Putin als Wille und Vorstellung

Vier neue Bücher nähern sich dem widersprüchlichen Herrn im Kreml

26. August 2016 - 0:00 | von Stefan Meister

Internationale Politik 5, September/Oktober 2016, S. 132-136

Kategorie: Politische Kultur, Politisches System, Staat und Gesellschaft, Russische Föderation

Die Welle der Russland-Bücher reißt nicht ab, die Faszination der Figur Wladimir Putin ist ungebrochen. Im Vordergrund steht die Frage, was der russische Präsident eigentlich will, in der Ukraine, in Syrien und anderswo: ein neues Imperium schaffen, die Rolle als Regionalmacht festigen oder doch einfach nur an der Macht bleiben?

Wer ist Wladimir Putin? Was treibt ihn an, welche Erfahrungen, welche Feinde, welche Freunde haben ihn persönlich und politisch geprägt und welches Umfeld „schützt“ ihn? Diesen Fragen widmet sich Michail Sygar, langjähriger Korrespondent der Tageszeitung Kommersant und inzwischen Chefredakteur des einzigen noch unabhängigen russischen TV-Senders Doschd, in seinem Buch „Endspiel. Die Metamorphosen des Wladimir Putin“.

Zu den Feinden zählt Sygar den ehemaligen georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili, den verstorbenen Medienoligarchen Boris Beresowski sowie den „unterschätzten Rivalen“ und Oppositionspolitiker Alexej Nawalny. Zentral für das Funktionieren und die Ausrichtung der Politik Putins – für den „kollektiven Putin“, wie Sygar das nennt – sind jedoch die Freunde: das direkte Umfeld des Präsidenten, in dem die langjährigen Weggefährten aus Petersburger Zeiten eine wichtige Rolle spielen. Dazu zählen Sergej Iwanow, der Leiter der Präsidialverwaltung; Alexander Woloschin, der Erste Stellvertreter der Verwaltung des Präsidenten und wichtiger Manager; Wladislaw Surkow, der „Puppenspieler“, Chefideologe und Mann für spezielle Aufgaben; und Dmitri Medwedew, treuer Platzhalter, Interimspräsident und derzeit Premierminister. Anhand ihrer Laufbahnen und Rollen im System Putin beschreibt Sygar dessen Funktionsweise: Es ist das kollektive Handeln von Putins Umfeld, das die russische Politik seit dem Jahr 2000 bestimmt.

Die Popularität des Präsidenten zu erhalten mit dem Ziel, an der Macht zu bleiben, ist Aufgabe einer Vielzahl von Personen. Dabei hält Sygar nichts von der These eines planmäßigen Vorgehens Putins. Der Präsident ist für ihn ein Taktiker, der situativ reagiert, nie aber eine Handlungsstrategie besaß. Nur im Nachhinein habe Putin dann selbstverständlich schon immer recht gehabt, alles vorausgesehen, alles vorausgesagt.

Für das System kann Putin keine Fehler begehen, sein Vorgehen ist stets nur Reaktion auf innere und äußere Feinde, die Russland bekämpfen. Dieser eingebildete Krieg gegen den Westen, die NATO, die NGOs, die Farbenrevolutionen darf nie aufhören, denn sonst könnte die Frage aufkommen, wozu dieser kollektive Putin eigentlich gebraucht wird. Der Präsident als Projektionsfläche hat einen Wandlungsprozess vollzogen, der sich nicht nur in Russland selbst abspiele, sondern auch in unseren Köpfen. Das, so Sygar, mache Putin so faszinierend. Es werde auch weiterhin Putin-Projektionsflächen geben, auf die jeder das projizieren könne, was er aufgrund seiner eigenen Prägungen, Stereotypen oder Beeinflussungen durch die staatliche russische Propaganda verstehen möchte.

Detailliert beschreibt Sygar die Ereignisse der jüngeren Vergangenheit wie das Vorgehen russischer Truppen auf der Krim und in der Ostukraine. Die durchaus vorhandene Selbstkritik des Westens übergeht der Autor nonchalant und beklagt stattdessen wort­reich dessen Widersprüchlichkeit und Inkonsequenz gegenüber dem System Putin. Diese machten es erst stark. Nicht ganz auflösen kann Sygar den Widerspruch zwischen dem „kollektiven Putin“ und der Bedeutung Einzelner für das System. Dass Quellenangaben fehlen, ist bedauerlich und erschwert die Überprüfbarkeit seiner Argumente. Das aber ist nur ein kleines Manko dieses äußerst lesenswerten Buches.
 

Eine neue Idee für Russland

Dem Denken des russischen Präsidenten und seines Umfelds widmet sich der in Frankreich geborene Philosoph Michel Eltchaninoff in seinem Buch „In Putins Kopf“. Seine These: Nachdem der Kommunismus mit dem Untergang der Sowjetunion als Ideologie und Konzept gescheitert war, habe es sich Putin zur Aufgabe gemacht, auf der Basis der russischen Geistesgeschichte eine neue Idee für Russland und die Welt zu entwickeln. Dabei berufe er sich in seinen Reden auf so unterschiedliche Philosophen wie Immanuel Kant, Iwan Iljin, Konstanin Leontjew, Alexander Solschenizyn und Lew Gumiljow. Putins neue Staatsphilosophie sei vom Panslawismus, dem Denken der Neo-Eurasier, völkischem Gedankengut, vor allem aber von einem reaktionären Konservativismus geprägt. Die Entwicklung einer neuen Ideologie solle Russland zusammenhalten und als Legitimationsquelle der Machteliten dienen. Damit verbunden ist eine Ablehnung der westlichen Zivilisation, der es aus Sicht des Präsidenten an „moralischen Grundlagen und jeder traditionellen Identität“ mangele.

Zu einem Schlüsselelement dieser philosophischen Versatzstücke gehöre die fundamentale Ablehnung von Homosexualität, von der Putin laut Eltchaninoff regelrecht besessen zu sein scheint. Dieses Thema schweiße verschiedene Elemente des neuen Wertekanons wie christliche Werte, Treue zur nationalen Geschichte, Patriotismus und Misstrauen gegenüber dem Westen zusammen.

Dabei fehle der Putinschen philosophischen Wende jegliche tiefgreifende Reflexion. Die zitierten Autoren, die zum großen Teil Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts lebten, würden „nicht wirklich in ihrem Wesen und ihren Grenzen hinterfragt“, sondern instrumentalisiert, „um die Überlegenheit der ‚russischen Zivilisation‘ gegenüber einem als dekadent angesehenen Westen zu suggerieren“.

Kurzum: Die vom Präsidenten zitierten Philosophen würden im Sinne machtpolitischer Interessen des Regimes benutzt, ohne in ihren historischen Kontext eingeordnet zu werden. Somit würden ihre Aussagen in einen Zusammenhang gestellt, mit dem sie nichts zu tun hätten, der aber Spielraum für jegliche machtpolitische Rechtfertigung und Interpretation biete. Dabei komme der Andersartigkeit Russlands – und dessem besonderen „historischen Weg“ – eine zentrale Rolle zu.

Unter Berufung auf diese „An­ders­artigkeit“ wolle man die russische Gesellschaft davon überzeugen, dass die imperialen Ambitionen der Führungsclique berechtigt seien. Dass Putin mit der Annexion der Krim ein Coup gelungen sei, der eine große Mehrheit der Russen bis heute begeistere („von den Knien auferstanden“), solle jedoch nicht als Beweis dafür dienen, dass das Konzept einer „russischen Welt“ verfange. Die Begeisterung für die Schaffung eines „Neurusslands“ im Osten und Süden der Ukraine habe sich in den betroffenen Regionen in Grenzen gehalten, sodass die russische Führung dieses Projekt aufgeben musste.

Für den Rest der Welt inszeniert sich der russische Präsident als Vorkämpfer eines antimodernen und erzkonservativen Denkens. Eltchaninoff sieht diese Politik in einer sowjetischen Tradition, die die Idee des Kommunismus in die Welt tragen wollte. Putin setze diese fort, indem er die nationalistischen und vorwissenschaftlichen Teile der russischen Philosophie im Rahmen einer konservativen Mobilisierung verbreiten will. Auch wenn die europäischen konservativen Populisten im Front National, der Lega Nord, bei Fidesz oder der AfD Adressaten dieses Sendungsbewusstseins sind, bleibt zu bezweifeln, ob Putins pseudophilosophischer Wertediskurs tatsächlich zu tragfähigen Konzepten führen kann. Bei allen Versuchen, eine „konservative Internationale“ aufzubauen, mangelt es an Antworten auf globale Dynamiken; und am Ende ist sich jeder Populist selbst am nächsten.
 

Kleine, kriminelle Clique

Boris Reitschuster, ehemaliger Büroleiter des Focus in Moskau, legt mit „Putins verdeckter Krieg. Wie Moskau den Westen destabilisiert“ eine Art Bilanz seiner bisherigen Arbeit vor. Reitschuster, der sich über Jahre als (zuweilen schriller) Kritiker des Systems Putin profiliert hat, ist mit dem Thema hybrider Krieg im Mainstream der aktuellen Russland-­Debatte angekommen. Laut Reitschuster beherrscht eine kleine, kriminelle Clique um Putin das Land – wobei der Autor klar zwischen dieser Machtelite und Russland unterscheidet, für das er große Sympathien hegt.

Im postsowjetischen Russland sei es, so Reitschuster, zu einer Symbiose zwischen der KGB-Nachfolgeorganisation FSB und mafiösen Strukturen gekommen. Die Politik und das Vorgehen des russischen Präsidenten und seiner Umgebung seien von der gemeinsamen Herkunft aus dem sowjetischen Geheimdienst KGB ­geprägt. Dazu zählten Desinformation, Zersetzung, Propaganda, aber auch Versuche, den Feind mit verdeckten und hybriden Methoden auszuschalten. Während im Westen nach dem Ende des Ost-West-Konflikts fast alle analytischen, geheimdienstlichen und militärischen Kapazitäten zu den Nachfolgestaaten der Sowjetunion abgebaut worden seien, habe es in Russland vor allem bei den Geheimdiensten personelle und institutionelle Kontinuität gegeben.

Fehlentwicklungen in Deutschland und Europa, so argumentiert Reitschuster allerdings zu Recht mit Blick auf wachsenden Populismus, EU-Ablehnung und Glaubwürdigkeitsverlust von Medien und Parteien, seien nicht die Schuld Putins, sondern hausgemacht. Die russische Führung nutze jedoch diese Schwächen und versuche, die Entwicklungen noch zu verstärken – unter anderem, indem sie die Populisten unterstütze und aufwerte.

Für Reitschuster ist Putins einzige Ideologie der Machterhalt. Hier zeigt sich ein Widerspruch: Putin, so der Autor, sei völlig werte- und ideologiefrei. Gleichzeitig besitze der Präsident aber ein enormes historisches Sendungsbewusstsein. Inwieweit Putins Werte- und Geschichtsdiskurs nur ein Instrument oder aber Ausdruck echter Überzeugung ist, kann Reitschuster nicht abschließend klären. Auch die Rolle Alexander Dugins – den Reitschuster als Chefphilosophen des Systems Putin bezeichnet – ist in der Wissenschaft umstritten. Wirklich belegen kann er diese Einordnung nicht.

Reitschusters Buch ist da stark, wo es die Funktionsweise und Widersprüche des Systems Putin offenlegt. Aber er schwächt seine eigenen Argumente, wenn er auf Interpretationen zurückgreift, die er mit Fakten nicht hinreichend belegen kann. Ärgerlich ist, dass er regelmäßig „befreundete Dienste“ als Quelle angibt und darauf zum Teil schwer nachweisbare Argumente aufbaut. So gibt es keine Beweise, dass Moskau tatsächlich für den Giftanschlag auf den ehemaligen ukrainischen Premierminister Viktor Juschtschenko verantwortlich ist.

Ob die Krim-Annexion wirklich ein Beleg ist, dass Putin mit „seinem Expansionskurs … fest in der Tradition seiner Vorgänger, der Zaren und Generalsekretäre“ steht, ist fraglich. Dass Putin die postsowjetischen Staaten als seine Einflusssphäre sieht, die es zu erhalten gilt, ist richtig. Zweifelhaft ist aber, ob er seinen Einfluss „weit über die Grenzen [der Sowjetunion] und die des Warschauer Paktes“ bis hin zur innerdeutschen Grenze wiederherstellen will und ob die Eurasische Wirtschaftsunion für Putin nicht nur ein Gegenstück zur EU ist, sondern diese „im Idealfall … ablösen“ soll.

Mit solchen Aussagen begibt sich Reitschuster auf das Terrain nicht belegbarer Interpretationen oder gar Verschwörungstheorien. Dennoch ist sein Buch lesenswert für alle, die sich mit russischer Desinformationstrategie und ihren Instrumenten beschäftigen wollen und sich für Details der Verbindung zwischen kriminellen Strukturen, Staat und Geheimdiensten in Russland interessieren.
 

Literarische Annäherung

Ein besonders bemerkenswertes Buch ist der Dialog zwischen der Germanistin, Übersetzerin und Historikerin Irina Scherbakowa und Karl Schlögel, einem der bekanntesten deutschen Osteuropa-Historiker, der in der edition Körber-Stiftung ­erschienen ist. Es ist ein sehr persön­liches, geradezu literarisches Gespräch dieser beiden großen Intellektuellen über ihre Herkunft und die Liebe zum jeweils anderen Land geworden. Die Familie von Scherbakowa ist tief durch den Zweiten Weltkrieg geprägt: Ihr Vater war Kriegsinvalide; der Krieg und seine Schrecken waren in der Familie ständig präsent. Schlögel hingegen kommt aus einem schwäbischen Dorf und wuchs fernab der großen histo­rischen Ereignisse auf. Osteuropa war praktisch nicht existent, allenfalls in Gestalt von Flüchtlingen aus dem Sudetenland, Schlesien und Ostpreußen.

Aus einer jüdischen Familie stammend, lernte Scherbakowa durch Reisen nach Ostberlin Deutschland kennen. Ihr Vater war Literaturwissenschaftler, der sich mit Kriegsliteratur beschäftigte und auch deutsche Schriftsteller zu diesem Thema las. Sie selbst wurde Übersetzerin und näherte sich den beiden deutschen Staaten über die Literatur an. Schlögel reiste zum ersten Mal als Abiturient über Lemberg und Kiew nach Moskau. Als Anhänger der Studentenbewegung und linker Aktivist war er von der Sowjetunion fasziniert. Die Beschäftigung mit Russland war für ihn eine Form des Generationenkonflikts, eine Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit und der Schuld der Väter.

Beide zeichnet eine große Sensibilität im Umgang mit der deutschen und russischen Geschichte aus. Scherbakowa sieht es mit Bedauern, dass im Putinschen Russland wieder Begriffe aus den Zeiten des Großen Terrors oder des Kalten Krieges verwendet werden, wie „fünfte Kolonne“ oder „ausländische Agenten“. Dieses Spiel mit Begrifflichkeiten belebe Feindbilder aus der Vergangenheit wieder und diene der Begründung einer neuen Staatsideologie. Scherbakowa, die sich in der Menschenrechtsorganisation Memorial mit der Aufarbeitung der sowjetischen Vergangenheit beschäftigt, sieht darin Anzeichen eines alarmierenden Rückschritts. Das heutige Russland sei von unreflektiertem Patriotismus geprägt, die Geschichte des stalinschen Terrors werde erneut verdrängt.

Schlögel gesteht ein, dass er einen Konflikt mit Russland in dieser Form nicht erwartet hätte: Durch das russische Vorgehen in der Ukraine sei der Krieg wieder nach Europa zurückgekehrt, wenn auch anders, als manche dachten. Voreilige Einordnungen – ob „Rückfall in die Geopolitik“ oder „neuer Kalter Krieg“ – erklären nach Schlögels Ansicht gar nichts. Er glaubt, dass man das heutige Russland nur verstehen könne, wenn es gelinge, „die inneren Triebkräfte, die Dynamik, die hinter dieser aggressiven Politik steht, und die neuen ­Formen, in denen das geschieht, zu analysieren“.

In diesem Buch führen zwei große Europäer einen Dialog auf der Basis eines gemeinsamen Wertefundaments. In der realen Politik sind wir davon weit entfernt – und trotzdem bringt uns auch dieses Buch der Widersprüchlichkeit des Systems Putin ein Stück näher.

Michel Eltchaninoff: In Putins Kopf. Die Philo­sophie eines lupenreinen Demokraten. Stuttgart: Klett-Cotta 2016, 192 S., 14,95 €

Boris Reitschuster: Putins verdeckter Krieg. Wie Moskau den Westen destabilisiert. Berlin: Econ Verlag 2016, 336 Seiten, 19,99 €

Irina Scherbakowa und Karl Schlögel: Der Russland-­Reflex. Einsichten in eine Beziehungskrise. Hamburg: edition Körber-Stiftung 2015, 144 Seiten, 17,00 €

Michail Sygar: Endspiel. Die Metamorphosen des Wladimir Putin. Köln: Kiepenheuer und Witsch 2015, 400 S., 16,99 €

Dr. Stefan Meister ist Programmleiter für Russland, Osteuropa und Zentralasien am Robert Bosch-Zentrum für Mittel- und Osteuropa der DGAP.

 
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