Das Ende des Journalismus

… und wie es vielleicht noch zu verhindern wäre: Vier Vorschläge

26. August 2016 - 0:00 | von Lenz Jacobsen

Internationale Politik 5, September/Oktober 2016, S. 137-141

Kategorie: Medien/Information, Weltweit

Wenn Ideale in Gefahr sind, lässt sich das oft am besten daran erkennen, dass sie lautstark verteidigt werden. Gleich mehrere neue Bücher beschwören die Rolle der Medien für eine aufgeklärte Gesellschaft, und sie alle belegen damit vor allem die Nervosität, mit der längst nicht mehr nur die Branche selbst auf die Schwäche des Journalismus schaut.

Was wird aus der Demokratie, wenn eines ihrer wichtigsten Aufklärungsorgane immer schlechter funktioniert? Und wie lässt sich dieses Or­gan heilen, entgiften oder zumindest am Leben halten? Das sind die übergeordneten Fragen, die vier aktuelle Bücher zum Thema Medien auch für eine breitere Öffentlichkeit interessant machen.

Über die „Zeit nach der Zeitung“ schreibt der Soziologe Stefan Schulz. Er wurde vor einigen Jahren vom damaligen Feuilleton-Heraus­geber Frank Schirrmacher zur Frank­furter Allgemeinen Zeitung geholt. In „Redaktionsschluss“ unternimmt er gewissermaßen den Versuch, die Kritik des verstorbenen Schirrmacher an den gesellschaftlichen Folgeschäden der Macht der Internetkonzerne für den Bereich des Journalismus durchzudeklinieren.

Schulz beschreibt, wie sich die Strukturen der Medien gerade verändern. Er schaut dabei vor allem auf die Produktionsbedingungen; darauf, was aus dem Journalismus wird, wenn er lediglich Inhaltslieferant für Facebook und all die anderen Plattformen ist, die längst die Öffentlichkeit strukturieren.
 

Die Algorithmen entscheiden

Es sind die Algorithmen dieser Plattformen, die in wachsendem Maße darüber entscheiden, was gelesen wird und was nicht – und damit auch darüber, was eine Gesellschaft von sich weiß und worüber sie spricht. Medien müssten sich der Logik des Netzes und der dahinterstehenden Konzerne beugen, sagt Schulz: „Das Interesse der Leser gilt also noch den Texten der New York Times, aber ihre Treue gilt heute Facebook.“ Redaktionelle Entscheidungen würden zwar noch getroffen, setzten sich aber ohnehin nicht mehr durch.

Wenn er berichtet, dass viele Leser mittlerweile Artikel kommentieren und weiterverbreiten, ohne sie gelesen zu haben, verweist er auf einen entscheidenden Punkt: Der öffent­lichen Debatte geht die Grundlage verloren, wenn sie sich erstens um Inhalte jenseits der Schlagzeile nicht mehr schert, und wenn sie zweitens kein Gedächtnis mehr hat, weil es in den Internetstreams nur das Jetzt gibt.
 

Blindflug durch den Medienwandel

Schulz sehr kluges und dichtes Buch ist allerdings streckenweise nur schwer lesbar, nicht nur für andere Medienmenschen. Das liegt am etwas hochnäsigen und apodiktischen Ton. Für Schulz sind alle anderen Journalisten zu dumm oder zu faul, um irgendetwas von dem zu begreifen, was er beschreibt.

Medienhäuser werden „erschüttert, ohne dass sie verstehen, wie ihnen geschieht“, sie „steuern im Blindflug durch den Medienwandel“, denn „Redaktionen und Verleger denken nicht mehr mit“. Auf Onlineredaktionen blickt Schulz mit einer Mischung aus Verachtung und Mitleid herab, denn dort werde „jeder einzelne Klick als Gewinn verbucht“ und „redaktionelle Entscheidungen gehorchen technischen Vorgaben“, ja, die ganze Redaktion werde „von einer Maschine gesteuert“.

„Die Instinkte haben den Intellekt übertrumpft, das erste Interesse des Lesers zählt“, schimpft Schulz – und verherrlicht auf der anderen Seite die alte Zeitung: Printredaktionen „kümmern sich auch um die vierzigste Seite mit Sorgfalt“, sie boten bisher „kollektive kommunikative Reflexion, die wie soziale Magie wirkte“.

Zwischen den Zeilen (und zuweilen auch ganz offen) wünscht sich Schulz eine Welt zurück, in der kluge Menschen dem stillen Publikum klug gedrechselte Gedanken vorsetzen. Für ihn ist es fast eine Selbstaufgabe, den profanen und neuerdings messbaren Interessen des Publikums entgegenzukommen. Bloß nicht dahin gehen, wo die Leser sind! Sie werden schon irgendwie von allein kommen. Schulz will übrigens selbst eine neue Zeitung gründen, die darüber berichten soll, „was abseits des politischen Berlins in Deutschland wichtig ist“. Geld von Verlagen will er dafür nicht nehmen.

Stark ist das Buch an den Stellen, an denen es von der Funktionsweise der neuen Herrscher der Öffentlichkeit, Facebook und Google, berichtet. Schulz hat vieles zusammengetragen, was tatsächlich in der deutschen Debatte noch zu wenig diskutiert wird. Stark ist das Buch auch, wenn es den ganz weiten Blick wagt.

So spricht Schulz mit dem Soziologen Dirk Baecker über die „Netzwerkgesellschaft“, über die Fähigkeit von Facebook und Co, nicht nur Informationen zu verteilen, sondern emotionale Verbindungen zwischen den Menschen herzustellen.

Es sei kein Zufall, dass Bilder und Videos die Streams dominierten, so Baecker. Im Gegenteil: Man könne darin eine Strategie erkennen, „dass die elektronischen Medien einen vollständigeren sensoriellen Zugriff auf den Menschen praktizieren, der das auch mit sich geschehen lässt, weil er merkt, dass er vollständiger an die Welt angebunden ist als der moderne Mensch (sein Vorgänger, Anm. d. A.), der glaubte, alles über bewusste Reaktionen des Verstandes laufen zu lassen“.

Spätestens an dieser Stelle erscheint der klassische Journalismus, den Schulz verteidigt, nur noch als Auslaufmodell, als sterbendes Überbleibsel einer kurzen Phase der Verstandesherrschaft.

 

Klicks statt Komplexität

„Rettet die Medien“, ruft Julia Cagé, und sie verbreitet mit ihrem Buch kämpferischen Optimismus: „Wie wir die vierte Gewalt gegen den Kapitalismus verteidigen.“ Ihre Analyse ähnelt der der anderen Autoren: eine Branche in ökonomischen Nöten und Legitimationsproblemen. Ihre Antwort ist: Sollen die Bürger die Zeitungen doch selbst übernehmen. Nicht als Autoren, sondern als Eigentümer.

Als „nicht gewinnorientierte Mediengesellschaften“, eine Form zwischen Stiftung und Aktiengesellschaft, sollen sie überleben und der Gemeinschaft weiter dienen können. Das Kapital dieser Gesellschaften soll eingefroren werden; die Anteilseigner sollen bei inhaltlichen Entscheidungen kaum mitsprechen. Cagé will so verhindern, dass Medien zu Instrumenten derer werden, „die das Geld haben, um Einfluss auf unsere politischen Entscheidungen zu nehmen.“

Man merkt schon an diesem Satz, dass die französische Wirtschaftswissenschaftlerin ganz andere Probleme umtreiben als die deutschen Autoren. In Frankreich geht es den Zeitungen noch viel schlechter als in Deutschland, viele sind personell extrem ausgedünnt oder gehören inzwischen Rüstungs- und Luxusgüterkonzernen.

Cagé schreibt zwar auch über die transformierende Macht des Internets. Aber sie kümmert sich weniger darum, wie genau die Streams den Journalismus gefährden – sie will erst einmal dazu beitragen, dass überhaupt noch Journalismus gemacht werden kann, der dann eben auch in den Streams landet.

Interessanterweise gibt es in Deutschland zurzeit gleich mehrere neue Projekte, die zwar nicht exakt Cagés Modell entsprechen, aber doch in die gleiche Richtung gehen. „Correctiv“ ist ein gemeinnütziges Portal, das „Recherchen für die Gesellschaft“ verspricht und durch die Stiftung der Familie Brost (Eigentümer der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung) finanziert wird. „Krautreporter“ hat sich über Crowdfunding das Geld von seinen Lesern besorgt, um online Journalismus machen zu können, der weniger auf Klickzahlen angewiesen ist.

Solche Projekte werden den Journalismus nicht retten. Und sie lösen auch das Problem nicht, dass sich die Öffentlichkeit gerade zu Ungunsten komplexer Inhalte umstrukturiert. Aber sie zeigen immerhin, dass der Journalismus noch nicht tot ist.
 

Im Ohrensessel geschrieben

Mit dem Buch „Medien: Macht & Verantwortung“ meldet sich ein Vertreter der „alten Schule“ des Journalismus zu Wort. Ulrich Wickert, ehemaliger Tagesthemen-Sprecher, ist ja längst eine Art Elder Statesman des politischen Fernsehjournalismus in Deutschland, und sein Buch liest sich dann auch, als habe er es im Ohrensessel geschrieben. In betulichem Ton reiht Wickert Zitate von Kant und Schiller aneinander und schreibt Sätze wie: „Unternehmer spielen eine herausragende Rolle in jeder Gesellschaft.“

Wer diese Stellen überblättert, findet eine Mischung aus Anekdotensammlung und Predigt an den Nachwuchs. Man spürt Wickerts Bedürfnis, seine Erfahrung und Haltung weiterzugeben und damit auch jenen Journalismus zu verteidigen, für den er steht. Wickerts Buch ist von den hier besprochenen am ehesten für ein breites Publikum geschrieben. Es ist ein Lehrer-Buch; es will Menschen erreichen, die Wickert zuhören und dabei auch noch etwas lernen wollen.

Und so erzählt Wickert: von abenteuerlichen Fahrten durch Ägypten oder darüber, wie er einmal einen Beitrag über den Straßenverkehr in Paris gedreht hat, weil das ja die Leute interessiert. Er erinnert auch daran, wie der damalige Ministerpräsident Roland Koch den ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender aus politischen Gründen absägte, einer der größten Medienskandale der vergangenen Jahre.

Durch Studien gedeckt, weist Wickert darauf hin, dass mittlerweile nicht mehr Inhalte die politische Berichterstattung dominieren, sondern Personen, Taktiken, Konflikte. Er kritisiert, dass oft unwichtige Themen zu heiß gekocht würden und dass zu viel und an den falschen Stellen skandalisiert werde. Wickert wünscht sich deshalb mehr positiven Journalismus, mehr Alltagsbeschreibung und weniger Empörung.

Und er beruhigt den durch allerlei Untergangsszenarien beunruhigten Leser ein wenig, indem er eine Studie zitiert, nach der mehr als zwei Drittel der Bevölkerung die Berichte der öffentlich-rechtlichen Medien und der Tagespresse für zuverlässig halten. Auch das gehört ja zur neuen Öffentlichkeit: dass sich für jede Sichtweise, für Alarmismus und Beruhigung, ein Beleg finden lässt.

Ganz anders und vor allem: wesentlich dramatischer sieht das Uwe Krüger. „Warum wir den Medien nicht mehr trauen“ heißt seine Anklageschrift gegen das, was er „Mainstream-Macher“ nennt.

Den Journalisten und ihren Verbindungen gilt Krügers Interesse schon länger. So thematisierte er 2013 in einer Studie die Verbindungen deutscher Politikjournalisten zu transatlantischen Think Tanks. Die ZDF-Fernsehsendung „Die Anstalt“ nahm das zum Anlass für eine Anklage gegen alle Journalisten, die an Treffen des Vereins Atlantikbrücke, des German Marshall Fund oder der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik teilnehmen oder dort gar Mitglied sind. Diese Journalisten (darunter der ZEIT-Herausgeber Josef Joffe, der Außenpolitik-Chef der Süddeutschen Zeitung Stefan Kornelius und der FAZ-Journalist Klaus-Dieter Frankenberger) seien damit nicht mehr unparteiisch, sondern Agenten der Machtelite.
 

Hinterzimmer der Macht

Aus der Perspektive der ZDF-Kabarettisten, wenn auch mit größerer analytischer Ausgewogenheit, ist auch Krügers Buch geschrieben. Man muss seine Kritik nicht in allen Punkten teilen, schließlich gehört es zur journalistischen Arbeit dazu, sich mithilfe von Quellen und Akteuren über das jeweilige Berichtsgebiet zu informieren. Um zu verstehen, was in den Hinterzimmern geschieht, muss man die Hinterzimmer auch betreten.

Trotzdem hat Krügers überstrenge Haltung ihren Wert. Er kritisiert eine journalistische Verfehlung nach der anderen, vermeintliche Voreingenommenheiten und Unausgewogenheiten in der Ukraine-Bericht­erstattung oder in der Griechenland-­Krise („faule Griechen“, „hilfsbereite Deutsche“). Gut und berechtigt ist diese Kritik, wenn sie konkrete Berichte angreift und einzelne Medien beim Namen nennt. Raunend und schädlich ist sie da, wo sie nur allgemein von „den Medien” spricht und dabei der Branche eine Kollektivschuld zuweist.

Vor allem fällt auf, wie selten harte und öffentliche Medienkritik von Journalisten selbst zu lesen ist. Weite Teile dieser Branche verlieren ihre Beißreflexe und Angriffslust, wenn es um die Zustände und Qualitätsmängel in den eigenen Reihen geht. Fairerweise führt Krüger auch die erschwerten (ökonomischen und zeitlichen) Arbeitsbedingungen von Journalisten an.

Darüber hinaus ordnet der Leipziger Medienwissenschaftler den Vertrauensverlust zwischen Bürgern und Medien in größere Zusammenhänge ein. Er erinnert daran, dass die Zeit engagierter, öffentlicher Diskussionen und einer wirklich streitlustigen und vielfältigen Presselandschaft nach 1968 begann. Erst nach den Aufbau- und Krisenjahren habe sich die Bundesrepublik zugetraut, auf „Integration durch Konfliktaustragung“ zu setzen.

Wenn nun das Meinungsspektrum wieder auf das zusammenschnurre, was der Autor als „Mainstream“ bezeichnet, dann sei das auch ein Symptom krisenhafter Zeiten. Krüger, der unverkennbar ein klassischer Linker ist, nennt hier den „Kasinokapitalismus“ und die Destabilisierung des Nahen und Mittleren Ostens. Die Flüchtlingskrise kommt noch nicht vor, dürfte aber dazuzuzählen sein. Angesichts dessen scharrten sich Krüger zufolge die meinungsmachenden Journalisten um den Staat, um ihn durch Zusammenhalt zu schützen, statt durch abweichende Meinungen und gefährliche Informationen weiter ins Wanken zu bringen: „Integration durch Konsens“.

Für den Autor zeigt sich auch darin eine falsche „pädagogisch-paternalistische Haltung“, die es zu überwinden gelte. Der Ausweg: dem Publikum mehr zutrauen, auf die „Selbstregulierungskräfte der offenen, demokratischen Gesellschaft“ setzen.

Die Schwäche an Krügers Buch ist, dass er die andere Seite, die des Publikums, die doch diese starke demokratische Gesellschaft bilden soll, entweder ignoriert oder idealisiert. Verantwortung tragen Journalisten, Verlage, Politiker und das Weltgeschehen, die Bürger sind vor allem Opfer und ihr Ärger berechtigt.

Wer als Journalist einmal versucht hat, auf einer Pegida-Demo den Demonstranten mit Fakten zu kommen, beispielsweise zur Kriminalitätsrate von Flüchtlingen, der weiß, dass es sich viele der Medienkritiker im Volk sehr bequem gemacht haben in ihrer Wut auf „die da oben“, zu denen sie jetzt auch die Journalisten zählen. Die Pegidisten antworten auf die Fakten nämlich gerne nur mit: „Das sehe ich anders.“ Besonders aufgeklärt ist das nicht.

Julia Cagé: Rettet die Medien. Wie wir die vierte Gewalt gegen den Kapitalismus verteidigen. München: C.H. Beck 2016, 134 S., 12,95 €

Ulrich Wickert: Medien: Macht & Verantwortung. Hamburg: Hoffmann und Campe 2016, 160 Seiten, 16,00 €

Uwe Krüger: Mainstream. Warum wir den Medien nicht mehr trauen. München: C.H. Beck 2016, 170 S., 14,95 €

Stefan Schulz: Redaktionsschluss. Die Zeit nach der Zeitung. München: Hanser 2016, 304 Seiten, 21,90 €

Lenz Jacobsen ist Politikredakteur bei ZEIT Online.

 
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