörten unter anderem das menschliche Maß der Landschaft, die Kaffeehäuser, die Straßen und Plätze, die nach Staatsoberhäuptern, Gelehrten, Malern und Schriftstellern der Vergangenheit benannt sind.7 Für einen dritten bilden die Eigenheiten Europas ein „einzigartiges visuelles und akustisches Szenarium, das sich außerhalb von Europa nur in Gegenden findet, die von Europäern bewohnt werden“.8 Dabei denkt er an die Kreuze an manchen Gebäuden oder auf Friedhöfen, die Anlage und die Architektur der städtischen Siedlungen; die alphabetische Schrift mit ihren drei Hauptformen, die sich deutlich sowohl von der chinesischen Bilderschrift als auch von der arabischen Alphabet- und anderen Buchstabenschriften unterscheidet; an die vielen Bilder im öffentlichen Raum und in den Wohnungen normaler Bürger; an die zahllosen Bildnisse menschlicher Figuren, darunter nicht selten nackte Männer und Frauen; und an das Glockengeläut.

Europa als Ganzes unterscheidet sich diesen Intellektuellen zufolge von seinen Nachbarn Afrika, dem Nahen Osten, Asien und Nordamerika. Interkontinentalreisende erkennen das intuitiv. Wenn sie aus Peking oder Los Angeles nach Hause zurückkehren, ist ihnen ein, zwei Tage lang bewusst, dass sie Europäer sind. Aber dieser Eindruck scheint nur ein flüchtiges, kurzlebiges Gefühl zu sein, das schnell verblasst vor der leuchtenden Vielfalt der Sprachen, Staaten, Nationen und Religionen, die auf europäischem Boden Seite an Seite existieren oder sich miteinander vermischen.

Ein Blick zurück in die fernere Vergangenheit mag Licht bringen in dieses Phänomen. Die 25 Jahrhunderte europäischer Geschichte lassen sich als Zusammenspiel unterschiedlicher Kräfte deuten. Zum einen sind es Kräfte, die politische und kulturelle Einheit und Uniformität (Romanisierung, Christianisierung, Aufklärung) anstrebten, zum anderen Kräfte, die für Uneinigkeit und Vielfalt (Völkerwanderungen, religiöse Erneuerungsbewegungen, Nationenbildung) sorgten. Sie haben in der Neuzeit in unvorhersehbarer Weise aufeinander eingewirkt. Die Erfindung der Druckerpresse führte dazu, dass in ganz Europa die Volkssprachen das Latein verdrängten. Die miteinander konkurrierenden Fürsten und Staaten des Kontinents stritten und bekriegten sich nicht nur, sondern ahmten einander auch nach und tauschten sich aus. Hatte der eine Kolonien in Übersee erobert, wollte der andere auch welche besitzen; ließ der eine ein Opernhaus errichten, taten die anderen es ihm umgehend gleich. Es ist daher falsch, den Nationalismus lediglich als trennende Macht anzusehen. Der Geltungsdrang der einzelnen Nationen hat Europa immer schon sowohl gespalten als auch geeint.

Und so könnte das Gespräch am nächtlichen Lagerfeuer von diesem Raum handeln, den man seit je miteinander geteilt hat, und von der Zeit, auf die man gemeinsam zurückblicken kann. Wenn es außerhalb des Kreises keine Nichtmitglieder mehr gibt, wenn man sich nicht mehr ständig nach jenen umblicken muss, die noch ein Plätzchen suchen, kann man endlich die vergehenden Stunden vergessen, während man in das Feuer des Abendlands starrt. Der Übergang zu Europa wäre vollendet. Erst dann und nicht früher können die Mitgliedstaaten gemeinschaftlich voller Überzeugung zu ihrer Öffentlichkeit sagen, mit Worten, in denen nicht nur Politik, sondern auch Geografie und Geschichte widerhallen: „Wir sind Europäer.“

Luuk van Middelaar war enger Berater von Herman Van Rompoy. Der Beitrag ist ein Auszug seines soeben auf Deutsch erschienenen Buches „Vom Kontinent zur Union“ (Suhrkamp).

  • 1. Vertrag zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, Präambel.
  • 2. Kenneth Younger am 14. Mai 1950, zitiert nach Hugo Young: This Blessed Plot. Britain and Europe from Churchill to Blair, London 1998, S. 50f.
  • 3. Referat von Kurt Schumacher über den Schuman-Plan, Bonn, 31.3.1951.
  • 4. Hier und im Folgenden zitiert aus: Dokument über die europäische Identität, Kopenhagen, 14.12.1973.
  • 5. Vertrag über eine Verfassung für Europa, Präambel.
  • 6. Hans Magnus Enzensberger, zitiert nach Dirk Schümer: Das Gesicht Europas. Ein Kontinent wächst zusammen, München 2004, S. 306.
  • 7. George Steiner: De idee Europa, Tilburg 2004, S. 17–30.
  • 8. Krzysztof Pomian: Europäische Identität. Historische Tatsache und politisches Problem, Transit, Europäische Revue 37/2009.
 
Aktuelle Ausgabe

IP Wirtschaft

  • Argentinien

    USA

    Ausgabe 3/2017

 

ip archiv
Meistgelesen